Bad Aussee: Aufregung um neues Kurbad

Der geplante Bau eines neuen Kurbads in Bad Aussee lässt in der Bevölkerung die Wogen hochgehen. Die Stadtführung macht sich zum willfährigen Erfüllungsgehilfen eines umstrittenen Investors.

Noch flanieren Spaziergänger inmitten der herrlichen Kulisse über die saftig grüne Wiese. Auf der einen Seite gleißt der Dachstein-Gletscher, auf der anderen zieht der markant geformte Loser die Blicke auf sich. Doch der Schein trügt. Die Stimmung im Postkartenidyll ist schlecht. In der Kurstadt Bad Aussee rumort es gewaltig.

Denn bald sollen auf dem Reiterer Plateau die Bagger auffahren. Hier am Ortsrand will die Gemeinde gemeinsam mit privaten Investoren ein Kurbad samt Hotel errichten. Doch der Widerstand in der Bevölkerung ist groß. Sie fühlt sich überfahren und unzureichend informiert. Die Gegner eint die Sorge, dass einer der schönsten Flecken des Ausseerlands unwiederbringlich zerstört wird. Und nicht nur die Opposition wirft der rot-schwarzen Koalition unter SP-Bürgermeister Otto Marl vor, Steuergelder zu verschleudern und den Wünschen des Investors allzu willfährig zu folgen.

Der Plan, das in die Jahre gekommene Vitalbad im Zentrum von Bad Aussee durch eine neue Anlage an der Peripherie zu ersetzen, besteht seit der Jahrtausendwende. 2003 sollte Baubeginn sein. Jahr für Jahr wurde er verschoben. "Des wird eh nix“, glaubte man im Ort. Bis zum Frühjahr, als mit dem Bau einer Abzweigung von der Ortsumfahrung begonnen wurde. Seither ragt die unfertige Ausfahrt als Absichtserklärung in die Landschaft.

Ein Kurbad und drei Hotelappartementblöcke mit insgesamt 128 Betten - so wurde das "Narzissenbad“ als 26-Millionen-Euro-Projekt Anfang Mai feierlich präsentiert. Dass das Bauvorhaben viel größer dimensioniert ist, als bekannt gemacht worden war, wurde erst Tage später aus Versehen publik. Der Bürgermeister höchstselbst händigte dem Ausseer Loipenfahrer einen Plan aus, damit dieser einen Vorschlag mache, wo er künftig die Langlaufspur ziehen wolle. Der Präparator war ratlos. Statt drei waren auf dem Plan dreizehn solcher Appartementblöcke eingezeichnet. Er fand in der dichten Bebauung keinen Platz für die Spur. "Das ist eine Verarschung der Bevölkerung“, meint Anrainer Matthias Grill. Der Biobauer, Kaffeehausbetreiber und Zimmervermieter stand dem Projekt einst durchaus positiv gegenüber.

Nicht erst seit dieser Episode hat die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung umgeschlagen. Vor allem dem Grazer Immobilienmulti Reinhard Hohenberg, in Aussee nur "der Investor“ genannt, wird Misstrauen entgegengebracht. Der umstrittene Deal: Die Gemeinde überträgt die 58.000 Quadratmeter Grund, die sie zu einem durchschnittlichen Preis von 40 Euro pro Quadratmeter gekauft hat, an die Vitalbad Errichtungs GmbH, hinter der Hohenberg und sein Co-Investor, der WU-Professor und Wirtschaftsprüfer Romuald Bertl, stehen. Nach der bereits erfolgten Umwidmung in Bauland ist dieses Grundstück das Drei- bis Vierfache wert. Ein kolossales Geschenk. "Hohenberg kann mit der Gemeindeführung Schlitten fahren. Ihr ist gar nicht bewusst, dass sie das Familiensilber verscherbelt“, sagt Elisabeth Welzig, Grün-Gemeinderätin. Seit mehreren Jahren ist der Investor in Aussee auf Einkaufstour: 2007 erwarb er vom Land die ehemalige k. u. k. Expositur um 470.000 Euro. Mittlerweile hat er sie gegen das Gasthaus zur Sonne eingetauscht. Das ehemalige Seniorenheim, die Jugendstilvilla Dorrek, verkaufte ihm die Gemeinde um 120.000 Euro. Er ist Miteigentümer des Traditionshotels "Wasnerin“ und nennt die 70.000 Quadratmeter der so genannten Fröhlich-Gründe sein Eigen. Auch dort plant er Appartementanlagen, die entsprechende Umwidmung in Bauland ließ nicht lange auf sich warten.

Gegen Einflussnahme von außen reagieren die Ausseer traditionell allergisch. Und dass Fakten nur langsam und in kleinen Häppchen auf den Tisch kommen, goutieren sie schon gar nicht. Einen Diskussionsprozess über Standort, Dimension oder Architektur des Projekts gab es nicht. Als Mitte Juli im Gemeinderat die Beschlussfassung des Bebauungsplans an der Tagesordnung stand, kamen rund hundert besorgte Bürger ins Rathaus. Doch sie standen vor einem verschlossenen Sitzungssaal. Als die Türen geöffnet wurden, waren sie bass erstaunt: Sämtliche Zuschauerplätze waren bereits mit Gemeindebediensteten besetzt. "Das ist demokratiepolitisch mehr als bedenklich“, moniert Welzig. Der Bebauungsplan wurde durch die roten und schwarzen Abgeordneten abgesegnet. Die Opposition zog unter Protest aus der Sitzung aus, die ÖVP-Mandatarin Helga Brandauer schloss sich an.

Die Zweifel an der Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit des Projekts lassen sich nicht so leicht ausräumen. Der Ortsbildsachverständige Friedmund Hueber, ein deklarierter Gegner der Bebauung des Reiterer Plateaus, plädiert für einen zentralen Standort: "Die Dezentralisierung ist schlecht, dadurch geht massiv Wirtschaftskraft verloren.“ Ihn treibt, wie viele andere Einheimische und Gäste, die Sorge, dass dem Bad keine allzu lange Betriebsdauer beschieden sein wird. Zwei Gründe, die an dessen Wirtschaftlichkeit zweifeln lassen, liegen nur 15 respektive 25 Kilometer entfernt: Bad Mitterndorf und Bad Ischl verfügen bereits über moderne und großzügig ausgestattete Thermenanlagen. "Die Gemeinde ist als stiller Gesellschafter gewinn-, aber nicht verlustbeteiligt“, wiegelt Bürgermeister Marl ab. Freilich: Was Hohenberg im Falle eines Konkurses des geplanten Bads zu tun gedenkt, hat er im Zuge der Gemeinderatssitzung schon beantwortet: "Dann bekommt die Stadt das Bad geschenkt“ - mit all seinen Belastungen, versteht sich. Gegenüber profil wollte er sich - trotz mehrmaliger Nachfrage - nicht dazu äußern.

Mit dem Versprechen eines neuen Kurbads haben sich die Investoren Grundstücke in bester Lage und Förderungen von Gemeinde, Land und Bund in Höhe von zehn Millionen Euro gesichert. Ein Risiko gehen sie dabei kaum ein. Trotz aller Bedenken hält Bürgermeister Marl an den Plänen fest. "Der Zug ist abgefahren, nehmt das zur Kenntnis“, lässt er den "Querulanten“ ausrichten.