<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Auf seiner Ladefläche ist Österreich

Der Steyr 380 war in seiner Zeit eine lebensbegleitende Formel für Transport und Proportionen.

Zu den bewegendsten, gütigsten und verlässlichsten Gesichtern des offiziellen Österreich zählt für mich das des Steyr-Lkw 380 (und später 480). Dieser als Netzhautmuster eingeprägte Lastwagen, über dessen Ladefläche der österreichische Wiederaufbau lief, wurde ab 1948 in den Steyr-Werken in Graz gefertigt, zusammen mit der zweiten Ikone österreichischer Aufbaubeharrlichkeit, dem Steyr-Traktor 180. Beider Dieselmotoren verfügten über den gleichen technischen Grundstock, beide hätten eine Strophe in der Bundeshymne verdient. Gütige Gesellen in einer hoffnungsfrohen Zeit. Der 380, dessen väterliches Angesicht auch die gelben Postbusse in leichter Abwandlung trugen, ist ein Musterstück an belastbarer Ingenieurleistung – seine Pritsche wurde grundsätzlich überladen, aus eigener Anschauung weiß ich, dass er geradezu groteske Lasten ertrug, selbst wenn die Kotflügel schon an den Semperit-Profilen der Zwillingsräder zu schleifen begannen.

Meine Anschauungen begannen früh – meine beiden 380er Kipplader waren aus gelben, roten und grünen Plastikteilen. Die Scheinwerfer konnte man abnehmen; als Erstes gingen die schwarzen Fühler verloren, Peilstäbe, die an den Originalen beeindruckend zitterten, wenn der Motor lief.
Als wir vom östlichen Waldviertel ins höhere Waldviertel übersiedelten, blickte ich von einer Böschung auf die Transportfahrzeuge mit ihren silbrig verkleideten Großaufbauten. Einer der turnusweise Wiederkehrenden hatte ein Strickhäubchen auf seinem sonst kahlen Schaltknüppel. In den Postbussen wurde mir regelmäßig schlecht, das war ein fixer Bestandteil der Kindheit. Ich liebte, im Gegensatz zu den Erwachsenen, die erhöhte Sitzreihe über den Hinterrädern.

Als ich endlich den Führerschein machen konnte, geschah dies in einem Steyr 480. Weiß, mit lichtdurchfluteter Doppelkabine. Hinten saß Fahrlehrer Jimmy (so hieß man in den siebziger Jahren) und blickte kaum von der Zeitung auf, während er mit dem Rist nachhalf, wenn ich wieder einmal die Dritte nicht reinwerkeln konnte. Das Schicksal ließ nicht locker: Kaum als Ferialpraktikant in der Fiat-Werkstätte eingewiesen, musste ich zusammen mit dem „Masta“ das von Burschen wie mir malträtierte Getriebe aus dem Fahrschullastwagen ausbauen.

Anschließend, beim Bundesheer, ich hatte mich auf elf Monate zwangsverpflichtet, weil man mir zugestanden hatte, ich würde den „Schweren-Hänger-Schein“ machen können (was mich meinem Berufswunsch Fernfahrer entscheidend näher gebracht hätte), musste ich feststellen, dass es weit und breit keinen schweren Hänger gab.
Also machte ich nochmals den normalen Lastwagenschein – auf Steyr 380.
Wegen der Küchensperre in unserer rattenbefallenen Kaserne musste ich mit dem mir zugewiesenen 380er das Frühstück aus der Hauptkaserne holen. Die beiden, die den Teekessel auf der Ladefläche halten mussten, waren dann immer völlig durchnässt, weil der Deckel öfter aufgesprungen war. Die Einfahrt zur Fasangartenkaserne musste man mit schwungvoll angehobenen Hinterrädern meistern, so hatte es mir mein Vorgänger gezeigt.

Zu den eingängigen Mechanismen wie Vorglühlämpchen, Differenzialsperrhebel, Lichtumschalter, Kipphydraulik zählte die Motorstaubremse. Dabei handelte es sich um einen Hebel links unter dem mächtigen Vierspeichenlenkrad (kein Servo!), der mittels Klappe das Auspuffrohr verschloss. Dies verstärkte die Motorbremswirkung und erzeugte ein wunderbares, die ganze Maxingstraße hinunter anhaltendes „Möööööh!“.

Waren die Autos beim Fahrzeug-Appell nicht sauber genug, musste man zehnmal strafeinparken. Zum Glück hatte mir Jimmy einen schwungvollen Trick gezeigt, mit dem ich immer Millimeter an den Randstein herankam. Einmal fehlten mir diese, als ich in der Ameisgasse einem Entgegenkommenden ausweichen musste. Ein hässliches Schnalzgeräusch lag in der Luft. Als mein Unteroffizier und ich ausstiegen, fanden wir einen NSU-Prinz-Besitzer, der weinend am Gehsteig hockte, den Polierfetzen noch in der Hand. Am Nachmittag wäre der Käufer gekommen, schluchzte er, aber so, ohne Türschnalle und Zierleiste auf der Fahrerseite, würde wohl nichts daraus werden. Dass ich ihm die Leiste, zur Spirale geschält, mit Bedauern überreichte, linderte seinen Schmerz nicht merklich. Eines Wintermorgens glomm das Vorglühlämpchen meines 380 nicht mehr, und die Batterieladelogistik des zuständigen Wagenmeisters war überfordert. So beendete ich meine Militärlasterkarriere mit Besen, Schwamm und Putz­kübel in den finsteren Gängen der Kaserne.

Später half ich einem guten Bekannten, Holz- und Kohlenhändler, manchmal aus, wenn ein Mütterlein in der Einschicht zu beliefern oder eine Schnittholzfuhre aus einer Waldviertler Sägemühle abzuholen war. Die letzten eingesetzten Steyr 380/480 sieht man manchmal noch im Dienst von Gerüstfirmen oder, wie diesen hier, anlässlich der Aufführung des Theaterspektakels „Alma“ in der Wiener Wipplingerstraße, wo er hinter dem alten Hauptpostgebäude als Nebenbühne fungiert.