<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Wo Auto anfängt

… und irgendwie auch endet: Zukunft erreicht – wo bleibt der Chic?

Im Zuge eines konzertierten Ereignisses in der Zeitschrift „autorevue“ loteten wir im Testkollektiv aus, wo denn das Auto heutzutage beginne, ob es eine Fahrgastzelle reiner Vernunft sei oder ob noch so etwas Unwägbares wie Freude am Fahren drinstecken möge. Neun Kleinwagen waren anwesend; zum Glück stand überall gut leserlich der Name drauf, damit man sich auskannte. Denn bis auf Fiat Panda und ­Dacia Sandero schienen alle Frontpartien im Wesentlichen aus riesigen Scheinwerferblisterblasen zu bestehen. Dann folgte das bisschen Karosserie, und hinten ging es in Rot und Orange wieder hinab mit Lichterglas. Aber darüber ­lesen Sie besser vor Ort.

Hier möchte ich noch einige Gedanken anhängen dar­über, was Kleinwagen eigentlich darstellen und bedeuten, jetzt, wo sie alle ­Attribute richtiger Autos deduziert in sich tragen und sich auch gefallen lassen müssen, pionierhaft ernst genommen zu werden. Schließlich haben wir es nicht allein mit lieben kleinen Autos zu tun, sondern mit der kleinsten Einheitsform individuellen Verkehrs, den Keimzellen selbstgelenkten Commutens (knapp oberhalb vom einspurigen Gewusel).

Kleinwagen, früher nichts weiter als Arme-Leute-Transporter, müssen heute die nach unten hin abgesteckte Posi­tion einer Art Leitkultur übernehmen, die sich das Recht auf Freiheit, Selbsterfahrung und Individualität mit Ganzjahrestauglichkeit einverleibt. Einer Art Leitkultur, die wir uns ganz selbstverständlich angeeignet haben im Lauf der Jahrzehnte und die immer mehr angezweifelt zu sehen wir heute einräumen müssen. Somit also: die exponierten Vorläufer einer zunehmend infrage gestellten Luxusform der Fortbewegung. Denn gerade ihnen tritt man konkurrierend, oft polemisierend entgegen mit Fußgang, Fahrrad, Fahrgemeinschaft und Elektromanie.

Zugegeben: Das Auto (nicht nur in seiner schlichtesten Form) ist mäßig gerüstet. Das ist auch ein ästhetisches ­Problem. Wir schreiben jetzt 2011, damit stecken wir elf Jahre tief in der Zukunft, und wir haben immer noch Auspuffrohre und Scheibenwischer und Sicherheitsgurte und riesige Rückspiegel, als wäre nichts geschehen, es gibt Parallelogramm-Wagenheber, dürftige Hutablagen und seltsame Gerüche, haltlose Sitze, Plastikradkappen im Alu-Look und hintere Ausstellfenster. Zugegeben, verglichen mit einem Corsa, ­einem Micra, einem Starlet der achtziger Jahre sind schon Umwälzungen passiert bei Dreidimensionalität der Formgestaltung, bei Komfortsteigerung durch Klima, ABS und Geräuschdämmung, an Sicherheit durch innere Struktur, durch ABS, ESP, Airbags, Gurt-Kopfstützen-Kombination und Isofix-Anbindungen, sowie an Ausstattungsdetails wie Brillenfächern, Sackerlhaken, Ablagefächern und Radio-/CD-/MP3-Einbau, auch wenn manche dieser brauchbaren Dinge schwer aufpreispflichtig sind und die Idee der frugalen Basismobilität ordentlich auffetten.

Auch wenn das eine oder andere abfällige Wort fällt über vakuumgeformte Oberflächen, Plastiklenkräder oder „Sehr viele Ablagen – das ganze Auto ist ein verschließbares Ablagefach“, so muss man konzedieren, dass diese haptisch, optisch und psychologisch durchdachten und mit Zuversicht hergestellten Innenräume zu neunzig Prozent mehr Gestaltungssicherheit und Aufgeräumtheit bieten, als bei den meisten Besitzern zu Hause herrscht.

Ein anderer Aspekt, dem die Kleinen besonders tapfer begegnen müssen: Je kleiner das Auto ist, desto stärkere Hebelwirkung erzeugen sämtliche Einflüsse. Insofern hat man es nicht nur mit den sparsamsten, sondern auch ­unsichersten Fahrzeugen zu tun. Beispiel: Ein mit vier Personen besetzter Kleinwagen unterliegt einem dramatischeren Gefahrenverhältnis von Tempo und Aufprall als eine gleichschnelle ­Limousine. Gemessen an seiner dynamischen Größe, die ja ständig den ­nötigen Bremsweg vor sich herschiebt, ist er fallweise sogar raumgreifender als eine Limousine. Man hat sich angewöhnt, ein Auto, ungeachtet seiner Größe, bestenfalls als Zweisitzer zu betrachten. Dann ist der Kleinwagen allerdings, im Verhältnis zum Eigengewicht, ver­glichen mit einer Mittelklasse-Limousine, bereits mit drei Personen besetzt, wenn nur zwei drin sitzen.

Gewissheit bleibt: Ob erstes Glück nach dem Führerschein oder Zweitwagen der Familie, ob Mobilitätsretter auf dem Lande oder Restplatzfüller im Stadtverkehr – dem Kleinwagen gehört die Zukunft, nur er kann das Auto vor humorlosen Weltverbesserern und missionarischen Sandaleros schützen, er erhält den Verbrennungsmotor plausibel dank exzellenter Leistungsbilanz im Gesamtwirkungsgrad. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los: Wir hätten nach all den Jahrzehnten angewandten Automobilismus doch was Schickeres verdient.

david.staretz@profil.at