„Bankers goin’ wild!“

Knalleffekt bei der skandalumwitterten Kärntner Hypo Alpe-Adria-Bank: Vorstandschef Wolfgang Kulterer tritt auf Druck der Behörden zurück. Das Ende einer Bilderbuchkarriere.

Von Resignation keine Spur. Blinde Wut? Fehlanzeige. Der Mann mittleren Alters, der jüngst durch die Wiener Innenstadt flanierte, wirkte eher gelassen, fast erleichtert. Das Hemd zwanglos geöffnet, das Sakko lässig um die Schulter geworfen. Ein paar Einkäufe da, einen Caffè Latte dort, dazwischen ein zwangloses Plauscherl am Handy.
Verlierer sehen anders aus. Wolfgang Kulterer, das berichten auch Vertraute, sei unbeschwert wie lange nicht.
Vor wenigen Wochen sah die Welt des Vorstandsvorsitzenden der Klagenfurter Hypo Alpe-Adria-Bank anders aus. Kaum ein Tag verging, an dem Kulterer nicht öffentlich Prügel für seine Rolle im wohl größten Skandal in der 110-jährigen Geschichte des Instituts bezog: die Affäre um vertuschte Millionenverluste aus hochriskanten Spekulationsgeschäften.

Stimmungswandel. Zwischen Kulterers Tief und Hoch liegt eine persönliche Entscheidung, welche die Zukunft der Bank wie auch seine eigene nachhaltig verändern wird. Nach profil vorliegenden Informationen steht der heute 52-jährige Kärntner unmittelbar vor der Demission. Demnach will er noch diese Woche, möglicherweise schon am Dienstag, seinen Rückzug aus dem Vorstand an die Spitze des Aufsichtsrats bekannt geben. Parallel dazu soll Kulterer offenbar auf Wunsch von Landeshauptmann Jörg Haider auch in das Kontrollorgan der Kärntner Landesholding einziehen. Die Gesellschaft ist mit 49,4 Prozent Hauptaktionär der Hypo Alpe-Adria-Bank International AG und verwaltet den derzeit mit 500 Millionen Euro dotierten „Zukunftsfonds Kärnten“. Haider knapp: „Wolfgang Kulterer ist und bleibt der Mann meines Vertrauens.“

Mit dem Hypo-Chef dürfte auch dessen engster Vertrauer im Vorstand, der für das Auslandsgeschäft verantwortliche Günter Striedinger, aus der operativen Führung der Bank ausscheiden.
Eine Flucht nach vorne.
Kulterer greift einer Entscheidung vor, die weitaus unangenehmer gewesen wäre – für die Bank wie auch für ihn selbst.
Die Finanzmarktaufsicht (FMA) steht unmittelbar vor Abschluss ihrer Ermittlungen in der so genannten Swap-Affäre. Die Kärntner Landesbank hatte 2004 Spekulationsverluste von fast 300 Millionen Euro erlitten, diese zunächst aber weder ordnungsgemäß verbucht noch dem Aufsichtsrat zur Kenntnis gebracht.
Der Skandal flog erst im April dieses Jahres auf – die FMA erstattete daraufhin Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt und leitete ihrerseits ein Geschäftsleiterqualifikationsverfahren gegen Kulterer und seine Vorstandskollegen Günter Striedinger und Thomas Morgl ein. An dessen Ende, das schien zu Redaktionsschluss klar, wäre Kulterers amtswegige Abberufung gestanden – eine nicht eben vertrauensbildende Maßnahme. Die im Einflussbereich des Landes Kärnten und der Grazer Wechselseitigen Versicherung (GraWe) stehende Bank hatte in den vergangenen Monaten ohnehin gesteigerte Mühe, die Kunden bei der Stange zu halten. Auch potenzielle Investoren – der Börsegang soll spätestens 2008 erfolgen – hätten das Einschreiten der Behörden eher nicht goutiert.

Schadensbegrenzung. Mit dem beabsichtigten Rückzug in den Aufsichtsrat erreicht Kulterer zweierlei: Einerseits ist die amtswegige Abberufung durch die FMA mit all ihren negativen Implikationen hinfällig; andererseits bleibt er dem Haus in einer Kontroll- und Beraterfunktion erhalten.
Nach außen hin schwankte der Hypo-Chef in den vergangenen Wochen zwischen Auflehnung und Resignation. Unmittelbar nach Auffliegen der Affäre hatte er noch gemeint, dass er nicht im Traum daran denke, aus dem Amt zu scheiden. Später nuancierte er seine Haltung dahingehend, dass er Erkenntnisse der FMA selbstverständlich respektieren werde.
Und jetzt eben der Rücktritt.
Hypo-Aufsichtsrat Othmar Ederer, Generaldirektor der Grazer Wechselseitigen Versicherung, hielt sich, darauf angesprochen, Ende vergangener Woche noch bedeckt: „Wir gehen davon aus, dass wir dieses Problem kurzfristig lösen. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass die Bank auch in naher Zukunft nicht führungslos sein wird.“ Etwas deutlicher dagegen Hypo-Aufsichtsratspräsident Karl-Heinz Moser: „Es wäre unverantwortlich, das Ganze so weiterlaufen zu lassen. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.“ Es sei „natürlich schade, auf Wolfgang Kulterer an der Spitze der Bank verzichten zu müssen“.
Mit Kulterers Rückzug aus dem Tagesgeschäft nimmt eine der schillerndsten Bankerkarrieren der Republik ihr vorläufiges Ende. Bis zur Swap-Affäre galt der Nebenerwerbspferdezüchter als einer der erfolgreichsten Manager der Branche – einer der längstgedienten ist er zweifellos.

Kulterer hätte heuer sein 14. Jahr an der Spitze der Hypo vollendet. Das schafft derzeit kein aktiver Vorstandsvorsitzender einer österreichischen Großbank. Und es war fraglos sein Verdienst, dass sich die Hypo Alpe-Adria heute überhaupt als solche verstehen darf.
Als Wolfgang Kulterer am frühen Morgen des 1. November 1992 im Alter von gerade einmal 39 Jahren den Vorstandsvorsitz der damaligen Kärntner Landes- und Hypothekenbank AG übernahm, war das Institut praktisch pleite. Hohe Vorsorgen im Kreditgeschäft hatten die Eigenkapitaldecke ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Um überhaupt bilanzieren zu können, musste der Hauptaktionär, das Land Kärnten, umfangreiche Garantien übernehmen.
„Als ich angefangen habe“, verriet der Hypo-Chef später in einem Interview, „stand die Bank vor der Wahl: sterben oder expandieren.“
Kulterers Bilanz: Die Zahl der Filialen stieg von neun auf über 200, der Mitarbeiterstand von nicht ganz 300 auf 5300, die Bilanzsumme von damals umgerechnet 1,9 auf zuletzt 24 Milliarden Euro. Der weitaus größte Teil des Geschäfts wird längst jenseits der Landesgrenzen abgewickelt: Das Institut unterhält Tochtergesellschaften und Niederlassungen in Deutschland, Italien, Kroatien, Slowenien, Serbien-Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Ungarn und Liechtenstein.
Wolfgang Kulterer hatte fraglos Erfolg. Und verstand diesen auch gebührend zu zelebrieren. Nicht selten im Beisein von Journalisten. 2002 etwa ließ Kulterer die versammelte Presse per Learjets nach Venedig verfrachten, um sie dort einer exklusiven Aufführung von Paulus Mankers „Alma Mahler“ beiwohnen zu lassen. Wenig später durften ausgewählte Medienvertreter auf Hypo-Spesen an Bord zweier eigens gecharterter Luxus-Jachten von der Südspitze Istriens auf die Insel Brioni übersetzen, einst Feriendomizil des jugoslawischen Diktators Josip Broz Tito. Der vorläufige Höhepunkt von Kulterers medienwirksamer Inszenierung: Im Juli 2005 bat er anlässlich des Spatenstichs zur 90 Millionen Euro teuren Sanierung von Schloss Velden zu einem Kick-off-Event der Superlative. 2000 geladene Gäste durften einem Privatkonzert von US-Soulbarden Lionel Richie lauschen – der irgendwo zwischen „Hello“, „Easy“ und „Dancing on the Ceiling“ der tanzenden Menge zurief: „Bankers goin’ wild!“
Es darf bezweifelt werden, dass Herr Richie wusste, wie richtig er damit lag.

Wilde Geschäfte. Die zu diesem Zeitpunkt noch unter Verschluss gehaltenen Spekulationsverluste waren längst nicht das einzige Wagnis, auf das sich die Hypo-Führung eingelassen hatte. Bereits Ende der neunziger Jahre geriet das Kärntner Institut wegen undurchsichtiger Transaktionen in Kroatien ins Visier der österreichischen Bankenaufseher und in die Schlagzeilen. Bis heute halten sich Gerüchte, wonach sich die Hypo bei ihren vielfältigen Finanzierungsaktivitäten am Balkan mit Geschäftspartnern fragwürdigen Rufs eingelassen hätte. Kulterer hat das stets dementiert.
Mitte 2001 geriet die Bank in den Strudel der Affäre um den Geschäftsmann Wolfgang Kössner und seiner Immobilien-Gruppe General Partners. Kössner ging Pleite, die Financiers, unter ihnen auch die Hypo, verloren viel Geld. Die Hintergründe der Affäre konnten nie restlos geklärt werden. Die Bank beteuerte stets, selbst Opfer gewesen zu sein.

Haiders Banker. Dass Kulterer obendrein eine Bank leitet, die im unmittelbaren Einflussbereich des Landes Kärnten und dessen Landeshauptmanns Jörg Haider steht, war dem Image auch nicht gerade zuträglich. Lange Jahre musste er sich mit dem Epitheton „Haiders Banker“ herumschlagen. Dabei war es gar nicht Haider gewesen, der ihn weiland aus dem Raiffeisen-Sektor an die Spitze der Bank geholt hatte. Als Kulterer 1992 in die Chefetage einrückte, lagen die Regierungsgeschäfte noch in den Händen von Christof Zernatto. Zugegeben: Mit dem hatte Kulterer nie in die Wüste reisen müssen. Nur widerwillig erinnert sich der Banker heute an eine Reihe obskurer halböffentlicher Missionen, die ihn an Haiders Seite bis ins Zelt des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi führen sollten. Schlechte Presse inklusive.

So sehr Kulterer sich auch abmühte, die Bank aus der Umarmung des Landestribuns zu lösen – wirklich erfolgreich war er damit nicht.
Wie aktiv Haider zuweilen Einfluss auf das Tagesgeschäft nahm, musste Kulterer 2004 bei der beabsichtigten Übernahme der angeschlagenen Bank Burgenland erfahren: Kulterer wollte, Haider nicht. Der Deal platzte. Die Pikanterie: Im Vorjahr riss sich ausgerechnet Hypo-Großaktionär Grazer Wechselseitige (45 Prozent) das Eisenstädter Institut unter den Nagel.
Haider soll sein Veto gegen einen Einstieg der Landesbank im Burgenland gegenüber Freunden damals so gerechtfertigt haben: „Ich musste aufpassen, dass der Vorstand keinen Unsinn macht.“

Kurze Leine. Für Unsinn des Landes wiederum dürfte die Bank nicht nur einmal hergehalten haben. Im Vorjahr wurde bekannt, dass Haider persönlich das Formel-1-Engagement seines Landsmannes Patrick Friesacher beim damaligen Minardi-Rennstall (heute: Toro Rosso) mittels generöser Sponsorzusagen ermöglicht hatte. Von den ursprünglich vereinbarten fünf Millionen Dollar bekam Minardi tatsächlich bloß zwei Millionen Dollar. Und selbst deren Herkunft konnte Haider nie plausibel erklären. Dem Vernehmen nach musste die Hypo auch dafür geradestehen.
Dass der Landeshauptmann obendrein die Vorsitzenden des Hypo-Aufsichtsrats nach Belieben auszutauschen pflegte, machte das Fortkommen auch nicht leichter. Derzeit sitzt noch der Wiener Steuerberater Karl-Heinz Moser an der Spitze des Präsidiums. Er ist nach Herbert Liaunig, Herbert Koch und Klaus Bussfeld bereits der vierte Mann in kaum mehr als zehn Jahren.

Und auch seine Tage als Präsident dürften mit Kulterers bevorstehendem Wechsel in das Gremium gezählt sein.
Wann genau Kulterers Abschied formell vollzogen wird, steht nicht endgültig fest. Der Aufsichtsrat ist dem Vernehmen nach seit Längerem auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Kein leichtes Unterfangen. Auf den neuen Vorstandsvorsitzenden wartet ein Ritt über den Wörther See.

Die Bank trägt bis heute schwer an den Folgen des Swap-Desaster aus dem Jahr 2004. Die Verluste wurden inzwischen zwar ordnungsgemäß verbucht, haben aber die Eigenmittel erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Da das Land Kärnten nicht imstande und die Grazer Wechselseitige Versicherung nicht willens ist, frisches Geld zuzuführen, sollen noch im Herbst dieses Jahres auf dem Wege einer Kapitalerhöhung 250 Millionen Euro bei einer Reihe von Investmenthäusern, unter ihnen auch Hedgefonds, aufgebracht werden.
Bis spätestens 2008 muss das Institut an die Börse, um Verpflichtungen aus einer Anfang des Vorjahres aufgelegten Wandelanleihe zu erfüllen.
Dass die Bestellung eines neuen Vorstandsvorsitzenden nicht ohne Jörg Haider abgehen kann, macht die Suche nicht leichter. Dass der an Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen nicht minder arme Wolfgang Kulterer dem Hause als Aufsichtsratspräsident erhalten bleiben soll, ebenso.

Von Martin Himmelbauer und Michael Nikbakhsh