Averny: „Können nicht ewig mit der
Judenverfolgung argumentieren“

Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery über den Boykott der Siedlerprodukte und die Rolle Österreichs.

Interview: Tessa Szyszkowitz

profil: Der österreichische Außenminister Michael Spindelegger fordert den Boykott von Siedlerprodukten: Hat das nicht einen seltsamen Beigeschmack?
Avnery: Ein Boykott ist eine freiwillige Sache, das kann jeder für sich entscheiden. Die EU will endlich Siedlerprodukte als das bezeichnen, was sie sind: Produkte aus besetzten Gebieten. Wer solche kauft, unterstützt die Siedlungspolitik.

profil: Die Siedler sagen, es sei unmoralisch, wenn Deutschland und Österreich wieder jüdische Produkte boykottieren – so wie 1933.
Avnery: Ich kann mich genau daran erinnern, was am 1. April 1933 in Deutschland passierte. Es war der „Tag des Boykotts“. „Kauft nicht bei Juden!“, hieß es. Mein Vater ließ mich nicht in die Schule gehen, weil es zu gefährlich war. Aber wir können nicht ewig mit der Verfolgung der Juden in Deutschland argumentieren. Dürfen Israelis deshalb auf gestohlenem Boden Waren produzieren? Nein.

profil: Sind Sie auch für einen akademischen Boykott? Der britische Physiker Stephen Hawking hat gerade seine Teilnahme an einer wissenschaftlichen Konferenz von Israels Präsident Schimon Peres abgesagt.
Avnery: Einen Boykott aller israelischen Akademiker fände ich ganz falsch. Es gibt viele, die sich aktiv für den Friedensprozess einsetzen. Die sollte man nicht boykottieren. Im Falle von Stephen Hawking finde ich, dass er recht hat, wenn er nicht das Feigenblatt für eine Konferenz zur Ehre von Schimon Peres sein will.

profil: Schimon Peres war doch der Architekt des Oslo-Friedensprozesses.
Avnery: Ja, aber 1974 erlaubte er als Verteidigungsminister die erste Siedlung im Westjordanland. Damit wurde der Grundstein für die Siedlungspolitik gelegt, die heute die Zwei-Staaten-Lösung so erschwert.