Bei den Wüstenkriegern

Sudan. In Darfur, wo die schlimmste humanitäre Katastrophe der Gegenwart wütet, kämpfen Rebellen gegen die arabische Vorherrschaft. Eine Reportage aus einem verbotenen Land.

Abubakkir Hamid Nour ist immer zu erreichen. Egal, ob er gerade in einem Wadi in der Wüste kauert, auf einem Hotelbett in einer afrikanischen Hauptstadt liegt oder – wie eigentlich die meiste Zeit – in einem Landrover durch die sudanesische Bürgerkriegsregion Darfur braust. Man muss nur eine fünfzehnstellige Nummer wählen, auf die verblüffend zuverlässige Verbindung über den Satelliten warten, und schon meldet sich der Chef-Koordinator der Rebellenbewegung „Justice and Equality Movement“ (JEM) mit sonorer Stimme: „Wenn Sie am Montagabend in der Grenzstadt Tine nach Mohamed Mazur, dem Sohn des Sultans, fragen, dann holen wir Sie ab.“
Das sagt sich leicht. Tine liegt zwar etwa genau dort, wo das Herz Afrikas zu vermuten ist. Doch die zwischen dem Sudan und dem Tschad geteilte Grenzstadt ist noch unzugänglicher als der Großteil des übrigen Kontinents. Und wenn nicht seit Ausbruch der derzeit „schlimmsten humanitären Krise der Welt“, wie der UN-Beauftragte James Morris sie nennt, zweimal pro Woche eine Propellermaschine des Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in das drei Autostunden von Tine entfernt gelegene Iriba flöge, dann bekäme Abubakkir wohl nie Besuch.
Iribas Flugfeld ist bloß ein Streifen heißen Sands. Das Städtchen selbst ist in der Ferne auszumachen – mehr als eine Stunde Fußmarsch entfernt in einer Mittagssonne, die sogar Autobatterien unter Kühlerhauben schmelzen lässt. Glücklicherweise kommt ein französischer Geologe des Wegs, der im Auftrag des UNHCR nach Wasser für die vom Austrocknen bedrohten Flüchtlingslager sucht. Sollte Alain Gachet nicht fündig werden, dann, sagt er, „ist hier die Hölle los“. 30.000 Sudanesen leben derzeit allein in den Flüchtlingslagern um Iriba, insgesamt flohen fast 200.000 Menschen über die Grenze in den Tschad.

In die Wüste. Sultanssohn Mohamed Mazur ist in Tine schnell gefunden, und als die Sonne untergeht, befinden wir uns auf dem Weg in die verbotene Provinz Darfur, welche die Regierung in Khartum mit allen Mitteln vor den Blicken der Welt abzuschirmen versucht. Was in der wüstenähnlichen Region von der Größe Frankreichs derzeit vor sich geht, komme einem „Völkermord“ gleich, befand kürzlich der US-Kongress in einer Resolution. 30.000 Menschen sollen nach UN-Angaben seit dem Beginn des Konflikts vor 18 Monaten ums Leben gekommen sein – damals begann die JEM mit Attentaten gegen Regierungseinrichtungen, und Khartum antwortete mit großflächiger Vergeltung und der Vertreibung der schwarzafrikanischen Zivilbevölkerung. Vor wenigen Wochen, berichtet Mohamed Mazur, hätten Antonows der Regierungsarmee den sudanesischen Teil von Tine bombardiert. Seither ist Ost-Tine eine Geisterstadt, in der sich nur noch Soldaten und jene Antonows befinden, derentwegen wir unsere Reise im Schutz der Dunkelheit fortsetzen.
Nach halsbrecherischer Fahrt auf einer holprigen Sandpiste in Richtung Norden (auf der bald 20-Tonnen-Lkws Nahrungsmittel von der libyschen Mittelmeerküste durch die Sahara in die Krisenregion bringen sollen) biegt unser Fahrer plötzlich querfeldein gen Osten ab und überquert ein ausgetrocknetes Flussbett – ein Manöver, das den Geländewagen fast in Stücke reißt. „Hier“, sagt der Sohn des Sultans endlich und deutet in die Nacht: „Hier ist Darfur.“ Nach mehreren Satellitentelefonaten nähern sich am Horizont zwei Lichter. Von sechs schwer bewaffneten Kämpfern umringt, steigt Abubakkir Hamid Nour aus dem Landrover aus.
Der 49-jährige Rebellenkommandant hat an der Universität in Khartum „Nachhaltige Entwicklung“ studiert und spricht gepflegtes Englisch. Bevor die Rebellion ausbrach, war er für die Verbesserung der Beziehungen seiner Provinz mit dem arabischen Nachbarstaat Libyen zuständig. Doch inzwischen will der dunkelhäutige Afrikaner mit Arabern – vor allem jenen aus dem eigenen Land – nichts mehr gemeinsam haben. „Was hier passiert, ist nichts anderes, als was während des Völkermordes in Ruanda geschah“, sagt Abubakkir zornig: „Die Araber wollen uns vernichten.“
Da es bereits Mitternacht ist, lässt er an Ort und Stelle Planen auf den Boden legen, die muslimischen Kämpfer werfen die Gewehre in den Sand und knien nieder zum Gebet. Auf seinem Kurzwellenradio lauscht Abubakkir noch den BBC-Nachrichten und den Aktienkursen auf der Deutschen Welle. Dann herrscht totale Stille.

Verwüstungen. Vorbei an zahllosen menschenleeren Dörfern geht es anderntags weiter in Richtung Osten: Keine einzige der einst rund 350 Ansiedlungen in der Region Karnoi, berichtet Abubakkir, ist heute noch bewohnt. Viele Dörfer seien von den Bomben der Antonows oder von den auf Pferden und Kamelen umherjagenden arabischen „Dschandschawid“-Milizionären (den „reitenden Teufeln“) völlig zerstört worden. Der britische Fotograf Marcus Bleasdale will mit eigenen Augen 30 bis 40 Massengräber in Darfur gesehen und mit Fotos dokumentiert haben. „Wir sahen Hände und Köpfe aus dem Boden ragen“, sagte der Fotograf dem britischen Radiosender BBC. Abubakkir zieht eine von der Regierung erbeutete Liste aus der Tasche, auf der angeblich die Namen dutzender Dschandschawid-Kämpfer stehen, daneben die Art und Zahl der Waffen, die ihnen von der sudanesischen Armee zur Verfügung gestellt worden sind.
Hinter einem kahlen Hügel tauchen plötzlich zwei wild gestikulierende Frauen auf. Ihr leerer Blick lässt ahnen, dass die beiden zwar mit dem Leben, aber keineswegs heil davongekommen sind. Frauen und Mädchen sind die Hauptleidtragenden in diesem Krieg, der keine Konventionen kennt. Es gibt Berichte, wonach die Dschandschawid-Kämpfer Vergewaltigungscamps unterhalten. Diese dürften sich, falls sie tatsächlich existieren, in jenen Weiten der Darfur-Provinz befinden, die für Rebellen ebenso wie für Hilfsorganisationen und Journalisten unzugänglich sind. Mehr als eine Million Vertriebene irren nach UN-Angaben in der Provinz umher oder befinden sich in von Regierungstruppen kontrollierten Flüchtlingscamps, in die ausgewählte Helfer nur mit Sondergenehmigung aus Khartum gelassen werden. Abubakkir redet kurz mit den Frauen, gibt ihnen etwas Wasser – und weiter geht die Fahrt.

Die Waffen. Doch wir fahren nicht, wir fliegen. In ihren vierradgetriebenen Pick-ups rasen die Rebellen mit einer Geschwindigkeit über den Sand, als ob sie den Antonows entkommen wollten: Schnelligkeit, sagen sie selbst, ist angesichts der Übermacht des Feindes ihre einzige Chance. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Rebell in voller Fahrt von der Ladefläche purzelt. Den Mitkämpfern ist das höchstens Gelächter wert. Unterbrochen wird der Höllenritt nur von Abubakkirs ständigen Telefongesprächen. Ohne ihre Satellitentelefone wären die Rebellen aufgeschmissen wie Haie in der Wüste.
Mit welchen Mitteln die insgesamt rund 8000 JEM-Kämpfer ihre unzähligen Telefone, Schnellfeuergewehre und Pick-ups erwerben? Abubakkir mag diese Frage nicht. Waffen und Fahrzeuge bräuchten sie überhaupt nicht zu kaufen, erwidert er kurz, sie würden von den Feinden erbeutet. Später erfahren wir, dass die Rebellen bei Gelegenheit auch schon mal Fahrzeuge von Hilfsorganisationen im benachbarten Tschad beschlagnahmen – von der Rebellenführung wird das allerdings nicht goutiert. Hilfe von ausländischen Regierungen erhält die JEM nach eigenen Angaben keine: Nicht einmal Tschads Präsident Idriss Déby stehe ihnen bei, obwohl dessen Stamm der Bidead mit den Zahawas in Darfur verschwägert sei und er einst selbst nach einem gescheiterten Putschversuch in Darfur Zuflucht gefunden habe. Insgeheim würden die Rebellen allerdings sehr wohl aus dem Tschad unterstützt, wollen westliche Diplomaten wissen. Zu ihren Sponsoren gehöre unter anderen Débys schwerreicher Bruder Daussa.
Wir sind im Hauptquartier der Rebellen angelangt, im ausgetrockneten Bett des Buoba-Flusses. Unter einem dürren Baum liegt eine Plane ausgebreitet, auf der das gesamte Oberkommando der Rebellen, Generalsekretär Bahar Idris Abugarda sowie Chef-Koordinator Abubakkir Platz genommen haben. Die Rebellen legen großen Wert auf die Feststellung, dass ihnen viel an guten Beziehungen zum Westen liegt und dass sie keinesfalls eine Spaltung des Sudan, sondern lediglich die Beendigung der Vorherrschaft der arabischen Elite anstreben. „Seit der Unabhängigkeit vor 50 Jahren herrschen die Despoten in Khartum“, sagt Generalsekretär Bahar. „Und wir verhungern hier.“

Tod und Moral. Wie aber wollen die paar – möglicherweise hoch motivierten, aber miserabel ausgerüsteten und trainierten – Wüstenkrieger gegen eine kampferprobte Armee wie die sudanesische bestehen? Als sie vor 18 Monaten ihre Rebellion begannen, hätten sie schon damit gerechnet, von der Regierung verfolgt zu werden, sagt Bahar: „Doch dass sie unsere Dörfer bombardieren und tausende von Frauen und Kindern töten würden, das hatten wir in unseren schlimmsten Träumen nicht erwartet.“ Trotzdem will die Rebellentruppe nicht die Waffen strecken. „Gewehre schießen nicht von selbst“, sagt Abubakkir, „auch die bestausgerüstete Armee ist nur so gut wie die Moral der Kämpfenden. Wenn wir angreifen, rennen die sudanesischen Soldaten davon.“ Per Satellitentelefon aus seinem Pariser Exil gibt JEM-Präsident Khalid Ibrahim zu verstehen, dass sich die Rebellentruppe nicht mehr an das von der Regierung ständig gebrochene Waffenstillstandsabkommen gebunden fühle. „Wir kämpfen weiter“, sagt der Präsident.
Selbst UN-Generalsekretär Kofi Annan wirft der sudanesischen Regierung vor, ihr Versprechen, die Dschandschawid-Milizionäre zu entwaffnen, bislang nicht erfüllt zu haben. Die jüngste UN-Resolution hat ihr dafür dreißig Tage Zeit gegeben; ein Ultimatum, das der Armeechef in Khartum prompt als „Kriegserklärung“ auffasste. Dass es der internationalen Gemeinschaft, anders als vor zehn Jahren in Ruanda, dieses Mal gelingt, eine wirksame Schutztruppe auf die Beine zu stellen, ist unwahrscheinlich: Die afrikanische Union hat hundert zivile Beobachter vor Ort und versprochen, bis Mitte August 2000 Soldaten zu ihrem Schutz zu schicken. Dass das ausreicht, um die ethnischen Säuberungen zu beenden oder gar rückgängig zu machen, kann sich kaum jemand vorstellen.
Das Mittagessen wird auf einer großen Blechschale für alle gereicht, es gibt Schafskutteln mit Zwiebeln. Zubereitet wurde das Mahl von einem Jungen, der den Rebellen als Faktotum dient: Mohamed Ahmed Adam beginnt bereits zu zittern, wenn er nur angesprochen wird. Der 15-Jährige schloss sich den Rebellen an, nachdem sein Dorf Sasa von den „reitenden Teufeln“ angegriffen worden war. Von der Schule zurückgekehrt, habe er an jenem Tag nur noch die verkohlte Hütte und den verstörten Hofhund aufgefunden, erzählt der Junge bebend. Von seinen Eltern fehlt seither jede Spur. „Es gibt fast keinen hier, der nicht jemanden aus der Familie verloren hat“, sagt Abubakkir.
Am nächsten Morgen, um fünf Uhr Früh, brechen drei Pick-ups zur Patrouille in Richtung Osten auf, von wo am Vortag Übergriffe der Dschandschawid gemeldet wurden. Zwei Dutzend Jungrebellen rücken ihre Amulette zurecht und leeren zum Frühstück mehrere Dosen 7 Up, den Champagner der Rebellen, der gemeinsam mit Uniformteilen und Ray-Ban-Sonnenbrillen zum begehrtesten Beutegut der Wüstentruppe gehört. Am Horizont ziehen sich dunkelbraune Wolken zu einem Sandsturm zusammen. Sollte der Regen einsetzen, wäre der Rückweg in den Tschad versperrt.
„Wir werden uns spätestens zu meinem 50. Geburtstag im Dezember wiedersehen“, sagt Abubakkir beim Abschied gut gelaunt. „Natürlich wird die Feier im befreiten Khartum stattfinden.“ Dann klingelt wieder sein Satellitentelefon: Die Verhandlungen zwischen den Rebellen und der sudanesischen Regierung im Nachbarland Äthiopien, wird dem Chef-Koordinator mitgeteilt, sind gescheitert.
Der Kampf wird also weitergehen.