Balltrickser: Die Finanztricks von ­Österreichs Fußballvereinen

Steuerhinterziehung, schwarze Kassen, Nebenabsprachen – Österreichs Fußballvereine wirtschaften hart am Rande der Kriminalität. Geheime Verträge beweisen, wie Klubs Behörden und Konkurrenz betrügen.

Auf dem Spielfeld gab es Sonntag vergangener Woche bei der Partie LASK gegen Salzburg keinen Sieger. Die Begegnung endete 1:1. Einen Gewinner gab es trotzdem: das Linzer Finanzamt. Sechs Beamte statteten dem LASK-Heimspiel einen unangemeldeten Besuch ab und kassierten 20.000 Euro der Matcheinnahmen aus der Tageskassa. Seither belaufen sich die Schulden des Linzer Athletik Sportklubs bei der Finanz auf nur noch 96.000 Euro.

Neben der sportlichen – der LASK ist abgeschlagen Letzter in der Tabelle – steht also auch die wirtschaftliche Qualifikation der Linzer infrage. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Bundesliga prüft im Rahmen der jährlichen Lizenzvergabe derzeit die Finanzen der ­Profiklubs. Nur bei bestandener Prüfung erhalten die Vereine die Spielerlaubnis zur Teilnahme an den beiden Profi-Ligen. Es dürfte gute Gründe geben, warum das Lizenzierungsverfahren höchst diskret abgewickelt wird. Eine ganze Reihe von Fußballvereinen steht Jahr für Jahr kurz vor der Insolvenz, Schwarzgeldzahlungen an Spieler scheinen an der Tagesordnung zu sein.

profil vorliegende Dokumente belegen, dass auch nach der Aufarbeitung des Falls Kartnig im österreichischen Profifußball Geheimverträge mit Spielern an Bundes­liga und Finanz vorbei abgeschlossen werden. Der Bundesliga sind diese Probleme wohl bekannt. Einzig: Konsequenzen werden kaum gezogen.

Mit ein bisschen gutem Willen könnte man die öffentlichen Auftritte, die Hannes Kartnig derzeit absolviert, als aufklärerisch bezeichnen. Der ehemalige Präsident des SK Sturm Graz muss sich vor dem Landesgericht für Strafsachen in Graz unter anderem wegen Steuerhinterziehung, betrügerischer Krida und grob fahrlässiger Gefährdung von Gläubigerinteressen verantworten. Der Prozess bringt nicht nur Licht ins Dunkel der Sturm-Insolvenz, er beleuchtet auch systematische Vorgänge im österreichischen Fußball.

„Jeder weiß, dass im Fußball schwarz gezahlt wird“
, sagte Kartnig Mitte März nassforsch vor Gericht. Bundesliga-Vorstand Georg Pangl reagierte prompt. „Die im Verfahren von Hannes Kartnig im Zusammenhang mit seiner einstigen Präsidentschaft bei Sturm Graz in den Medien geschilderten Praktiken betreffend Schwarzgeldzahlungen stellen eine nicht haltbare Verallgemeinerung dar. Im Namen der Bundesliga und ihrer Klubs distanziere ich mich mit Nachdruck von diesen Aussagen“, ließ er in einer Presseaussendung verlautbaren.

Eigentlich müsste Pangl es besser wissen. Erst vor wenigen Monaten behandelte die Bundesliga einen Fall von Schwarzgeldzahlungen an einen Fußballer. Dass diese sich überhaupt mit der Angelegenheit befasste, hatte einen banalen Grund: ein früherer Zweitliga-Profi wollte auf diesem Weg ausstehende Gelder einmahnen.

Der Reihe nach.
Im Sommer 2009 verpflichtete der FC Lustenau den Mittelfeldspieler Alex Miguel Santana Fabelo – kurz Alex Santana. Der Spanier erhielt einen Vertrag über ein Jahr mit der Option auf eine Verlängerung bis 2011. Genauer gesagt: Er erhielt sogar zwei Verträge. Beide Kontrakte umfassen je zehn Seiten und liegen profil vor. Sie unterscheiden sich nur in „Punkt III. Bezüge“.

„Dem Spieler gebührt ein monatlicher Grundbezug (Fixum) in Höhe von brutto 2.400 Euro (in Worten zweitausendvierhundert Euro) 14 Mal“, heißt es im ersten Schriftstück. Und weiter: „Der Spieler erhält zusätzlich eine Prämie für Meisterschaftsspiele, zur Zeit … für einen Sieg (3 Punkte) in Höhe von brutto 450 Euro“. Ein Remis, also ein Punkt, bringt demnach 150 Euro brutto. Das ist der offizielle Vertrag. In der gängigen Praxis wird ein solcher „Brutto-Vertrag“ Finanzamt, Sozialversicherung und der Bundesliga vorgelegt.

Was der Spieler tatsächlich verdient, steht in dem zweiten Papier. Dort heißt es: „Dem Spieler gebührt ein monatlicher Grundbezug (Fixum) in Höhe von netto 3.600 Euro (in Worten dreitausendsechshundert Euro) 14 Mal.“ 3600 Euro netto also statt 2400 brutto – das ist mehr als das Doppelte. Und auch die Punkteprämie fällt deutlich höher aus: 300 Euro netto für ein Unentschieden, 900 für den Sieg. Die Differenz zwischen „Brutto-Vertrag“ und „Netto-Vertrag“ wird schwarz ausbezahlt. Lustenau-Präsident Dieter Sperger bestätigt auf Anfrage den doppelten Vertrag. Jede ergänzende Erklärung zu den Schriftstücken lehnt er ab. „Das geht zu tief in interne Angelegenheiten von Bundesliga und Vereinen. Dazu will ich keine Stellungnahme abgeben“, so Sperger auf profil-Anfrage.

Wer die Hälfte schwarz bezahlt, kann sich bessere Kicker leisten und verschafft sich einen unlauteren Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Auch bei der Lizenzvergabe der Bundesliga. Um in den obersten beiden Spielklassen mitspielen zu dürfen, muss nämlich eine Bilanz samt Auflistung der Personalkosten bei der Liga abgegeben werden. Je niedriger die offiziellen Ausgaben sind, desto höher ist logischerweise die Chance, die Lizenz erteilt zu bekommen. Die Bundesliga vertraut auf die Angaben der Klubs, auch wenn das Realitätsverweigerung bedeutet. Die zwei Verträge des Alex Santana sind seit Ende vergangenen Jahres bei der Bundesliga bekannt. Der FC Lustenau hatte sich im Sommer 2010 von dem spanischen Mittelfeldspieler getrennt – und war dabei Geld schuldig geblieben.

Nachdem Santanas Manager mehrere Zahlungsaufforderungen geschickt hatte, wandte er sich an die Bundesliga. Der FC Lustenau ist daraufhin seinen Zahlungsverpflichtungen nachgekommen. Die Bundesliga ahndete das Vergehen dem Vernehmen nach eher milde: Eine Geldstrafe von ein paar tausend Euro soll es für den Vorarl­berger Verein gegeben haben. Kein Lizenzentzug, kein Punkteabzug. Abschreckend ist das nicht. „Der Verdacht, ein Verein würde systematisch diese doppelten Verträge vergeben, reicht nicht aus. Für wirklich harte Maßnahmen brauche ich handfeste Beweise“, sagt Bundesliga-Vorstand Pangl. Akuten Handlungsbedarf sieht er nicht.
Der Fall Santana ist keine Ausnahme. Derzeit liegt ein fragwürdiger Vertrag des Zweitliga-Tabellenführers Trenkwalder Admira bei der Bundesliga zur Begutachtung. In einem anderen profil vorliegenden Zweitliga-Vertrag für die Saison 2010/2011 heißt es ganz formell: „Im vereinbarten Nettovertragsfixum sind jegliche Zulagen und Entschädigungen sowie die in Österreich vorgeschriebenen Sonderzahlungen und die Urlaubszeit enthalten.“ Ordnung muss schließlich auch bei unerlaubten Geheimverträgen sein.

Auch bei einigen Vereinen der höchsten Spielklasse sind solche Nettoverträge anscheinend üblich. profil liegt eine Vereinbarung mit einem aktuellen Bundesliga-Spieler vor. „Dem Spieler gebührt ein monatliches Entgelt (Fixum) in Höhe von netto Euro 4.000 (in Worten viertausend) zwölfmal jährlich.“ Dazu kommen Prämien in Höhe von 1360 Euro für einen Sieg und 450 Euro für ein Unentschieden. Netto, versteht sich. Mit diesem Salär liegt der Kicker im Mittelmaß. Laut Schätzungen der Fußballergewerkschaft VdF kassiert ein durchschnittlicher Bundesliga-Spieler brutto 120.000 Euro im Jahr.

Ob Werner Gregoritsch, Trainer des Kapfenberger SV (KSV), manchmal gefragt wird, warum er seinen Sohn Michael nicht zu einer anderen Berufswahl ermutigt hat, ist nicht bekannt. Der 17-jährige Michael Gregoritsch verdient als Stürmer der KSV-Kampfmannschaft laut Auskunft von Präsident Erwin Fuchs bescheidene 300 Euro pro Monat. Der steirische Bundesliga-Verein fällt seit Jahren mit einem ungewöhnlich niedrigen Personalbudget auf. Knapp 1,9 Millionen Euro melden die Steirer offiziell an die Bundesliga. Ein Betrag, der Insider lauthals auflachen lässt. Bei der Konkurrenz bedarf es mindestens des Doppelten, damit die Kicker sich überhaupt die Schuhe binden. „Wir haben ein sehr junges Team. Zwei Drittel unserer Spieler stehen noch in der Ausbildung. Die kommen auf 300 bis 1000 Euro pro Monat“, erklärt Fuchs seine Personalkosten. Es gebe nur ein paar wenige Spitzenverdiener mit Gehältern zwischen 2000 und 4000 Euro netto. Der Verdacht auf doppelte Verträge liegt nahe, wird aber freilich heftig dementiert. Die Bundesliga muss auf die Angaben der Klubs vertrauen.

Vereinsmeierei. Das Wesen eines gemeinnützigen Vereins – und als solche firmieren die meisten Fußballklubs – ist allfälligen Malversationen nur dienlich. Ein solcher Verein ist nicht nur steuerbegünstigt, er unterliegt auch weniger strengen Bilanzierungsregeln. Aufgrund der oftmals nicht nachvollziehbaren finanziellen Gebarung wird schon lange gefordert, dass die Klubs ihre Profimannschaften aus dem gemeinnützigen Verein in Kapitalgesellschaften ausgliedern. Denn Haftungsstrukturen, Kontrollmechanismen und Aufsichtssysteme können die Transparenz nur erhöhen. Viele Vereine sperren sich noch, sie wollen ihre steuerlichen und rechtlichen Vorteile nicht verlieren. Doch dieser Status hat ein Ablaufdatum: Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern der Vereine, des ÖFB und des Finanzministeriums, ist derzeit mit dem Thema befasst.

Eine Vorreiterrolle nimmt diesbezüglich die Wiener Austria ein, die ihren Profibetrieb bereits 2007 in eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft ausgegliedert hat. „Das Konzept geht auf“, meint Finanzvorstand Markus Kraetschmer. „Diese Struktur bietet Rechtssicherheit und ist Voraussetzung, um Unternehmen als Sponsoren ansprechen zu ­können.“ Der Verein ist 100-prozentiger Anteilseigner, im Aufsichtsrat sitzen Vereinsvertreter und die der größten Sponsoren, welche sich dadurch ein gewisses Mitspracherecht sichern können. „Wir arbeiten höchst transparent“, sagt Kraetschmer. „Wir unterliegen dem Aktienrecht und haben Offenlegungspflichten. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu gemeinnützigen Vereinen.“

Weniger transparent ist jedoch das von der Austria entwickelte Projekt „Rising Stars“, in dessen Rahmen private Investoren Kapital für den Transfermarkt zur Verfügung stellen. Zu diesem Zweck wurde eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet. Für den Einstieg ist ein Kapitaleinsatz von 50.000 Euro notwendig, bei etwaigen Transfererlösen schneiden die Investoren mit. Die Gesellschafter der GbR scheinen weder im Firmenbuch auf, noch werden sie von der Austria genannt. Woher das Geld tatsächlich stammt, bleibt offen. „Dabei handelt es sich um hoch honorige Gesellschafter aus dem Austria-Umfeld, die mir alle persönlich bekannt sind“, sagt ­Kraetschmer. Er könne mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass das Geld aus dunklen Kanälen stamme.

Bis auf den Krösus Salzburg
– dank des Engagements von Red Bull leistet sich der Klub einen 35-Millionen-Euro schweren Kader – herrscht im österreichischen Profi­fußball chronische Klammheit. Selbst der ehemalige Finanzminister und nunmehrige Rapid-Präsident Rudolf Edlinger geht jedes Jahr ein kalkuliertes Wagnis ein: rund zwei Millionen Euro des Budgets ungedeckt. Edlinger spekuliert auf Spielerverkäufe oder Zusatzeinnahmen aus dem Europacup. Bis jetzt ist die Rechnung aufgegangen. In der vorigen Saison konnte Edlinger einen Gewinn von 4,14 Millionen Euro vermelden, der Verein ist schuldenfrei. Mehr als ein Jahr ohne Teilnahme am Europacup oder ohne Transfereinnahmen könnte sich der Rekordmeister nicht leisten, dann müssten wohl die Personalausgaben von derzeit rund 14 Millionen Euro deutlich reduziert werden. Und Rapid gilt noch als einer der Musterschüler im österreichischen Fußball.

Kreative Buchführung.
In der finanziellen Not erweisen sich die Vereine als erfinderisch. Der Prozess um Hannes Kartnig liefert nun erstmals auch Beweise für lange gehegte Vermutungen. Um sich teure Stars leisten zu können, wurden bei Sturm Graz in der Vergangenheit (mittlerweile gilt der Verein als sauber geführt) regelrechte Schwarzgeldkassen angelegt. Millioneneinnahmen aus Spielerverkäufen landeten im Tresor, um bei Bedarf cash in Form von Prämien an die Kicker ausbezahlt zu werden. Solange Sturm Graz durch die Teilnahme an der Champions League hohe Einnahmen verbuchte, ging das gut. Als der sportliche Erfolg ausblieb, konnte der teure Kader nicht mehr finanziert werden, der Verein schlitterte in die Insolvenz.

Um den eigenen Spielern die hohen Gehälter schwarz auszahlen zu können, wird laut Insidern auch gerne in die Tageskassa gegriffen. Beliebter Trick: Der Bundesliga wird eine Freikarten­aktion gemeldet. In Wahrheit werden ein paar hundert Karten aber nicht verschenkt, sondern zum Vollpreis verkauft. Bei 18 Heimspielen pro Saison, kommt da ein nettes Körberlgeld zusammen.

Die Strukturen im österreichischen Fußball sind allzu anfällig für Malversationen. Mächtige Vereinspräsidenten, oft in Personalunion Hauptsponsor, die, kaum kontrolliert, nach Belieben schalten und walten können. Das wurde bereits einer Vielzahl von Klubs zum Verhängnis. Zudem sind die Vereine zu stark von ihren Sponsoren abhängig. Nur rund 40 Prozent der Einnahmen stammen aus Ticketverkäufen, Transfererlösen und der Vermarktung von TV-Übertragungsrechten.

Das Schuldbewusstsein dürfte nicht nur wegen der fehlenden Konsequenz der Bundesliga wenig ausgeprägt sein. Auch das Naheverhältnis zur Politik dürfte eine Rolle spielen. Landesenergieversorger etwa treten gerne als Sponsoren in Erscheinung. Ehemalige und aktuelle Politiker bekleiden Vereinsfunktionen oder tummeln sich im VIP-Klub. Da entsteht leicht der Eindruck, man könne es sich im Ernstfall schon irgendwie richten.
Oder wie Hannes Kartnig es bei seinem Prozess ausdrückte: „Ich habe gewusst, dass das ein Finanzvergehen ist, aber ich habe gedacht, wenn wir erwischt werden, setzen wir uns zusammen und einigen uns.“