Baudenkmäler: Gut Ding braucht Eile

Die Sanierung historischer Bauten löst schon bei jahrhundertealten Objekten oft heftige Kontroversen aus – doch was, wenn ein Gebäude aus den sechziger Jahren stammt, der Architekt noch lebt und selbst neuerlich Hand anlegen könnte. Und: Ab wann darf man überhaupt von einem Baudenkmal sprechen?

Dominikus Böhm, einer der bedeutendsten deutschen Kirchenbauer des 20. Jahrhunderts, plante Mitte der fünfziger Jahre in Köln das Gotteshaus St. Anna gemeinsam mit seinem Sohn Gottfried, Träger des renommierten Pritzker-Preises. Bei Gottfried Böhms Sanierungskonzept der Kirche 1987 und 1988 drohten jedoch die ursprünglichen architektonischen Qualitäten verloren zu gehen. Der Architekt konnte allerdings nach intensiven Gesprächen mit Denkmalpflegern zur originalgetreuen Restaurierung seines Jugendwerks bewegt werden – und nahm zugleich belustigt hin, dass man inzwischen seine eigenen Bauten vor ihm selbst zu schützen versuchte.

Oft planen Architekten bei ihren eigenen Bauten – manchmal architekturgeschichtlich bedeutenden Werken – nach Jahren oder Jahrzehnten Erweiterungen, Umbauten oder Sanierungen. Dies gilt fallweise auch für so genannte Stararchitekten. Wilhelm Holzbauer beispielsweise schuf zwischen 1968 und 1976 das Bildungshaus St. Virgil in Salzburg-Aigen als begehbare künstliche Topografie und kraftvolle Komposition aus den geometrischen Grundfiguren Kreis, Rechteck, Prisma und Zylinder mit großen Glas- und prägnanten Sichtbetonflächen. Bei der Bestandsanierung im Jahr 2000 zerstörte Holzbauer selbst den ursprünglich archaischen Charakter des Eingangsbereichs seines Frühwerks: Der Architekt ließ etwa das leichte, weit auskragende Vordach plump in Styropor einpacken. Und ein Wasserbecken mit drei Fontänchen verstellt heute den Aufgang zur begehbaren Dachlandschaft.

Ebenfalls ab Ende der sechziger Jahre wurden die ORF-Bundesländerstudios geplant. Sie begründeten den internationalen Ruf von Architekt Gustav Peichl. Für die verschiedenen lokalen Kontexte variierte und adaptierte Peichl in Form eines kreisförmigen Organisationsprinzips das System gleichartiger Bauelemente. Um eine zentrale, zweigeschoßige Halle dockte Peichl Sektoren mit Büros, Technik und Studios an und hielt die Randbereiche als Erweiterungspotenzial offen. Sein technoider Funktionalismus interpretierte das Funkhaus gewissermaßen selbst als technisches Gerät. In diesem Sinne wurden auch die mehrheitlich vorgefertigten Betonelemente metallisch-silbrig gestrichen.

In den vergangenen Jahren sanierte Peichl die Landesstudios Salzburg, Innsbruck, Linz und Dornbirn. Die gegliederte, metallisch-silbrige Wandstruktur verschwand großteils unter einer weiß und glatt verputzten Wärmedämmung. Mit dieser „Entsilberung“ wurde freilich ein wesentliches Element des einstigen Erscheinungsbildes eliminiert. Auch die angeklebten Horizontalsprossen auf den erneuerten, nun konventionell zu öffnenden Fenstern zeigen gestalterische Gleichgültigkeit und Nivellierung. Nach dem Willen Peichls sollten anfänglich auch die Fassaden des Funkhauses Dornbirn weiß verputzt werden. Dann lenkte er aber ein und akzeptierte eine wärmetechnische Sanierung mit vorgehängten, silbergrauen „Bossen-Profilen mit Betonstruktur“. Diese kommen der ursprünglichen Anmutung sehr nahe und werden damit dem Baudenkmal eher gerecht.

Große Wirkung. Dass Architekten die Beziehung zu den Qualitäten ihrer besten Bauten verlieren, ist selten. Gang und gäbe ist jedoch, dass nach Jahrzehnten des Betriebs Sanierungen oder die Umnutzung von oft vor dem Ölschock realisierten Gebäuden notwendig werden. Entscheidend dabei ist eine sensible Auseinandersetzung mit den baulichen Besonderheiten, da auch kleine Maßnahmen wie Fensteraustausch, Dämmung und Bemalung große Wirkung auf die Ausgewogenheit von Proportionen und Materialien entfalten können.

Eine zentrale Rolle kommt bei solchen Vorhaben mitunter dem Bundesdenkmalamt zu. Dieses hat sich allerdings nur bei der gelungenen Sanierung des ORF-Studios Vorarlberg aktiv eingebracht, obwohl die anderen Länderstudios und auch St. Virgil ebenfalls unter Denkmalschutz stehen. Diesen Status besitzt auch das ORF-Zentrum auf dem Küniglberg von Roland Rainer. Er hat zwischen 1968 und 1985 ein Bauwerk errichtet, „das durch die Bedeutung der Funktionalität für die Gestaltung und der Präfabrikation für die Konstruktion manifestartig herausragt“, schrieb der Architekturkritiker Jan Tabor. „Das ORF-Zentrum ist ein mächtiges, weit sichtbares Bauwerk, das nicht Macht, sondern seinen Dienstcharakter demonstriert.“ Die ORF-Chefetage muss den tatsächlichen Sanierungsbedarf seriös prüfen lassen, zumal in den vergangenen Jahren viel in Erhaltung, Adaption der Technik und Brandschutz investiert wurde. Den großzügig erscheinenden Lockrufen der Stadt zu folgen und in einen Neubau am geplanten Wiener Hauptbahnhof abzusiedeln würde jedenfalls das Ende dieses organisatorisch ausdifferenzierten Baukomplexes bedeuten.

Denkmal-Debatte. Im Gegensatz etwa zu Deutschland beginnt in Österreich das personell und finanziell ausgehungerte Denkmalamt langsam und punktuell, die Hauptwerke der sechziger und siebziger Jahre zu beachten. Hatte die Wiener Landeskonservatorin Barbara Neubauer noch im Herbst 2004 erklärt, dass für ein „objektives Urteil“ über eine Denkmalwürdigkeit „mindestens 50 Jahre verstrichen“ sein müssten, so änderte sie im Jänner 2005 offenbar ihren Standpunkt: In diesem Jahr schaltete sich das Wiener Denkmalamt bei einer problematischen Garagenplanung in der Wohnanlage „Wohnen morgen“ in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus ein, einem in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre entstandenen Hauptwerk Wilhelm Holzbauers. Ein formal gänzlich anderer Schlüsselbau der österreichischen Architektur, Günter Domenigs aus derselben Zeit stammende ehemalige Zweigstelle der Zentralsparkasse in Wien-Favoriten mit prägnanter Nirosta-Wellenfassade, wurde – seit einiger Zeit ohne Banknutzung – unter Schutz gestellt.

Für die jungen Bauten des 20. Jahrhunderts setzen sich einige Denkmalpfleger wie Bruno Maldoner und die Organisation Docomomo (Documentation and conservation of buildings, sites and neighbourhoods of the modern movement) ein. Die Verwendung „moderner“ Baumaterialien wie Stahl, Glas und Beton sowie neuer Konstruktionen wie der Skelettbauweise sind oft anspruchsvolle Herausforderungen für die Denkmalpflege. Basis für Konservierung und Adaptierung der möglichst authentisch zu erhaltenden Bausubstanz ist die Erforschung dieser Konstruktionen, der Baumaterialien und ihrer baustrukturellen Eigenheiten. Damit gestalterisch wie bauphysikalisch anspruchsvolle Lösungen gefunden werden können, bildete im vergangenen November beim jährlichen Symposion von Docomomo Austria die Bautechnik einen Schwerpunkt.

Die allumfassende und problematische Tendenz, sich bei Gesetzen und Verordnungen nur an Neubauten zu orientieren, erschwert Liegenschaftseigentümern, Architekten und Denkmalpflegern oftmals die objektgerechte Erhaltung oder Weiterentwicklung von Baudenkmälern. Technokratische Fixierungen – etwa auf Brandabschnittsgröße, Fluchtweglänge und Stiegenhausbreite – können gravierende bauliche Eingriffe wie zum Beispiel neue Fluchtstiegenhäuser erforderlich machen. Jeweils individuell abgestimmte Gesamtbeurteilungen würden dagegen dem Baubestand wesentlich gerechter.

Wissenslücken. Was jedoch sind in der Fülle der Architektur des 20. Jahrhunderts überhaupt bedeutende Baudenkmäler? Die zeitliche Grenze des Bundesdenkmalamts bei zirka 1980 gewährleistet zumindest ausreichend Distanz zum Betrachtungs- und Bewertungsgegenstand. Allerdings ist der Wissensstand bei den Landeskonservatoraten unterschiedlich. Zur notwendigen Entwicklung eines möglichst präzisen und nachvollziehbaren Qualitätsrasters könnte das Denkmalamt auch Architekturforschung von außen nutzen. Vor einigen Jahren stellte ein junger Denkmalpfleger ein Einfamilienhaus unter Schutz, das die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1950 für ihre Schwester in Radstadt plante. Die bescheidene Architekturqualität dieses Hauses wird freilich von dutzenden Werken des Architekten Gerhard Garstenauer bei Weitem übertroffen.

Der Doyen der Salzburger Architektenschaft, der kürzlich seinen 82. Geburtstag feierte, schuf ab 1960 zahlreiche Hauptwerke der österreichischen Nachkriegsmoderne – wie etwa das 2002 im Anton Pustet Verlag erschienene Buch „Interventionen“ dokumentiert –, kein einziges steht aber unter Denkmalschutz. So auch nicht das 1966 bis 1968 für Bad Gastein realisierte, international beachtete Felsenbad. Der beengte Bauplatz führte zu Garstenauers Entscheidung, die Schwimmhalle aus dem Bergrücken herauszusprengen. Die unbearbeiteten Felswände aus Tauerngneis bilden im Kontrast zu den konstruktiv-präzisen Sichtbeton-Elementen und den großen Aussichtsfenstern einen bemerkenswerten Raumeindruck. Allerdings wurde das Bauwerk scheibchenweise und mit wenig Feingefühl verändert sowie 2004 und 2005 um eine neue Erlebnistherme architektonisch mäßig anspruchsvoll erweitert.

Setzten unbedarfte Veränderungen Garstenauers Felsentherme massiv zu, so verkommt das im Wiener Volksmund „20er Haus“ genannte Museum im Schweizer Garten seit Jahren überhaupt. Der Meilenstein der österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts ist seit März 2005 aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der international tätige Architekt Karl Schwanzer (1918 bis 1975) konzipierte für die Weltausstellung in Brüssel 1958 den Österreich-Pavillon. 1962 begleitete er die Modifikation der kühnen Stahlskelettkonstruktion durch Erdgeschoßverglasung und Hofüberdachung zum Museum des 20. Jahrhunderts. Seit 2002 ist die Österreichische Galerie Belvedere der neue Betreiber. Sie kündigte die Präsentation heimischer Kunst ab 1918 und von Werken Fritz Wotrubas an. Den entsprechend ausgelobten Architektenwettbewerb gewann Adolf Krischanitz. Er will den Platz vor dem zu renovierenden Gebäude absenken sowie mit einer Brücke überspannen und schlägt zudem ein schlankes frei stehendes Bürogebäude aus Glas vor.

Die neue Direktorin der Österreichischen Galerie, Agnes Husslein, will das 20er Haus zum in Österreich längst überfälligen Museum für Wotruba machen. Der 1907 in Wien geborene Hauptvertreter der Bildhauerei des 20. Jahrhunderts starb 1975. Wotrubas kraftvolle Werke in Bronze und Stein könnten Schwanzers lichtdurchflutete Stahl- und Glasstruktur jedenfalls ungleich besser ausfüllen als der 2002 geplante Museumsbetrieb mit hauptsächlich konservatorisch sensiblen Exponaten. Dafür hatte Krischanitz eine innenklimatische Aufrüstung mit aufwändiger Verstärkung der Außenhaut zu konzipieren gehabt. Die weit gehende Reduktion dieser Maßnahmen wäre gleichermaßen denkmalgerecht wie kostensparend. Vor allem aber erhielte das Baudenkmal eine ihm adäquate Nutzung und könnte seine Atmosphäre behalten, und Skulptur und Architektur von zwei der kreativsten und produktivsten Kräfte im Nachkriegs-österreich könnten einander entspannt begegnen.

Von Norbert Mayr