<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Ablenkung ist das größte Manöver

Es muss nicht immer überhöhte Geschwindigkeit sein. Eine Hitparade der heimlichen Unfallzutaten.

Rasieren, Zeitung lesen, SMS texten, essen, trinken, schminken, nach fallenden Dingen haschen, Kinder ­beaufsichtigen, Hunde abwehren, Wespen und Fliegen verscheuchen, anderen Unfällen nachschauen, mit dem Beifahrer streiten, telefonieren, Frisur richten, Radio einstellen, Navigationssystem programmieren, die Epidermis studieren, Arbeitsunterlagen durchblättern, am Laptop fingern – die real existierenden Ablenkungsmöglichkeiten beim Autofahren sind enorm. Und verführerisch.

Bis zu achtzig Prozent aller Auffahrunfälle sind ablenkungsbedingt, heißt es in Statistiken. Oft, wenn der Fahrer „aus unbekannter Ursache von der Fahrbahn abgekommen“ ist, stecken solche kleinen Manöver dahinter. Offenbar ist uns das Autofahren so sehr zur geläufigen Benutzeroberflächlichkeit verkommen, dass wir empfänglich sind für Ablenkungen aller Art. Erschreckend tief versenken wir uns in Telefongespräche, die Verlockungen der Komfortelektronik oder den widerspenstigen Kebab-Burger.

Doch siehe, Welt eins obsiegt im Zweifelsfalle. Unwillig müssen wir das zur Kenntnis nehmen.

Gern würde man nun das Bild des wendigen, alerten, ganz dem sportlichen Fahren zugeneigten Drivers (das deutsche „Fahrer“ ist hier zu schwach, Rennfahrer oder Pilot ­wären erst recht unpassend), also des wachen Automobilisten zeichnen. Schließlich benötigt Konzentration ein forderndes Aufgabenfeld, sonst sinkt sie beim besten Willen (und gerade dann), als würde man Etüden klimpern wie ein ­gelangweilter Klavierschüler.
Tatsächlich ist es, seit uns Regel- und Assistenz-Electronica das Autofahren mit sanfter Höflichkeit abgenommen haben, oft schwierig, die Beine am Pedal, die Hände am Lenkrad zu behalten. Wir fahren nur noch zu einem gewissen Anteil Auto, selten zu hundert Prozent.

Und wir kennen die Strecke. Gerade die tägliche Pendlerstraße ist die gefährlichste, man wähnt sich in geschützter Umgebung, alles läuft wie immer, man vernachlässigt sogar das Blinken, weil eh ­jedem klar sein muss, dass man hier täglich abbiegt und der heiße Kaffeebecher an dieser Weggabelung traditionell noch dreiviertel voll ist. Da klingelt das Telefon, was es sonst um diese Zeit nie tut. Und vorn bremst einer, weil er gerade der Liebe seines Hundes zu erliegen droht oder weil ihm ein Pantoffel unter das Gaspedal gerutscht ist.

Dort, wo die Statistiken dank hoher Messbeteiligung noch präziser sind als bei uns, also in den USA, hat die ­NHTSA, also die National Highway Traffic Safety Administration, sogar eine Liste der zehn gefährlichsten Automahlzeiten herausgegeben, davon ausgehend, dass nicht unbedingt die Nahrungsaufnahme, sondern vielmehr das Verstreuen und Verschütten von Nahrung zu Affektunfällen führt.

An erster Stelle der unfallfördernden Zutaten steht der Pappbecher voll Kaffee, implizierend, dass die meisten (Auffahr-)Unfälle im Morgenverkehr auf dem gestressten Weg zur Arbeit passieren. Zweitens: Heißgetränke wie Hot Soup, auf derselben Schütt-Alarmstufe wie Kaffee. Denn zur schnellen Geste unstatthafter Reaktion kommen oft noch Schmerzen durch Verbrühungen direkt unterm Hemd oder sonst, wo’s wehtut. Drittens: Tacos. Die mit saucengebundenem Salat gefüllten Teigfladen sind ein Nahrungsmittel, das ­augenblicklich in sämtliche Einzelteile zerfallen kann, die sich dramatisch über Hemd, Schoß, Sitz verteilen. Viertens: Chili con Carne oder andere Schüsselgerichte. Die klassische Saucenkleckerei. Noch verschärft durch Essbesteck. Fünftens: Hamburger. Saucengeschmier bis übers Lenkrad. Sechstens: mit Saucen behaftete Grillwaren wie etwa Spare­ribs. Schrittweise eröffnet sich hier auch ein signifikantes Sittenbild amerikanischer Nahrungsvorlieben. Weiters: frittiertes heißes Hühnergebein, ebenfalls durch Saucen schmierig und kleckernd gemacht. Platz acht: Jellys und Donuts. Bei uns gleichzusetzen mit marmeladegefüllten Krapfen, die ja schon außerhalb des Autos kaum katas­trophenfrei zu ­genießen sind. Neuntens: leicht aus Bechern zu verschüttende Sprudelgetränke, die ja dank Kohlensäure auch sehr ­nasenwirksam sein können.

Erst auf Platz zehn findet man Schokolade, der man ­einen hohen Reibwertverlust am Lenkrad nachsagt. Völlig scheint die Statistik auf Speiseeis vergessen zu haben. Speziell die dünn mit Schokomasse ummantelten Stielbomben haben das Zeug, augenblicklich Hemd, Beinkleider und Sitzbespannung zu versauen. Schnelle Rettungsversuche bringen gar nichts, man massiert die Substanzen höchstens noch tiefer ins Textil.

Eine der schönsten Ablenkungsversenkungen konnte ich einst im massiven Stau beobachten: Ein Mann spielte versunken Trompete beim offenen Seitenfenster hinaus. Das hatte allerdings Stil.