ÖBB-Chef Christian Kern: „Es gibt riesigen ­Aufholbedarf“

Bahn - ÖBB-Chef Christian Kern: „Es gibt riesigen ­Aufholbedarf“

Sommergespräch V. ÖBB-Chef Christian Kern über seinen früheren ­Berufswunsch Sportreporter, den Wettbewerb ­zwischen Auto und Bahn und die Wiener Vorstadt als Karriere-Schule.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Generaldirektor, ich habe Ihrer Vita entnommen, dass Ihr Traumberuf Sportreporter bei der „Arbeiterzeitung“ gewesen wäre. Was hat Sie daran gereizt?
Kern: Ich habe für eine Studentenzeitung ein Interview mit Robert Hochner geführt, der ja kurze Zeit Chefredakteur war. Ich saß in seinem Büro und wir haben uns an der Weltpolitik abgearbeitet, um dann auf die Tour de France zu kommen. Dann haben wir beide festgestellt, das Größte im Leben wäre es bei der Zielankunft in Alp d’Huez zu stehen. Da hat er zu mir gesagt: „Sie sind mein Mann und nächstes Jahr schreiben Sie darüber in der ,Arbeiterzeitung‘“. Ich war euphorisch und dachte, das sei das größte Jobangebot aller Zeiten.

profil: Da waren Sie ja nicht mehr ganz jung.
Kern: Ich war 23 und habe mir dann doch noch eine Runde Reflexion gegönnt. Ich kam dann zum Schluss: Ich kauf mir dieses Ticket selber und wende mich beruflich anderen Aufgaben zu.

profil: Dieser Berufswunsch verbindet Sie mit dem jungen Bruno Kreisky. Dessen Lebenstraum war es Politik-Redakteur in der „Arbeiterzeitung“ zu werden.
Kern: Ja , aber das hatte doch eine Spur mehr Ernsthaftigkeit.

profil: Fühlen Sie sich als ÖBB-Generaldirektor von den Medien gut behandelt?
Kern: Wir dürfen uns nicht beklagen. Wir bekommen viel Kredit. Manchmal macht einen das fast nachdenklich. Sowohl die negative als auch die positive Übertreibung ist meistens ein Zerrbild der Wirklichkeit. Du scheiterst ja am Ende immer an den Erwartungshaltungen.

profil: Andererseits hat man als Außenstehender das Gefühl, die ÖBB investierten mehr Geld in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit als in den Wagenpark.
Kern: Der Eindruck trügt gewaltig. Das ist ganz und gar nicht so. Die ÖBB sind ein stolzes Unternehmen mit großer Geschichte und enormer Bedeutung. Wir erzählen diese Geschichte mit Selbstbewusstsein. Die Budgets, die wir dafür investieren, haben sich sogar reduziert.

profil: Sie müssen ja auch wirklich am ÖBB-Image arbeiten: Frührentner mit SPÖ-Parteibuch fällt den meisten Leuten dazu ein.
Kern: Das ist so, entspricht aber in keiner Weise der Wahrheit. Das durchschnittliche Pensions-Antrittsalter bei den gesunden Mitarbeitern beträgt 59, 4 Jahre. Da liegen wir nicht mehr weit weg vom ASVG-Durchschnitt.

profil: Es hat lange gedauert, bis man das erreicht hat – und das hat die Steuerzahler Milliarden gekostet.
Kern: Das hat Milliarden gekostet. Das ist ein Faktum. Aber die meisten Staatsbahnen haben am Weg zum Wettbewerb von den Eigentümern Restrukturierungsinstrumente bekommen. Bei der Deutschen Bahn hat man 1994 die Beamten in einen Fonds ausgegliedert und zu Marktpreisen jene zurückgemietet, die man gebraucht hat. In der Schweiz hat man 1999 die Pragmatisierung beendet. Bei uns hat man in einer typisch österreichischen Art sinngemäß ins Gesetz geschrieben: „Na schickt’s die Leute halt in Pension.“ Davon hat die Bahn weidlich Gebrauch gemacht. Es war ja nicht so, dass alle Mitarbeiter freiwillig in Pension gegangen sind. Das ist ein grobes Missverständnis.

profil: Das Finanzministerium hat kürzlich Folgendes vorgerechnet: Jemand der 3.700 Euro brutto verdient, zahlt jährlich 10.000 Euro an Lohnsteuer. Davon gehen 450 Euro an die ÖBB und nur 430 an Wissenschaft und Forschung. Ist das nicht eine bemerkenswert hohe Summe?
Kern: Vor allem ist es eine falsche Summe. Da werden mehrere Dinge vermischt. Man rechnet bei den ÖBB zum Beispiel die Kosten der Pensionen der Mitarbeiter ein. Beim öffentlichen Dienst oder anderen Unternehmen tut man das nicht. Dann wird unter anderem ignoriert, dass wir Österreichs größter Steuerzahler sind. Wir zahlen mehr als 800 Millionen Euro an den Staatshaushalt. Es stimmt: Wir bekommen Staatszuschüsse für die Finanzierung der Infrastruktur, wie etwa für den Wiener Hauptbahnhof. Aber da entstehen Werte, die in den nächsten 100 Jahren das Rückgrat der volkswirtschaftlichen Entwicklung Österreichs sein werden. Wenn man diese Projekte nicht möchte, bauen wir eben nicht. Aber wir werden deswegen um keinen Euro besser oder schlechter bilanzieren. Wir bekommen das Geld ja, um zu bauen. Bei uns ist das ein Durchläufer, aber nicht bei Strabag, Porr, Kapsch, Siemens, Voest oder einer Reihe anderer Unternehmen, die am Bau beteiligt sind. Man muss auch an deren Beschäftigte denken.

profil: Die Frage ist nur: Machen alle Projekte Sinn?
Kern: Das ist tatsächlich die entscheidende Frage.

profil: Zum Beispiel wird immer wieder gemutmaßt, der Koralmtunnel sei eine Liebesgabe der schwarz-blauen Regierung an den damaligen Landeshauptmann Haider gewesen.
Kern: Mag sein, dass das ursprünglich eine Rolle gespielt hat. Aber wir wollen Österreich bis 2024 komplett vertakten. Dafür brauchen wir unbedingt die ­Südachse. Mit dem Koralmtunnel bin ich im Reinen. Seine Effekte werden für die österreichische Volkswirtschaft erheblich sein. Die Eröffnung 2024 wird ein Staatsakt.

profil: ÖVP-Verkehrssprecher Bartenstein sagt, es ließe sich auch bei den bestehenden Projekten um eine halbe Milliarde einsparen. Bauen Sie zu großspurig?
Kern: Der Großteil dieser Summe ist bereits realisiert. Noch effizienter zu werden, ist unser Ziel. Unsere Bauingenieure genießen in der Branche einen exzellenten Ruf. Sie gelten als vorbildlich. Schauen Sie sich um, was hier passiert! Wir graben einen Stadtteil um – so groß wie der achte Bezirk. Wo sind die Proteste, wie in Stuttgart? Es gibt sie nicht, weil die Projekte ordentlich und effizient abgearbeitet werden.

profil: Die Wiener sind halt gemütlicher als die Stuttgarter.
Kern: Na ja, die 1848er-Revolution hat nicht unbedingt in Stuttgart ihren Ausgang genommen.

profil: Die Weststrecke ist leistungsstark, man ist sehr schnell in Salzburg. Nach Klagenfurt braucht man noch bis 2024 vier Stunden. Warum ist die Südbahn so lange vernachlässigt worden?
Kern: Das hat mit Entscheidungen zu tun, die weit in die Historie zurückreichen und die schwer nachzuvollziehen sind. Österreich hat eine Eisenbahninfrastruktur, die teilweise 150 Jahre alt ist. Es gab immer das geflügelte Wort: Es gibt die Westbahn und die Restbahn. Da gibt es riesigen Aufholbedarf.

profil: War das nicht auch politisches Versagen? Es gibt seit Jahren einen Autobahntunnel, aber keinen Eisenbahntunnel durch den Semmering.
Kern: Das war eine trostlose Geschichte mit kleinteiligen politischen Scharmützeln. Jeder, der verantwortungsbewusst denkt, hätte den Semmeringtunnel schon vor Jahrzehnten bauen müssen. Es gibt übrigens eine interessante historische Analogie: Beim Bau der Ghega-Bahn hat die Diskussion ebenfalls 15 Jahre gedauert. Da wollte man ursprünglich eine Zahnradbahn bauen. Heute ist der Semmering der zweitwichtigste Alpenpass und eine wirtschaftliche Schlagader. Ghega war der Steve Jobs des 19. Jahrhunderts.

profil: Die ÖBB hat beim Personen-, aber nicht beim Güterverkehr dazugewonnen. Es fahren mehr Leute mit der Bahn, weil das Benzin so teuer ist. Was passiert, wenn der Ölpreis sinkt?
Kern: Wir sehen in unserer Gesellschaft einen massiven Wandel. Das hat mit dem Benzinpreis, aber auch mit etwas anderem zu tun: Das Auto war in meiner Elterngeneration ein Freiheitsversprechen, der Ausdruck des ersten Wohlstands. Das ist heute nicht mehr so. Junge Leute identifizieren sich heute über das iPad oder ein cooles Handy, aber nicht zwingend dadurch, ob sie mit 25 ein Auto haben. Heute bist du nicht mehr mit einem tollen Auto Partygespräch, sondern mit dem eigenen Parkplatz im siebenten Bezirk.

profil: Dem widerspricht, dass im EU-Raum seit 2001 die Zahl der Schienenkilometer um zwei Prozent abgenommen, jene der Straßenkilometer aber um elf Prozent zugenommen hat.
Kern: Das stimmt in Europa, was die Infrastruktur betrifft. Was das Nutzungsverhalten betrifft, sehen wir aber deutlich, dass die Bahn gewinnt.

profil: In der EU gibt es Überlegungen einer völligen Bahnliberalisierung. Könnten die ÖBB das durchstehen?
Kern: Mein Lieblingsbeispiel ist dabei das Weinviertel. Dort gibt es die Bahnstrecke Groß Schweinbarth–Sulz. Sie gibt den dort lebenden Menschen die Chance, am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzuhaben. Deshalb bezahlen Bund und Land, damit die Bahn dort fährt. Manche nennen das staatliche Subvention, was aber falsch ist: Wenn Sie hier in der Bahnhofswirtschaft ein Bier bestellen, müssen sie es auch bezahlen, und das ist keine Subvention für den Wirt, sondern eine Dienstleistung, die erbracht und bezahlt wird. Wir erbringen die Dienstleistung, dass wir dort mit dem Zug fahren. Wenn man das privatisiert, wird es Groß Schweinbarth–Sulz nicht mehr geben. Hier geht es um Teilhabechancen von Menschen. Man kann nicht alles der Marktlogik unterwerfen und sagen: „Schaut, wo ihr bleibt!“

profil: Das klingt ziemlich stark nach: Mehr Staat, weniger privat.
Kern: Grundsätzlich bin ich ein Anhänger von Marktmechanismen. Markt hat das Potenzial, die Qualität von Services zu verbessern. Aber wenn etwa im Busverkehr ein neuer Streckenanbieter kommt, dann holt er sich junge, schlecht bezahlte Mitarbeiter aus Osteuropa und konkurriert mit uns – da sind wir natürlich nur bedingt konkurrenzfähig. Wenn man wirklich mehr Markt will, wird man lange Übergangszeiten brauchen. Wenn man das System zertrümmert, wird es am Ende nicht leistungsfähiger. Interessanterweise ist seit der Liberalisierung des Europäischen Güterverkehrs der Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene gesunken. Was die EU erreichen wollte – Kostenreduktionen und mehr Schienenanteil –, hat sie nicht erreicht.

profil: Apropos Liberalisierung. Hat Frank Stronach schon ein Angebot zum Kauf der ÖBB gelegt?
Kern: Der Mann lässt sich nicht von Sachkenntnis ankränkeln.

profil: Haben Sie mit ihm gesprochen?
Kern: Ich hatte einmal die Gelegenheit dazu.

profil: War es interessant?
Kern: Es war interessant – irgendwie.

profil: Der ÖBB-Generaldirektor ist ein politischer Posten. Bei jedem Regierungswechsel wird der CEO ausgetauscht. Ist das nicht ein Unsinn?
Kern: Das ist ein grober Unsinn. Die Bahn hat daran gekrankt, dass es keine Kontinuität gab. Als ich in das Unternehmen gekommen bin, hat mich gewundert, wie wenig die Bahn in ihre eigenen Leute im Sinne von Qualifikation etc. investiert. Das hat damit zu tun, dass sich solche Investitionen erst nach vielen Jahren rechnen. Warum soll ich als Unternehmer Ausgaben tätigen, wenn ich in fünf Jahren wieder weg bin?

profil: Warum versteht das die Politik nicht?
Kern: Mittlerweile denkt man um. Bei Besetzungen in staatsnahen Unternehmen gibt es eine Reihe von guten Beispielen dafür. Die ÖBB werden heute nicht anders geführt wie ein normales Unternehmen. Wir sind keine politische Institution, sondern ein wirtschaftliches Unternehmen. Die Qualität unserer Arbeit ist danach zu bemessen, was wir langfristig hinterlassen, aber natürlich auch ganz stark daran, was in unserer Gewinn- und Verlust-Rechnung steht.

profil: Sie haben nicht Wirtschaft, sondern Kommunikationswissenschaften studiert. Man könnte einen bösen Scherz anbringen: Ich machte meinen Generaldirektor bei Humboldt.
Kern: Den machen Sie weder auf der Uni noch bei Humboldt. International hat eine Minderheit der CEO’s Wirtschaft studiert. Nach mehr als 20 Jahren in Unternehmen habe ich keinen Mangel an Selbstbewusstsein, was meine betriebswirtschaftlichen Kompetenzen betrifft.

profil: Sie sind gebürtiger Simmeringer, also ein Wiener Vorstadtkind. Ihr Vater war Elektriker. Ist die Vorstadt eine gute Schule für solche Jobs?
Kern: Eine solche Karriere hat mit vielen zufälligen Wendungen zu tun. Aber aus deinem Elternhaus bekommst du bestimmte Dinge mit, die dich prägen.

profil: War es ein politisches Elternhaus?
Kern: Nein, ganz und gar nicht. Für Simmering etwas untypisch sind wir auch nicht am 1. Mai aufmarschiert.

profil: Waren Sie je auf einem Maiaufmarsch? Da gibt es ja eine starke Generaldirektoren-Dichte: Hannes Androsch, Brigitte Ederer, Wolfgang Ruttenstorfer …
Kern: Ich schaue am 1. Mai gern am Rathausplatz vorbei, weil ich dort viele alte Freunde treffe. Das Aufmarschieren liegt mir nicht so in den Genen.

profil: Sie haben vier Kinder. Zu welchem Beruf würden Sie denen raten?
Kern: Frei nach Steve Jobs: You have to find what you love. Am Ende ist es Leidenschaft und Begeisterung für das, was man tut. Jeder muss seinen Weg finden. Jeder ist eine andere Persönlichkeit. Sportreporter bei der „AZ“ oder Berufsrevolutionär oder Lehrer – das war mein Spektrum. Das zeichnet sich bei meinen Kindern nicht ab. Man wird sehen.

profil: Und Ihr heuriger Urlaub – machen Sie den per Bahn?
Kern: Ja klar. Wir sind „heavy users“. Bahnfahren lieben alle in der Familie.

profil: Klingt nicht nach Fernreise.
Kern: Wir fahren wie immer nach Kärnten.

Zur Person
Christian Kern, 47. Der gebürtige Wiener begann als Wirtschaftsjournalist, war später Pressesprecher des SPÖ-Parlamentsklubs und arbeitete sich ab 1997 im Verbundkonzern in den Vorstand hoch. Seit 2010 ist er CEO der ÖBB-Holding.

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Foto: Walter Wobrazek