BAWAG-Affäre: Der Refco-Krimi

Großkredit für einen mutmaßlichen Betrüger: wie die Gewerkschaftsbank Bawag P.S.K. dem US-Brokerhaus Refco und dessen Ex-Chef insgesamt 425 Millionen Euro zuschanzte – das Protokoll eines Debakels.

Von Sonntagsruhe keine Rede: Den 23. Oktober verbrachte Johann Zwettler, Generaldirektor der Wiener Bawag P.S.K., wieder einmal im Büro. Wie schon an den beiden vorangegangenen Wochenenden musste er durcharbeiten. Und das in einer Bank, die im Alleineigentum des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) steht, der seit Jahr und Tag gegen die Sonntagsarbeit zu Felde zieht. Aber wer um sein Leiberl rennt, muss dann und wann mit den hehren Grundsätzen der Genossen brechen.

Die Bawag, nach der Bilanzsumme die fünftgrößte Bank des Landes, hat dem nunmehr insolventen US-Investmenthaus Refco und dessen früheren Chef Phillip R. Bennett insgesamt 425 Millionen Euro zugeschanzt. Refco ist pleite, Bennett steht unter Betrugsverdacht, ein großer Teil des Geldes ist so gut wie sicher perdu. Am Freitag vergangener Woche begann die mit der Kontrolle des heimischen Bankwesens befasste Finanzmarktaufsicht (FMA), unterstützt von Experten der Oesterreichischen Nationalbank, mit einer hochnotpeinlichen Prüfung der Bawag-Bücher sowie der Vergabemodalitäten im Zusammenhang mit den Krediten an Refco und Bennett.

Das Augenmerk der FMA richtet sich vor allem auf die Sorgfaltspflichten und Formalanforderungen des Bankwesengesetzes sowie die Bawag-interne Geschäftsordnung. Sollten Verstöße nachgewiesen werden, reichen die möglichen Konsequenzen von Verwaltungsstrafen bis zur Amtsenthebung der befassten Bawag-Manager – einschließlich des Generaldirektors. Der Aufsichtsrat der Bank unter dem Vorsitz von ÖGB-Vizepräsident Günter Weninger hat dem Management Freitag vergangener Woche in einer außerordentlichen Sitzung das Vertrauen nicht entzogen. Zwettler und Entourage beteuern, dass bei der Kreditvergabe keine Fehler gemacht wurden. Man sei, wie es heißt, einem Betrüger aufgesessen.

Bis heute steht eine zentrale Frage im Raum: Wie konnte es passieren, dass der Bawag-Vorstand, der Refco bereits früher eine Finanzierung in Höhe von 75 Millionen Euro gewährt hatte, vergangene Woche dann auch noch einer privaten Gesellschaft von Phillip Bennett einen 350-Millionen-Euro-Kredit bewilligte, ohne den Aufsichtsrat der Bank explizit darüber zu informieren – und das Geld zur Auszahlung brachte, als Bennett bei Refco wegen Verdachts auf Bilanzmanipulation und Wertpapierbetrug bereits zwei Tage lang Hausverbot hatte?

profil protokolliert den Ablauf eines der möglicherweise größten Finanzdebakel der jüngeren Wirtschaftsgeschichte:

Am Mittwoch, den 5. Oktober 2005, herrscht in den Großraumbüros des New Yorker Brokerhauses Refco Inc. an der Adresse One World Financial Center, 200 Liberty Street, nahe Ground Zero, noch hektischere Betriebsamkeit als sonst. Am Vorabend hat die New York Stock Exchange im Lichte schwacher Konjunkturdaten und der Angst vor Leitzinserhöhungen durch die US-Notenbank mit Verlusten geschlossen. Andererseits: Erstmals seit Monaten fällt der Ölpreis. Hochbetrieb für die auf den Handel mit Terminkontrakten spezialisierten Refco-Broker: Jeder noch so kleine Kursausschlag in die eine oder andere Richtung kann ihre Kunden ohne die richtige Reaktion viel Geld kosten. Das Abendprogramm für viele der Händler steht ebenfalls bereits fest: Um 19 Uhr werden die New York Rangers gegen die Philadelphia Flyers zum ersten Spiel der neuen Eishockey-Saison antreten.

Einer hat weder Zeit fürs Tagesgeschäft noch für Sportevents: Phillip R. Bennett, 57, langjähriger Chef der Refco-Gruppe und ihr zweitgrößter Aktionär. Er ist der Top-Shot seiner Zunft, hat das Brokerhaus mittels aggressiver und nicht immer unumstrittener Methoden zu einem der erfolgsreichsten weltweit gemacht.

In Wirklichkeit stecken die Refco Inc., deren Aktien seit August an der New Yorker Börse gehandelt werden, und deren Boss aber tief in der Bredouille. Seit Tagen wühlen sich Buchhalter und Wirtschaftsprüfer mit einem vorerst vagen Verdacht durch Refco-Finanzunterlagen. Ein subalterner Mitarbeiter war auf seltsame Transaktionen gestoßen und hatte diese seinen Vorgesetzten gemeldet. Da Management und Aufsichtsrat von Refco seit dem letztjährigen Einstieg des Bostoner Investmenthauses Thomas H. Lee Partners und dem Börsegang 2005 nicht mehr nur aus engen Vertrauten Bennetts bestehen, wurde den Ungereimtheiten auch nachgegangen und die bereits als Bilanzprüfer bei Refco tätige Wirtschaftsprüfungskanzlei Grant Thornton mit genaueren Erhebungen beauftragt.

Bennett hat, was zu diesem Zeitpunkt nur er und möglicherweise einige Eingeweihte wissen, 430 Millionen Dollar Schulden gegenüber seinem eigenen Unternehmen, die so nicht in der Bilanz aufscheinen. Er ahnt, dass die Prüfer erste Hinweise auf die fragwürdigen Buchführungspraktiken gefunden haben.
Er braucht also dringend Geld.

Am frühen Vormittag New Yorker Zeit lässt sich Bennett einen guten Freund und Kollegen ans Telefon holen: Thomas Hackl, deutscher Staatsbürger und als selbstständiger Vermögensberater in Genf ansässig. Hackl war bis vor etwa einem Jahr für Refco in Schlüsselpositionen tätig – zuletzt als Executive Vice President an Bennetts Seite in New York. Vor allem aber war Hackl von 1991 bis 2002 bei der Bawag in Wien Leiter des mit der Liquiditätssteuerung befassten Geschäftsbereichs Treasury. Hackl hat die Kontakte nach Österreich nie abreißen lassen. Er avisiert noch am selben Tag dem Vorstandssekretariat seines ehemaligen österreichischen Arbeitgebers einen Anruf von Bennett. Die Angelegenheit, so Hackl, sei „dringend und wichtig“. Chefsekretärin Johanna Brinnich leitet die Information an den für Treasury und Großkredite verantwortlichen Vorstandsdirektor Peter Nakowitz weiter. Am späten Nachmittag bekommt Bennett Nakowitz ans Rohr. Er habe „dringenden Finanzbedarf“, raunt Bennett. Es gehe um „kurzfristige Zahlungsverpflichtungen“.

Good Fellas. Dem Bawag-Vorstand erscheinen weder das Anliegen noch die Summe – 350 Millionen Euro – fragwürdig. Seit Jahren macht das Institut Geschäfte mit Refco, zwischen 1999 und 2004 war die Wiener Bank sogar mit zehn Prozent am New Yorker Brokerhaus beteiligt. Generaldirektor Johann Zwettler, und mehr noch dessen Vorgänger Helmut Elsner, kennen, schätzen und duzen Bennett. 2003 etwa vergnügte sich der gebürtige Brite, der an der Elite-Universität Cambridge studiert hat, auf Einladung der Bawag am Wiener Opernball.

Als Bennett an diesem 5. Oktober anruft, verfügt das aus mehr als einem Dutzend einzelner Gesellschaften bestehende Unternehmenskonglomerat Refco bei der Bawag zusätzlich zu einer mit 75 Millionen Euro oder 90 Millionen Dollar ausgenutzten Kreditlinie über einen weiteren Finanzierungsrahmen, der hauptsächlich deshalb eingeräumt worden war, um mit Refco Devisengeschäfte – ein Spezialgebiet des New Yorker Finanzhauses – abzuwickeln.

Man ist sich rasch einig. Bennett bietet der Bawag sein gesamtes Refco-Aktienpaket – 43.052.000 Stück oder 33,8 Prozent des Grundkapitals – als Besicherung an. Bei einem Kurs von 30 Dollar ein Wert von rund 1,3 Milliarden Dollar oder rund einer Milliarde Euro, also das Dreifache des beantragten Kreditvolumens. Die zur Verpfändung angebotenen Papiere stehen im Eigentum von Bennetts privater Refco Group Holdings Inc., sie ist es auch, die den Kredit bekommen soll.

Zwettler setzt nach Rücksprache mit Nakowitz seinen Vorstandskollegen Christian Büttner, zuständig für den Bereich „Internationales Geschäft“, und die New Yorker Anwaltskanzlei McDermott Will & Emery in Bewegung.

Als der Vorstand die ausgearbeiteten Kreditunterlagen am Vormittag des 7. Oktober erstmals vor Augen bekommt, schläft Bennett noch den Schlaf der Gerechten. Keiner der Herren ahnt, was wenige Stunden später in New York passieren wird.

Die Prüfer von Grant Thornton haben ganze und vor allem schnelle Arbeit geleistet. Am Freitagmorgen bekommt Refco-Aufsichtsratschef Joseph J. Murphy ihren Bericht auf den Tisch. Demnach soll Bennett Außenstände Dritter in der Höhe von jedenfalls 430 Millionen Dollar über einen längeren Zeitraum kaschiert haben. Woraus die Schulden resultieren, wann exakt sie entstanden und wer die Schuldner sind, ist bis heute nicht gänzlich klar. Der mutmaßliche Hintergrund: Die offenbar uneinbringlichen Verbindlichkeiten, deren Ursprung möglicherweise bereits ins Jahr 1997 datiert, hätten die finanzielle Solidität des Unternehmens ernstlich gefährdet, jedenfalls aber das weitere Wachstum behindert und einen Börsegang unmöglich gemacht. Weshalb Bennett diese auf die eigene Kappe genommen und damit gleichsam aus dem Rechnungskreis entfernt hatte. Jetzt schuldet seine Refco Group Holdings Inc. dem Unternehmen das Geld. Während bei der börsenotierten Refco Inc. eine Krisensitzung die andere jagt, will in Wien vorgeblich keiner Bennetts private Kalamitäten gewärtigen. Zwettler wird später beteuern, sein Gegenüber habe „zu keinem Zeitpunkt“ etwas davon erwähnt.

Samstag, 8. Oktober: Das Drama nimmt, begünstigt durch die Zeitverschiebung, unaufhaltsam seinen Lauf. In Wien wird den ganzen Tag über am Millionenkredit gearbeitet. Zwettler beordert seine Kollegen Büttner und Nakowitz für den darauf folgenden Sonntag ins Büro, um den Deal unter Dach und Fach zu bringen. Refco hat Bennett zu diesem Zeitpunkt von allen Unternehmensfunktionen suspendiert und mit Hausverbot belegt. In Wien klappen die Bawag-Leute derweil ihre Laptops zu.

Zwettler will von den Vorgängen in New York erst viel später erfahren haben. Am Nachmittag des Sonntag, 9. Oktober, setzen er und seine beiden Vorstandskollegen ihre Unterschrift unter den Kreditvertrag und geben 350 Millionen Euro für Bennetts private Refco Group Holdings Inc. frei. Die Stimmung in der geschmacksfrei möblierten Vorstandsetage der Gewerkschaftsbank könnte besser kaum sein: Bennett hat nicht nur seine gesamten Aktien verpfändet – er ist obendrein bereit, dafür überdurchschnittlich hohe Zinsen zu zahlen. Bei einer Laufzeit von einem Jahr mit so genannter endfälliger Tilgung soll die Bawag netto drei Prozent verdienen: macht fast elf Millionen Euro.

Klingt nicht nur zu schön, um wahr zu sein, sondern ist es auch, wie sich bald herausstellt.

Montag, 10. Oktober: Schlag 12 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit werden 350 Millionen Euro aus Wien über die irische Bawag International Finance Ltd., die in Dublin an der Adresse Newmount House, Lower Mount Street 22/24 residiert, auf ein Konto von Bennetts Refco Group Holdings bei Refco Inc. in New York transferiert.

Was die Bawag anscheinend nicht weiß: Drei Stunden später wird Refco die tags zuvor beschlossene Beurlaubung Bennetts und die mutmaßlichen Bilanzmanipulationen – wie die US-Börsenregeln zwingend vorschreiben – öffentlich bekannt geben.

Der Bawag-Vorstand beruft sich heute darauf, dass ihn ein seither jährlich erneuerter Aufsichtsratsbeschluss vom 8. Februar 1999 ermächtigt habe, der Refco-Gruppe ohne weitere Befassung der Gremien Kredite bis zu einem Ausmaß von umgerechnet 500 Millionen Euro zu gewähren, die zeitweise auch ausgeschöpft und immer pünktlich zurückgeführt worden seien.

Die Beantwortung mehrerer Fragen blieb man dagegen schuldig:
* Hat der Aufsichtsrat der Gewerkschaftsbank vor sechs Jahren eine derart hohe Kreditlinie tatsächlich pauschal genehmigt, ohne Teilbeträge für ganz bestimmte Transaktionen – etwa Devisengeschäfte – zu widmen?
* Warum wurde der Vorstand nicht stutzig, als Bennett trotz scheinbar reichlicher Sicherheiten bereit war, einen durchaus stolzen Zinssatz für den Kredit zu akzeptieren?
* Hat sich der Vorstand wirklich mit Bennetts Erklärung begnügt, er müsse kurzfristig nicht näher genannten „Zahlungsverpflichtungen“ nachkommen?

Gerüchten zufolge soll der Brite gegen-über der Bawag sehr wohl „Bilanzprobleme“ eingestanden haben. Zwettler bestreitet das.

Ende vergangener Woche kam ein weiteres, nicht minder delikates Ondit hinzu. So berichtete das „Wall Street Journal“, dass ausgerechnet Wolfgang Flöttl, Sohn des legendären Bawag-Generaldirektors Walter Flöttl, über seine auf Bermuda ansässige Investment-Gruppe Ross Capital einer der Verursacher der uneinbringlichen Refco-Forderungen sei. Mitte der neunziger Jahre war Walter Flöttl über die ominösen Karibik-Geschäfte mit seinem Sohn gestolpert (siehe Kasten). Geschäftsbeziehungen und persönliche Kontakte der Bawag zu Flöttl junior sollten jedoch auch unter Zwettlers Vorgänger Helmut Elsner weiter bestehen. Wäre es möglich, dass Bennett Wolfgang Flöttls angebliche Problemchen als Argument gegenüber der Bawag einsetzte, als es um den plötzlich benötigten Kredit wegen „dringenden Finanzbedarfs“ ging? Flöttl lässt auf Anfrage von profil per E-Mail ausrichten, er habe keine wie immer gearteten offenen Rechnungen mit Refco: „Wir haben unsere Verpflichtungen gegenüber Refco immer vollständig und pünktlich erfüllt … Zu keinem Zeitpunkt haben wir mit Refco irgendwelche Vereinbarungen über einen Zahlungsaufschub oder gar einen Schuldennachlass getroffen.“

Immerhin mehren sich die Hinweise, dass die Bawag – möglicherweise unwissend – schon längere Zeit in Bennetts munteres Finanzkarussell involviert gewesen sein könnte. Dem ehemaligen Refco-Chef war es offenbar gelungen, zum Bilanzultimo der börsenotierten Refco Inc. (28. Februar) sowie den Stichtagen der Quartalsbilanzen die ausufernden Schulden seiner privaten Refco Group Holdings kurzfristig Dritten umzuhängen: Finanzgesellschaften wie der in Summit im Bundesstaat New Jersey domizilierte spekulative Investmentfonds Liberty Corner Capital tauchten in den Jahresabschlüssen und Quartalsbilanzen von Refco Inc. regelmäßig als Schuldner auf – sie waren es freilich nur für wenige Tage und das auf dem Papier. Sobald die Wirtschaftsprüfer weg waren, wurden die Verbindlichkeiten wieder auf Bennetts private Refco Group Holdings gebucht. Fonds wie Liberty kassierten für die kleine Gefälligkeit Zinsen, die Bücher der Refco Inc. blieben sauber. Am Wiener Finanzplatz wird nun kolportiert, dass zum Monatsultimo Februar 2005 für kurze Zeit eine auffällige Forderung der Bawag gegen-über Bennets Refco Group Holdings Inc. in Höhe von 56 Millionen Euro bestanden habe. Allfällige Hintergründe dieser Finanzierung müssen nun wohl ebenfalls von der Finanzmarktaufsicht untersucht werden.

Vermutlich wäre alles nur halb so schlimm gekommen, hätten die Wiener früher die Notbremse gezogen.

Das wahre Ausmaß des Desasters offenbart sich der Bawag am Montag, 10. Oktober, gegen 15.00 Uhr. Ein namentlich nicht bekannter Anrufer schlägt im Vorstand Alarm. Wenig später veröffentlicht das verbliebene Refco-Management um William Sexton eine Presseerklärung: „Refco Inc. gibt bekannt, dass im Zuge einer internen Revision Verpflichtungen durch eine von Phillip R. Bennett kontrollierte Gesellschaft in der Höhe von rund 430 Millionen Dollar entdeckt wurden. Bennett hat den Betrag heute einschließlich Zinsen zurückgezahlt.“ Den Jahresabschlüssen von Refco Inc. und ihren Tochtergesellschaften sei für die Jahre 2002, 2003, 2004 und 2005 „kein Vertrauen“ mehr zu schenken.

Die Wiener reagieren sofort – aber zu spät. Um 15.30 Uhr Wiener Ortszeit geht eine so genannte „stop payment order“ hinaus – der Versuch, die Überweisung an Bennett zu stornieren. Offenbar ohne Erfolg. In einem mit 12. Oktober datierten Schriftsatz hält die von der US-Justiz beauftragte Ermittlerin Heather Tucci wörtlich fest: „Ich habe in von Refco übermittelte Dokumente eingesehen, aus denen hervorgeht, dass 350 Millionen Euro auf ein Konto bei Refco lautend auf Phillip Bennett/Refco Group Holdings Inc. am oder um den 10. Oktober 2005 von einer ausländischen Bank transferiert und am gleichen Tag in rund 424 Millionen Dollar konvertiert wurden“.

Auf das Geld hat die Bawag keinen Zugriff mehr – auf Bennett ebenso wenig. Er wird am Abend des 11. Oktober in New York wegen akuter Fluchtgefahr verhaftet. Laut Protokollen abgehörter Telefongespräche, die Staatsanwalt Michael J. Garcia vorliegen, soll Bennett, wie profil bereits vergangene Woche berichtete, geplant haben, die USA Richtung Wien zu verlassen. Sein Anwalt Gary Naftalis dementiert, dass es sich dabei um einen Versuch gehandelt habe, den Behörden zu entkommen. Vor Gericht gibt er an, die Österreich-Reise sei ein lang geplanter Trip gewesen, um an „Weinverkostungen“ teilzunehmen. Am nächsten Tag geht Bennett gegen eine hohe Kaution frei. Er wird in seinem New Yorker Penthouse unter Hausarrest gestellt, überwacht durch eine elektronische Fußfessel. Von dort aus muss er mit ansehen, wie die US-Justiz noch am 12. Oktober Anklage wegen des Verdachts auf Wertpapierbetrug und Bilanzmanipulation erhebt.
In den Tagen darauf überschlagen sich die Ereignisse.

Donnerstag, 13. Oktober: Eine Tochtergesellschaft von Refco gibt bekannt, wegen auftretender Liquiditätsengpässe ihre Konten für 15 Tage einzufrieren, und der Kurs der Aktie bricht von ursprünglich 30 Dollar bis auf 7,90 Dollar ein.

Freitag, 14. Oktober: profil konfrontiert die Bawag erstmals mit den Ereignissen in New York. Sprecher Thomas Heimhofer versteckt sich hinter dem Bankgeheimnis: „Zu Kundenbeziehungen sagen wir nichts.“ Bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) geht ein Hinweis auf mögliche Unregelmäßigkeiten ein. Der Leiter des „Bereichs 1/Bankenaufsicht“, Michael Hysek, informiert umgehend FMA-Vorstand Heinrich Traumüller. Dieser setzt sich mit Bawag-Generaldirektor Johann Zwettler in Verbindung, ein Treffen für den darauf folgenden Montag wird arrangiert.

profil liegen Freitagabend vorvergangener Woche zwar Informationen darüber vor, dass die Bawag die Quelle von Bennetts 350-Millionen-Euro-Blitzkredit sei, weil eine ausreichend fundierte Bestätigung für dieses Faktum aber bis Redaktionsschluss nicht zu erlangen ist, beschränkt sich profil in seiner Berichterstattung über die Causa auf die Darstellung eines bereits früher an Refco gewährten Kredits in Höhe von – nach damaligem Informationsstand – 70 Millionen Euro. (Tatsächlich waren es, wie mittlerweile feststeht 75 Millionen Euro.)

Sonntag, 16. Oktober: Nachdem die „Financial Times“ und profil über die Kreditverbindungen zwischen Bawag und Refco berichtet haben (die „Financial Times“ auch über den 350-Millionen-Kredit), muss die Bawag an die Öffentlichkeit gehen. In einer Presseaussendung ist vom „Verdacht auf betrügerische Handlungen“ bei Refco die Rede. Zitat: „Die Bawag P.S.K. ist durch Kreditlinien in Höhe von 425 Millionen Euro betroffen. Für das offene Kreditvolumen bestehen Sicherheiten, von deren Werthaltigkeit wir ausgehen.“

Montag, 17. Oktober: Zwettler erscheint gegen 9.30 Uhr in Begleitung von Rechtsberatern zu einer ersten Einvernahme in den FMA-Räumlichkeiten in der Wiener Praterstraße. „Das Klima war kühl und sachlich“, erinnert sich ein Gesprächsteilnehmer. „Die Herrschaften haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die Kredite voll abgesichert seien.“

Der ÖGB-Präsident wirft sich heldenhaft für seine Banker in die Schlacht. Der Kredit, so Fritz Verzetnitsch, sei „einstimmig genehmigt“ worden, die Bawag ein „gut geführtes Unternehmen“.

Am 18. Oktober stellt Refco Inc. bei Gericht den Antrag auf Gläubigerschutz – das Unternehmen ist spätestens jetzt pleite. Laut einem ersten Status wird die Bawag als Hauptgläubiger geführt.

Beteuerungen. In Wien scheint dies niemanden wirklich zu bekümmern. Um 16.00 Uhr tritt der Vorstand zu einer eilig einberufenen Pressekonferenz vor die Medien. Zwettler beteuert einmal mehr, alle einschlägigen Vorschriften penibel befolgt zu haben. Man sei einem Betrüger aufgesessen. Und: Den Krediten von 425 Millionen Euro (350 Millionen Bennett, 75 Millionen Refco Inc.) stünden „Sicherheiten“ gegenüber.

Praktisch zeitgleich streicht die New Yorker Börse die Refco-Aktie vom Kurszettel. Der Handel wird zwar außerbörslich auf den so genannten „Pink Sheets“, einer elektronischen Handelsplattform, wieder aufgenommen. Der Kurs fällt jedoch unter einen Dollar. Der Wert der verpfändeten Aktien ist in nicht einmal zwei Wochen von 1,3 Milliarden Dollar auf gerade einmal 43 Millionen Dollar gestürzt.

Mittlerweile ist klar: Die Bawag wird, so kein Wunder geschieht, die Forderungen an Refco und Bennett abschreiben müssen, was Konsequenzen für das Eigenkapital, mehr noch für den Alleinaktionär ÖGB haben wird (siehe Kasten).

Klar ist auch, dass ein vertiefter Blick in den Refco-Börsenprospekt vom August den beherzten Griff ins Portemonnaie vielleicht verhindern hätte können. Die Prüfer von Grant Thornton merkten damals bereits an, dass es „erhebliche Defizite im Berichtswesen von Refco“ gebe, das Management selbst fügte in diesem Zusammenhang an, dass Refco „substanziell verschuldet“ sei und unter gewissen Umständen nicht mehr in der Lage wäre, seinen „Verpflichtungen“ nachzukommen. Zugegeben: Derartige Warnungen an die Adresse von Investoren sind in den USA Bestandteil nahezu aller Börsenprospekte. Genau darauf soll der Bawag-Vorstand in den ersten Einvernahmen durch die FMA hingewiesen haben.

Nur bekanntlich schützt auch Unwissenheit nicht vor Schaden.

Von Michael Nikbakhsh und Martin Staudinger