Bad News II

Fortsetzung einer künstlichen Tragödie.

„Für eine Sonnenblume ist es ungültig, sich nach dem Schatten zu drehen.“
Renate Söllner, Dichterin

Ich habe mir schon in der profil-Ausgabe 35/04 schwer getan. In dieser ersten Anti-Good-News-Kolumne fand ich als Minuspunkte eine elende Reisekultur der Österreicher, eine Sorge vor Veränderungen und einen Hang zur Verdrängung. Und jetzt? Was soll mir noch einfallen gegen ein Volk, dessen leise, fleißige und kluge Mehrheit uns zur Nummer 7 im Wohlstandswettbewerb „Euro pro Kopf“ unter 230 Staaten machte und das von keinem Medium dafür ausreichend gelobt wird?
Die „Krone“ befördert gern die Kleinen und Leisen, der „Kurier“ die Tüchtigen, „Presse“ und „Standard“ die Gebildeten, die guten Landeszeitungen von der „Kleinen Zeitung“ bis zu den „Vorarlberger Nachrichten“ mal diese, mal jene. Keine jemals alle.

Darf man also sagen, Bad News läge darin, dass die großen Zeitungen ihre eigenen Leser über deren summarische 4-Hauben-Qualität im Dunkeln ließen? Man darf. Es geht dadurch viel Motivation und Zukunftshoffnung verloren.
In einem scheinen sich die Österreicher einig: Wir leiden unter der schlimmsten Bürokratie. Jeder Gang auf jedes Amt eine Via dolorosa. Das ist zwar subjektiv der Fall, aber für diese Kolumne unbrauchbar. Es gibt kaum einen Staat, dem es ad Bürokratie nicht schlechter ginge. Schon Rudolf Kirchschläger empfing gebückte Delegationen, die von uns lernen wollten. Auch Bundespräsident Fischer wird dies erleben: Unsere Beamten haben selbst das Internet schneller integriert als andere und vieles bequemer gemacht.
Gottlob stützen diese Einschätzung auch ausländische Unternehmer. Firmen, die sich in Oberösterreich niederlassen wollten, erlebten einen genialen Wirtschaftslandesrat (heute WK-Präsident) Christoph Leitl, der die Betriebsgenehmigungsdauer von zwei Jahren auf drei Monate reduzierte. Leitl wurde Vorbild seiner Kollegen in anderen Bundesländern. Er verschaffte Österreich einen nachhaltigen Standortvorteil.

Auch im Privaten sieht es ähnlich aus. Peter Michael Lingens hat in profil 27/04 den Kauf eines Hauses für seine Familie in Spanien beschrieben – winseln bis zum Abwinken. Im Vergleich dazu kauft man österreichische Häuser wie eine Dose Cola light. Bad News dabei ist, dass dies kaum einer weiß und glaubt.
Weitere Bad News ist die derzeit gängige Verächtlichmachung Amerikas aufgrund des politischen Poltergeistes Bush; wie viele Europäer jetzt gerne endgültig glauben, die US-Bürger seien in Bildung und Kultur unterlegen.
Man nennt nun wieder gern den Bauer in Arkansas, Idaho und West Virginia, der nicht weiß, wo Österreich liegt. Ich halte dagegen mit Lehrern aus Wien, Graz und Linz, die nicht wissen, wo jene US-Bundesstaaten liegen, die größer als Österreich sind.

Dass die USA, als Verbund nicht einmal ein Vierteljahrtausend alt, keinen Papyrus und kein Mönchsbuch in die Kultur einbringen können, ist klar. Umgekehrt zeigen längst Broadway und Hollywood, was Perfektion in Theater, Musical, Ballett und Film heißt. US-Nachkriegsmaler wie Rauschenberg, Stella, Rothko und Warhol haben keinen kleineren Einfluss auf das heutige europäische Kunstverständnis als Cézanne, Matisse und Picasso. Allen Verblendeten in dieser Frage empfiehlt sich das ORF-Interview mit Thomas Hampson zu den Salzburger Festspielen 2004.

Letzte Bad News dieser Kolumne: Ich hätte mir von einem Kanzler Wolfgang Schüssel mit der besten Wirtschafts-Vita aller EU-Kanzler mehr erwartet. Im Business gilt: Der ins Neue Voranschreitende (Innovator) braucht nur ein Drittel der Energie der Nachhoppelnden. Er gibt die Themen und das Tempo vor. Er hält die MitbürgerInnen mit eigenen Ideen in Atem und raubt ihnen den Schlaf.
Nun scheint es, als brauche er dafür eine weitere Legislaturperiode. Er hat, was per Saldo gut war, Reformen auf den Weg gebracht, die alle großen Koalitionen (ÖVP-SPÖ) in sehender Feigheit liegen ließen. Er bestätigte durch Einbindung der FPÖ den Verdacht, diese sei jenseits der Oppositionsrolle ein Kabarett. Laut Herbert Lackner (profil 33/04) verkam sogar Dr. Haider zu einem langweiligen Thema. Das ist nicht nichts. Es ist aber auch nicht alles.
Die rechte Gehirnhälfte der Bürger, in der die Emotionen zu Hause sind, hat Schüssel nie erreicht. Er ging die Probleme an, trug aber kein Licht. Keinerlei Idee in Richtung origineller Aufwallung, kein Big Deal mit der Bevölkerung.
Kein Aufruf beispielsweise dieser Art: „Wir schaffen in sieben Jahren die besten Grundschulen der Welt – und die Manager zahlen. Ab 2011 werden wir nicht die Nummer 7, sondern die Nummer 3 der Welt sein.“
Ich hätte mir ein deutliches, tapferes Modell dieser Art gewünscht. Ausbildung der Jugend ist der Punkt, den Archimedes suchte, um die Welt aus den Angeln zu heben. Und die Manager sind die besten Zahler. Sie streiken nie. Sie machen auf ihrem Weg nach oben auch keinen Dienst nach Vorschrift. Sie sind Workaholics und haben schon einmal einen Spitzensteuersatz von 64 Prozent überlebt. Außerdem investieren sie diese virtuelle Über-Steuer heute oft in ausländische Privatschulen, um ihren Sprösslingen die beste Ausbildung zu garantieren. Das wäre dann nicht mehr notwendig.

Außerdem steht allen Managern das Risiko frei, Unternehmer zu werden, die gleichzeitig zu entlasten wären, um diesen Sog zu verstärken. Das wäre ein Drift, der Bad News nachhaltig entkräftete und weitere Good News erzwänge. Diese werden nun wieder, nach einem Abstecher ins Finstere, die hellen Räume dieser Kolumne bewohnen.