<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Lob der Untermotorisierung III

Stark kann heute jeder. Die wahre Kunst guter Piloten liegt im zügigen Umsetzen geringer Ressourcen: Schwung mitnehmen!

Leistung haben heute alle. Damit kann man schon kaum mehr hervorstechen. Sucht man aber schwächlich motorisierte Autos in der österreichischen Preisliste, findet man so gut wie kein Modell, das weniger als 60 PS hätte. Selbst der minderste Lada, früher ein Garant für Untermotorisierung, bringt 90 PS. Ford hat einen Mager-Ka mit 60 PS, doch selbst der Fiat Panda, einst unterste Kiste, stemmt mit seinen zwei Zylindern 65 PS. Einzig der VW eco up! wäre mit 50-PS-Motor zu haben.

Kurios: Der schwächste Aston Martin hat 98 PS, immerhin. (Es ist das Modell Cygnet - Schwänchen -, das man anfangs nur als eine Art Schlüsselanhänger zu einem V8 Vantage oder DB9 Coupé dazubekommen sollte, doch inzwischen ist das Toyota-IQ-Derivat um 42.000 Euro freihändig zu haben.) Der minderste BMW hat noch 102, der kleinste Peugeot 54 PS, und der schwächste Bugatti leistet 1001 PS (somit immerhin 199 PS weniger als der stärkste).

Aber im Ernst: Wo sind heute noch richtig schwachmotorisierte Autos zu finden außer bei der "mobilen Freiheit“? (Euphemismus für anderweitig boshaft als Promille-Porsches bezeichnete Mopedautos.) Marktführer Aixam aus Aix-les-Bains bietet seine Klein-Dieselchen mit führerscheinbefreiter Sparleistung an; selbst der großspurig als Aixam GTO bezeichnete Kleinstwagen hat nicht mehr als 5,4 PS, aber damit sollte man nicht freiwillig kokettieren.

Also was hat es auf sich mit diesem Spleen des Untermotorisierten? Ganz geheuer ist mir das selber nicht, aber grundsätzlich beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass wir unser Projekt Weltrettung auf einem zu hohen Niveau feiern lassen, dass Autos mit 250-PS-Dieselmotoren und vom Werk angegebenen 6,0 Litern Normverbrauch nicht wirklich unsere Probleme lösen werden. Zugegeben, ich habe gerade einen Ferrari mit 570 PS von Niederfladnitz heim nach Maranello gebracht und dabei jeden Meter genossen. Vor allem den Abstecher nach Lido di Pomposa. Aber ich weiß genau, dass die Fahrt mit einem 1968er-Transit (mit 60-PS-Motor) kaum weniger interessant verlaufen wäre. Meine Theorie (und meine Praxis) lautet, dass hohe Motorleistung etwas Relatives darstellt, nämlich vor allem die Relation zu anderen Fahrzeugen, die in irgendeiner Art von Wettbewerb zueinander stehen.

Ich gehe überhaupt so weit, zu sagen, dass der Volkswagen Golf GTI alles so weit gebracht hat, dass durch ihn vor 37 Jahren der Rennsport in den Straßenverkehr getragen wurde und durch die anderen kleinen süßen frechen Giftspritzen. Ich fand es nie ganz in Ordnung, dass elegante Sportwagen, die sich so sehr bemühten, mit allem, was sie darstellten, und allem, worauf sie verzichteten, sich plötzlich von biederen Familienbüchsen, die äußerlich nicht mehr als ein paar verschämte Sportzitate aufbrachten, "verblasen“ lassen mussten, wie man das damals so anerkennend nannte.

Heute, so mein kleiner Exkurs, ist ja alles noch viel schlimmer. Heute sind es die scheußlichen weißen Lieferwägen, die uns auf der Wechselautobahn so hartnäckig im Nacken sitzen, die den absoluten Linke-Spur-Anspruch fordern, ganz gleich, ob wir im Mercedes SLS von AMG, im MG B von 1968 mit 90 PS oder im VW Golf R der aktuellen Generation mit mittlerweile 290 PS fahren. Heute regelt sich die Geschwindigkeitsfrage nur noch danach, wer den besseren Radarsensor besitzt oder die bessere Ortskenntnis oder die stärkeren Nerven. Was davon haben die Lieferwagenfahrer? Ende des Exkurses.

Was ich mir in meiner Theorie (und aus der Praxis heraus) aber wünsche, sind Autos, die ihre Motorleistung aus dem Verhältnis zur Umgebung holen, aus dem absoluten Verständnis, dass jegliches Vorankommen ein unendlicher Fortschritt gegenüber dem Stillstand ist und dass wir es uns eigentlich nicht mehr leisten können, exzeptionelle Motorstärke als Deko- und-Ego-Material mitzuführen. Ferrari, Lamborghini, Lotus etc. ausgenommen, denn die betreiben Motorleistung und das ganze Sportwagen-Commitment auf eine überzeugend leidenschaftliche Weise. Aber ich will keinen BMW X6 mit Sportpaket und 449 PS unter dem Zeichen der Vernunft. Ich habe schon einen Sinn für das Theatralische der Sache, aber wenn wir wirklich Zukunft machen wollen, müssen wir die Sache anders angehen. Denn: Man muss keineswegs langsam unterwegs sein mit schwächlicher Leistung. Im Gegenteil, erst mit untermotorisierten Fahrzeugen kann man wirklich Fahrtalent beweisen, indem man die spärlichen Ressourcen mit Schwung, Geschicklichkeit und Vorausschau so einsetzt, dass man trotzdem zügig unterwegs ist. Es ist in gewisser Weise auch ein entspannendes Gefühl, voll auf dem Gaspedal zu stehen und zu wissen, dass man stärker ist als das Auto, weil man selber besser könnte, aber das Maschinchen eben nicht. In gewisser Weise rührt mich das und es erinnert mich an Zeiten, als 21 PS im Renault 4CV (mein erstes Auto) die Welt waren und ein auf 70 PS frisierter Puch 500 als Granate galt. Heute heißt sowas in der modernen Motorentechnik Downsizing, und das ist immerhin ein Ansatz, den es zu verfolgen gilt.

david.staretz@profil.at