<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Ein bisserl ins Öl hineinbluten

Der Maler Josef Schützenhöfer ist vom Volant seines Vanagon aus ein unbequemer Beobachter und Zeitkritiker.

Wenn Josef Schützenhöfer einen Traktor malt, sucht man unwillkürlich nach dem Ölfleck unterm Bild, und wenn man Josefs lebensgroße Porträts seiner schiefen, abgearbeiteten Werktätigen betrachtet, möchte man nach dem Osteopathen rufen.

Josef hat einen analytischen Zugang zur Konstruktion eines ­Gegenstands, das ließ bereits die ursprüngliche Berufswahl Schneiderei/Modedesign (Modeschule Hetzendorf) erahnen. Prägender aber waren noch seine Jahre in Amerika, als Josef die handfeste ­Seite des Way of Life kennen lernte, wobei er erst als Zahntechniker bei der US Navy eine Anstellung fand (was ihn zwischenzeitlich seine österreichische Staatsbürgerschaft kostete), um danach eine erstklassige Kunstausbildung in Anspruch nehmen zu können.

Seine Weltsicht entfernte sich aber nie von der substanziellen, aufrechten Grundhaltung, sein scharfer, ungetrübter Blick auf politische Verhältnisse machte ihm das Leben in 22 Jahren Amerika nie leicht (und um nichts weniger davor oder danach). Schließlich bestand ein Grund für die lange Auslandszeit schlicht darin, dass Josef nicht genügend Geld und Sicherheit hatte, um mit seiner Familie nach Österreich zu übersiedeln.

Diese Tatsache bietet uns nebenbei die wunderbare Möglichkeit, einen in Österreich geborenen, in seinen Wertvorstellungen aber von grundlegend sozialistischen Idealen geprägten Künstler zu beobachten, der – den hiesigen Karrieren und Seilschaften fremd – seinen ungetrübten Blick auf Österreich gerichtet hält und dabei geradezu unvermeidlicherweise den kritischen Überblick bewahrt.

Josef: „Ich habe meinen Sozialismus nicht in Österreich gelernt. Mit dieser österreichischen Variante habe ich nichts zu tun.“ ­Einer seiner wichtigsten politischen Ansätze findet sich in der berühmten Ansprache des amerikanischen Gewerkschaftsgründers und fünfmaligen Präsidentschaftskandidaten Eugene V. Debs, der für seine sozialistischen Überzeugungen und Streikführerschaften lange Gefängnisaufenthalte erlitt:
„Your Honor, years ago I recognized my kindship with all living beings, and I made up my mind that I was not one bit better than the meanest on earth. I said then, and I say now, that while there is a lower class, I am in it, and while there is a criminal element, I am of it, and while there is a soul in prison, I am not free.“

Josef hat sich durchgearbeitet. Sein erstes Auto war ein Dogde WC Power Wagon, der es nie von der Tankstelle wegschaffte, an der er ihn erworben hatte. Danach folgte ein CY2A-Jeep, den er stilgerecht der Straße geopfert hat: Das Auto ist auf dem VA Beach Expressway abgebrannt, wonach Josef einfach zu Fuß weiterging. Später kam verlässliches Material aus Europa: ein Volkswagen-Bus, der damals in den USA noch die gesamten Hippie-Implikationen in sich trug. Josef: „Ich war völlig auf mich allein gestellt in ­Amerika, fremdes Land, ich hatte keine Eltern, ich hatte reine Existenzangst. So bot mir der Bus eine Hülle, einen Schutz. Selbst wenn er nicht fuhr, was oft vorkam, so konnte ich wenigstens drin schlafen. In den Ferien (Josef studierte und unterrichtete zwischen 1980 und 1994 Malerei in Norfolk und Baltimore, Anm.) war der VW-Bus mein Rolling Home – von Virginia weg brachte er mich weit in den Westen und nach Ohio. Ich saß in North Carolina am Strand, und es regnete endlos. So war das Interieur meines Busses mein Atelier – ich malte damals gezwungenermaßen Kleinformate – und zugleich Motiv.“ Man darf sich das Interieur so vorstellen: Neben dem aufgeschlagenen Klappbett stand ein gemütlicher Ohren­sessel („Schon sehr hofburgartig im Muster“, spielt Josef auf sein berühmtes Klestil-­Porträt mit der Hintergrund-Tapete an). Und: „Das Auto hat mir neue Bilder eröffnet. Einmal stand ich in Salinas Country, verirrt in der Wüstendämmerung. Ich stieg auf das Dach, um das Licht, die Richtung
zu suchen. Ich fuhr zum Lichtstreif am ­Horizont.“

Josef hat immer Tagebuch über seine Reparaturen geführt, über dazugehörige Skizzen geriet er tiefer in das Darstellen von Technik („Ich hatte ja nie Geld für eine Kamera“).

Seine ersten Arbeiterbilder entstanden 1987 in York, Pennsylvania, als Josef die Caterpillar-Streiks dokumentierte, samt Streikposten, Zelten und 55-Gallon-Drum-Feuer. Schon damals ging es, wie Jahre später auch bei Semperit, um das Bestreiken des Abtransports von Maschinen. Das war der Beginn von Josefs Zugang zur Arbeitswelt, der etwa zehn Jahre später einen weiteren Höhepunkt fand, als Josef die Montagearbeiter bei Steyr-Daimler-Puch in Graz porträtierte. „Das Bild eines verstaatlichten Betriebs interessierte mich aus der Sicht von Amerika aus.“

Generell ist Josef überrascht, dass nicht mehr über Technik gemalt wird, wo sie doch so einen enorm hohen Stellenwert einnimmt. Schon bei Peter Paul Rubens sah er gebrochene Achsen und unaufgeräumte Garagensituationen in der Remise.

Josef: „Steinbeck, Tom Joad – hier in dieser amerikanischen Literatur ist Technik ein bestimmendes Element des Überlebens: Entweder du krepierst, weil du angewiesen bist auf kaputt gewordene Technik – oder du machst sie mit einem Stück Kupferdraht wieder flott. Das hat mich immer mehr interessiert als kunsthistorische Wertigkeiten.“

Darüber hinaus hat Josef eine persönliche Einstellung zur ­Problematik: „Wenn du ein bissl ins Öl hineinblutest, behandelt dich die Technik gut.“