Autosalon Frankfurt: Abseits

Offroad. Hundert Prozent Zuwachs in vier Jahren – mit den Sport Utility Vehicles erlebt ein eigentlich anachronistisches Segment des Automarktes einen wahren Boom.

Geländewagen machen Sinn. Wenn man damit ins Gelände fährt. Sie machen vergleichsweise wenig Sinn, wenn man damit im Stau steht, bloß schnell einkaufen fährt oder die Strecke Wien–Salzburg auf der Autobahn bewältigt. Und dennoch – die Gruppe der Offroader oder Sport Utility Vehicles (SUV), wie man deren moderne Inkarnation nennt, weist seit einigen Jahren die größten Zuwachszahlen aller Segmente auf. Obwohl weder die Anzahl der Jäger merklich gestiegen ist noch strengere Winter ins Land gezogen sind, haben sich die Verkaufszahlen in Österreich seit 2001, also in nur vier Jahren, verdoppelt. Acht Prozent aller Neuwagen sind nun hochbeinig und breitspurig, was 13.598 verkauften Fahrzeugen im ersten Halbjahr 2005 entspricht. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres wurden 10.658 SUV abgesetzt. Dies entsprach noch rund sechs Prozent des Gesamtmarktes.

Wenn man Phänomene anders nicht erklären kann, muss der Lifestyle herhalten: Geländewagen gelten aufgrund ihrer martialischen Anmutung als trendig und scheinen dem Selbstverständnis einer sportlich orientierten Freizeitgesellschaft besonders gut zu entsprechen. Selbst wenn man bloß im Ziegelteich baden geht – die raue Schale und der Allradantrieb signalisieren, dass man jederzeit in die wilde Natur abdriften könnte, wo immer diese in Europa auch sein mag. Thomas Bucher, Markenmanager von Nissan Österreich, hat aber auch noch eine handfestere Erklärung: Der Einsatz moderner Technologien habe die Offroader stärker berührt als andere Fahrzeugsegmente – und zwar im positiven Sinne.

* Durch die Installation moderner Dieselmotoren wurden die Verbrauchswerte so weit gesenkt, dass sich diese vielfach nicht mehr wesentlich von jenen großer Limousinen und Kombis unterscheiden.

* Den Allradantrieben wurde ihre Komplexität genommen. Musste man beim Puch G noch nahezu ein Experte sein, um das Untersetzungsgetriebe und drei Sperren manuell bedienen zu können, so erledigen moderne, elektronische Allradantriebe alle Vorgänge automatisch – mit dem Vorteil, dass Verspannungen im Antriebsstrang, ein altes Leiden von 4x4-Fahrzeugen, der Vergangenheit angehören.

* Zunehmend wird auf den Allradantrieb sogar gänzlich verzichtet – eine seltsam anmutende, aber eigentlich vernünftige Entscheidung: Wer ohnehin nur auf der Straße fährt, kann das auch ohne Allrad tun, und zwar günstiger. Modelle wie der verkaufsstarke Hyundai Tucson oder der Nissan X-Trail senken derart den Einstiegspreis auf das Niveau eines VW Golf.

* Die Merkmale der Minivans – Raum und Flexibilität – werden vermehrt auf Sport Utility Vehicles umgelegt. Sitze im Fond lassen sich heute flach in den Wagenboden versenken, in die größeren SUV passen durchwegs sieben Personen.

Mit all diesen Entwicklungen wurde die Unvernunft dieser Fahrzeuggattung so weit entschärft, dass sich zunehmend auch Kombi- oder Minivanfahrer dafür interessieren. Als Erfolgsfaktoren gelten neben dem gefälligen Aussehen ein guter Dieselmotor, ein kompaktes Format sowie ein Preis, der sich mit jenem von Mittelklasse-kombis messen kann.

Abgeschlagene Klassiker. Im Vergleich der Verkaufsstatistiken von Offroadern und herkömmlichen Straßenfahrzeugen zeigen sich in Bezug auf die jeweils verkaufsstärksten Marken erhebliche Unterschiede: Koreaner und Japaner führen die Liste an, BMW kann sich dank des X3 und X5 auf Platz drei der Herstellerwertung platzieren. Volkswagen, sonst absolut dominierend in Österreich, liegt bei den SUV auf Rang sieben. Kleiner Trost für den Konzern: Der Touareg führt die Unterkategorie der Premium-SUV an.

Damit geht es Volkswagen immer noch besser als den arrivierten Platzhirschen der Vergangenheit: Weder Landrover, Jeep noch Mitsubishi können derzeit ein Modell in den Top Ten etablieren – dementsprechend wird bei diesen Herstellern zurzeit nach neuen Konzepten gesucht. „Jeep will aber bei dieser Mode nicht mitmachen und keinen hochgestellten Kombi auf den Markt bringen“, sagt Ingo Natmessnig, Geschäftsführer von Chrysler Austria. „Die Marke darf ihre Glaubwürdigkeit als echter Offroad-Spezialist nicht aufs Spiel setzen.“

Natmessnig setzt seine Hoffnungen aber auch in das Premiumsegment, eine Kategorie, die ebenfalls wächst. Im Windschatten des Porsche Cayenne – der übrigens den erfolgreichsten Porsche-Modellstart aller Zeiten hingelegt hat – setzen bald neue, noch extremere Varianten zum Überholen an. Audis erster Offroader Q7 nützt die Plattform von Cayenne und Touareg für die größte und luxuriöseste Interpretation des Themas. Und Jeep wird ab 2006 den voluminösen, siebensitzigen Commander auch in Graz bauen lassen, was der Region eine Investitionssumme von neun Millionen Euro und 80 zusätzliche Arbeitsplätze bringt.

In Bezug auf künftiges Wachstum dieses Segments sind die meisten Experten dennoch vorsichtig. Jeep-Boss Natmessnig: „Der Wachstumsprozess ist nicht abgeschlossen, aber der Schwung wird nachlassen.“ Auch Helmut Pletzer, General Manager von Suzuki Austria, sieht das ähnlich: „Einen Anteil von zehn Prozent am Gesamtmarkt halte ich für die Obergrenze.“ Nissan-Geschäftsführer Bucher indes glaubt, dass durchaus noch Zuwachspotenzial vorhanden ist: „SUV werden künftig noch komfortabler, noch vielseitiger und damit noch attraktiver für Umsteiger aus klassischen Segmenten.“

Auch die Neuerscheinungen sprechen für weiteres Wachstum. Allein am Frankfurter Salon wurden zwei programmierte Bestseller vorgestellt: Toyotas RAV4 und Suzukis Grand Vitara. Beide haben die besten Voraussetzungen, um das Segment zu vergrößern. „Wir wollen mit dem Vitara wieder an die Spitze“, postuliert Suzuki-Manager Pletzer.

Wettbewerb. Mittelfristig könnte sich die Konkurrenz im Offroad-Segment freilich verschärfen – dann nämlich, wenn die europäischen Volumensmarken verstärkt in den Kampf um Marktanteile eintreten:

* Fiat stellt bereits den Fuß in die Tür. Das italienische SUV, eine in Ungarn produzierte Kooperation mit Suzuki, wird als „Official Car“ der Olympischen Winterspiele in Turin öffentlich präsentiert, die Markteinführung in Österreich soll im März erfolgen. Kurz darauf soll ein auf der gleichen Plattform basierendes Fahrzeug im Lancia-Outfit vorgestellt werden.

* Aufruhr hat bereits das nächste Projekt von Volkswagen in diesem Fahrzeugsegment verursacht. Derzeit geht es um den Zuschlag für die Produktion eines künftigen Kompakt-SUV, der Marrakesch heißen könnte. Um Gewerkschaften und Politik unter Druck zu setzen, hat sich VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard für den Standort Portugal statt Wolfsburg ausgesprochen. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Das Modell kommt 2007.

* Ebenfalls 2007 wird Renault einen neuen kompakten Offroader vorstellen, gemeinsam entwickelt und produziert mit der zum Konzern gehörenden koreanischen Marke Samsung Motors. Komponenten und Know-how stammen von Nissan.

* Noch 2006 wird der neue Opel Frontera erwartet. Sein Aussehen kann man anhand des Chevrolet S3X erahnen. Das bei Daewoo entwickelte SUV dient als gemeinsame Basis für Chevy und Opel – Chevrolet startet freilich bereits im kommenden Mai.

Und wenn Markt- und Lifestyle-Trends die potenziellen Kunden nicht überzeugen, wollen die Anbieter Vernunftargumente nachliefern können: „In Wien hat es im letzten Winter nur viermal ordentlich geschneit, aber wenn das der Fall war, gab es jedes Mal ein Verkehrschaos“, sagt Suzuki-Mann Helmut Pletzer. Wenn das nicht für ein SUV spricht.

Von Peter Schönlaub