"Bei den jungen Leuten gut angekommen“

Interview. Provinzial Walter Licklederer und Ex-Provinzial Franz-Xaver Aninger vom Orden der Herz-Jesu-Missionare in Salzburg-Liefering über den Fall Bormann, die Internatserziehung und die Verfolgung des Ordens im Nationalsozialismus.

Interview: Marianne Enigl

profil: Wir haben über schwere Vorwürfe gegen Ihren ehemaligen Ordensbruder Martin Bormann, einen Sohn von Hitlers ehemaligem Sekretär, berichtet (profil: 1/2011). Er soll Zöglinge geschlagen und sich an einem schwer vergangen haben. Provinzial Licklederer, Sie waren selbst damals Schüler am Gymnasium der Herz-Jesu-Missionare in Salzburg-Liefering. Haben Sie Pater Bormann kennen gelernt?
Licklederer: Ja, freilich. Er war ein Jahr lang, 1959/60, Erzieher der ersten Klassen. Er ist bei den jungen Leuten gut angekommen, da er sportlich und dynamisch war.

profil: Aber es wird auch militärischer Drill beschrieben.
Licklederer: Manche mögen das als militärischen Drill bezeichnen, mir ist es nicht als solcher aufgefallen. In der Früh mussten wir uns zum Gang in den Speisesaal in Zweierreihe aufstellen. Schwätzen war verboten, aber es hat nicht jeder dafür eine Ohrfeige bekommen, wie das Ihnen geschildert worden ist.
Aninger: Ich habe meine Internatszeit in Ingolstadt als Geschenk betrachtet. Es gab Sport und Musik, wir haben eine gute Ausbildung bekommen. Ingolstadt war etwas freier als hier, denn wir waren nicht in einem ordensgebundenen Internat.

profil: Ein ehemaliger Schüler schilderte uns, dass er von Erzieher Bormann bewusstlos geschlagen worden ist.
Aninger: Das ist eines der Dinge, die ich mir nicht vorstellen kann. Uns hat Dreierlei betroffen gemacht: der Fall Bormann und der ihm angelastete Missbrauch, die Vorwürfe gegen unsere Erziehung und der Eindruck, unsere Gemeinschaft, der Nationalsozialismus und Bormann seien in enger Beziehung gestanden. Unser Orden hat unter dem Nationalsozialismus gelitten, die Schule wurde 1938 geschlossen, die Gebäude wurden von der Wehrmacht genutzt.

profil: Der profil-Bericht hat sich auf die Zeit nach dem NS-Regime bezogen. Bormann schreibt in seiner Autobiografie "Leben gegen Schatten“, wie er nach 1945 unter einem Decknamen in Salzburg lebte und seine wahre Identität erst Ihrem Ordensregens Wimmer enthüllte. Der Regens habe ihn erfreut angenommen, nachdem bereits ein Vertrauter von Bormanns Vater im Orden kurz Unterschlupf gefunden hatte - dieser hatte davor dem Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher den beschlagnahmten Klosterschatz von Kremsmünster ausgeliefert. Bormann selbst bezeichnet sich als "Schutzbefohlenen des Präfekten“.
Aninger: Davon weiß ich nichts, und ich kenne dieses Buch nicht. Ich habe Bormann in Ingolstadt kennen gelernt, er war ein Schüler wie andere auch. Später suchte er um Ordenseintritt an, für ihn galten die gleichen Bedingungen wie für jeden anderen.

profil: Bormann beschreibt Erzbischof Rohracher als seinen großen Förderer, der sich beim US-Oberkommandierenden für ihn einsetzte und ihm für den Kongo 1961 das Missionskreuz gab.
Aninger
und Licklederer: Das mit dem Missionskreuz ist richtig, das andere ist neu für uns.

profil: Ist Ihnen bekannt, warum Bormanns Bruder im Ordensheim im deutschen Birkeneck Chauffeur geworden ist?
Aninger: Die Bormann-Kinder standen damals auf der Straße, da dürfte Bormann seinen Bruder im Orden untergebracht haben.

profil: In dieses Heim kam später auch Viktor M. (Name von der Redaktion geändert, Anm.), der angibt, von Pater Bormann missbraucht worden zu sein. Er bleibt bei seinem Vorwurf, beginnt zu zittern und zu weinen, bekommt Schweißausbrüche, wenn er sich an Bormann erinnert.
Aninger: Sie dürfen mir glauben: Pater Bormann und dieser Bub haben einander nie gesehen. Das ist in den Provinzialratsbeschlüssen, den Lehrerkonferenzen, in unserer Zeitschrift "Grüß Gott“ dokumentiert. Das ist für uns ein ganz wichtiger Punkt.

profil: Dieser Punkt ist auch für profil wichtig. Daher haben wir Sie, Herr Provinzial Licklederer, in der Recherche auch mehrmals angerufen. Sie gaben uns die Auskunft, dass Bormann von Sommer 1959 bis März 1961 im Ordenshaus Salzburg-Liefering gewesen sei. Das mutmaßliche Opfer kam im September 1960 hier in das Schulinternat. Nach Ihren damaligen Angaben hatten der Erzieher-Präfekt Bormann und der Bub sich hier also getroffen.
Licklederer: Ich habe das damals rasch aus dem Akt Bormann herausgelesen, wonach Bormann bis vor seiner Abreise in den Kongo offiziell zu unserer Gemeinschaft gehört hat. Pater Aninger hat dann alle Quellen gesucht, die ich nicht in meiner Reichweite hatte.

profil: Ihren nunmehrigen Unterlagen nach wurde Bormann am 9. September 1960 als Kaplan nach Kärnten geschickt und der Schüler Viktor M. erst am 13. September 1960 als Neuzugang eingetragen. Ist das belegbar?
Aninger: Für den Schüler gibt es den Eintrag der Lehrerkonferenz. Für Pater Bormann den Beschluss des Provinzialrats, dass er bis zur Ausreise in den Kongo auf Ansuchen des Bischofs von Klagenfurt für den Kaplansdienst dort freigestellt wird. Laut Auskunft der Diözese war er vom 9. September 1960 bis zum 10. März 1961 in Klagenfurt/St. Egyd.

profil: Bormann wurde hier, in Salzburg-Liefering, am 13. Mai 1961 in den Kongo verabschiedet und wurde davor von Schülern hier gesehen. Weiß man, wo er vor seiner Abreise war?
Aninger: Er wird mit der Missionsvorbereitung beschäftigt gewesen sein. Ins Internat ist Bormann sicher nicht mehr gekommen.
Licklederer: Der ehemalige Schüler Viktor M. sagt ja, dieser Missbrauch habe sich über ein Jahr hinweg abgespielt und nicht, dass Bormann da zufällig aufgetaucht sei. Für einen Kontakt über ein Jahr hinweg gibt es keinerlei Anhaltspunkte.

profil: Die behandelnde Ärztin von Viktor M. diagnostiziert ein Trauma. Wir haben nochmals mit seiner gerichtlich bestellten Sachwalterin gesprochen, die ihn seit 14 Jahren kennt und den Fall an die Plattform für Opfer kirchlicher Gewalt gemeldet hat. Sie ist sonderpädagogisch ausgebildet und sagt ausdrücklich, sie vertraue M.s Aussage über einen Missbrauch durch Bormann.
Aninger: Man kann über manches verschiedener Meinung sein, aber bei diesem Punkt bin ich mir bombensicher. Als der Artikel erschienen ist, war ich geschockt, bestürzt, wie gibt es das? Deshalb bin ich der Sache nachgegangen, ob das zeitlich überhaupt möglich ist? Und ich bin mir hundertprozentig sicher, es war nicht möglich.

profil: Viktor M. hat Bormann auch genau beschrieben, die große Gestalt, die großen Hände.
Licklederer: So habe auch ich ihn in Erinnerung.

profil: Wir haben uns bemüht, sehr sorgfältig zu recherchieren. Und wir sprachen auch mit jenem Ex-Zögling, der von Bormann bewusstlos geschlagen worden ist. Er hat Bormann vor zehn Jahren damit konfrontiert, dieser verfügte damals noch über sein Erinnerungsvermögen, blockte jedoch ab. Und seine Frau versuchte, ihn zur Erinnerung zu bewegen. Sie versuchte das ebenso bewundernswert beim persönlichen Gespräch, das profil im vergangenen Dezember mit Herrn Bormann zum Missbrauchsvorwurf geführt hat.
Aninger: Man kennt die Hintergründe nicht. Der damalige Direktor und der Internatsleiter sind verstorben, deshalb ist eine Rekonstruktion äußerst schwer. Aber ich kenne die Mitbrüder, die hier gearbeitet haben. Sie waren bemüht, ihre Aufgaben zu erfüllen. Gleichzeitig waren sie Menschen ihrer Zeit, auch die Erziehungsmethoden waren zeitbedingt. Wenn ich an Pater Dilzer denke, wie viel Liebe hat er zur Betreuung seiner Schüler aufgewendet. Unsere Mitbrüder dürfen erwarten, dass die Schüler nicht nur die Fehler und Eigenarten ihrer Lehrer und Erzieher registrieren, sondern anerkennen, wie viel Zeit und Kraft sie für ihre Schüler eingesetzt haben. Ich war hier ab 1968 Internatsleiter, und bei Treffen erzählen die "Altlieferinger“, wie menschlich es zugegangen ist. Das Urteil von profil über unsere Internatsschule und ihre Erzieher in den sechziger Jahren haben unsere Mitbrüder nicht verdient.
Licklederer: Meine Erfahrung als Internatsschüler war äußerst positiv. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass bei manchen Spuren fürs Leben bleiben. Wenn einer ungern hergekommen ist, weil es die Eltern gewollt haben. Dazu der Druck, eigentlich Pfarrer werden zu sollen, und wenn vielleicht der Erzieher sehr hart war oder tatsächlich einmal eine Watsch’n hergegeben hat, die vielleicht in Richtung Gewalttätigkeit ging, was ich auch nicht abstreiten will.

profil: Wie stand Ihr Orden zu Bormanns häufigen Auftritten in der Öffentlichkeit?
Aninger: Sie haben geschrieben, dass Illustrierte für Bormann-Exklusivberichte als Missionar im Kongo 20.000 DM zahlten. Nach unseren Unterlagen wurden 5000 DM bezahlt, aber: Diese Sache ist innerhalb der Mitbrüder nicht unwidersprochen geblieben und hat auch mir nicht gefallen.

profil: Während der Geiselnahme der Missionare 1964 im Kongo wurde in Ihrem Heim Birkeneck für die Patres eine Messe gelesen. Viktor M. war damals in diesem Heim und sagt, er habe sich über Bormanns Geiselnahme gefreut, da er so unter ihm gelitten habe. Warum sollte er Derartiges erfinden?
Licklederer: Diese Fragen, die Sie stellen, stelle auch ich mir. Wie kommt er auf Dinge, die nach unseren Unterlagen nicht sein können?
Aninger: Die meisten unserer ehemaligen Schüler aus dieser Zeit erkennen unser Bemühen an. Das geht auch aus den vielen Zuschriften hervor, die wir bekommen haben. Da ist eine große Gruppe an ehemaligen Internatsschülern, die ist dankbar, und da ist eine kleine Gruppe, die lieber nicht hierhergekommen wäre, und einige sind tief verletzt. So sehe ich das Ganze. Mir geht es um die Wahrheit und die Würde des Menschen, dass wir immer wieder darauf schauen.

profil: Abschließend noch einmal die Frage, warum Ihrer Ansicht nach Pater Bormann die schweren Misshandlungen und Tätlichkeiten einschließlich Vergewaltigungen, die nach Aussage des Viktor M. ein Jahr lang stattgefunden haben sollen, nicht begangen haben kann?
Licklederer: Es gibt die Unterlagen und Protokolle, aus denen eindeutig hervorgeht, dass der damalige Pater Martin Bormann nicht mehr als Präfekt im Privatgymnasium der Herz-Jesu-Missionare in Liefering tätig war, als Viktor M. unsere Schule besuchte. Aufgrund dessen bin auch ich ganz sicher, dass allein schon aus zeitlichen Gründen die Anschuldigungen, die Viktor M. gegen Pater Bormann erhoben hat, nicht richtig sein können.