<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Rauschender Empfang

Vor dem Schwinden der letzten Aufzeiger gegen die Stromlinie: ätherkitzelnde Autoantennen.

Zarte schwarze Striche ragen in gereihter Schräge aus den Dächern unserer Autos. Beharrliche Interpunktionen im Straßenverkehr, so könnte man sie mit leisem Poesie­anflug nennen: die Antennen.

Die Autoantenne ist, wie alle zarten Drahtgebilde, ein spiritueller Versuch ins Ungewisse. Wäre die Sache etwas handfester, hätten wir also Sensorien, um Radiowellen zu sehen, so würden unsere Frequenzen erntenden Fahrzeuge wie frühe Autodromautos durch den Äther pflügen, mit den funkenprasselnden Abnehmern hinterher.

Antennen sind heute weitgehend vereinheitlicht vom Auto kragend im Winkel von 75 Grad, den man offenbar für das verträglichste Maß zwischen aufrecht und dynamisch hält, wie das ja auch an der schrägen Normschrift (ÖNORM ISO 3098) abzulesen ist, deren Buchstaben nämlichen Winkel einhalten. In früheren Zeiten der Autofotografie waren sie ein Ärgernis, weil sie wie ein Kratzer am Diapositiv wirkten. Heute fährt Photoshop drüber, wahrscheinlich haben fortgeschrittene Versionen schon einen Antennenlöscher eingebaut.

Ihren drastischen Höhepunkt hatte die Autoantenne in den siebziger und achtziger Jahren als Kurzwellen-Behelf, als der CB-Funk modern wurde, dieser Publikumsfunk im 11-Meter-Band, bei dem jeder mit jedem reden konnte, was aber nur bei Truckern wirklich Sinn hat, wenn es um allgemein gültige Warnungen vor Polizisten, Staus und andern Beschwernissen geht. Der Rest war Plappern zum Einüben aufs Handy. Als ich das erste Mal etwas von Karl Moik hörte, war er auf CB-Funk, er nannte sich Karl-Moik-Mobil und suchte in Vor-Stadl-Zeiten auf diese Weise sein Publikum. Wer also ein funkkräftiges Gerät im Auto hatte (stationäre Anlagen waren gar nicht erlaubt), zeigte dies mit ­einem Auto-Aufkleber, der den CB-Funknamen trug, und mit einer enorm langen Antenne, die oft mittels Drahtfaden dramatisch zurückgespannt war, was irgendwie an Armee-Funkwagen erinnerte.

Später war man antennenmäßig am lässigsten aufgestellt mit einer dieser bumerangförmigen Halbmondscheiben, wie man sie heute nur noch an Stretchlimousinen findet.

Auch der Fuchsschwanz als Antennensymbol hat längst ausgedient – aus Gründen eines neu geordneten Umwelt- und Tierschutzverständnisses findet man ihn nicht einmal mehr auf Veteranenveranstaltungen, was ein begrüßenswerter Fortschritt ist.

Heute, in der Generation Cool, unterscheidet man zwischen dachmontierten Stirn- und Heckbereichsantennen, meist 75 Zentimeter lang, stabförmig und von Draht umwendelt, danach mit schwarzem Kunststoff überstrumpft. Man kann sie in der Regel mit der Hand abschrauben, was sich empfiehlt, ehe man in eine Waschstraße einfährt. Andernfalls erfährt man eine Geräuschsensation, die man nie mehr aus dem akustischen Gedächtnis löschen kann. Das heftig regelmäßige Schlagen eines um die Waschbürste gewickelten Antennendrahts auf ein frisch gewaschenes Autodach gehört zu den unvergesslichen Geräuschszenarien.

Völlig verschwunden ist die elektrisch ein- und ausfahrbare Antenne, ein gefeiertes Prestigemerkmal der siebziger und achtziger Jahre. Die Teleskopantenne war auch eine beliebte Vandalentrophäe, wenngleich sie sich oft nur knicken, wegen des drahtigen Innenlebens aber nicht mitnehmen ließ. Aber Vandalen sind im Grunde anspruchslos. Ärgerlich allemal.

Heute haben sie wenig Angriffsziele, es fehlt das kastratische Element, wenn man sich an kurzen Stabantennen vergreift oder gar an Haifischantennen, die wegen ihrer Flossenform so heißen, meist hinten am Dach befestigt sind und dem Fahrzeug-Handyempfang dienen, also meist an Oberklasselimousinen zu finden sind. Gleichzeitig bedeutet dies in der Regel, dass die eigentliche Radioantenne in den Rahmen oder in die Windschutzscheibe integriert ist.

Am liebsten hatte ich die A-Säulen-Antennen, wie man sie vornehmlich bei japanischen Fahrzeugen findet. Sie nützen den Hohlraum der linken Windschutzscheiben-Strebe als Futteral. Es ist, als zöge man ein Stück Seele aus dem Auto, praktischerweise geht das sogar vom Fahrersitz aus, während einer roten Ampelphase. Man kann dann dem Autoradio beim Besser-Empfangen zuhören.