Berlinale: Zurück zur Natur

Terroristen, Tiere, Attraktionen: Die 63. Filmfestspiele Berlin überraschten mit starker Präsenz aus dem Osten und differenzierten Frauenfiguren.

Die Tiere hatten im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale einiges mitzumachen. Die detailliert ins Bild gesetzte Schlachtung eines Schafs stand gleich am Anfang des Spielfilmdebüts des jungen Kasachen Emir Baigazin, der mit „Harmony Lessons“ dem Wettbewerb der 63. Filmfestspiele etwas Unerwartetes zufügte: eine gespenstische, fast klinisch inszenierte Studie pubertärer Isolation. Man konnte dem schmächtigen Halbwüchsigen, dem Baigazins Film gilt, dann noch dabei zusehen, wie er auf äußerst fantasievolle Weise Küchenschaben und Geckos folterte. Die Brutalität ist in dieser Geschichte allerdings am Platz: „Harmony Lessons“ berichtet in virtuos arrangierten Szenenfolgen von Mobbing in der Schule und von der jugendlichen Suche nach immer neuen Gewaltventilen.

Traurige Gestalten
Ein heimlich gehaltener kleiner Hund gehörte dagegen in der antiautoritären iranischen Parabel „Pardé / Closed Curtain“ zu den traurigen Gestalten einer Geschichte, die sich um Depression und Rückzug in die Fantasie und in die Innenwelten verbarrikadierter Lebenswohnräume drehte – in einem Film, der die surrealen Ergebnisse realer politischer Druckausübung protokolliert. Das Tier muss vom Sofa aus einen Fernsehbericht über die offenbar reihenweise stattfindenden Tötungen von im Islam als „unrein“ erachteten Hunden über sich ergehen lassen. Die Allegorie „Pardé“ geriet jedoch weniger wegen ihrer filmischen Qualitäten ins Zentrum dieses Festivals als aufgrund ihrer Herstellungsgeschichte: Es ist die jüngste Inszenierung des im Iran mit 20 Jahren Berufsverbot und sechs Jahren Gefängnisstrafe belegten Oppositionellen Jafar Panahi – ein weiteres Zeugnis des gefährlichen Widerstands, den der Filmemacher gegen seine Verurteilung leistet. Auch dieser Film wurde von Berlinale-Chef Dieter Kosslick in den Wettbewerb gesetzt – und damit möglicherweise überbelastet, denn welche Jury sollte einen der Wirklichkeit unter solchen Bedingungen abgetrotzten Film mit dem großen Rest der in demokratischen Gesellschaften produzierten Kunstanstrengungen vergleichen? Ko-Regisseur und Hauptdarsteller Kamboziya Partovi und die Schauspielerin Maryam Moghadam vertraten in Berlin diplomatisch den Kollegen Panahi, der weiterhin nicht ausreisen darf und seit zwei Jahren auf seine Verhaftung wartet.

Unter den vielen starken Frauenfiguren, die dieses Festival aufzubieten hatte, ragte die Chilenin Paulina Garcia heraus, die als Titelheldin des Films „Gloria“ mit ihrer Darstellung einer einsamen, aber resoluten Liebessucherin zum Berlinale-Liebling avancierte; aber auch die unnachahmliche Julie Delpy brillierte in „Before Midnight“ erneut neben Leinwandpartner Ethan Hawke. Richard Linklaters Langzeit-Serie, die mit „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) begonnen hat und für Wiederbegegnungen mit den beiden Hauptdarstellern (und Ko-Autoren) im Neunjahresrhythmus sorgt, ist somit um ein – gewohnt geistreich geschriebenes und charmant gespieltes – Werk reicher, das die Vorfreude auf das Jahr 2022 zuverlässig zu wecken weiß.

Horrortrip
Eine erstaunliche Anzahl beeindruckender Filme aus dem Osten Europas und den ehemaligen Sowjetrepubliken bereicherte die Berliner Filmfestspiele 2013. Neben „Harmony Lessons“ fielen hier Boris Khlebnikovs dichtes Bauerndrama „A Long and Happy Life“ auf, insbesondere aber der semidokumentarische Arbeiterthriller „An Episode in the Life of an Iron Picker“. Der bosnische Filmemacher Danis Tanovic lässt darin eine bettelarme Roma-Familie, die ohne Krankenversicherung auch in Lebensgefahr mit ärztlicher Versorgung nicht rechnen kann, einen selbst erlebten Horrortrip noch einmal durchspielen. Der Film, gedreht mit digitaler Amateurkamera, hat nicht mehr als ein paar tausend Euro gekostet: Arte povera – ein armes, aber emotional umso wirkungsvolleres Kino.

Ein einziger deutscher Beitrag landete in diesem Jahr im Wettbewerb um den Goldenen Bären, und dieses Projekt klang unwahrscheinlich genug: Thomas Arslans „Gold“ sollte der erste Western der Berliner Schule werden. Allein der Mut, mit deutschen Filmstars wie Nina Hoss in den kanadischen Wäldern einen Goldsucherfilm zu drehen, verdiente Respekt, wenn auch die Umsetzung am Ende allzu sachlich (und dramaturgisch leider ein wenig berechenbar) anmutete. Tatsächlich verwandelten viele der besten Filme des Berlinale-Jahrgangs 2013 Naturschauplätze in Kunsträume – eine, wie es scheint, amerikanische Spezialdisziplin: Regisseur David Gordon Green ließ in seiner zarten Road-Comedy „Prince Avalanche“ zwei ungleiche Straßenarbeiter (Paul Rudd und Emile Hirsch) in den texanischen Wäldern über das Leben und andere Banalitäten streiten. Und James Benning legte eine weitere seiner ebenso konzeptuellen wie sinnlichen Arbeiten vor, diesmal einen aus exakt vier halbstündigen Landschaftseinstellungen bestehenden Film namens „Stemple Pass“, in dem die erschreckenden Tagebuchtexte des „Unabomber“-Terroristen Ted Kaczynski gegen die Unberührtheit der US-Natur gesetzt werden. Wer Bennings Aufforderung folgte und die Ruhe aufbrachte, zwei Stunden lang einfach nur hinzuschauen und zuzuhören, wurde von diesem Wahrnehmungsexperiment reich belohnt.