<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Ätherische Klänge

Abenteuer des Alltags: Blind Date mit der Dame aus Brünn.

Der Zauber des Autofahrens – eine befremdliche Formulierung, mag sein, aber es ist die einzig zielführende. Wer das Auto als eine Art veraltetes Faxgerät betrachtet oder als nützliche Shuttle-Box, enthebt sich einer täglichen Freude. Zugegeben, das Zauberhafte ist oft schwierig zu erkennen an Autos, die aussehen wie veraltete Faxgeräte oder nützliche Shuttle-Boxen.
Aber die Freude am anstrengungslosen Unterwegssein, die freie Entscheidung über Lenkeinschlag und Gaspedalwinkel und dass man nach Laune die nächste Abzweigung ins Ungewisse nehmen kann – das sind Optionen von geradezu literarischer Tragweite, wenn man das so sehen will, und sei es nur spielerisch. Man muss vor dem Leben stehen wie vor Weihnachten, sagt der Anlass-Philosoph Karl Lagerfeld, und das ist gewiss keine üble Maxime.
Zu den ungeheuer luxuriösen Möglichkeiten jeglicher ­Auto-Grundausstattung zähle ich bereits Annehmlichkeiten wie Heizung und Lüftung, verstellbare Sitzlehnen, elektrisch versenkbare Fenster, das Mysterium des Handschuhfachs oder die Möglichkeit, das Scheibenglas klar zu halten per Wasserstrahl und Wisch auf Knopfdruck. Man sieht, ich bin nicht verwöhnt. Zu viele Automatismen verstellen nur die Sicht auf wesentliche Freuden. Selbst Motorisierung ist mir nicht mehr so wichtig wie früher. Es kann auch Spaß machen, den ­bemühten Motor zu hören, jeden Seufzer, jeden Gemütszustand eines verdienten Aggregats. So wie Lindbergh jede Faser seiner Spirit of St. Louis spürte und erlauschte, so möge man sein Auto kennen, bis hinab zur Straße.

Das wird uns immer schwerer gemacht durch die zahlreichen intervenierenden Assistenzsysteme, die sich dämpfend, sichernd, bewahrend, korrigierend dazwischenschalten, gut gemeint. Wenn das Autofahren dann so weit wie möglich wegdelegiert ist, bleibt als Befreiungsschlag nur mehr der Griff zum Autoradio. So erweitere ich das geschlossene System in die völlig offene Welt der Ätherwellen. Dabei empfiehlt es sich, die Fesseln vorprogrammierter Sender (PS – Preset Scan) abzuschütteln, man schalte auch die TA- und PTY-Funktionen (Traffic Announcement, Program Type) ab und taste sich per Sendersuchlauf voran. Dabei darf man sich allerdings auch nicht vor uncoolen Sendern wie Radio Niederöster­reich scheuen. Die dort sich eröffnende Parallelwelt an Schlagertexten kann durchaus ihre Perlen vorweisen. Manche Texte sind so gut, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Weckt mich um drei Uhr morgens, und ich murmle: „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte. So muss er ausseh’n, der Mann, auf den ich warte. Ein bisschen Mut, ein bisschen Geist. Wenn ich nur wüsste, wo er wohnt und wie er heißt.“ Genial, oder? Erst viel später (man hört France Gall auch auf Radio NÖ nur sehr selten) ging mir dann noch der Umwelt­aspekt des weiteren Textes auf:
„Ein bisschen Geist, ein bisschen Mut, an meiner grünen Seite, ja, das wäre gut.“
Einen fertigen Lebensentwurf kann man täglich in Ö1 abrufen – unglaublich, was dieser Sender bietet. Man muss ihn sich aber oft erarbeiten, denn aufgrund seiner diffizilen Konzertabstimmung, die ja das ferne Glöcklein genauso herantönen lassen muss wie das Fortissimo in Haydns Zweiter Symphonie, ist Ö1 grundsätzlich leiser eingestellt, damit die Herrschaften nicht vom Hocker fallen beim Mannheimer Crescendo. Deshalb gilt: Bleibt ein Sender stumm, so ist es mit großer Sicherheit ein Pianissimo in Ö1. Oder Otto Brusatti, peinlich berührt. Denn auch die Pause ist eine Kunst.

Ein Hörspiel, dieses unterschätzte Genre, trägt weit – man bleibt wach mit immer neuen Bildern im Kopf, und lange Autobahnfahrtzeiten vergehen wie Kinoabende oder ­Eisenbahnlektüren. Allerdings ist dabei immer die Gefahr, dass man mit Tempo 130 dem Senderbereich entflieht und den Schluss des Dramas nicht mitbekommt.
Zu den Kleinsender-Juwelen, die ich unterwegs aufklauben konnte, zählt der Sender Freies Radio Freistadt oder das Gymradio Hollabrunn, die sich jetzt aber vercoolt haben und nur mehr Radio Y heißen wollen. Doch im Grunde geht es hier um den Charme des Unbedarften.
Der mobile Radiohörer, geschädigt vom ununterscheid­baren Privatsendersalat, beginnt, die rein handwerkliche Qualität geschulter Ansager zu schätzen. Unlängst hörte ich eine halbe Stunde lang gebannt dem tschechischen Sender CR Brno zu, ohne ein Wort von dem zu verstehen, was die Dame so gefühlvoll ins Mikrofon raunte, mit ihren Lippen dicht an meinem Ohr. So wie tschechische Kellner ihren Beruf wahrnehmen, so spürt man hier noch eine strenge Ansager-­Schulung.
Der Klangteppich ist dicht gewoben, Nachrichten, Verkehrsfunk, Wetter und Werbung setzen als Interpunktionen einen Zeilenschritt in Gang, und schon beginnt der Suchlauf ins nächste Abenteuer, oder, wie ich gerade auf Ö1 hören musste, zum folgenden „akustischen Lichtblick“.