Autoindustrie: Salzburger Mächte

Die österreichischen Familien Porsche und Piëch stärken ihre Macht beim deutschen Volkswagen-Konzern. Vorstandschef Bernd Pischetsrieder ist das Opfer.

Auf den ersten Blick haben die beiden Städte wenig Verbindendes. Hier Salzburg, die Mozart- und Festspielstadt – dort das deutsche Wolfsburg, Sitz des Volkswagen-Konzerns, dazwischen eine Fahrstrecke von 750 Kilometern. Bliebe gerade noch die gleiche Nachsilbe als Gemeinsamkeit.

Und doch herrschen in Salzburg Kräfte, die bis in die niedersächsische Stadt reichen. Das musste Volkswagen-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder vergangene Woche endgültig zur Kenntnis nehmen. Selbst für die Fachwelt überraschend erklärte der seit 2002 amtierende und mit einem Vertrag bis zum Jahr 2012 ausstaffierte VW-Boss am 7. November seinen Rücktritt per Jahresende. Freiwillig tat er das nicht. Pischetsrieder stand seit Monaten unter erhöhtem Druck und wachsender Kritik. Er sei ein „Zauderer“, wurde ihm beschieden, der die Dinge beim größten deutschen Autohersteller nicht in den Griff bekomme, der die nötigen Sanierungsschritte zu lange vor sich herschiebe und auch bei strategischen Entscheidungen zu wenig energisch agiert habe (siehe Kasten Seite 60).

Druck von oben. Dass der 58-Jährige seine Demission per Jahresende erklärte, hat aber mit all dem nur bedingt zu tun. Vielmehr ist es die Chemie zwischen ihm und seinem Aufsichtsratspräsidenten und Amtsvorgänger Ferdinand Piëch, die ihn jetzt den Kopf kostet. Piëch lag seit Monaten mit seinem Konzernlenker im Clinch. Als dessen Vertragsverlängerung im Frühjahr auf der Agenda stand, ließ der Präsident mehrfach öffentlich Zweifel anklingen, ob es tatsächlich dazu kommen würde. Doch die übrigen Mitglieder des Aufsichtsrates, vor allem auch die Belegschaftsvertreter, standen hinter ihrem Vorstandschef und beschlossen, trotz Piëchs wenig dezent gestreuter Einwände, Pischetsrieders Vertrag bis zum Jahr 2012 zu verlängern.

Man könnte meinen, Pischetsrieder wäre nach dieser gewonnenen Schlacht gefestigt im Sattel gesessen. Doch auch wenn sich die Zahlen des deutschen Autoherstellers in den ersten drei Quartalen 2006 merklich verbessert haben, die schweren Brocken sind noch nicht beseitigt. Und Ferdinand Piëch ist es in den vergangenen Monaten gelungen, seinen Einfluss im Konzern auszubauen.

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, wurden im vergangenen September die Ferdinand Porsche Holding und die Ferdinand Porsche Privatstiftung, beide mit Sitz am Salzburger Giselakai Nummer 37, gegründet. Sinn und Zweck der Aktion war es, die Kräfte der beiden Familien Porsche und Piëch, allesamt Nachkommen des 1951 verstorbenen VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, zu bündeln und dadurch die unternehmerischen Aktivitäten konsequenter vorantreiben zu können.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren viele Entscheidungen schlicht daran gescheitert, dass die Interessen der weit verzweigten Familien kaum unter einen Hut zu bringen waren. Deren gab und gibt es einige: Mit Porsche Austria, heimischer Generalimporteur für alle VW-Konzernmarken und Porsche sowie Betreiber zahlreicher Vertragswerkstätten, kontrolliert der Clan eines der größten Autohandelshäuser Europas. Die erst vor zwei Monaten gegründete Ferdinand Porsche Holding hält heute 50 Prozent der Aktien am Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche, hat dort aber uneingeschränkt das Sagen, weil die restlichen 50 Prozent ausschließlich stimmrechtslose Vorzugsaktien sind. Der unter Kontrolle der Familien stehende Sportwagenbauer wiederum hat sich seit September 2005 sukzessive beim deutschen Volkswagen-Konzern eingekauft: Aus anfangs 10,26 und derzeit 21,19 Prozent sollen bald 29,9 Prozent werden. Das schafft Einfluss genug, um sich bei wesentlichen Entscheidungen gegen die übrigen VW-Aktionäre, das Land Niedersachsen mit etwas über zehn Prozent sowie institutionelle und private Anleger, durchzusetzen.

Zündstoff. Am 2. November wurde ein Faktum publik gemacht, das Pischetsrieders Überlebenschancen weiter reduziert hat: In einem unscheinbaren Inserat in der deutschen „Börsen-Zeitung“ gab die Volkswagen AG Folgendes bekannt: „Die Ferdinand Porsche Privatstiftung, Salzburg, und die Ferdinand Porsche Holding, Salzburg, haben mitgeteilt, dass der Stimmrechtsanteil beider an der Volkswagen AG am 20. Oktober 2006 (...) 22,19 Prozent betrage.“ Was nach einem Formalakt klingt, birgt nach Einschätzung von Branchenexperten einigen Zündstoff. „Das heißt, dass die Stimmrechte an VW nicht mehr beim Aktionär Porsche, sondern bei den Salzburgern liegen und diese von dort nun direkt ausgeübt werden“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center of Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen und Betreiber des Beratungsunternehmens B&D Forecast. Nun hat Pischetsrieder also nicht nur einen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch am Hals, sondern auch noch dessen gesamten Clan als bestimmenden Aktionär. Drei Werktage nach Veröffentlichung des Inserates folgte die Kapitulation des VW-Vorstandschefs.

Meinungsumschwung. Ferdinand Piëch war es vor vier Jahren gewesen, der Pischetsrieder in die Volkswagen-Führung geholt hatte. Piëch ist es nun, der ihn aus dem Amt gehebelt hat und seinen eigenen persönlichen Favoriten demnächst zum Nachfolger machen wird. Das VW-Präsidium wird den derzeitigen Audi-Chef Martin Winterkorn in einer für 17. November angesetzten Hauptversammlung vorschlagen. Man darf davon ausgehen, dass dessen Ernennung ohne große Widerstände über die Bühne geht. Denn längst hat Piëch die wichtigsten Mitglieder des Kontrollgremiums auf seine Seite geholt. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking etwa, der im April noch für die Vertragsverlängerung Pischetsrieders gestimmt hat, wie auch die drei Arbeitnehmervertreter. Einzig Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sei in einer von Piëch initiierten Sondersitzung des Aufsichtsratspräsidiums anfangs noch hinter dem amtierenden Manager gestanden. Bis bekannt wurde, dass dieser unter dem wachsenden Druck des Porsche-Piëch-Clans einer einvernehmlichen Lösung seines Vertrages zustimmen würde.

Dass Winterkorn die optimale Wahl ist, bezweifeln Branchenkenner allerdings. Denn einen echten Saniererjob, wie er an der VW-Spitze wartet, hat der studierte Kernphysiker und leidenschaftliche Techniker bisher noch nicht gemacht. Auf ihn kommen nun harte Verhandlungen mit Betriebsräten und Gewerkschaftern um niedrigere Löhne und längere Arbeitszeiten zu – Neuland für den erfolgsverwöhnten Audi-Manager.

Mit seinem persönlichen Vertrauensmann an der VW-Spitze kann Ferdinand Piëch aber beginnen, große Pläne für das Jahr 2007 zu wälzen. Bis dahin, so meinen Insider, könnte das so genannte VW-Gesetz fallen. Diese aus dem Jahr 1960 stammende Regelung legt unter anderem fest, dass kein Aktionär mehr als 20 Prozent der Stimmrechte ausüben darf, unabhängig davon, wie hoch sein Anteil am Unternehmen ist.

Von Martin Himmelbauer