Banken verstaatlichen?

Von der Gefahr, voreilige Schlüsse aus der Finanzmarktkrise zu ziehen.

In all den Zeitungen, in deren Wirtschaftsteil durch Jahre zu lesen war, dass wir weniger Staat und mehr Markt brauchten und wie sehr Europa den USA nachhinke, ist nun zu lesen, wie krank die USA sind und dass wir dringend mehr Staat brauchten, weil der Glaube an die Selbstregulierung des Marktes als Märchen entlarvt sei. Als jemand, der, dem Wiener Volkswirtschaftsprofessor Erich Streissler folgend, seit Jahren die Brüchigkeit der US-Wirtschaft behauptet, möchte ich jetzt, aus Spaß am fortgesetzten Widerspruch zum Mainstream, den „Markt“ in Schutz nehmen: Er hätte sehr wohl funktioniert, wenn Eingriffe des Staates ihn nicht daran gehindert hätten. Ursache der Krise ist die Überschuldung der USA durch Kriege und Konsumrausch – beides mitfinanziert durch zu viel internationales Geld auf der Suche nach lukrativen Anlagen.

Die Kriege verantwortet selbstredend der Staat – aber er hat auch für den Konsumrausch die entscheidende Rolle gespielt. Am Beispiel der zentralen Subprime-Krise: Fannie Mae und Freddie Mac sind vom Staat geschaffene, wenn auch privatwirtschaftlich organisierte Institute, die es – ein durchaus sozialistischer Gedanke – jedem Amerikaner möglich machen sollten, einen Hypothekarkredit für den Kauf eines Hauses zu erhalten. Es waren voran diese beiden Institute, die Kredite besonders unkritisch vergeben haben.
(Zwar haben Ronald Reagan wie Bill Clinton das erleichtert, indem sie ursprüngliche Deckungsauflagen zurückgeschraubt haben, aber entscheidend war der Glaube des Managements an die Unsinkbarkeit der staatsnahen Gesellschaften: Er ließ sie ähnlich locker mit Geld umgehen wie unsere „Verstaatlichte“ in den Siebzigern, als die Voest sogar am Öl-Terminmarkt spekulierte.)

Den noch größeren Beitrag zum übereilten Hauskauf hat die Fed durch extrem niedrige Diskontsätze geleistet: Die Banken schwammen in billigem Geld – also verliehen sie es ohne Rücksicht auf Verluste weiter.
Auch der Diskontsatz der Fed hat aber alle Kennzeichen eines staatlichen Eingriffs. Denn die Fed hat – das wurde in zurückliegenden Kommentaren als Vorteil gegenüber der EU gepriesen – den Auftrag, die wirtschaftlichen Ambitionen der Regierung zu unterstützen. Und natürlich wollten alle US-Präsidenten, dass möglichst viele Leute Häuser besitzen. Gleichzeitig wollten sie, dass alle Welt möglichst viel in US-Wertpapiere investiert. Das traf sich damit, dass es auf der ganzen Welt immer mehr Kapital gab, das nach lukrativen Anlagen suchte. Die USA und insbesondere ihr Häusermarkt schienen eine solche Möglichkeit. Alle Welt kaufte US-Aktien und insbesondere in Wertpapiere verpackte Hypothekarkredite. Die Banken witterten ein tolles Geschäft und vergaben immer mehr solcher Kredite – an immer schlechtere Schuldner.

Den überhöhten Wertpapier-Kursen drohten sehr wohl immer wieder marktkonforme Korrekturen. Die aber verhinderte die Fed, indem sie neuerlich Geld in den Markt pumpte und das Zinsniveau so dramatisch absenkte, dass doch weiter wie wild gekauft wurde. Ohne Alan Greenspans Eingriffe hätte der Markt durchaus funktioniert: Die Preise von Aktien wie Häusern wären schon lange gefallen, und der „kleine Mann“ hätte nicht mehr geglaubt, dass ihr Wert seine steigenden Schulden deckt. Das hätte längst seine bremsende Wirkung, sowohl auf die internationalen Investoren wie auf die Banken, ausgeübt. Ohne das Zusammenwirken von Staat und Fed hätte die Krise nie das heutige Ausmaß erreicht.

Ich schreibe das nicht, weil ich gegen mehr staatliche Aufsicht über die Finanzmärkte bin, sondern um davor zu warnen, nun alles Heil bei „mehr Staat“ zu suchen. Am aktuellsten Beispiel: Eines der Probleme der abgelaufenen Entwicklung lag darin, dass Banken ihre faulen Hypothekarkredite in immer komplexere Finanzprodukte verpackten, um diese an internationale Investoren zu verkaufen. Auch etliche EU-Banken haben diese angefaulten Packungen gekauft. Aber glaubt man wirklich, dass staatliche Prüfer diese Packungen eher durchschaut hätten als die Risiko-Manager der Banken? (Und warum sind es vorzugsweise deutsche Landesbanken, die sich letal mit schlechten US-Papieren eingedeckt haben?) Das Problem liegt nicht in erster Linie (sondern nur: auch) in den Hedge-Instrumenten, in die die faulen Kredite verpackt wurden. Entscheidend war der Umstand, dass die US-Banken so viele faule Kredite zuließen – und das taten sie in Konkurrenz zu Freddie Mac und Fannie Mae und unter dem Eindruck des billigen Geldes der staatlich gesteuerten Fed, deren Interventionen gleichzeitig dafür sorgten, dass auch das internationale Geld weiter floss.

Damit man mich jetzt nicht für einen Gegner von Regulierungen hält: Nur Leute, die vom Markt keine Ahnung haben, meinen, dass er automatisch alles zum Besten regelt. Das tut er nur im theoretischen Modell, und das setzt voraus, dass alle Marktteilnehmer über alle relevanten Informationen verfügen und danach handeln. Beides ist in der Praxis kaum je voll gegeben. Die wichtigste Forderung, die der Staat daher stellen muss, ist die nach maximaler Information (= Transparenz). Zu dieser Transparenz gehören etwa einheitliche Bilanzierungsvorschriften – und natürlich kann man auch vorschreiben, dass der Inhalt eines Finanzprodukts klar ersichtlich sein muss. Nicht mehr, sondern sinnvollere staatliche Regulierung sollte die Devise sein.