Bauprojekte: Operation Fiasko

AKH Wien, Flughafen Berlin Brandenburg, Opernhaus in Sydney: explodierende Kosten, nachträgliche Änderungen, verschleppte Deadlines. Wenn die öffentliche Hand architektonische Großprojekte in Angriff nimmt, scheint grundsätzlich alles aus dem Ruder zu laufen. Der Fehler steckt nicht im Detail, sondern im System.

Von Alexander Bartl

Baustellen sind zwar keine Augenweide, aber es wäre nicht nötig gewesen, sie zu urbanen Katastrophengebieten weiterzuentwickeln. Immer mehr Großprojekte, mit denen Städte eigentlich prahlen und ihre Einmaligkeit feiern wollten, geraten zu Debakeln, zu Skandalfällen, zu sündteuren Pannenparaden. Obwohl auch in anderen Ländern bei der Modernisierung des Stadtbilds mehr als genug misslingt, so setzt doch Deutschland augenblicklich die verrücktesten und kostspieligsten Baustellendramen in Szene. Wegen des Nervenkitzels könnte das geneigte Publikum sich dadurch auch bestens unterhalten fühlen – würde man jedes dieser Spektakel nicht mit Steuergeld finanzieren. Was in Berlin, Hamburg, Stuttgart und in vielen anderen Metropolen Europas chronisch kränkelt, sind öffentliche Bauvorhaben, die ihren Zeit- und Budgetrahmen fulminant sprengen.

So ist der Flughafen Berlin Brandenburg lange vor seiner Fertigstellung in Verruf geraten, die vom renommierten Schweizer Büro Herzog & de Meuron geplante Hamburger Elbphilharmonie ebenso, und der umstrittene Bahnhof Stuttgart 21, der unter der Erde errichtet wird, hat sich schon im Vorfeld als unterirdische Entgleisung entpuppt. Wo immer Millionen versenkt werden, stets scheint es, als wären die Beteiligten von der öffentlichen Aufmerksamkeit kalt erwischt worden. Selbst Politiker, die sich im Krisenfall gern wendig um alles drücken, was nur entfernt nach Verantwortung aussieht, kommen in Verlegenheit, wenn es um fehlerhafte Brandschutzanlagen oder um Rolltreppen geht, die – wie beim Großflughafen Berlin – um ein paar Stufen zu kurz geraten sind.
Es fehlt an Routine beim Umgang mit dem Thema, da Baukultur unter weniger skandalösen Umständen eher selten in die Schlagzeilen drängt. Doch der Blick hinter die Kulissen entlarvt nicht nur fatale Fehler, Missmanagement und Baumängel. Er vermittelt auch ein Gefühl für die Komplexität der Materie.

Unschöne Zwischenfälle
Wer aus der Tatsache, dass ein Gebäude ganz oder teilweise mit dem Geld der Allgemeinheit finanziert wird, den Anspruch ableitet, man möge es gefälligst so rasch und umstandslos zusammenschustern wie ein Ikea-Regal im Wohnzimmer, der verlangt zu viel. Schließlich gehören unschöne Zwischenfälle fast schon zum Schöpfungsmythos der gebauten Welt. Im Anfang war die Panne – erst danach kam der Palast, ein Grundprinzip, das eben auch bei ungleich kleineren Vorhaben gilt: Heimwerker, die sich in ihrem Hobbykeller eine Sauna in­stallieren, geraten daher oft schon vor der Vollendung des Heißluft-Eldorados ins Schwitzen. Und wenn ein neuer Carport windschief an der Hausmauer lehnt, dürfte der ambitionierte Bastler ursprünglich anderes im Sinn gehabt haben als eine Schlamperei mit Schlagseite – allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Er verpulvert nicht das Geld anderer Leute, wie es die Manager öffentlicher Megaprojekte tun.

Insofern ist es richtig und wichtig, dass im Zuge der aktuellen Pannenserie mehr Aufrichtigkeit seitens aller Beteiligten gefordert wird. Wer der Bevölkerung heute noch einen Flughafen oder einen Bahnhof mit dem Verweis auf geringe Kosten schmackhaft machen will, verspielt hinterher seine Glaubwürdigkeit, sollte sich das vermeintliche Schnäppchen als Milliardengrab entpuppen. Klar: Schonungslose Ehrlichkeit in der Planungsphase könnte das eine oder andere Vorhaben schon vor dem ersten Spatenstich zu Fall bringen. Um Großprojekte wäre es schlecht bestellt, würden Auftraggeber kundtun, sie könnten den Durchblick glücklicherweise gar nicht verlieren, weil sie ihn ohnehin nie hatten. Ein bisschen Schönfärberei mag bei der Vermarktung also gerade noch legitim sein. Doch von einem Märchenonkel will sich niemand vorführen lassen, wie man reale Kosten fantasievoll aufpumpt.

Mangel an Demut und Respekt
Mehr noch als am Gespür für die Wünsche und Bedenken der Menschen scheint es vielen Bauverantwortlichen allerdings an Demut und Respekt vor den Projekten selbst zu fehlen. Jedenfalls setzen sie sich im Vorfeld gern so selbstbewusst in Szene, als hätten sie schon den Bau der sieben Weltwunder mitbeaufsichtigt. Die Pläne für ein neues Konzerthaus oder für einen Flughafen-Terminal namens Skylink werden dann entsprechend salopp durchgewinkt. Zur Folklore moderner Baudesaster zählen auch die vertrauten Fotos, auf denen die Beteiligten neben Pappmodellen der Projekte posieren. Die verschobenen Größenverhältnisse sollen wohl veranschaulichen, wie wichtig sich die Herrschaften bei der Angelegenheit selbst nehmen. Zwar geht es nicht um deren Privatimmobilien, aber ein wenig wollen sie sich schon im Glanz der von ihnen auf den Weg gebrachten Projekte sonnen. Ein funktionstüchtiger Flughafen, ein Bahnhof oder ein Brenner-Basistunnel sind da längst nicht mehr genug. Wahrzeichen sollen sie obendrein sein, gebaute Beweise für die visionäre Kraft ihrer Macher. Weil Triumphbögen oder schmeichelhafte Reiterstandbilder leider aus der Mode gekommen sind, müssen andere Monumente her, meist gigantische Infrastrukturprojekte, die obendrein um ein Vielfaches teurer sind.

Niemand behauptet, es sei einfach, solche Bauvorhaben zu überblicken. Doch dass hinterher nicht selten alles neu überdacht, berechnet und sicherheitshalber einmal mehr vergrößert wird, weil die Pläne, auf denen die ursprüngliche Budgetkalkulation beruhte, nonchalant hingeschludert wurden, hat wesentlichen Anteil an der Misere. Denn so entsteht der Eindruck, die Überlänge der Baustellenphase werde vor allem dazu genutzt, immer absurdere Maßlosigkeiten auszubrüten. Der Baumeister eines Einfamilienhauses teilt dem Besitzer bei der Gleichenfeier ja üblicherweise auch nicht mit, er werde nun noch seitlich anbauen und oben aufstocken, weil ihm das Projekt ansonsten zu mickrig sei. Wenn sich hingegen die veranschlagten Kosten für den neuen Wiener Hauptbahnhof inzwischen jenseits der Milliardengrenze eingependelt und damit mehr als verdoppelt haben, so heißt es dreist, das Vorhaben habe mit dem anfangs geplanten und budgetierten ja nur noch wenig zu tun.

Ästhetischer Skandal
Um das beinahe schon absehbare finanzielle Debakel, zu dem sich viele öffentliche Projekte auswachsen, historisch einzuordnen, haben dieser Tage einige Medien darauf verwiesen, dass Verzögerungen und fehlende Kostenkontrolle seit Jahrhunderten die Umsetzung von Megaarchitektur begleiten und behindern. Kurioserweise zeigt dieser Vergleich vor allem die eklatanten Unterschiede zwischen damals und heute. Einen Palastbau des Barock auch nur in die Nähe zeitgenössischer Kostentreiber zu rücken, ist anmaßend – dem Palast gegenüber. Verprassten Monarchen früher Staatsgeld, kamen immerhin Bauten wie Schloss Versailles heraus. Es ging den Herrschern natürlich auch um Eitelkeiten, aber diese wurden wenigstens mit Stil zelebriert. Wenn heute ein Projekt mehr Zeit in Anspruch nimmt und zudem sündteuer wird, dann heißt das Ergebnis eben: Flughafen Berlin Brandenburg oder Bahnhof Wien-Mitte oder Pratervorplatz. Kurz: Was sich am Ende in der Stadt oder vor deren Toren breitmacht, steht offensichtlich in keinem Verhältnis mehr zum Aufwand.
Zu den unschönen Machenschaften während der Bauphase gesellt sich also bei vielen modernen Projekten noch der ästhetische Skandal, und der ist auf lange Sicht gravierender als jedes Baustellen-Verhängnis. Schließlich werden an dessen Spätfolgen noch künftige Generationen leiden. Stichwort AKH Wien, ein Fiasko vom Grundstein bis zum Dach, illegale
Machenschaften und zigfach überschrittene Budgetgrenzen inbegriffen. Aus einer Milliarde Schilling wurden am Ende 43 Milliarden. Für die Tragödie hätte man die Bevölkerung wenigstens mit einem Gebäude entschädigen können, das einen halbwegs erhebenden Anblick böte. Stattdessen wurden zwei als Bettenhäuser deklarierte Bau-Brutalos in die Stadt gerammt. „Das Gruselhaus“ – so überschrieb das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1976 einen Beitrag, der sich mit Wiens Baudebakel beschäftigte. Den Gruselfaktor hat sich der fertige Komplex bewahrt.

Schwere Geburt
Natürlich darf jeder aus Fehlern lernen und hinterher klüger sein als vor der Bescherung. Dass aber der Pratervorplatz ein bisschen zu prominent gelegen ist, um zu einem Endlager für architektonischen Kitsch umfunktioniert zu werden, hätte man schon vor der 40 Millionen Euro teuren Neugestaltung ahnen können. So gesehen sind falsche Kalkulationen und technische Mängel am Bau auch eine Art Tarnung für heranreifende Geschmacklosigkeiten, weil sie ein Grundrauschen der Empörung erzeugen, das Fragen nach Form und Stil überlagert. Sogar die Sehnsucht nach Denkmälern in eigener Sache wäre verzeihlich, liefe sie auf entsprechend denkwürdige Architektur hinaus. Das Wahrzeichen-Geraune erscheint allerdings entbehrlich, solange es nur ein Vorwand ist, um in Städten unzulängliches Design zu verklappen.

Umgekehrt kann visionäre oder wenigstens gute Architektur der zahlenden Allgemeinheit über das Pannentrauma hinweghelfen, das zuvor der Blick in die Finanzierungslöcher hervorgerufen hat. Beispiel Sydney, wo der Bau der vom dänischen Architekten Jørn Utzon geplanten Oper zu lange dauerte und dafür mehr als das Vierzehnfache der ursprünglich veranschlagten Summe verschlang. Wegen der verkorksten Angelegenheit sah sich der Planer bald in die Defensive gedrängt. Vorwürfe konterte er mit dem trotzigen Hinweis, an der Kathedrale von Chartres sei mehr als 100 Jahre gebaut worden. Für jemanden, der damals miterlebte, wie das Entsetzen in der australischen Metropole seinen Lauf nahm, mochte dies hochmütig und respektlos klingen. Doch das vollendete Gebäude entschädigte nicht nur Sydney, sondern alle Welt für seine schwere Geburt.

Es ist prinzipiell möglich, dass sich aus künftigen Chaos-Baugruben irgendwann ähnliche Meisterwerke emporschwingen. Wer allerdings sogar die Bäume auf dem Gelände falsch pflanzt wie nun beim Berliner Großflughafen, wer bei der Sanierung des Wiener Stadthallenbads nicht einmal die Becken dicht bekommt, ohne ein juristisches Nachspiel zu riskieren, der sollte fürs Erste weder Wahrzeichen noch Prestige­-
projekte anpeilen, sondern einfach nur Häuser – aber solche, die ebenso solide kalkuliert wie gebaut werden. Das wäre eine Sensation. Und zwar eine noch größere als das Opernhaus von Sydney.

Infobox
Fünf prominente Pannenbauprojekte

Großflughafen Berlin
Die kostspieligste Bau-Posse der Welt ist derzeit vor den Toren Berlins zu besichtigen. Beim ersten Spatenstich 2006 war die Eröffnung des Flughafens noch für 2011 geplant. Seither wurde der Termin viermal verschoben. Zuletzt einigte man sich darauf, überhaupt kein Datum mehr zu nennen. Die geplanten Kosten von 2,4 Milliarden Euro sind inzwischen auf 4,3 Milliarden gestiegen. Wegen der unzähligen Baumängel wird nun erwogen, Teile der Anlage wieder abzureißen.

Hamburger Elbphilharmonie
Um sicherzugehen, dass das neue Konzerthaus in der Hafencity auch wirklich ein Wahrzeichen wird, engagierte man die Starplaner Herzog & de Meuron. 77 Millionen Euro sollte der Steuerzahler zu den Gesamtkosten von 186 Millionen beitragen. Die Fertigstellung war für 2010 vorgesehen. Mittlerweile ist der Preis auf astronomische 575 Millionen Euro gestiegen – mit entsprechender Mehrbelastung für den öffentlichen Haushalt. Ein vollendetes Konzerthaus ist längst noch nicht in Sicht. 2017 soll es nach jüngsten Schätzungen so weit sein.

Skylink
Innerhalb von drei Jahren wollte man den neuen Terminal am Wiener Flughafen errichten. Tatsächlich dauerten die 2005 begonnenen Bauarbeiten mehr als doppelt so lang. Die Kosten hielten Schritt und erhöhten sich von 400 Millionen auf rund 770 Millionen Euro.

AKH Wien
Eine Milliarde Schilling sollte der 1955 ­geplante und beschlossene Komplex ursprünglich kosten. Am Ende waren es 43 Milliarden. Auch die geplante Bauzeit erwies sich als zu optimistisch gedacht: Zehn Jahre sollte sie bei der in den 1960er-Jahren begonnenen Anlage betragen. Eröffnet wurde das Spital schließlich 1994.

Opernhaus Sydney
Weil schon kurz nach Baubeginn die Fundamente wieder herausgerissen werden mussten, schwante der Stadt Böses. Es kam tatsächlich noch böser: Mit 100 Millionen australischen Dollar gerieten die ­Kosten sage und schreibe 14-mal höher als geplant. Fast anderthalb Jahrzehnte mussten die konsternierten Einwohner Sydneys auf die Eröffnung 1973 warten. Das Ergebnis machte immerhin künstlerisch Furore.