Bettengeflüster

Wie ein verschworener Zirkel den Verkauf des Wiener Hotels Bristol orchestrierte – möglicherweise zum Nachteil der Bank-Austria-nahen B&C Privatstiftung.

Die Geschichte des ehrwürdigen Wiener Hotels Bristol ist nicht eben arm an Anekdoten. Über den legendären Tenor und Bristol-Gast Enrico Caruso heißt es auf der Homepage des Hotels: „Obwohl er ein Weltstar war, fanden die Kritiker an der Wiener Oper ihn eher ­enttäuschend. Man favorisierte einen lokalen Tenor, Leo Slezak, echt Wiener Patriotismus.“

Es ist wohl kein Zufall, dass das Hotel Sacher, ebenfalls nur einen Steinwurf von der Oper entfernt, auf der eigenen Homepage unter der Rubrik „Prominente Gäste“ ausgerechnet mit dem Konterfei des 1946 verstorbenen Tenors Leo Slezak wirbt. Die beiden Traditionshäuser verbindet seit jeher ein gesundes Konkurrenzverhältnis.

Mit dem Wettstreit um die Opernstars ist es bald vorbei: Mitte Juni wurde verlautbart, dass die Sacher-Gruppe das Bristol übernehmen wird. Der Bieterprozess – die kolportierte Verkaufssumme für das Bristol liegt zwischen 70 und 90 Millionen Euro – wurde allerdings unter höchst merkwürdigen Begleitumständen abgewickelt. Der Mehrheitseigentümer, die von der Bank Austria gegründete und mit reichlich Vermögen ausgestattete B&C Privatstiftung, vergraulte nämlich reihenweise potenzielle Käufer. Offenbar stand von vornherein fest, wer das Haus übernehmen sollte: Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler.

„Es gab andere Interessen­bekundungen. Aber keine andere Option hätte eine annähernd vergleichbar gute Lösung für alle Beteiligten, die drei Hotels und den heimischen Hotelmarkt, dargestellt“, behauptete Michael Junghans, Geschäftsführer der B&C Industrieholding, bei einer Pressekonferenz im Hotel Bristol am 16. Juni 2011. Die B&C Industrie­holding ist die operative Tochtergesellschaft der B&C Privatstiftung und drauf und dran, sich von einigen wertvollen Beteiligungen zu trennen. Darunter auch die 52,1 Prozent an der Imperial Hotels Austria AG, die wiederum die Hotels Bristol, Imperial und Goldener Hirsch besitzt.

Ob mit dem Verkauf des Hotels Bristol an die Sacher-Gruppe – die beiden anderen Häuser gehen an den Imperial-Minderheitsgesellschafter und Hotelbetreiber Starwood – tatsächlich die „beste Lösung“ gefunden wurde, muss allerdings bezweifelt werden. Die Verhandlungsführer der B&C haben nämlich eine ganze Reihe von „anderen Optionen“ schlichtweg nicht geprüft. Möglicherweise zum Nachteil der Stiftung. profil liegen schriftliche Anfragen von mehreren potenziellen Käufern an B&C vor. Die Interessenten haben alle etwas gemeinsam: Sie wurden ab­gewimmelt.

Anfang Mai dieses Jahres bekundete ein britischer Investor sein Interesse an allen drei Hotels aus dem Imperial-Paket. Er sei „flexibel“ und würde sich „auch mit einer oder zwei der Immobilien zufriedengeben“, schrieb der Investor in einem profil vorliegenden Brief. Sein Kontaktmann in Wien wurde trotz mehrfacher Anfragen nicht einmal zu einem Gespräch mit dem Verkäufer eingeladen, auf telefonische Rückrufe wartete er vergeblich.
Da war die Sache wohl bereits ge­laufen.

Zwei Monate zuvor, im März dieses Jahres, langte bei Robert Hauer, Beteiligungsmanager der B&C Industrieholding, eine schriftliche Interessenbekundung für das Hotel Bristol aus Deutschland ein. Der Absender: ein Frankfurter Immobilienentwickler. Einige Wochen später die Urgenz per E-Mail: „Sehr geehrter Herr Hauer, wir hatten Ihnen am 23. März unser Interesse am Erwerb des Hotels Bristol per Mail und per Post mitgeteilt. Wie geht es nun weiter? Haben Sie unser Schreiben auch erhalten? Welche Schritte sind von Ihnen jetzt geplant?“, heißt es in dem profil vorliegenden E-Mail des Interessenten vom 18. April 2011. Knapp eine Woche später, am 26. April 2011, die lapidare Antwort von B&C-Manager Hauer: „Wie ich Ihnen bereits mündlich mitgeteilt habe, führen wir derzeit keinen Verkaufsprozess. Sollte sich dies ändern, werde ich Sie kontaktieren.“ Eine glatte Lüge. Oder: Auch damals
war die Sache bereits gelaufen.

Die österreichische Hotelgruppe Arcotel fragte bereits Ende 2010 wegen des Imperial-Pakets bei B&C an – und wurde ebenfalls abgewimmelt. „Wir bedanken uns für Ihr ­Schreiben vom 2.11.2010 und müssen Ihnen leider nach Rücksprache mit Starwood mitteilen, dass derzeit keine weiteren Gespräche hinsichtlich Verkauf der Hotels geführt werden sollen“, heißt es in einem mit 9. November 2010 datierten und von Michael Junghans und Robert Hauer unterzeichneten Schreiben. Wieder eine Lüge. Oder: Auch damals war die Sache schon gelaufen.

Aber was ist das für ein Unternehmen, das es sich leistet, Kaufinteressenten gar nicht erst zu Gesprächen einzuladen – und damit freiwillig auf einen möglichen höheren Verkaufserlös verzichtet?

Die B&C Privatstiftung wurde im Jahr 2000 unter dem damaligen Bank-Austria-Generaldirektor Gerhard Randa von Bank Austria und Creditanstalt gegründet. Zu diesem Zeitpunkt stand die Bank Austria kurz vor dem Verkauf an die deutsche ­HypoVereinsbank. Randa fürchtete den Ausverkauf der Industriebeteiligungen der Bank an ausländische Investoren. Also entzog er die wichtigsten Beteiligungen dem Zugriff von außen und verbrachte sie in die Stiftung, deren operatives Geschäft von der B&C Industrieholding abgewickelt wird. Patriotismus dürfte wohl nicht Randas einzige Triebfeder gewesen sein. Mit seinem Sitz im Stiftungsvorstand hatte Randa auch dem eigenen Pensionsschock vorgebeugt. Weitblickend hatte er erkannt, dass Manager seines Zuschnitts den plötzlichen Bedeutungsverlust im Ruhestand nur schwer verkraften. Randa musste seinen Platz in der Stiftung allerdings nach der Übernahme der BA-CA durch die UniCredit räumen. Nun darf sich sein Nachfolger Erich Hampel auch nach seiner aktiven Karriere in der Bank bedeutsam fühlen.

Denn das Portfolio, das von der Bank Austria in die B&C Privatstiftung eingebracht wurde, kann sich sehen lassen: Anteile am Faserhersteller Lenzing (67,6 Prozent), an Semperit (54,2 Prozent), dem Baukonzern Porr (38,7 Prozent) und den Österreichischen Lotterien, dazu noch eine ganze Reihe ­kleinerer Beteiligungen. Im Jahr 2010 erwirtschaftete die B&C Industrieholding ein Ergebnis in Höhe von 379 Millionen Euro. Auch weil zuletzt einige Kronjuwelen verkauft wurden. Das mehr als 23.000 Hektar große Jagd- und Forstgebiet Alwa wurde Ende 2009 für kolportierte 120 Millionen Euro veräußert. Vom Hotel Radisson am Wiener Stadtpark hat sich die B&C bereits getrennt, nun folgen die Beteiligungen an den Hotels Bristol, Imperial und Goldener Hirsch.

Die regen Verkaufsaktivitäten haben ­einen simplen Grund. Die Stiftung hat sich vor drei Jahren endgültig von ihrem Stifter gelöst. Die Bank Austria hatte zwar Vermögen in die B&C eingebracht. Dafür musste die Stiftung der Bank allerdings so genannte Genussrechte einräumen. In anderen Worten: Die Gewinne mussten weiterhin abgeliefert werden. Im Jahr 2008, mitten in der weltweiten Finanzkrise, verkaufte die Bank Austria die Genussrechte für 1,1 Milliarden Euro an die B&C Privatstiftung. In gerade einmal drei Jahren Selbstständigkeit ist es bereits gelungen, die zum Erwerb der Genussrechte aufgenommenen Kredite zur Gänze zu tilgen. Damit ist die Stiftung also in jeder Hinsicht unabhängig. Und kontrolliert sich selbst. Wer wacht aber nun über das Milliardenvermögen einer Stiftung, deren einziger, etwas nebuloser Zweck laut Gründungsurkunde „die Förderung des österreichischen Unternehmertums“ ist?

Im Vorstand der B&C Privatstiftung ­sitzen neben Ex-Bank-Austria-Vorstand Erich Hampel der Wirtschaftsprüfer ­Georg Bauthen und der Wiener Rechtsanwalt Wolfgang Hofer. Die drei – sie bekleiden auch Aufsichtsratsmandate in der B&C ­Industrieholding – stehen an der Spitze eines über Jahre hinweg geknüpften Männernetzwerks. Dessen Tragfähigkeit wurde zuletzt beim Verkauf des Hotels Bristol unter Beweis gestellt. Der Einfachheit halber wurde nämlich die Kanzlei von Stiftungsvorstand Wolfgang Hofer mit der Abwicklung des Verkaufsprozesses der Imperial-Beteiligung betraut. Das alleine ist schon ein wenig problematisch, erteilt sich der Stiftungsvorstand doch quasi selbst einen Auftrag. Damit nicht genug. Kanzleipartner von Wolfgang Hofer – und damit rechtsfreundlicher Berater der B&C – ist nämlich ein gewisser Andreas Grohs. Dieser ist nicht nur mit Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler verschwägert, er bekleidet auch ein offizielles Mandat in deren Unternehmensgruppe: Grohs ist Aufsichtsratsvorsitzender der Hotel Sacher, Eduard Sacher GmbH.

Für Kaufinteressenten an den drei Imperial-Hotels bot sich damit ein etwas verstörendes Bild. „Ich bin bei einem Vorgespräch dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Konkurrenz als Vertreter des Verkäufers gegenübergesessen. Wo gibt es denn so etwas?“, so ein Hotelier, der immerhin zu einem persönlichen Termin vorgelassen wurde.

Eine Unvereinbarkeit will man bei B&C nicht erkennen. „Der Aufsichtsrat der B&C Industrieholding, in dem Dr. Hofer eines von fünf Mitgliedern ist, hat die Verkäufe genehmigt“, so Michael Junghans, Geschäftsführer der B&C Industrieholding. Die Verhandlungen mit Elisabeth Gürtler habe er persönlich geführt. In der Kanzlei Grohs Hofer Rechtsanwälte sieht man das ähnlich. „Der Prozess ist sehr professionell abgewickelt worden“, so eine Kanzleipartnerin. Sowohl Andreas Grohs als auch Wolfgang Hofer waren über mehrere Wochen trotz zahlreicher Anfragen für profil nicht zu erreichen. Den Vorwurf, man habe das Hotel Bristol unter Wert verkauft – und damit das Stiftungsvermögen geschädigt –, bestreitet Michael Junghans. „Unter den realisierbaren Angeboten war jenes der Sacher-Gruppe für das Hotel Bristol das beste“, so Junghans. Komisch nur, dass so viele andere Angebote einfach nicht realisierbar waren.

Aber vielleicht ist die ganze Angelegenheit ganz einfach so wie bei Caruso und Slezak: echt Wiener Patriotismus.