Banken: Bittverfahren

Finale im Bawag-Verkauf: Die Interessenten versuchen mit allen Mitteln, den Deal im Vorfeld zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Clemens Schneider, Finanzchef des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, residiert im dritten Stock der alten ÖGB-Zentrale in der Wiener Hohenstaufengasse. Das Innere des Gebäudes versprüht den Charme der späten sechziger Jahre. Holzspanplatten im Lift, abgetretenes Linoleum in den Gängen, milchige Oberlichten über den Türen zu den Referentenzimmern. Boten in blauen Schutzmänteln schieben verdrossen Aktenwägelchen durch die Gänge.

Bald wird in dem Gebäude gar nichts mehr los sein. Das Präsidium des klammen Gewerkschaftsbundes hat sich dazu durchgerungen, die baufällige Immobilie ehestmöglich zu veräußern.

Das letzte Kapitel in der Geschichte des Hauses an der Wiener Ringstraße schreibt – ausgerechnet – der erklärte Klassenfeind der Arbeiterbewegung: das Kapital.

In den vergangenen Tagen soll es in den schmucklosen Büros des Gebäudes zu zahlreichen mehr oder weniger konspirativen Treffen gekommen sein. Aufseiten der Gastgeber stets präsent: Vertreter des Österreichischen Gewerkschaftsbundes von Präsident Rudolf Hundstorfer und Finanzchef Clemens Schneider abwärts. Aufseiten der Gäste unter anderem Repräsentanten international tätiger Investmenthäuser, ein ehemaliger US-Finanzminister, Manager des deutschen Versicherungskonzerns Allianz, der designierte Chef der Casinos Austria, eine frühere FPÖ-Spitzenpolitikerin, ein ÖVP-Innenminister a. D., der frühere Sekretär eines SPÖ-Finanzministers, der Großmeister der Wiener Freimaurerloge und natürlich PR-Berater und Lobbyisten aus Österreich, Deutschland und Großbritannien.

Das Gesprächsklima, berichten Besucher, sei stets freundlich gewesen, das Raumklima weniger. „Die Atmosphäre im ÖGB-Haus hat was von Moskauer Politbüro“, feixt ein Investmentbanker, „in Osteuropa findet man heute durchwegs bessere Büroausstattung vor.“

Offiziell wollen die Beteiligten mit Hinweis auf das Verkaufsfinale derzeit keine Stellungnahmen abgeben.

Am Montag dieser Woche tritt der Verkauf der Bawag in die entscheidende Phase. Um 9 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird die vom ÖGB beauftragte Investmentbank Morgan Stanley den Gewerkschaftsfunktionären eine Short List präsentieren, für 11.30 Uhr ist ein Gespräch mit Medienvertretern angesetzt.

Zu Redaktionsschluss hatten sechs Konsortien Angebote deponiert: die deutsche Versicherungsgruppe Allianz mit ihrer Tochter Dresdner Bank; der ÖGB-Financier und frühere Bawag-Aktionär Bayerische Landesbank; daneben wollen es vier international tätige Fondsgesellschaften wissen: das US-Investmenthaus Cerberus zusammen mit dem Österreich-Ableger des Generali-Konzerns und der Wüstenrot-Gruppe; der angelsächsische Anbieter Apollo zusammen mit der deutschen Versicherungsgruppe Talanx und dem Wiener Investmenthaus Vienna Capital Partners (VCP); die US-Investmentgesellschaft JC Flowers sowie der gleichfalls aus den USA kommende Fonds Lone Star.

Ab Montag werden von diesen sechs nur mehr zwei, allenfalls drei Konsortien übrig bleiben. Mit diesen werden dann parallel Verhandlungen geführt, an deren Ende – die Rede ist von Dezember – ein Bawag-Käufer stehen soll.

Die Ausgangslage: Der ÖGB benötigt jedenfalls 1,9 Milliarden Euro, um Verbindlichkeiten gegenüber der Bawag abzutragen, die Bawag benötigt ihrerseits 600 bis 800 Millionen Euro, um weiter bilanzieren zu können. Die Republik hatte der skandalumwitterten Gewerkschaftsbank im Sommer einen Haftungsrahmen von bis zu 900 Millionen Euro eingeräumt, der mit dem Verkauf ausläuft. In Summe dürften also 2,5 bis 2,7 Milliarden Euro fällig werden. „Quantitativ liegen die Angebote nah beieinander“, sagt der Vertreter eines Interessenten, „weil die Ausgangslage ja vom ÖGB vorgegeben ist.“

Intrigenspiel. Entscheidend, heißt es, seien letztlich die „qualitativen Argumente“.
Und da haben sich die einzelnen Bieter nicht bitten lassen.

Emissäre der Interessenten haben nach profil-Recherchen zuletzt alles Erdenkliche unternommen, die jeweils anderen beim ÖGB schlecht aussehen zu lassen. Die Botschaft war und ist im Wesentlichen immer dieselbe: Der ÖGB müsse damit rechnen, dass die Bawag beim Verkauf an die Falschen zerschlagen würde und dabei hunderte Arbeitsplätze verloren gingen. „Es hat im Verlauf der Verhandlungen zwei Ebenen gegeben“, erklärt ein Berater, „eine formelle und eine informelle. Da ist es ziemlich wild zugegangen.“ Dass die Argumente einer kritischen Würdigung kaum standhielten, ist „part of the game“.

Schlechter Start. Vor allem die angelsächsischen Fonds mussten sich zunächst mit dem eher hinderlichen Epitheton „Heuschrecke“ herumschlagen. Mit teils bemerkenswerten Folgen. Cerberus etwa ließ jüngst Chairman John Snow, bis Juni dieses Jahres Finanzminister der USA, höchstselbst nach Wien einfliegen, um beim ÖGB, aber auch vor Journalisten zu referieren. Auf einer in Wien gegebenen Pressekonferenz tat Snow sein Bestes, den Cerberus-Absichten jeglichen Geruch der Heuschreckenhaftigkeit zu nehmen.

Snows Engagement war keine Selbstverständlichkeit – die Bawag würde im weltweit ansehnlichen Cerberus-Portefeuille eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Die Reise über den Atlantik soll auf dringende Empfehlung eines Herrn zustande gekommen sein, der innerhalb der heimischen PR-Branche höchstes Ansehen genießt: Dietmar Ecker, ehedem Sprecher von SPÖ-Finanzminister Ferdinand Lacina und – sehr delikat – von Herbst 2005 bis Juni 2006 offizieller PR-Berater der Bawag. Ecker unterhält bis zum heutigen Tag ausgesuchte Kontakte zu Parteifreunden und Journalisten.

Es dürfte auch kein Zufall sein, dass bei Cerberus mit der Generali und Wüstenrot zwei Unternehmen an Bord sind, deren österreichische Manager ein etwas konservativeres Weltbild verkörpern: Susanne Riess-Passer, ehedem FPÖ-Obfrau und heute Wüstenrot-Chefin, sowie der frühere Raiffeisen-Manager Karl Stoß – er führte in den vergangenen zwei Jahren die Wiener Generali-Gruppe und steht vor dem Wechsel an die Spitze der Casinos Austria, also jenes Unternehmens, das gute Chancen hat, die Bawag-Beteiligung an den Lotterien zu bekommen.

Netzwerke. Auch die übrigen Bieter haben nicht geschlafen. Das Investmenthaus Apollo hat sich hierzulande mit VCP einen Partner angelacht, der zuvor den ungarischen Bawag-Interessenten OTP-Bank beraten hatte. Die Ungarn sprangen allerdings sehr bald wieder ab, wären aber für den Fall, dass ein Ostpartner erwünscht sein sollte, unter Umständen noch einmal ansprechbar. VCP wurde vom früheren Creditanstalt-Investmentbanker Heinrich Pecina gegründet, der wiederum den ehemaligen ÖVP-Innenminister Ernst Strasser zur Seite hat. Auf die Bawag angesprochen, antwortet Strasser ausweichend: „Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ich ein gutes Händchen für Planung und Organisation habe und weiterhin Kontakte in die Politik unterhalte.“

Pecina, dessen Netzwerk quer durch alle Lager geht, hat sich auch einen Mann ins Boot geholt, der seinerseits als bestens verdrahtet gilt: Michael Kraus, Chef des Wiener Investmenthauses Donau-Finanz und nebenbei Großmeister der Wiener Freimaurerloge. Kraus hatte erst jüngst dank seiner exzellenten internationalen Kontakte der Erste Bank zur Übernahme der rumänischen BCR verholfen.

Lone Star wiederum, in Europa zuletzt durch aggressive Expansion aufgefallen, bedient sich der Expertise des Investmentberaters Herbert Cordt, vormals Sekretär von SPÖ-Finanzminister Hannes Androsch und später Vorstand der Länderbank. Cordts Engagement entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Er ist der enge Vertraute und Partner des schillernden Unternehmers Martin Schlaff – jenes Martin Schlaff, der mit dem unter Betrugsverdacht stehenden Ex-Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner in der Vergangenheit eine Reihe von Deals durchgezogen hat (profil berichtete ausführlich). Dass auch Schlaff, wie gerüchteweise behauptet wird, bei Lone Star mit von der Partie wäre, lässt sich nicht verifizieren.

Paradigmenwechsel. Demgegenüber hat JC Flowers bislang vergleichsweise wenig Wind um die Sache gemacht. Wenngleich sich auch die Amerikaner der Erfahrung eines Österreichers bedienen, der in Deutschland eine beachtliche Karriere hingelegt hat: Manfred Puffer, einst Manager der Premiere-Gruppe und zwischen 2002 und 2005 Vorstand der Westdeutschen Landesbank (WestLB).

Zu Redaktionsschluss war es kaum möglich, die nahenden Empfehlungen von Morgan Stanley respektive die Befindlichkeit der ÖGB-Funktionäre vorwegzunehmen. Vieles deutete indes darauf hin, dass zumindest zwei der angelsächsischen Fonds – die Rede ist von Cerberus und Apollo – auf der Short List ziemlich weit oben stehen werden.

Was übrigens einen drastischen Sinneswandel des ÖGB signalisiert. Im Herbst 2005 noch war für Gewerkschafter und Sozialdemokraten der Verkauf eines österreichischen Traditionsunternehmens wie der Bawag an das Ausland ein absolutes Tabu. Die Funktionäre der Arbeitnehmer wussten sich mit ihrer Haltung in guter Gesellschaft. In Deutschland hatte Franz Müntefering, damals Chef der Sozialdemokraten, im Vorjahrsfrühling die Allerschlimmsten unter all den internationalen Unternehmensjägern ausgemacht: Hedgefonds und die so genannten Private-Equity-Gesellschaften, die er kurzerhand als „Heuschrecken“ apostrophierte.

Wir schreiben heute Herbst 2006. Die Gewerkschaft hat ihre Bank verspielt – und muss verkaufen, um dem Bankrott zu entgehen. Wählerisch sollte man da nicht sein. Daher ist auch die meistgehörte Prognose, dass ein solcher Fonds letztlich das Rennen machen werde.

Von Michael Nikbakhsh und Liselotte Palme