Belgien: Hinter dem Gemüsegarten

Nach fast acht Jahren Ermittlungen beginnt am 1. März der Prozess gegen Marc Dutroux, Europas berüchtigtsten Kinderschänder. Die Mehrheit der Bevölkerung glaubt nicht an eine lückenlose Aufklärung der Gräueltaten.

An der Route de Philippeville 128 scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Fenster und Haustüre sind mit billigen Holzplatten verbarrikadiert, die Fassade wurde im Laufe der Jahre von Sprayern verschmiert. Wäre da nicht auf der gegenüberliegenden Straßenseite die einfache Gedenktafel mit den Plastikblumen davor, man glaubte sich vor einem gewöhnlichen verlassenen Haus, wie es hier viele gibt in der heruntergekommenen belgischen Industriestadt Charleroi.

„In Erinnerung an alle Opfer von Pädophilen“, steht auf der Gedenktafel gegenüber der Hausnummer 128 geschrieben. Eine verschämte Erinnerung an die Affäre, die einst das Land erschütterte und über die Grenzen hinweg Entsetzen auslöste. Der Name von Marc Dutroux, des notorischen Kinderschänders, steht für die Affäre. Auch die Opfer haben Namen, Sabine Dardenne und Laetitia Delhez zum Beispiel. Die verschreckten Gesichter der beiden Mädchen, am 15. August 1996 vor laufenden Kameras befreit, haben sich tief im kollektiven Gedächtnis der Belgier eingeprägt.

Marc Dutroux führte die Ermittler kurz nach seiner Verhaftung zu seinem Folterkeller an der Route de Philippeville 128. Julie und Mélissa, An und Eefje überlebten nicht. Ihre Leichen wurden im Garten des Kinderschänders ausgegraben. Ebenso wie der Leichnam seines Kompagnons Bernhard Weinstein, den Dutroux betäubt und lebendig begraben haben soll.

Ab dem 1. März wird Marc Dutroux in der kleinen Ardennenstadt Arlon der Prozess gemacht. Doch nach so langer Zeit rechnen weder Angehörige noch die Mehrheit der Bevölkerung damit, dass der Prozess die Hintergründe der Affäre ganz aufklären wird. Er erwarte sich „überhaupt nichts“, sagt Jean-Denis Lejeune, Vater der ermordeten Julie (siehe Interview Seite 118). Der Prozess werde so verlaufen wie die Untersuchungen.

Polizeikrieg. In den Monaten nach der Verhaftung von Marc Dutroux, seiner als Mittäterin angeklagten Frau Michèle Martin und seines Helfers Michel Lelièvre, eines vorbestraften kleinkriminellen Drogenabhängigen, herrschte eine ganz andere Stimmung im Land: Zug um Zug wurde bekannt, wie Polizei und Justiz auf der ganzen Linie versagt hatten.

Der Justizminister hatte 1992 die vorzeitige Haftentlassung von Dutroux bewilligt – entgegen dem Rat der Experten.

Als Dutroux rückfällig wurde und ein Mädchen nach dem anderen entführte, behinderten rivalisierende Polizeieinheiten einander in den Ermittlungen. Vom „Krieg der Polizeien“ war die Rede.

Schockiert reagierte die Öffentlichkeit, als klar wurde, dass die Gendarmerie den Tod der Mädchen hätte verhindern können. Julie und Mélissa verhungerten mit großer Wahrscheinlichkeit im Kellerverlies, als Dutroux wegen eines Autodiebstahls vorübergehend einsaß. Dabei hatte ein Polizist das Haus durchsucht, sogar die Kinderstimmen gehört, jedoch geglaubt, sie kämen aus der Nachbarschaft.

Erst als die Justizbehörden auch noch den populären Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte von den Ermittlungen abzogen, kochte die Volksseele über. Connerotte und Staatsanwalt Michel Bourlet gelten heute noch als Helden, denn die beiden, im Sommer 1996 neu mit dem Fall betraut, ließen Dutroux innerhalb weniger Tage wieder festnehmen. Seine letzten Opfer, Sabine und Laetitia, konnten deshalb noch rechtzeitig befreit werden.

Rund 300.000 Menschen gingen im so genannten Weißen Marsch in Brüssel auf die Straße und verlangten „eine bessere Justiz“. Arbeiter streikten, und in der Provinz stürmten aufgebrachte Bürger Gerichtsgebäude. Ein Staat, der seine Kinder nicht schützen könne, habe keine Existenzberechtigung mehr, brachte damals Pol Marchal, Vater der getöteten An, die Stimmung auf den Punkt.

„Es gab Hoffnung auf Wahrheit“, sagt Carine t’Kint heute rückblickend. Der Weiße Marsch mobilisierte Menschen, die zuvor noch nie auf die Straße gegangen waren. Doch je länger die Ermittlungen dauerten, desto mehr schwand die Hoffnung. Carine t’Kint leitet die Koordination der Weißen Komitees, wo sich trifft, was von der Massenbewegung übrig geblieben ist. Es ist ein kleines Häuflein, das regelmäßig zusammenkommt und Aktionen organisiert, die selten mehr als 100 Sympathisanten anziehen.

Drogenhandel. Carine t’Kint und ihre Mitstreiter werden den Prozess mit großer Skepsis verfolgen. Skeptisch deshalb, weil der Fall auch jetzt nur scheibchenweise vor Gericht kommt. In Arlon wird erst einmal nur über den Kinderschänder Dutroux verhandelt. Dutroux und seine Komplizen sollen aber auch regen Handel mit gestohlenen Autos, Drogen und Prostituierten zwischen Belgien und Osteuropa getrieben haben. Wurde er für entführte Mädchen, die er anderen Pädophilen zur Verfügung stellte, mit Drogen bezahlt, die er dann weiterverkaufte? Nach Ansicht der Aktivisten vom Weißen Komitee eine von vielen offenen Fragen. Die Salamitaktik der Justizbehörden werde dem „klaren Fall von organisiertem Verbrechen“ nicht gerecht, glaubt Carine t’Kint.

Es geht um mehr als nur Verfahrensfragen. Carine t’Kint und ihre Mitstreiter sind Partei in einem Glaubenskrieg. Bei den Weißen Komitees hat man Dutroux immer als Teil eines Netzwerks gesehen, das Pädophile möglicherweise bis in die Elite des Landes mit Mädchen versorgt haben könnte.

Auch Staatsanwalt Bourlet gilt als Anhänger der Netzwerktheorie. Er werde den Fall bis ins letzte Detail aufklären, „falls man mich lässt“, sagte Bourlet einst ominös. Mit Untersuchungsrichter Jacques Langlois, seinem Partner in den Ermittlungen nach der Ablöse von Connerotte, lag er von Anfang an im Clinch. Langlois wollte in Dutroux lediglich den isolierten Einzeltäter sehen. Angehörige und Aktivisten der Weißen Komitees wollen hingegen nicht glauben, dass Marc Dutroux „nur“ ein perverser Verrückter war.

Die Anhänger der Netzwerktheorie führen für ihre These unter anderem die 6000 Haare und Mikrospuren ins Feld, die im Kellerverlies von Marc Dutroux gefunden und keinem der Angeklagten zugeordnet werden konnten. Zwar hält sich nach wie vor der Vorwurf, nicht Schlamperei, sondern Protektion von höchster Stelle habe den Kinderschänder so lange vor der Verhaftung geschützt. Beweise für diese Theorie konnten jedoch nie erbracht werden.

Die Weißen Komitees und die Angehörigen der Dutroux-Opfer stehen heute isoliert da. Die große Solidarisierungswelle ist längst abgeflaut. Medien und ein Großteil der Öffentlichkeit haben sich mit der bequemeren Theorie vom perversen Einzeltäter abgefunden. Statt der Hoffnung und Zuversicht der Weißen Märsche herrscht kurz vor Prozessbeginn Enttäuschung und Apathie. In Belgien sei noch nie eine Affäre gänzlich ausgeleuchtet worden, so der Tenor.

Massenproteste. Die „Killer von Brabant“ mit mutmaßlichen Verbindungen in rechtsextreme Kreise machten Mitte der achtziger Jahre mit mehr als zwei Dutzend Morden in Supermärkten Geschichte und wurden trotzdem nie dingfest gemacht. Für den Mord am wallonischen Spitzenpolitiker André Cools gab es zwar vor kurzem nach zehn Jahren doch noch einen Prozess. Wer die Hintermänner waren, gilt aber noch immer als nicht restlos geklärt.

Die Rechnung der politischen Elite des Landes sei aufgegangen, klagt Carine t’Kint. Der flämische Christdemokrat Jean-Luc Dehaene war Regierungschef, als die Affäre Dutroux aufflog. Der kalte Machtpolitiker mit dem Spitznamen Zugochse wollte den Protest zuerst aussitzen, nahm sich dann aber Angehörige und eine Delegation der Demonstrationen persönlich zur Brust. Er versprach Reformen in Justiz und Polizei und erklärte weitere Manifestationen für überflüssig. „Wir hatten keine Revolution im Sinn, wir wollten nur, dass die Institutionen normal funktionieren“, so die Frau vom Weißen Komitee rückblickend. Die meisten Bürgerinnen und Bürger auf der Straße seien naiv und politisch unerfahren gewesen. „Wir realisierten nicht, wie sehr die Politiker vor uns zitterten.“ Dehaene und seine Gefolgsleute hätten die Massenbewegung geschickt vereinnahmt.

Auch der ehemalige Abgeordnete Vincent Decroly glaubt, dass die politische Elite nur auf Zeit gespielt habe. Das Mitglied der parlamentarischen Untersuchungskommission zum Fall „Dutroux und Konsorten“ kann sich die acht Jahre andauernden Ermittlungen bis zum Prozess in Arlon nicht anders erklären.

So wie der Prozess jetzt über die Bühne gehe, hätte er auch schon 1997 stattfinden können, glaubt Decroly. Er bescheinigt der politischen Elite erstaunliches Beharrungsvermögen: Melchior Wathelet, jener Justizminister, der Dutroux 1992 fatalerweise laufen ließ, wurde von Dehaene mit einem Richterposten am Europäischen Gerichtshof bedacht. Erst nach weiteren Pannen nach der Verhaftung des Kinderschänders kam es zu ersten Rücktritten.

1998 konnte Marc Dutroux bei einem Gerichtstermin fliehen und wurde mehrere Stunden später wieder gefasst. In seinem Besitz befand sich die Waffe eines der Gendarmen, die ihn bewachen sollten. Der Innen- und der Justizminister mussten gehen, waren jedoch schon bald wieder zurück auf der politischen Bühne.

1999 schickte zwar eine Wahlniederlage Dehaenes Christdemokraten erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg in die Opposition. Doch im Staat der Flamen und Wallonen wird die Macht ohnehin traditionell zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten aufgeteilt. Posten gibt es genug zu vergeben im komplizierten Gebilde aus Zentralstaat, Regionen und Sprachgemeinschaften. Nach Parteienproporz werden auch in Justiz und Polizei vom Richter bis zur Putzfrau die Positionen vergeben. Die Öffentlichkeit habe schnell lernen müssen, dass die politische Farbe der Protagonisten keine Bedeutung habe, sagt der ehemalige Abgeordnete Decroly. Der Machtapparat habe den Fall Dutroux nicht als Systemfehler, sondern als kleinere Panne gesehen. Deshalb musste das System von schwerfälliger Bürokratie und Parteienfilz auch nicht grundlegend überholt werden.

Der Belgier sei ein Mensch, der nicht weiter als sieben Tage vorausdenke, erklärt der flämische Schriftsteller Jef Geerarts nüchtern. Das Gedächtnis des Durchschnittswählers sei so kurz wie ein Kaninchenschwanz, lässt der Krimiautor im Sittengemälde „Der Generalstaatsanwalt“ seinen Hauptdarsteller sinnieren. Die politische Kultur sieht der Autor als „ein zähes Biest“, das sich auf die Manipulationskraft der Desinformation verlassen könne. Auch die Ausdauer der Belgier lasse zu wünschen übrig, denn „was hinter ihrem Gemüsegarten passiert, interessiert sie nur in Momenten nationaler Rührung“.

Diese hielt nach dem ersten Schock über die Dutroux-Affäre nicht lange an: Jean-Luc Dehaene führt im flämischen Landesteil wieder die Popularitätsrangliste der Politiker an. Der Machtstratege geht als Spitzenkandidat der belgischen Christdemokraten in den Europawahlkampf und wird in seiner Heimat bereits als potenzieller Nachfolger von Romano Prodi als Präsident der EU-Kommission gehandelt.

Der Prozess wird ab dem 1. März noch einmal Emotionen wecken. Aber die Politiker müssen sich nicht vor einer Wiederholung des nationalen Aufstands fürchten. Die Eltern der jüngsten Opfer Julie und Mélissa wollen den Verhandlungen des Geschworenengerichts überhaupt fernbleiben.

Aktenberg mit 440.000 Seiten. Das komplizierte föderale System Belgiens will es, dass der Jahrhundertprozess im entlegenen Ardennenstädtchen Arlon stattfindet. Das Gericht muss sich durch einen Aktenberg von 440.000 Seiten durcharbeiten, und 470 Zeugen sollen im zehnwöchigen Prozess befragt werden. Für Publikum wird es im engen Gerichtssaal kaum Platz geben. Über 1300 Journalisten aus aller Welt haben sich akkreditiert, doch nur 15 von ihnen werden den Prozess live verfolgen können. Für alle anderen ist im Nebengebäude ein Saal mit Videoübertragung reserviert.

In der verschlafenen Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern und 125 Hotelbetten fürchtet man sich vor der weltweit negativen Publizität. Auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude haben die großen Fernsehstationen ihre Container aufgestellt. Sogar in Japan werde Arlon mit Dutroux assoziiert werden, klagt Gemeinderat Henri Bosseler.

Der Dutroux-Prozess sei ein Prozess wie jeder andere und dürfe nicht zur Show werden, verteidigt Justizministerin Laurette Onkelinx bei einer Vor-Ort-Besichtigung die engen Platzverhältnisse: Wie bei einem ganz gewöhnlichen Prozess werde es einzig darum gehen, am Ende zu einer juristischen Wahrheit zu kommen. Genau daran zweifelt die Mehrheit der Belgier.