Baukunst: Weinmonumente

Innovative Weinarchitektur boomt. Eine groß angelegte Ausstellung in Wien thematisiert nun die Vielfalt österreichischer und internationaler Bauweisen.

Muss man eigentlich Weinliebhaber sein, um Weinkeller zu bauen? Das könne nicht schaden, meint Stararchitekt Wilhelm Holzbauer, sei aber nicht Bedingung. Man müsse ja auch nicht unbedingt religiös sein, um eine Kirche zu bauen. Ein wenig wie eine Kirche sieht denn auch Holzbauers dominanter Reifekeller für die Weingenossenschaft Arachon in Horitschon im Mittelburgenland aus.

Für Holzbauers Kollegen Anton Mayerhofer besteht zweifellos ein Zusammenhang zwischen der Liebe zum Wein und dem Bauen für Weinbauern. Der 46-Jährige stammt aus einer Winzerfamilie in der burgenländischen Blaufränkisch-Gegend, besitzt selbst einen Weingarten und hat Architektur deshalb studiert, um sich im ländlichen Raum regionalen Bauaufgaben zu widmen. Mit bisher über zwanzig Projekten, sowohl Neu- als auch Um- und Zubauten, ist er Österreichs produktivster Weinarchitekt.

Zustimmung erhält Mayerhofer vom Südtiroler Walter Angonese, dem der Duft des Weines gleichsam in die Wiege gelegt wurde: Seine Mutter arbeitete bis zum Tag seiner Geburt in einem Weinkeller. Gemeinsam mit seinen Kollegen Silvia Boday und Rainer Köberl baute Angonese in nächster Nähe zum Kalterer See mit dem Gut Manincor einen fast zur Gänze in die Erde gegrabenen Weinkeller, der unmittelbar nach der Fertigstellung im vergangenen Jahr hohe internationale Beachtung in der Architekturpresse fand.

Die Liebe zum Wein, meinen wiederum die Architekten des jungen Teams propeller z, könne aber auch durch die Beschäftigung mit Weinbauten geweckt werden (siehe auch Interview Seite 139). propeller z planten Präsentationsräume für die burgenländischen Paradewinzer Weninger in Horitschon (gemeinsam mit Raimund Dickinger) und Heinrich in Gols (zusammen mit Werner Schüttmayr). Für Weninger sind sie mittlerweile auch in Ungarn tätig.

Weinlandschaften. Ob im Burgenland, in Niederösterreich oder der Steiermark, in Südtirol oder Slowenien, ganz zu schweigen von Kalifornien: Das Bauen für und rund um den Wein hat Hochkonjunktur. Die klingenden Namen der dabei engagierten Architekten: Ricardo Boffil (Weinkeller Château Lafite-Rothschild, Frankreich), Mario Botta (Cantina Petra, Toskana), Santiago Calatrava (Ysios, Rioja), Frank O. Gehry (Clos Jordanne, Niagara), Michael Graves (Clos Pegase, Kalifornien), Mathias Klotz (Las Ninas, Chile), Rafael Moneo (Bodegas Chivite, Spanien), Renzo Piano (La Rocca di Frassinello, Toskana). Und nicht zuletzt Herzog & de Meuron, deren 1998 fertig gestellte Dominus Winery in Yountville im kalifornischen Napa Valley als eines der sieben Weltwunder der Architektur der Jahrtausendwende gepriesen wurde.

Nur eine umfassende Ausstellung zum Thema fehlte bislang noch, sieht man von einer Schau des Pariser Centre Pompidou über die Châteaux im Bordeaux 1988 ab.

Dieses Versäumnis holt nun das Architekturzentrum Wien (Az W) unter dem Titel „Weinarchitektur – Vom Keller zum Kult“ nach, mit erstaunlichen Rechercheergebnissen. Die internationale Ausbeute fiel trotz der großen Zahl prominenter Architekten, die Weinmonumente errichten, eher enttäuschend aus: „Nicht mehr als eine Hand voll neuer Weingüter von relevanter architektonischer Qualität war zu finden“, wie Az W-Direktor Dietmar Steiner im Katalogvorwort konstatiert. Der heimische Befund dagegen ist beachtlich: „Weltweit einzigartig hat sich in rund zwanzig Jahren diese Bauaufgabe in Österreich völlig neu definiert“ (Steiner).

Die Kunsthistorikerin Ursula Graf, die an einem Weinarchitekturführer für Österreich arbeitet, zählt die Winzer gar zu den wichtigsten Auftraggebern für Architekten in Österreich und diagnostiziert „eine zeitgemäß-funktionale Weinarchitektur, die das Selbstbewusstsein einer neuen Winzergeneration mit hohem Qualitätsanspruch ins rechte Licht rückt“.

Dabei ging es anfangs keineswegs um ästhetisch-architektonische Qualitäten, sondern um funktional-organisatorische Aufgaben. Nach dem Weinskandal von 1985 (das Frostschutzmittel Glykol als Weinzusatz hatte einige große Weinbauern hinter Schloss und Riegel und Österreichs Wein weltweit ins Out befördert) krempelte eine Hand voll junger Winzer die Ärmel hoch, um mit Transparenz und Sauberkeit zu punkten. Architekt Anton Mayerhofer erinnert sich: „Von Architektur war nicht die Rede, es ging darum, Arbeitsabläufe sinnvoll zu strukturieren und darauf zu schauen, dass der Weintank nicht neben dem öltropfenden Traktor steht.“ Außerdem galt es, Anbauten in die örtliche Bausubstanz zu integrieren und die ab den neunziger Jahren in das Zielgebiet 1 fließenden EU-Förderungen zu nutzen.

Eine Bühne für den Wein. Anton Mayerhofers erster Kunde war das Weingut Iby in Horitschon. Was folgte, liest sich heute wie ein Who’s who der Winzer in der Blaufränkisch-Region: Igler, Heinrich, Gesellmann und Gager in Deutschkreuz, Bauer-Pöltl und Iby-Lehrner, Horitschon, Lang, Neckenmarkt.

Mit dem wachsenden Erfolg kam eine neue Aufgabe: die Präsentation der edlen Tropfen für die zu Degustationen anreisende Kundschaft in Verkostungs- und Verkaufsräumen, möglichst mit Sichtverbindung zu dem in Barrique-Fässern reifenden Produkt und/oder zur umgebenden Weinlandschaft. Das Team gernerogernerplus designte für Wellanschitz in Neckenmarkt, Franz Josef Zogmann für Schiefer in Welgersdorf.

Und auch die ganz Jungen mischen bereits mit. Das Team AllesWirdGut, vergangenes Jahr auf der Architekturbiennale in Venedig vertreten, tauchte den Präsentationsraum des von den Architekten Halbritter & Halbritter gebauten Weinguts Pittnauer in Gols in kühles Weiß – die ideale Voraussetzung, um das Farbenspiel der Rotweine zum Leuchten zu bringen. Die vielleicht schlüssigste Lösung für das gefragte „brandscaping“ vom Firmenlogo bis zum Flaschenetikett lieferten propeller z mit dem Präsentationsraum für Weninger in Horitschon.

Längst geht es aber nicht mehr nur um Zu- oder Umbauten. Die Söhne – und eine wachsende Zahl von Töchtern – der Pioniere hatten sich an der Weinfachschule in Klosterneuburg akademisches Wissen angeeignet und anschließend die Weinwelt bereist: von Kalifornien bis Südafrika. Sie kennen die neuesten Techniken und die aktuellen Bauten und wollen zu beiden Aspekten ihren Beitrag leisten.

In Langenlois hat Fred Loimer, als österreichischer Winzer des Jahres 2002 ausgezeichnet, einen historischen Schlosskeller sorgfältig restauriert und mit einer minimalistischen schwarzen Box als Präsentations-, Verwaltungs- und Serviceteil überbaut. Der Architekt Andreas Burghardt (Weingut Niepoort, Portugal) nennt den hermetischen, L-förmigen Bau eine „Bühne für den Wein“.

Im Jahr 2002 erhielt er dafür Österreichs wichtigste Architekturauszeichnung, den Bauherrenpreis. Ebenfalls in Langenlois entstand 2003 eine unterirdische „Weinerlebniswelt“, eine Tourismusattraktion mit Stationen wie „Lössgrotte“, „Basilika“ oder „Labyrinth“, konzipiert von Schweizer Ausstellungsdesignern. 120.000 Besucher jährlich sollen die mit EU-Fonds gepolsterten Investitionskosten hereinspielen. Für ein Besucherzentrum, in dem der Rundgang beginnt und endet, wurde der US-Stararchitekt Steven Holl engagiert, der mit einem dekonstruktivistisch verzerrten aluminiumglänzenden Würfel ein weithin sichtbares Stück Beeindruckungsarchitektur in die Landschaft setzte.

Als Baumaterial ist den Architekten und ihren Bauherren ziemlich alles recht. Holz bei Lackner-Tinnacher in Gamlitz (Planung Rolf Rauner), Glasdominanz im Weingut Schützenhof (Pichler & Traupmann), Beton (Weninger, propeller z) oder eine Mischung aus allem (Weingut Sabathi, Architekt Igor Skacel). Die Gebäude verschwinden teilweise im Hang, haben begrünte Dächer oder verstecken sich hinter Natursteinfassaden (Arachon/Holzbauer).

Sakrales und Funktionelles. Wein ist längst zum Lifestyle-Produkt geworden, und niemand in Österreich huldigt dieser Tatsache mehr als das Marketing-Genie Leo Hillinger. Mit gernerogernerplus, den lokalen Stars der burgenländischen Architektur (siehe etwa das Einfamilienhaus „sued.see“), begab er sich im Naturschutzgebiet bei Jois auf eine Gratwanderung zwischen Rücksicht auf die natürliche Umgebung und Ausreizung technischer Möglichkeiten. Zur Hälfte in den Hang versenkt und mit Oberlichten raffiniert beleuchtet, verbindet dieser Bau Sakrales mit Funktionellem. Er ist Maschine und Ikone zugleich; Extravaganzen wie der Hubschrauberlandeplatz oder der mit Fernzündung zu bedienende Kamin sind Blendwerk, das die Architektur jedoch nicht wirklich tangiert.

Nicht alle freilich wollen den jüngsten Entwicklungen nur Positives abgewinnen. Anton Mayerhofer etwa, der seine An- und Ausbauten immer noch nach den finanziellen Möglichkeiten seiner Kunden auf Jahre hinaus portioniert und über der Frage tüftelt, wie ein Neubau in einem alten Streckhof unterzubringen ist, hat Sorge, dass manche Winzer mit ihren Architekten die Bodenhaftung verlieren.

Aber die Zeiten haben sich nun einmal geändert, wie Winzerstar Fred Loimer weiß: „Packten die Kunden früher die Doppler in den Kofferraum des Opel Kadett, so lassen sie sich heute die Sechserkartons auf den Rücksitz des schwarzen Porsches schlichten.“ Da können die Weinbauern nicht nachstehen.

Von Horst Christoph