<i><small>Autodrom: David Staretz</small></i>
Stellt die Ohren auf

Oft sind es die einfachsten Regungen, die uns mit der Technik befreunden.

A ls die ersten Kia-Modelle nach Österreich kamen, Mitte der 1990er-Jahre, hießen sie Sephia oder Shuma, und sie sahen so dürftig aus, dass man wusste: Das wird nie was. Immerhin waren sie zum Neupreis so billig wie Gebrauchtwagen. Sie wirkten wie aus der Tube gedrückt; im Innenraum herrschte gleichmäßig PVC, und man dachte, wenn sie so wenig Lust haben, Autos zu bauen, warum tun sie sich und uns das an? Dazu fügte sich, dass Kia dann auch richtig in Konkurs ging und im Jahr 2000 in die Hyundai Motor Group übernommen wurde.

Dann ging es aber zügig bergauf und Namen wie Picanto, Rio, Sportage oder Sorento gingen in den europäischen Kanon der Gebrauchswörter ein. Als man im Jahr 2006 den in Bad Reichenhall geborenen Designer Peter Schreyer von Volkswagen abwarb, brach eine neue Ära an. Der gerade fertiggestellte Kompakt-SUV Kia Soul zeigte vor, wohin die Reise gehen würde. Inzwischen ist man mit Schreyer so zufrieden, dass man ihn zum Kia-Vorstandsmitglied neben zwei Koreanern machte.

Zur Erinnerung: Schreyer war bei Audi für den Audi TT, den New Beetle, den preisgekrönten Audi A2 und ­andere verantwortlich und erhielt schließlich im Volkswagen-Konzern die Gesamtverantwortung für Design.
Damals wurde sein Abgang zu Kia belächelt, heute ist er gefürchtet, weil er durch seine Designvorgaben die gesamte Marke zu ­einem steifen Trab versammelt hat, die sich nun als echter Volkswagen-Herausforderer erweist.
Immer wieder beruhigend, zu sehen, dass Marken durch gute Produkte gerettet werden können.

So eines heißt Kia pro_cee‘d und tritt auch gleich den Beweis an, dass gute Produkte sogar einen problematischen Namen locker überspielen können. (Wobei er ja laut gesprochen ohnehin gut klingt.)

Der viertürige Publikumswagen cee‘d ist Kias Antwort auf den VW Golf und der pro_cee‘d (danke, copy & paste!) setzt noch ein Sportliches drauf, zumal er als pro_cee‘d GT in die Reviere des Golf GTI einbrechen möchte. Allerdings liegt seine wahre Stärke im Design, sofern man heute zugeben muss, dass 204 PS in einem Kompaktwagen kaum noch jemanden aufregen. Der Golf GTI liefert aktuell 220 beziehungsweise 230 PS mit Sportpaket. Dennoch muss man dem Kia zusprechen, einfach besser auszusehen; er ist nicht Wörthersee-belastet und bietet mit seiner von Schreyer modellübergreifend eingeführten Tiger Nose und den Tagfahrlichtern im Eiswürfel-Look eine stringente Formensprache an, zumal die Coupé-Linie den Versprechungen der Frontpartie folgt und hintenzu markant abfällt.

Geht man mit dem Schlüssel in der Tasche auf das Auto zu, stellt es die Ohren auf (die Rückspiegel gehen aus der angelegten Ruhestellung in Position), und die Lichter strahlen zur Begrüßung. Per Zugriff öffnet man die Tür, per Knopfdruck startet man den 1,6-Liter-Vierzylinder, der die Vorderräder treibt.

In der Sport-Stellung zeigt die Hauptanzeige rund um die Tachoskala ein buntes Farbenspiel – aktuelles Drehmoment und aktueller Ladezustand werden per Lichtsäule eingeblendet.

Klare Sub-Funktionen, angenehmes Navi-System (samt Rückfahrkamera um 1120 Euro), tadellose Zweizonen-Klimaanlage, Tempomat, Sitzheizung – alles da.

Leider hat man die an sich hervorragenden Recaro-Sitze mit allzu massiven Kopfstützen versehen, die einigermaßen bedrängend wirken können. Erst in einer halb liegenden Position bekommt man den Kopf frei, dann reichen allerdings die Hände nicht mehr bis ans (herausziehbare) Lenkrad. Das schränkt die Fahrfreude ein, hilft aber bei Crashtests. Schließlich hat man fünf NCAP-Sterne zu verteidigen, die Bestmarke.

Ohnehin erstaunlich, dass so viel Fahrfreude noch erlaubt ist. Das Fahrwerk ist nicht hart sportlich, aber weicht einer zügigen Fahrweise nicht aus; die Schaltbarkeit des Sechsgang-Getriebes ist ein starkes Argument für die Freuden des selbst betätigten Autofahrens, wie auch die präzise Lenkung, unterstützt von einem nicht merkbaren Elektro-Servomotor.

Angenehmes Ambiente, Klavierlack-Details, eingewobene GT-Symbolik und eine verblüffende Menge und Tiefe von brauchbaren Ablagen. So ist wenigstens der Verzicht auf eine herkömmliche Handbremse sinnvoll.
Der Laderaumbereich gefällt durch die übliche Praktikabilität der Kompaktklasse; kleine Haken gegen das Umfallen von Tragetaschen findet man an den Innenbordseiten. Vom Fahrersitz her gestaltet sich der Heckbereich weniger praktikabel – nach rechts hinten gibt es wegen der hoch angesetzten breiten C-Säule praktisch kaum Sicht. Hier lohnt sich die Rückfahrkamera – notfalls kann man kurz den Retourgang einlegen und schauen, was der Fließverkehr so macht, ehe man sich einordnet.
Übrigens: Gut abgehangene Kia Sephias werden um 360 bis 700 Euro angeboten.

david.staretz@profil.at