<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Koons kommt von Können

Der große amerikanische Entertainer überrascht mit einer feinsinnigen Arbeit am siebzehnten BMW Art Car.

Kunst und Auto gehen selten zusammen. Zwar gibt es einige Art-Car-Szenen in den USA, aber die sind ähnlich bedeutungsarm wie Tractorpulling oder Kabinenrollertreffen. Selten wird auf diesem Gebiet Eindrückliches geschaffen. Und ganz selten sind Autohersteller aufgeschlossen genug, die Kunstschiene zu fahren.

Hier haben BMW und Mercedes erstaunlich konsequent an einem internationalen Ruf gearbeitet. Das Stuttgarter Unternehmen leistete sich Mitte der achtziger Jahre einen Großauftrag an Andy Warhol, dessen Resultate unlängst vollständig in der Albertina zu sehen waren. Es handelt sich um einen bedeutenden letzten Arbeitszyklus im Œuvre des Künstlers. Von den achtzig in Auftrag gegebenen Bildern, die das 100-Jahr-Jubiläum der Automarke feiern sollten, sind durch Warhols frühzeitigen Tod nur 35 Siebdrucke fertig­gestellt worden. Auch Robert Longo, Vincent Skarek und ­Sylvie Fleury waren direkt von Mercedes beauftragte Künstler.

Gern werden die Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti herangezogen, um das Auto im historisch-künstlerischen Kontext zu verankern. Das feurige Manifest reklamiert in Punkt eins: „Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.“ Schon in Punkt vier wird es konkret: „Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“

So stand es am 20. Februar 1909 im Pariser „Figaro“ zu lesen. Schon damals schien kein Gedanke mehr an schnurrende Elektroautos verschwendet worden zu sein.

Diese Nike-Geschichte, ein Torso der griechischen Siegesgöttin mit dynamisch aufgeblähten Flügeln, wurde auch unlängst zitiert, als Jeff Koons im Pariser Centre Pompidou das siebzehnte BMW Art Car enthüllte.
Die Art-Car-Tradition reicht zurück bis 1975, als Alexander Calder den ersten Entwurf für einen 3,0 CSL lieferte, der anschließend in Le Mans startete. Calder arbeitete, wie viele seiner Nachfolger, gegen den Strich, gegen das Auto, versuchte also, der vorgegebenen Karosserie seine eigene Farb- und Formensprache aufzudrücken, was zu einer ­eigenwilligen, aber funktionierenden Harmonie führte. Ein Jahr darauf verfuhr Frank Stella ganz ähnlich und doch ganz anders. Ihm gelang mit schnittmusterartig gerasterten Bogenformen eine zeichnerische Hommage an die Technik. Roy Lichtenstein brachte seine Comics-Rasterpunkte ein, zitierte Sonnenaufgang und Straße. Andy Warhols M1 von 1979 wurde vom Künstler händisch bemalt, errang auch den Klassensieg, überzeugt aber optisch nicht so sehr. Wirkt eher wie ein Vorschulprojekt.

Es folgten Größen wie Robert Rauschenberg, der Zitate aus der Kunstwelt in Form schwarz-weißer Fotogramme auf­bringen ließ. Ernst Fuchs setzte einen 635 CSi unter Fegefeuer und Flammen. Es folgten weitere Künstler aus der zweiten Reihe, immerhin waren César Manrique und A. R. Penck darunter, Sandro Chia und David Hockney, der erstaunlicherweise versagte. Jenny Holzer gelang mit dem Le-Mans-Roadster von 1999 eines der stimmigsten Konzepte: Sechs kurze Sätze prägen den Wagen unter der thematischen Haupt­vorgabe PROTECT ME FROM WHAT I WANT in massiver Chromschrift.

Dann war Pause, und erst Olafur Eliasson durfte die Idee des Art Car im Jahr 2007 wiederbeleben. Da hatten die BMW-Leute aber zu schlucken: Er lieferte ihnen auf unkenntlicher Basis eines Wasserstoff-Concept-Cars eine Art Metall-Igel aus Eis, von gelbem Nano-Licht innenbeleuchtet. Zur Präsentation im San Francisco MoMa mussten wir uns mit Decken in eine Kältekammer begeben, wo das Objekt unter Permafrost stand. Olafur wurde anlässlich eines Cocktails im benachbarten Hotel gefeiert, aber niemand erkannte den unauffälligen ­Beamtentyp mit Brille, also konnte ich lange ungestört mit ihm plaudern.

Das wäre diesmal nicht möglich gewesen, dem Hype um Jeff Koons wurde mit einem großen Galabankett stattgegeben, und der Künstler lieferte eine beeindruckende Performance professioneller Herzlichkeit ab, die keinen wirklichen persönlichen Kontakt zuließ. Ähnlich elegant abgefertigt hätte ich mir auch seinen Entwurf vorgestellt, wurde aber völlig überrascht, als bei der Enthüllung ein wirklich fulminanter, lebendig und detailreich konzipierter Entwurf erschien, der Geschwindigkeit, Vibrationen und eine gewisse Meta-Ebene der Renngeschwindigkeit vorwegnimmt, bis hin zu den ­explosiv gestalteten Verwirbelungen im Heck. Selbst Mario Theissen, der Rennsportchef, und einer der Piloten, der den Wagen in Le Mans bewegen wird, konnten was damit anfangen. Allerdings hatten sie auch keine Antwort auf die Frage eines Journalisten, was denn im Falle eines Totalcrashs mit dem Kunstwert geschehen würde.