<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Lob der Untermotorisierung II

Über die Schwierigkeit, heute an schwächliche Autos zu geraten - und wie man dann eh ganz froh ist.

Eigentlich wollte ich über untermotorisierte Autos schreiben. Sie sind so eine Seltenheit geworden, dass es mir fast nicht gelingt, welche aufzutreiben. Kaum sitzt man in einem Seat Leon FR, hat man schon 150 PS unter der Haube.

Immerhin habe ich es geschafft, ihn beim Starten ein paar Mal abzuwürgen. Und wisst ihr, was passiert? Er springt (dank Start-Stopp-Automatik) von selbst wieder an! Das nenne ich Fortschritt. Es sind oft die unspektakulären Autos, die verblüffen können. Von dem Leon FR TDI hatte ich mir wirklich nur ein Transportmittel für mittlere Bürokräfte erwartet, aber inzwischen sind diese Autos im VW-Konzern alle so auf Linie gebracht, dass sie sogar erschütternd gut aussehen, obwohl sie dafür gar nicht gedacht sind. Seat - das ist eine der historisch schwach profilierten Marken, die kaum fehlen würden in der Kraftfahr-Offensive. Seit Skoda den Aufschwung vom Underdog zur seriösen Lifestyle-Marke geschafft hat, ist Seat, einst eine spanisch-italienische Lizenz-Allianz, irgendwie steckengeblieben. Vor zwei, drei Jahren wurde noch laut über einen Ausverkauf der Marke nachgedacht. Natürlich ist es zu einfach zu behaupten, Ex-Lamborghini-Designer Luc Donckerwolke hätte die Marke gerettet, doch tatsächlich halte ich an dem Spruch fest, dass es keine Marke gibt, die nicht durch bessere Produkte gerettet werden könnte, und zweitens genügt oft ein Impetus, ein Symbol, die Begeisterung eines Einzelnen an der richtigen Position, um das ganz große Schwungrad herumzuwerfen. Und das Design von Seat war wirklich verbesserungswürdig. Die Autos waren so verkorkst, dass man sich gar keinen Befreiungsschlag vorstellen konnte. Doch Luc hat es geschafft, Schärfe anzulegen, die den Autos und der ganzen Marke gut tut. Die Zulassungszahlen steigen, die Produkte werden besser. Der FR, was für Formula Racing steht, kommt (unter anderem) mit einem 150-PS-Diesel aus zwei Litern Hubraum. Den Motor gibt es auch bei Audi und VW, wie ja überhaupt die gesamte Längsmodul- und Quermodulbaukastenmethodik den ganzen Konzern durchzieht, was man so oder so finden kann. Mehr als ein Auto gleichzeitig kann man eh nicht fahren, also stören mich Querverweise nicht. Der Seat Leon ist wirklich alert in jeder Situation und drehmomentstark zugleich, das Sechsganggetriebe macht Laune und das serienmäßige Sportfahrwerk kommt bestens mit der Leistung zurecht. Es entsteht dadurch ein seltener Fall, wo man denkt, man kann selbst mutwillig nie zu schnell in der Kurve sein; wenn was ist, bleibt man einfach stehen.

Das liegt vielleicht subjektiv auch daran, dass er so außerordentlich leise ist. Wüsste man nicht, welchen Aufwand gute Dämmung bedeutet, könnte man an ein Versehen denken bei einem so sportlich angelegten Wagen.

Farbe, Leder, Einparkhilfe kosten rund 1500 Euro Aufpreis. Für Kamera, Navi, Soundsystem, Winter- und Ö-Paket gehen nochmals 3500 Euro weg. Schon ist man auf 31.390 Euro, was immer noch wesentlich günstiger ist als vergleichbare Audi A3 oder VW Golf. Mein Verbrauch: 6,7 Liter/100 km.

Gut, dachte ich, dann gehe ich eben noch eine Stufe tiefer ins untermotorisierte Fach: Dacia. Auch so ein Kandidat, man hatte die Marke schon abgeschrieben. Doch dank der finanziellen Hilfe und dem Know-how von Renault gelang es nach einer anfangs mürben Phase, die Marke auf der Billigschiene zu platzieren - aber so, dass immer eine Extraportion Qualität oder Design mehr da war, als man eigentlich erwartet hätte. Inzwischen bin ich schon fast alle Dacias gefahren, inklusive des Logan Pickup und des drolligen Duster; man fühlt sich gut aufgehoben darin und immer etwas ferienabenteuerlich. Gerade der Dokker, der als Familienvan mit Hochdach hergestellt ist, mit ein bis zwei Schiebetüren (je nach Variante) und einer praktikablen Klipp-Klapp-Lösung für den Innenraum, hat etwas Sommerfrischliches (was auch an der leistungsfähigen Klimaanlage liegen mag). Freilich bleibt es nicht lang beim Einstiegspreis (9990 Euro), denn allein das großformatige Navi- und Soundsystem mit gefälliger Seniorenhandy-Bedienbarkeit ist seine 1134 Euro locker wert. Erst hat mich gestört, wie die Dame immer "liiings“ sagte, und man freut sich über jede Rechtsabbiegung. Doch mit der Zeit kommt man drauf, wie sachlich gut die Ansage ist und rückt das System ganz weit nach vorne in der persönlichen Bestenliste.

Mit 90 Diesel-PS dachte ich mich ausreichend untermotorisiert, doch dass sich der Motor wesentlich besser geriert, zeigte sich schon darin, dass ich beim Tanken begann, Benzin einzufüllen, ehe ich auf meinen Irrtum kam und reichlich nachdieselte. Jetzt fährt er mit Sommerspritzer ganz fröhlich. Verbrauch: Etwas mehr als sechs Liter. Pro Kilogramm und 100 Kilometer benötigt man nicht mehr als einen Teelöffel Kraftstoff. Daran sieht man, wie die Post verdient.

Vielleicht muss man ihn ganz vollladen, um in den Bereich der Untermotorsierung zu geraten. Fünf Perserteppiche zweifelhafter Güte reichten aber nicht aus. Das Laden funktioniert allerdings fantastisch, Reinigungs-Leihgerät inklusive. Mehr Untermotorisierung demnächst.

david.staretz@profil.at