<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Hoffentlich wach bleiben

Das nächste große Ding: Autos fahren selber. Und man wird schon wissen, wohin.

Mercedes will 2020 mit selbstfahrenden Autos auf den Markt kommen, ebenso Nissan und BMW. Elektro auto-Pionier Tesla, der die klassischen Hersteller mit Energy-Packs aus Handybatterien düpierte, macht nun den entscheidenden Vorstoß: Schon in drei Jahren will er zu 90 Prozent autonom fahrende (Elektro-)Autos auf den Markt bringen. Wobei er sich hinter Volvo anstellen muss, die angeblich schon für 2014 die ersten Auslieferungen selbstfahrender Autos vorgesehen haben. Auf der Frankfurter Automesse IAA entstieg Mercedes-General Dieter Zetsche publikumswirksam dem Fond einer geisterhaft auf die Bühne kurvenden S-Klasse- Limousine. Dazu konnte er mit einem netten Bonmot punkten, indem er Gottlieb Daimler zitierte, den Erfinder des Benzinmotors: "Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten - allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren." Dieses Problem stünde ja nun vor einer Lösung. Um noch eins draufzusetzen, zeigte Zetsche einen Film, in dem eine S-Klasse ohne irgendwelche Steuerungseingriffe durch den (anwesenden) Fahrer die Strecke von Mannheim nach Pforzheim zurücklegt. Es ist dies jene historische Strecke, auf der Bertha Benz vor 125 Jahren die erste Fernfahrt mit einem Auto unternahm. Die Route führt über Landstraßen, durch Dörfer, es gilt Zweite-Spur-Parkern auszuweichen, Ampelsignale zu befolgen, Abbiegungen samt Gegenverkehr zu beherrschen. Kein Problem für den neuesten Stand der Elektronik und Sensorik. Allerdings konnte das Auto nichts anfangen mit Höflichkeitsbekundungen von Fußgängern vor dem Zebrastreifen , die dem Auto Vorfahrt geben wollten. Dafür hat die Elektronik noch keine Parameter.

Vor einigen Wochen konnte ich selber in einem Testfahrzeug der BMW-Versuchsabteilung "Hochautomatisiertes Fahren" miterleben, wie es sich anfühlt, wenn der zuständige Versuchsingenieur auf der Autobahn München-Nürnberg die Hände vom Steuer nimmt und der äußerlich unauffällige 528i mit einem bestätigenden "Bling!" das Kommando übernimmt. Ergebnis: völlig unspektakulär. Und genau darum geht es ja. Das Auto soll so weiterfahren, als wäre der Fahrer im Dienst. Das schafft es auch weitgehend, samt Lastwagen-Überholen und korrektem Abstandhalten. Es fährt so schlicht und unaufgeregt nach Schule, dass man es sich als Fahrpsychologie-Trainer für Schwererziehbare vorstellen möchte: Man steigt als besserer Mensch, zumindest Autofahrer, aus. Aber das ist nicht der eigentliche Sinn des "hochautomatisierten Fahrens", wie das im Fachjargon heißt.

Was dann?

Neuheiten werden am besten über die Modelle Sicherheit, Komfort, Wirtschaftlichkeit und natürlich per Dienst an der Umweltbefindlichkeit erklärt. Außerdem erhofft man sich bessere Straßenauslastung durch intelligente Verkehrsführung per Bord-Navi. Und: Elektronisch verkettete Autos könnten viel dichter hintereinander fahren, weil im Falle eines Problems die Schrecksekunde entfällt und das vernetzte Auto viel schneller bremst.

Vernetzt? Klar. Autonomes Fahren ist erst dann sinnvoll, wenn möglichst viele dies tun. Der Verkehr wird dann nach völlig neuen, imaginär gesteuerten Algorithmen ablaufen. Dabei ist es selbstverständlich, dass jedes Auto, jeder Passagier jederzeit geortet werden kann. Darüber hinaus lässt sich schon sein nächstes Reiseziel, seine nächste Pinkelpause vorherbestimmen und im Sinne höherer Interessen verwerten. Denn wie wir jetzt wissen, gibt es immer irgendjemanden, der daran enormes Interesse hat und wahrscheinlich sogar bereit ist, viel Geld für solche Informationen auszugeben. Gern lockt man uns in einschlägigen Broschüren und Websites mit der Online-Tischreservierung beim "besten Italiener der Stadt", zu dem uns solche interaktiven Systeme als Dienstleistung führen könnten, aber im Grunde geht es natürlich um völlig andere Dimensionen der psychologischen Käuferführung.

Also wo waren wir stehen geblieben? Richtig, vor einem Zebrastreifen, den höfliche Fußgänger freigegeben haben. Aber das autonome Auto kann nichts damit anfangen und wartet, bis diese gestrigen Menschen endlich ihre Fußgängerpflicht erfüllt haben. In einem vernetzten Verkehrssystem wird jeder seinen Teil zu tragen haben.

Sogar die Fahrer der selbstfahrenden Autos. Denn sie müssen sich ja irgendwie beschäftigen, jetzt, wo das Autofahren entfällt. Wenn alle Mails geschrieben, alle Accounts abgegrast, alle SMS getippt sind - dann geht es darum, "dass uns der Fahrer bloß nicht einschläft", wie es der Hochautomatisiert-Forschungsleiter Dr. Werner Huber von BMW formuliert. Denn der Fahrer muss ja weiterhin aufrecht hinter Sicherheitsgurt und Airbags sitzen und sollte, sobald das System eine Warnung abgibt, ehe es sich in die Verantwortungslosigkeit verabschiedet, in wenigen Sekunden Herr der Lage sein und reagieren können. Die Hersteller kennen das Problem und arbeiten daran. Dr. Huber kryptisch: "Wir denken darüber nach, und wir werden uns ein paar Ideen einfallen lassen."

Vielleicht wird das noch der spannendste Teil an der Sache. Stricken?

Vor einigen Wochen konnte ich selber miterleben, wie es sich anfühlt, wenn der zuständige Versuchsingenieur auf der Autobahn München-Nürnberg die Hände vom Steuer nimmt und der äußerlich unauffällige 528i mit einem bestätigenden "Bling!" das Kommando übernimmt. Ergebnis: völlig unspektakulär.

david.staretz@profil.at