Bei Bush daheim

Reportage. Texas war das politische Labor des George W., noch immer ist dieser Bundesstaat die Bastion der Republikaner. Doch selbst hier nagt der Zweifel. Von Tom Schimmek

Der Wilde Westen wird von Süden her aufgerollt. Tag und Nacht streben sie aus Lateinamerika über die gut 2000 Kilometer lange Grenze nach Texas, auf der Suche nach einem besseren Leben, nach Wohlstand und Freiheit, nach dem amerikanischen Traum. Etliche kommen legal, über die Brücken von Laredo etwa, dem emsigsten Warenumschlagplatz. Als Erstes stoßen sie hier auf ein Waffengeschäft, an dem steht in Riesenlettern: „God bless America!“
Viele, keiner weiß Zahlen, kommen heimlich, stolpern oft tagelang durch öde Weite voller Sand, Kakteen und Dornenbüsche. Manche werden gefasst auf dem Weg über den Rio Grande, jetzt im Sommer an vielen Stellen kaum mehr als ein Rinnsal. Das Ufer ist gespickt mit Kameras und Sensoren. Grenzwächter brausen mit Geländewagen auf und ab, um „Illegale“ aufzuspüren, unter ihnen immer mehr Frauen und Kinder. Alle „Aliens“ werden durchsucht, verhört, fotografiert; moderne Scanner erfassen ihre Fingerabdrücke. Dann schicken die Grenzer sie zurück nach Süden oder sperren sie in ein Gefängnis.
Oder sie sterben an dieser Grenze, verdursten in der sengenden Hitze, ersticken in den Laderäumen von Lastwagen oder werden von Zügen überrollt, weil sie, aus Furcht vor Schlangen, auf den Gleisen schlafen. Einige hundert Tote verzeichnet die Statistik jedes Jahr. „Da draußen“, meint Grenzer Jim Herrick, versonnen über die karge Landschaft blickend, „liegen bestimmt noch viel mehr.“

Latinos und Schwarze. Die Verlockungen der USA aber sind stärker als alle Furcht. So wird Texas, Land der weißen Siedler und Cowboys, stetig latinisiert. Überall spürt man die hungrige Dynamik der „Hispanics“. Sie streben aufwärts, schuften emsig für ein paar Dollar und haben viele Kinder. In manchem Viertel der großen Städte ist Spanisch längst Hauptsprache. Bald werden die weißen Texaner weniger als 50 Prozent der Einwohner stellen, zahlenmäßig überflügelt von Latinos und Schwarzen. Vielleicht ist es schon so weit.
Masse ist aber nicht gleich Macht. Reichtum und Einfluss, die wichtigen Posten und die großen Vermögen bleiben weit gehend in weißer Hand. „Die Latinos und die Schwarzen kämpfen hier um die Krümel“, meint Jesse Diaz, Immobilienmakler und Latinoaktivist im Südosten von Dallas, „und die weiße Ablehnung wächst, weil sie das Gefühl haben, wir übernehmen.“
So unanfechtbar scheint die Dominanz der Republikaner in diesem Bundesstaat, dass ein echter Wahlkampf erst gar nicht stattfindet. Die Hauptstadt Austin haben sie fest im Griff. Große Unternehmen in Houston und Dallas zählen auch nach dem Niedergang des Energiekonzerns Enron zu den wichtigsten Spendern der Republikanischen Partei. Zu den Wahlurnen streben im politisch besonders apathischen Texas vor allem ältere, hellhäutige Menschen. Die wählen mit großer Mehrheit Bush. The winner takes it all.
Texas war Bushs Trainingsfeld. Hier hat er geübt für das Weiße Haus, hat getestet, wie weit er politisch gehen, wie frech er seine Spender beglücken, die Sozialsysteme plündern und die Umwelt opfern kann, ohne die Massen zu verprellen.
Kaum vorstellbar, dass Texas einst eine Bastion der Demokraten gewesen ist – bodenständig, aber weltoffen. Dass selbst Midland, die Ölstadt im Westen, wo George Bush senior sein Geld machte und George junior es zumindest versuchte, einst liberale Hochburg gewesen ist. Bei den ersten Vorwahlen der Republikaner in Midland vor gut 40 Jahren, berichtet Bush senior, waren drei Personen anwesend: er, Gattin Barbara und ein betrunkener Demokrat, der sich in der Tür geirrt hatte.
Welch ein Kontrast. Heute ist Midland beinahe zur Gänze in republikanischer Hand. „Wir haben hart gearbeitet“, resümiert Sue Brannon, lokale Vorsitzende der Republikaner. Sie kam 1958 hierher, stieß schnell zur kleinen Republikaner-Schar. Die hat es weit gebracht. Der Midlander Don Evans, ein „Pioneer“ – so nennen sich jene, die früh Geld auf die Bushs setzten –, wurde US-Wirtschaftsminister, der mittlerweile pensionierte Tommy Franks Oberkommandeur der US-Streitkräfte im Irak. „Tommy“, sagt die Witwe Brannon gurrend, „Tommy hat uns erklärt, was wir alles Gutes tun im Irak und dass wir mindestens noch fünf Jahre bleiben müssen.“

Banken und Kirchen. Hier ist die Welt intakt. Tommy Franks spricht gerne vor dem republikanischen Frauenclub. Die Damen haben neulich auf sein Bitten hin gespendet, für ein Denkmal auf dem Terrain der Militärbasis Fort Hood, zu Ehren der Irak-Gefallenen. Im Nu kamen 10.000 Dollar zusammen. Eine Delegation der Gönnerinnen aus Midland reiste zur Einweihung ins etwa 100 Kilometer nördlich von Austin gelegene Fort Hood. Sue Brannon war begeistert: „Die Soldaten sind alle sehr stolz zu dienen.“
Besonders begeistert ist Witwe Brannon über den politischen Aufstieg jener Familie, die früher an der Adresse West Ohio Avenue 1412 in Midland gewohnt hat. Das bescheidene Gebäude, ein frühes Domizil der Bushs, wird gerade totalrenoviert, nebenan entsteht ein neues Besucherzentrum. Man erwartet tausende Touristen.
Sie freute sich, als George senior 1976 an die Spitze der CIA berufen wurde, und noch mehr, als er dann zwölf Jahre im Weißen Haus residierte, acht als Vize, vier als Präsident. Und als George junior nach einigen unternehmerischen Fehlschlägen 1994 Gouverneur von Texas wurde und dessen Bruder Jeb 1998 Gouverneur von Florida, war sie natürlich ebenfalls mächtig stolz. Hinter ihrem Schreibtisch hängt ein Kinderfoto von George W., mit einem scheuen Halbgrinsen vor einer großen Ölpumpe stehend, in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Von ihr aus könnte er ewig Präsident bleiben. „George W.“, schwärmt Sue Brannon, „hat gesagt, dass ihm alle seine ethischen Wertmaßstäbe in Midland beigebracht wurden: Gott zu lieben, sein Land und seine Familie.“ Gerade hat sie einen frischen Stoß Aufkleber für die Stoßstangen der wuchtigen Autos, die man hier fährt, anfertigen lassen. Aufschrift: „Midland, Texas – Bush Country“.
Eine schöne Stadt ist Midland nicht: zu rechtwinklig, zu leer und über eine viel zu große Fläche verstreut. Es gibt eine Menge Banken in Midland – und Kirchtürme. Nördlich der Stadt erstrecken sich die Ölfelder schier endlos auf flachem, struppigem Land. Pumpen schwingen auf und nieder. Die Luft stinkt faulig vom Schwefelwasserstoff, der mit dem schwarzen Gold aus der Erde quillt. Die harte Arbeit in der sengenden Sonne erledigen auch hier die Einwanderer aus dem Süden. „Bei uns sind jetzt 96 Prozent spanischsprachig“, sagt Supervisor Lupe Gutierrez, selbst mexikanischer Herkunft. Die weißen Amerikaner machten lieber „saubere Arbeit“, meint er lachend. Und hätten zugleich Angst, immer mehr ins Abseits zu geraten.
Auch in Midland sind ja nicht alle reich. Auch hier leben viele in Baracken und Sozialbauten, drängeln sich um die schlecht bezahlten Jobs an den Krankenbetten, Registrierkassen und in den Fastfood-Restaurants. Und reagieren mit politischer Apathie.
Genau wie die Funktionäre und Sympathisanten der Demokratischen Partei Midlands. Die residieren abseits des Zentrums in einer Baracke. Als ihnen neulich ein Installateur eine gebrauchte Klimaanlage spendete, rief er danach sogleich bei den Republikanern an, um zu fragen, ob die auch etwas bräuchten. „Es wird immer härter und härter und härter“, sagt Dally Willis, 84, Demokrat und Gewerkschafter. „Gute Jobs sind rar geworden. Entweder ist man richtig reich, oder man verdient weniger als neun Dollar die Stunde.“ Wer seine Kollegen zum Gewerkschaftsbeitritt animieren will, wird von seinem Arbeitgeber meist gekündigt.

Ordnung und Glaubensstrenge. Für die Armen, kontert Republikanerin Brannon scharf, gebe es doch schließlich „jede Menge Wohlfahrtsorganisationen“. Sie ist in Waco aufgewachsen, einem Städtchen südlich von Dallas, vor zehn Jahren durch eine Auseinandersetzung zwischen einer Sekte und dem FBI berühmt-berüchtigt geworden. Wenn Mrs. Brannon an ihre Kindheit zurückdenkt, überkommt sie ein etwas übertrieben wirkender Enthusiasmus. „Es war herrlich“, meint sie und erzählt von saftigen Hamburgern, von der Sonntagsschule und den langen Stunden auf der Veranda, wo man nur guckte, wer die Hauptstraße herauf- und herunterfuhr.
Waco ist einer dieser texanischen Orte, wo Ordnung und Glaubensstrenge in der Luft zu schweben scheinen. Hier befindet sich die Baylor University, die größte Baptistenhochschule der Welt. Nicht weit entfernt, ein paar Meilen westlich auf dem George W. Bush Parkway, liegt das Dörfchen Crawford, wo sich Bush junior niederließ, als er das höchste Amt im Staate ergatterte. Kühe muhen, Vögel zwitschern, über die Ranch Road rollen alte Chevys. An der Straße steht ein Schild: „God bless America and our troops.“
Gern posiert Bush auf seiner Ranch als bodenständiger Texaner. Weil er erheblich häufigere und längere Urlaube von seinem Job im Weißen Haus nimmt als sein Vorgänger, besteht dazu oft Gelegenheit. Crawford, das nicht einmal einen Supermarkt hat, vermarktet sich seither als „westliches Weißes Haus“. Läden an der Hauptstraße bieten Bush-Devotionalien feil. Das „Yellow Rose“ führt neben Geweihen, Waffen und Munition auch Bush-Puppen, -Mützen, -Aufkleber und anderen Tand. An der Tankstelle hängen neben Motoröl, Rattengift und Pepsi frische Bush-Cheney-T-Shirts. Neuerdings gibt es auch ein Hemd mit der Aufschrift „Michael Moore“ – der Name des Bush-Kritikers ist allerdings dick durchgestrichen.
In der Armengegend gleich hinter der Bahnlinie, über die endlos lange, quietschende und scheppernde Güterzüge rattern, lebt Ginger Robertson, 47, schwarz, allein stehend und arbeitslos. „Er ist ein reicher Mann und hilft den Reichen“, sagt sie über George Bush. „Er kennt es doch nicht anders. Wie sollte er Politik für die Armen machen? Davon weiß er nichts. Das werfe ich ihm nicht vor.“ Ihr Knie schmerzt, doch für eine Behandlung reicht das Geld nicht. Ihr Sohn ist Soldat, gerade aus Bagdad zurückgekehrt. „Mama, frag mich nicht, wie es gewesen ist“, habe er gesagt. „Es muss ziemlich schlimm gewesen sein“, schließt sie daraus.
Hinter dem Bahngleis von Crawford steht neuerdings auch das „Friedenshaus“, ein Peace-Zeichen flattert vor der Holzveranda. Kriegsgegner haben es gekauft und renoviert, einige haben langes Haar, sehen aus, als kämen sie gerade aus Kalifornien. Ihre bloße Anwesenheit empört hier manch aufrechten Republikaner. „Die wollen ihr ruhiges Dorf wiederhaben – ohne Bush, ohne dessen Sicherheitsbeamte und ohne uns“, sagt Paul McDaniel, Vietnam-Veteran und – laut Selbstdefinition – Friedensaktivist.

Erste und Dritte Welt. Sara Oliver, eine ältere Dame, die hier Tee reicht, stammt wie die Republikanerin Susan Brannon aus Waco. Ihre Erinnerungen an ihre Heimatstadt sind aber freilich andere. „Sehr unterdrückend“ sei dieser Hort christlicher Fundamentalisten, sagt sie, ein Ort der Angst, voll kleiner Straßen, gepflastert mit kleinen Regeln. „Man darf keinen eigenen Schritt machen, keinen eigenen Gedanken haben. Sie urteilen über alles, den ganzen Tag.“ Die Christin Oliver wuchs gegenüber einer Baptistenkirche auf. „Ich habe genug Höllenfeuer und Verdammung für zehn Leben genossen.“ Wie passt Bush da hinein? „Perfekt“, sagt sie lachend, „obwohl ich persönlich glaube, dass er der Antichrist ist.“
Texas ist gespalten wie das ganze Land, politisch wie ökonomisch. Moderate gibt es kaum noch. Die christlichen TV- und Radiostationen predigen immer fanatischer. Die Stars der Talk-Radios, durchwegs Bush-Fans, kreischen sich heiser. Die Kontraste werden schärfer. Die Gegensätze liegen oft verblüffend nah beieinander. In den Großstädten von Texas muss man nur wenige Blocks laufen, um von feinen Vierteln mit Bars, Boutiquen und begrünten Innenhöfen in die Slums zu kommen. Es ist hier nur ein Katzensprung von der Ersten in die Dritte Welt.
Am Ostrand des Zentrums von Austin, in Sichtweite des Regierungsviertels, reiht sich ein Obdachlosenquartier an das nächste. Die Heilsarmee teilt Essen im großen Stil aus. Hunderte stehen täglich für ein Nachtlager Schlange, häufig sind Frauen und Kinder darunter. Vor einem Asyl wartet Joseph Hilton, der einmal Saxofonist in der weltberühmten Band des Blues-Gitarristen B. B. King gewesen ist. Er sei auf die schiefe Bahn geraten und ins Gefängnis gekommen, erzählt der freundliche Herr, und da er seinen Vermieter nicht anrufen konnte, habe dieser, als die Miete nicht bezahlt wurde, letztlich das gesamte Wohnungsinventar verkauft. Nun läuft er sich die Hacken ab, um wieder an ein Saxofon zu kommen. „Die Aussichten“, sagt er vorsichtig, „sind ganz gut.“
Heute hat er kein Glück. Die Betten werden verlost, jeder musste eine Nummer ziehen. Ein Aufseher ruft die Nummern auf. Bei 66 ist Schluss. Hilton hat die 67 gezogen, wird auf der Straße schlafen, „bei den Kakerlaken“, sagt er müde.
Das Leben in Texas ist hart. In vielen Schulbezirken gibt es noch die Prügelstrafe. Der Staat predigt „zero tolerance“. Da verlieren selbst allein erziehende Mütter schon bei kleinen Gesetzesverstößen das Recht auf eine bezahlbare Sozialwohnung. Die Gefängnisse sind überfüllt. Private Haftanstalten gelten als Zukunftsbranche. Privater Waffenbesitz gilt als unantastbares Grundrecht.
Härte hat hier Tradition. Öffentliche Hinrichtungen wurden erst 1923 verboten. Im Jahr darauf kam der elektrische Stuhl zum Einsatz. Das hölzerne Mordinstrument, liebevoll „Old Sparky“ genannt, steht heute im Gefängnismuseum von Huntsville.
Noch heute richtet Texas mehr Gefangene hin als jeder andere US-Bundesstaat. In den sechs Amtsjahren des Gouverneurs George W. Bush starben 152 Häftlinge. Im Todestrakt der Polunsky Unit im nahen Livingston befinden sich derzeit etwa 400 Männer. Mittlerweile werden die Hinrichtungen per Giftspritze durchgeführt, die Delinquenten vor der Verabreichung auf eine Pritsche geschnallt. Die Tötung findet noch immer in „The Walls“ statt, dem Hauptknast im Herzen von Huntsville, einem großen Areal mitten im Zentrum, an der zwölften Straße, umrahmt von gewaltigen Backsteinmauern mit Wachtürmen. Gleich nebenan befinden sich ein paar Läden, ein Schuhgeschäft, ein kleines Kreditbüro für Kautionen und das Gericht von Walker County.
Hingerichtet wird immer pünktlich um 18 Uhr. „An Exekutionstagen“, erzählt eine junge Helferin in der Baptistenkirche nebenan, „backen wir immer Kekse für die Wärter, weil das schon sehr stressig ist.“
Texaner können sehr freundlich sein, Patrioten sind sie eigentlich fast immer. Es flattern viele Fahnen, das US-Sternenbanner und die Texas-Flagge mit dem einzelnen Stern.
Doch Zweifel nagt selbst hier. Vor allem wegen des Irak-Krieges. Auffällig leer sind die vielen Rekrutierungsbüros in den Einkaufszentren, trotz verlockender Ausbildungs- und Kreditangebote. Soldaten auf Heimaturlaub, die etwa in der Metropole San Antonio an jeder Ecke anzutreffen sind, schimpfen offen über den „Schwachsinn“ und „Wahnsinn“ dieses Einsatzes. Nur an den Ballerautomaten in den Spielhallen findet man noch großmäulige Burschen, die Vorfreude kundtun, demnächst im Irak kämpfen zu dürfen.