<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Vom Rennfahren

Dass das auch zum Berufsbild gehört, hatte mir beim Bewerbungsgespräch niemand gesagt.

Die Zuspitzung des Autofahrens findet auf der Renn­strecke statt. Das ist der Ort, wo jeder genau weiß, was der ­andere für Unterwäsche trägt: feuerfeste Longjohns und kratzige Langarm-Leibchen, beides in der Farbe, wie sie in Auslagen von Bandagisten und Orthopädietechnikern vor­herr­schen. Selbst über den Kopf zieht man eine Art Stützstrumpf mit Loch. Dann der Helm. Die Handschuhe mit Mantel-und-Degen-Stulpen.

Am schönsten sind die Overalls, ich schätze ihre weiß ­gesteppten Quadrate, die das Innenfleece vor dem Verrutschen bewahren. Straffe Strickbündchen schließen an Hand- und Fußgelenken ab. Jetzt gibt es einiges zu lesen. Aber hier sind alle zu cool, um wirklich ein Auge auf Genol, Gedol, Castrol, Gedore, ­Sunoco und Thermenregion Ötscherland zu haben.

Es herrscht eine geschlossene, zugerichtete Atmosphäre in Boxen- und Fahrerlager, die keine Außenwelten zulässt, höchstens Gruppen von Mädchen in knalligen Sponsorfarben. Es ist schwer, sich hier wohlzufühlen, denn wer sich wohlfühlt, verliert. Das Provisorische, Gaffertape-Geklebte, Zugeschärfte bestimmt über Sieg und Niederlage, und weil nur einer gewinnen wird, sind alle nervös. Jemand rempelt mich von hinten, dabei sitze ich noch nicht einmal im Auto, sondern binde mir die feschen blauen Raulederschuhe mit der sensiblen Sohle. Ich überlege, welche Schnürung meinem Gasfuß und welche meinem Kupplungsfuß entsprechen würde. Man frisiert seine Gedanken auf Performance in allem, was man tut.

Meistens aber lungert man herum und wartet. Man ist mit allem viel zu früh fertig, weil man aus Nervosität die Zeit falsch einschätzt. Dann, wenn man zum vierten Mal auf dem Klo war, fällt einem nichts mehr ein. Man könnte „Effi Briest“ endlich zu Ende lesen, oder „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny. Ihr lacht, aber das war damals, als es herauskam, das erklärte Lieblingsbuch von Karl Wendlinger. Denn es geht, wenn ich mich recht erinnere, ­darum, in der Hektik, die rundum herrscht, eine Insel der Langsamkeit zu bewohnen, um die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Eine Art Zeitlupenbrille, wie sie gute Tormänner besitzen: Sie sehen den Ball langsam wie einen Luftballon heranschweben, können aber flink zugreifen.
Beim Autorennfahren passieren ähnliche Sensationen, aber meist stellt sich die Zeitlupe erst dann ein, wenn der Crash, der Abflug unvermeidlich erscheint. Das können Momente absoluter Schönheit sein, wenn man mit quer stehendem Auto in eine Dreiergruppe ebenfalls quer stehender Autos hineinschlittert, aber in diesem Fall hatte meine Zeitlupenerscheinung einen lapidaren Grund: Es handelte sich um ein Eisrennen, und da geschieht alles etwas verzögerter als sonst.

Vor dem Start kommt der Vorstart. Das ist die Steigerung des Wartens ins Unerträgliche. Man sitzt festgegurtet im Auto und verärgert die Gegner mit heftigen Gasstößen und ruckartigen Kurzstarts. Dabei ist mir nur der Helm in den Fußraum davongerollt, und ich versuche, ihn auf diese Weise herbeizukugeln, denn meine Sechspunkt-Gurtvorrichtung erlaubt mir kein Drehen, kein Bücken, sondern nur aufrechte Haltung im Schalensitz. Dann folgt das übliche Dilemma Helm oder Handschuhe, denn mit Handschuhen kann man den Helm schlecht verschließen, andererseits möchte man die sichere Rüstung nicht mehr verlassen.

Der Start erfolgt in der Regel weiter vorne, weil mich ­meine Trainingszeit ins Mittelfeld verwiesen hat. Es ist mir viel lieber, Gegner vor als hinter mir zu haben. Schon in der ersten Kurve gelingt es mir, drei Kontrahenten in der ­Innenbahn zu überholen. Unwillkommene, aber offenbar zwingende Gesetze der Physik sorgen dafür, dass sie mich im nächsten Gegenschwenk geschlossen rücküberholen, diesmal aber zu fünft.

Ich tröste mich damit, dass ich hier als Journalist antrete und dies alles im Dienste der Story erlebe. Ich meine, was hat man schon zu erzählen, wenn man ständig nur vorne her fährt und nichts über die Dramatik berichten kann, die weit dahinter herrscht? Da kämpfe ich lieber mitten im Pulk um aussichtslose Positionen und freue mich, wie sich alles so viel besser fügt als im Straßenverkehr, nur wenn mir der Russe ins Heck knallt, dann mache ich dasselbe, wenn mir ein Russe in Russland ins Heck knallt: gar nichts.

Dieses Autorennen, sobald es endlich im Gange ist, bietet so viel Freude und Unterhaltung und bunte Fahnen, dass man verstört ist, wenn die karierte Flagge fällt. Man hat sich mit jeder Runde zu verbessern versucht, hat endlich diesen lähmenden Vordermann, der seit dreißig Runden blockiert, überholt und ist auf dem besten Weg, Geschichte zu machen. Aber leider: Race over. Wieder einen Pokal verpasst, und meine Sammlung im Regal bleibt auf meine drei täglich polierten Exemplare beschränkt. ­Einen habe ich beim Österreichischen Zeitschriftenpreis gewonnen und zwei beim Trabrennen. Man muss halt wissen, wo seine Talente sind.