„… dass der Bastard seinen Job verliert“

Regisseur und Bestsellerautor Michael Moore über seinen neuen Film, seine Position in Hollywood und seine Lust an der politischen Agitation.

profil: Vor der Premiere Ihres Films hieß es, „Fahrenheit 9/11“ sei vor allem eine Untersuchung der Beziehungen zwischen der Präsidentendynastie Bush und der Familie von Osama Bin Laden. Darum geht es eigentlich nur noch am Rande.
Moore: Ich weiß, das wurde so verlautbart, aber ich wollte über den Film vor seiner Fertigstellung nicht reden, daher habe ich das weder bestätigt noch bestritten. Vielleicht hätte mein Film, wäre der Krieg nicht dazwischengekommen, tatsächlich mehr davon gehandelt. Aber ich versuche eigentlich immer, die Dinge beim Drehen in Bewegung zu halten, meine Filme nicht schon vorab in Zement zu gießen.
profil: Wie hat der Irak-Krieg den Film verändert?
Moore: Er hat mich dazu gezwungen, mich zu fragen, was dahinter steckt – und mich mit der simplen linksliberalen Antwort „Alles wegen des Öls“ nicht zu begnügen. Ich meine, nicht dass es nicht auch um Öl gegangen wäre, aber was war da noch alles im Spiel? Sollte je eine wirkliche Untersuchung darüber stattfinden, was im Rahmen des Traumas „9/11“ hinter den Kulissen alles passiert ist und warum Bush alles Wesentliche verschlafen hat, dann wird es viel zu einfach sein, bloß zu sagen, er sei halt dumm. Nicht dass ich Bush hier irgendwie rehabilitieren wollte, aber betrachten wir ihn mal als Menschen, den man in der unguten Situation ertappt hat, sich mit den falschen Leuten abgegeben zu haben. Diese Leute waren eben die königliche Familie der Saudis, brutale Diktatoren – ich hasse es übrigens, sie „Royals“ zu nennen, das verleiht ihnen einen Anflug von großem Theater. Das jedenfalls sind jene Arschlöcher, die vor ein paar Jahren beschlossen haben, ihre Silvesterparty mit der Enthauptung von drei Homosexuellen zu feiern. Das sind die Leute, mit denen Bush im Bett liegt.
profil: „Fahrenheit 9/11“ ist ein sehr zorniger Film geworden. Was hat Sie so zornig gemacht?
Moore: Der Zorn hat in der Wahlnacht 2000 begonnen. Und das ist kein Partisanenzorn, denn ich habe nicht Gore gewählt. Ich war wütend darüber, dass man tatsächlich versucht hat, sich widerrechtlich eine Wahl anzueignen.
profil: An welchem Punkt haben Sie begonnen, Ihren Film als direkte politische Intervention zu konzipieren? Als Mittel der Einflussnahme in der Frage, wen die US-Bürger im November wählen werden?
Moore: Zunächst geht es mir immer nur darum, einen guten Film zu machen. Ich glaube, man erweist der Politik einen schlechten Dienst, wenn man sie über die Kunst stellt. Aber ich hoffe schon, dass all jene, die meinen Film sehen werden, dafür sorgen werden, dass der Bastard seinen Job verliert. Mein Motto im Schneideraum war immer dies: Wir müssen einen Film machen, der die Besucher dazu bringt, am Ausgang nachzufragen, ob die Platzanweiser vielleicht Fackeln zur Verfügung stellen könnten!
profil: Wen kann Ihr Film beeinflussen?
Moore: Seit Cannes höre ich Leute sagen: „Er predigt doch ohnehin nur zu den Bekehrten.“ Lassen Sie mich feststellen: Das ist keine schlechte Sache, denn die Bekehrten haben bisher geschlafen. Das ist die große Menge der Nichtwähler. Wer sind die, die nicht gewählt haben? Die Reichen? Die Elite? Nein, die gehen wählen. Es sind die arbeitenden Armen, die allein erziehenden Mütter, die Jungen. Sie sind diejenigen, die von politischen Fehlentscheidungen am schlimmsten getroffen werden. Also: Warum keinen Film machen, der diesen Leuten einen Grund gibt zu wählen?
profil: Für Sie stand mit diesem Film ja einiges auf dem Spiel. Spürten Sie so etwas wie Druck?
Moore: Klar. Miramax-Boss Harvey Weinstein war zum Beispiel sehr enttäuscht von der Tatsache, dass er meine Visage nicht alle drei Minuten in dem Film auftauchen sieht. Ich habe ihm dann zu erklären versucht, dass man insbesondere in diesem Film der Geschichte selbst Raum geben muss. Das ist eindeutig meine Stimme, meine Vision, aber ich hielt es für das Beste, meine Possen diesmal auf ein Minimum zu reduzieren. Mir ging es vor allem darum, den Menschen treu zu bleiben, für die wir diesen Film machten – und darum, wirklich jedem Soldaten zu versichern, dass wir auf seiner Seite sind.
profil: Dennoch ist Ihr Humor sehr präsent – oft als eine Art Gegenmittel.
Moore: Chaplin hat das ja bereits vor langer Zeit gewusst: In der Konfrontation des kleinen Tramps mit dem großen Boss ist Humor dringend nötig: Er erlaubt es, über Macht und Autorität zu lachen. Der Spott ist eine der wenigen Waffen der Arbeiterklasse.
profil: In einer langen Einstellung zeigen Sie eine irakische Frau, die von der Zerstörung ihres Zuhauses berichtet.
Moore: Über diese Szene habe ich mit den Cuttern lang gestritten. Sie haben gesagt: „Schon klar, jetzt haben wir’s verstanden.“ Ich sagte, hier gehe es nicht darum, nur zu verstehen. Ich wollte diese Szene ungeschnitten. Ich wollte, dass man den Schmerz der Frau fühlt: Sie hat diesen Moment verdient. Bomben, für die Sie und ich gezahlt haben, zerstörten ihr Haus. Jetzt hat sie endlich die Chance, zum amerikanischen Volk zu sprechen.
profil: Von dort schneiden Sie direkt zu Britney Spears, die erklärt, sie unterstütze den Präsidenten. Was hat das Pop-Sternchen hier verloren?
Moore: Sie repräsentiert das Volk, das diese Häuser zerstört hat. Sie spricht in jenem Moment für dieses Volk. Wir hätten auch auf mich schneiden können, ich zahle Steuern hier. Aber Spears repräsentiert eben gerade die Meinung der Mehrheit: Sie betont, dass sie unseren Präsidenten unterstützen werde, egal, was er tue. Persönlich habe ich nichts gegen Britney Spears.
profil: Ist der Persönlichkeitskult, der sich inzwischen um Sie rankt, nicht schon zur Gefahr geworden?
Moore: Absolut. Deshalb trete ich in diesem Film nicht mehr so massiv auf wie früher. Ich möchte nicht, dass die Leute glauben, ich sei der, der das Problem lösen könnte. Das kann ich nicht. Ich bitte vielmehr andere, das zu tun. Ich will, dass wir uns verbünden. Ich habe kein Interesse an Zuschauern, die einfach nur passiv dasitzen, mich beobachten und stellvertretend durch mich leben – so quasi: „Ja, hol sie dir, Mike!“ Sorry, ich werde das nicht für euch tun.
profil: Haben die Studios in Hollywood nach der Absage Disneys je Interesse gezeigt, Ihren Film zu veröffentlichen?
Moore: Ja, Paramount and Universal waren interessiert. Ich meine, es gibt sechs große Hollywood-Studios. Ich habe die Brücken zu zweien davon – zu Disney und Fox – niedergerissen. Das heißt: Vier habe ich noch!

In voller Länge wird dieses Gespräch in der Juli/August-Ausgabe des „Film Comment“ erscheinen. www.filmlinc.com