<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Volvo und die Parallelwelten

Der V60 D3, ein hochmoderner schicker Kombi, ist zwar in ein seltsames Organigramm geraten, kommt aber völlig unbeschadet heraus.

Vielleicht ein bisschen was über merkwürdige Auto­namen? Das tobe M’car, ein chinesischer Kleinstwagen, der in der Volksrepublik auch Gleagle Panda genannt wird und tatsächlich so schwarzweiß-possierlich aussieht, wurde unter Mithilfe von Rolls-Royce Motor Cars und Cosworth auf der Plattform des chinesischen Geely Merrie Beautiful Scenery aufgebaut. Technische Basis war der Modelljahrgang 2002 des Nissan Micra K11. Das tobe M’car bezieht seinen Namen tatsächlich von Shakespeare: To be or not to be. M’car trifft sich akustisch mit Micra. Die Chinesen sind ja große Phoneten.
Manchmal wünsche ich mir solche Fantasie und Chuzpe, um meinen Lesern so etwas freimütig aufzutischen. Und die Verstrickungen werden weitergefädelt: Das Joint Venture zwischen Toyota und PSA (also Peugeot und Citroën) ermöglichte es, den Wagen neben den völlig baugleichen Kleinstlingen Toyota Aygo, Peugeot 107 und Citroën C1 im tschechischen Gemeinschaftswerk Kolin herzustellen. Eine serientaugliche Elektroversion davon heißt (nach dem dänischen Elektrospezialisten Lynx) Lynx Nanoq. Nanoq kommt aus dem Grönländischen, das uns Iglu, Anorak und Kajak geschenkt hat, und bedeutet Eisbär.
Das klingt alles so, als hätte jemand Radio Orange 94.0 aufgedreht: Wunderbare Parallelwelten tun sich auf.

Dabei befinden wir uns nicht weiter als auf der Annäherung an den aktuell gefahrenen Testwagen Volvo V60, der halt zusammen mit anderen, klassensicheren Limousinen und noblen SUVs das seltsame Schicksal erlitt, in ­einem Organigramm Schulter an Schulter neben seltsam dahergefälschten Fahrzeugpaletten namens Emgrand oder („Billigmarke“!) Englon aufzutauchen. Der Rest sind unter Geely importierte CKD-Fahrzeuge, was für „Completely ­Knocked Down“ steht, also völlig zerlegte und erst im Zielland wieder zusammengeschweißte Autos als Methode, Einfuhrzölle zu umgehen. Und dorthin also hat Ford nach wenigen Monaten der Ratlosigkeit die Volvo Car Corporation um 1,9 Milliarden Euro verkauft. Unglaublich, was Menschen einander und Autos antun. Ob der Plan, die Volvo-Zentrale aus Göteborg abzuziehen und in Shanghai zu installieren, glücklich vom Tisch ist, kann man nur hoffen. Geely heiß übrigens „Glück verheißende Automobile“, wenn man es richtig schreibt. Also Ji Li Qi Chē, aber das ist Wikipedia-Weisheit ohne Gewähr.

Volvo hat eine große historische Bedeutung im Automobilbau, schon allein durch die Erfindung des Dreipunktgurtes durch Nils Bohlin und dessen Einführung bereits 1959. Damals freilich noch lange ohne Roll-o-matik.
Apropos: Volvo (lat.: ich rolle) entstand 1915 als Spin-off des schwedischen Kugellager-Herstellers SKF, weil man ­damals eben Versuchsträger für die Kugellager benötigte. Das führte zu Klassikern wie Volvo P1800 ES („Schneewittchensarg“, eine der schönsten Shooting Brakes der Welt) oder Volvo Amazon P121, einem unsterblichen Klassiker gefestigter Proportionen, bei Oldtimerfahrern beliebt, weil er kaum rostet und immer noch voll alltagstauglich ist.

Der V60, auch ein Kombi, gefällt durch diese sichere, in Variationen auf alle Modelle angewendete Handschrift von großer Stilsicherheit. In einer humorlosen Epoche strikter Vorgaben, die man fast nur mehr als Riesenkonzern und dann offenbar nur zusammen mit Partnern erfüllen kann, legt Volvo sogar noch vor, was Sicherheit betrifft. (Vom Fußgänger-Airbag, der im V40 verbaut wird, berichtete ich bereits.) Assistenzsysteme wie BLIS, der Tote-Winkel-Warnblinker, der praktisch permanent aufleuchtet, nerven meist nur, ebenso die Spurüberschreitungs-Warnung. Als ich den Aus-Schalter noch nicht gefunden hatte, durchquerte ich das nördliche Waldviertel mit eingeschaltetem Blinker, weil der das System beruhigte und weniger nervte als das Warnpiepsen, das sich einstellte, wenn ich auf leerer Straße Ideallinie fuhr, also ständig.

Alles zusammen steckt in einem Extra namens Fahrzeug­umfelderkennung, bestehend aus einem süchtig machenden Abstandstempomaten (2242 Euro), besagter Totwinkelüberwachung (713 Euro) plus Fahrspurwarnung samt inbegriffener Übermüdungswarnung, die mich schon nach einer halben Fahrstunde für hinfällig hielt (998 Euro).

Doch eigentlich wollte ich von dem fantastischen Fünfzylinder-Diesel berichten, der 163 PS leistet und zu den allerbesten und ruhigsten Dieselmotoren zählt, die ich je fahren konnte. Dazu bietet er einen versöhnlichen Verbrauch, knapp über sieben Liter pro 100 Kilometer.
Gesamtgefühl und Ausstattung: Ganz kommt der V60 nicht an die Premiumanbieter heran, bleibt aber immerhin auf Schlagdistanz. Wer sich aus Gründen gegen deutsche Erfolgsmarken entscheiden möchte, findet hier in der 40.000-Euro-Liga eine wunderbare alte Heimat in der gar nicht so exotischen Parallelwelt.■

david.staretz@profil.at