Debatte über Vor- und Nachteile der Beschneidung

Ein Kölner Gerichtsurteil stellte die rituelle Beschneidung der Körperverletzung gleich. Während Religionsvertreter darüber empört sind, setzt nun bei Ärzten und Psychologen eine heftige Debatte ein: Die medizinischen Vorteile erweisen sich als höchst zweifelhaft.

Der Jungpolitiker und ÖVP-Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz schaffte es, das komplexe Dilemma in einem einzigen, wenn auch eher skurrilen Satz zu umschiffen. Bei einem "ZiB 2“-Studiointerview von Moderator Armin Wolf befragt, ob er für oder gegen ein gesetzliches Verbot der rituellen Vorhautbeschneidung ist, rang er sich folgende Antwort ab: "Ich respektiere die jahrhundertealten religiösen Traditionen, aber ich habe auch Respekt vor der Unversehrtheit des Körpers.“

Wie Kurz stand auch ein Kölner Gericht neulich vor dieser äußerst heiklen Frage: Dürfen Eltern aus religiösen Gründen irreversible Eingriffe an den Körpern ihrer Kinder vornehmen lassen? Oder muss das unmündige Kind vor ebensolchen geschützt werden? Das Gericht drückte sich allerdings nicht vor einer Entscheidung: Das Recht des Kindes steht über dem Recht auf Religionsfreiheit. Eine rituelle Beschneidung stellt demnach eine Körperverletzung dar und ist strafbar. Die Österreicher stehen dem Thema ebenso unschlüssig gegenüber: So ergab eine profil-Umfrage , dass 45,6 Prozent für ein Verbot der rituellen Beschneidung waren, 40,4 Prozent waren gegen ein Verbot, 14 Prozent enthielten sich.

Die Empörung seitens jüdischer und muslimischer Bevölkerungsgruppen ob dieses Urteils ist verständlich, handelt es sich doch um die plötzliche Strafbarkeit eines in religiöser Hinsicht bedeutenden Ritus. Manche wittern antireligiöse Absichten und behaupten, dass durch eine solche Entscheidung in Mitteleuropa ohnehin angefeindeten Religionen Zurückgebliebenheit und Barbarei unterstellt werden sollten.

Neben der religiös-juristischen Debatte tat sich jedoch ein weiteres Themenfeld auf: Durch den aktuellen Anlass entbrannte auch unter Medizinern eine heftige Diskussion über Vor- und Nachteile einer Beschneidung. Während sich die einen auf angeblich wissenschaftlich bewiesene Vorteile wie eine erleichterte Körperhygiene berufen, rüsten sich andere mit Studien, welche diese positiven Aspekte widerlegen oder gar Nachteile postulieren - laut Beschneidungsgegnern könnten Kinder durch den Eingriff nicht nur in ihrer sexuellen Empfindlichkeit eingeschränkt werden, sie können auch psychische Traumata davontragen.

Der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister findet das Kölner Urteil entsetzlich. Würde in Österreich ein Gesetz ähnlich dieser deutschen Gerichtsentscheidung verabschiedet werden, meint Hofmeister, wäre dadurch "das jüdische Leben in diesem Land unmöglich“. Auch Vertreter des Islam äußerten sich ähnlich besorgt über dieses Urteil. In beiden Religionen stellt die Beschneidung eines Jungen in den Kinderjahren ein wichtiges Ritual dar - wenngleich es unterschiedlich ausgeführt wird. So werden im Judentum männliche Babys acht Tage nach der Geburt beschnitten, sie sollen dadurch symbolisch den Bund mit Gott eingehen. Im Islam kann die Beschneidung bis zum dreizehnten Lebensjahr eines Buben durchgeführt werden, es wird dadurch ebenfalls die Religionszugehörigkeit bestärkt.

Welchen Ursprung das Ritual der Beschneidung hat, ist ungeklärt.
Einerseits soll es zur Kontrolle der Sexualität, vor allem von Frauen und Sklaven, gedient haben. Die ältesten Überlieferungen stammen von Völkern, die in wüstenähnlichen Regionen lebten. So liegt die Vermutung nahe, dass die Beschneidungen damals hygienische Gründe hatten, denn Wasser ist in diesen Gebieten selten und wird nicht primär zur Körperhygiene verwendet.

Dieses Argument wird auch heute noch oft als Vorteil der Beschneidung vorgebracht. Der Wiener Androloge und Urologe Ralf Herwig sieht darin einen Vorwand: "Jedem Menschen in Mitteleuropa steht frisches Wasser für die tägliche Körperhygiene zur Verfügung. Das Zurückziehen eines kleinen Häutchens kann bei der Reinigung kein Problem darstellen, außer der Mann ist psychisch oder körperlich beeinträchtigt.“

Dennoch berufen sich Befürworter auf Studien, denen zufolge beschnittene Männer deutlich weniger Infektions- und Geschlechtskrankheiten bekommen oder übertragen könnten. So ergab eine Untersuchung an 1913 Paaren, dass 19,6 Prozent der unbeschnittenen, aber nur 5,5 Prozent der beschnittenen Männer mit humanen Papillomaviren infiziert waren. Dieses Virus ist Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs. Die Studienergebnisse legen nahe, dass sich Frauen weniger leicht mit dem Virus infizieren, wenn ihre Partner beschnitten sind. Der deutsche Kinderarzt und absolute Beschneidungsgegner Friedrich Manz findet es übertrieben, dass deshalb gleich alle Männer unters Messer müssen: "Warum sollen wegen des geringen Risikos einer Infektion alle Männer beschnitten werden? Außerdem gibt es heute Impfungen gegen dieses Virus.“

Neben einer Papillomaviren-Infektion soll eine Beschneidung auch vor einer HIV-Infektion schützen. Studien ergaben, dass in afrikanischen Ländern mit hohen Aids-Raten das Infektionsrisiko für heterosexuelle Männer durch eine Beschneidung um sechzig Prozent abnimmt. Selbst die WHO empfiehlt daher, in Ländern südlich der Sahara die Beschneidung präventiv durchzuführen - wenngleich viele Experten nicht begreifen, warum nicht vorrangig die Benutzung von Kondomen empfohlen wird. Der Wiener Urologe Hans-Christoph Klingler sagt: "Auch wenn ich ein Auto mit Stoßstange habe, fahre ich damit trotzdem nicht absichtlich gegen die Wand.“ Klingler meint damit: Auch wenn jemand beschnitten ist, solle dies keinen Freibrief für sorglosen Geschlechtsverkehr darstellen. Und rät ebenfalls nachdrücklich zum Kondom.

Außerdem könnten sich in diesen Ländern viele die Kosten für diesen Eingriff gar nicht leisten, der oft unter suboptimalen Bedingungen durchgeführt werde. Zudem gibt es Studien, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen. So ergab eine Untersuchung, dass es in Amerika verhältnismäßig mehr HIV-Infektionen als in Europa gibt - obwohl es, folgt man der WHO-Argumentation, genau umgekehrt sein müsste, da in Amerika weitaus mehr Männer beschnitten sind als in Europa.

Ein weiterer Aspekt der angeblich medizinischen Vorteile wird von Experten bezweifelt, nämlich die geringeren Prostata-Krebsraten von beschnittenen Männern. Wissenschafter meinen, dass es keinen Zusammenhang zwischen einer Beschneidung im Babyalter und einer Krankheit geben kann, die meist erst sechzig Jahre später auftritt. Der Wiener Kinderarzt Arnold Pollak kritisiert hingegen, dass viel zu viele Studien, die der Beschneidung positive Vorteile bescheinigen, leichtfertig weggewischt werden: "Auch wenn beispielsweise bei den Krebsfällen ein direkter Zusammenhang schwer nachweisbar ist, so ist die Indizienlage doch eindeutig und muss beachtet werden.“

Neben den medizinisch-präventiven angeblichen Vorteilen einer Beschneidung steht vor allem die Frage nach den Auswirkungen auf die Sexualität im Fokus, welche die Entfernung der männlichen Vorhaut mit sich bringt. Durch den Verlust der mit feinen Nerven durchzogenen Haut wird auch die Eichel völlig freigelegt, die durch das Reiben an der Kleidung desensibilisiert wird. Die Folge: Der Penis wird unempfindlicher.

Der Wiener Gynäkologe und Arzt Christian Fiala setzt deshalb eine Beschneidung einer sexuellen Verstümmelung gleich: "Es ist nicht verwunderlich, dass deutlich sexualfeindliche Religionen Beschneidungen durchführen. Es soll Menschen die Lust genommen werden. Zum Glück ist die Verstümmelung der weiblichen Genitalien bereits in Verruf geraten, ich verstehe nur nicht, warum das bei der männlichen Beschneidung nicht auch schon passiert ist.“

Das gilt freilich keinesfalls bloß für Islam und Judentum:
Noch im 19. Jahrhundert grassierte im erzkonservativen viktorianischen England und im puritanischen Nordamerika die Angst, Onanie könnte wahnsinnig machen. Durch Beschneidungen sollte die Lust an der Masturbation eingedämmt werden. Obwohl man von Frauen bald abließ, sorgten die zusätzlich postulierten Vorzüge der Vorhautentfernung dafür, dass die männliche Beschneidung in den US-amerikanischen Krankenhäusern standardmäßig durchgeführt wurde - und zwar unabhängig von jeglicher Religionszugehörigkeit. Davon wurde erst in den letzten Jahren abgegangen. So sanken die Beschneidungsraten in den USA alleine von 2006 bis 2009 von 56 auf 32,5 Prozent. Seither treten immer mehr Organisationen auf den Plan, die heftig gegen die Beschneidung wettern. Auch in anderen Ländern wie Israel wird mittlerweile protestiert.

Während die Beschneidung der weiblichen Genitalien längst verpönt ist, wollen sich in Österreich sogar viele erwachsene Männer die Vorhaut entfernen lassen, da sie sich davon sexuelle Vorteile erhoffen. Durch die Desensibilisierung des Penis verzögert sich der Koitus, und der Orgasmus ist leichter steuerbar. Vorzüge, von denen viele Männer träumen, die mit sexuellen Problemen wie dem frühzeitigen Samenerguss kämpfen. Der Androloge und Urologe Ralf Herwig behandelt solche Patienten in seiner Sprechstunde: "Eine Beschneidung ist bestimmt keine Therapiemaßnahme bei einem derartigen Problem. Dafür gibt es hervorragende Salben und Medikamente. Und ich habe viele beschnittene Männer behandelt, die dasselbe Problem hatten.“

Manche in der Kindheit beschnittene Männer leiden noch im Erwachsenenalter unter dem Eingriff. Sie hatten das Gefühl, dass über ihren Körper gleichsam fremdverfügt wurde. In den USA wollen nun sogar einige beschnittene Männer ihre Eltern klagen.

Auch der deutsche Kinderarzt Friedrich Manz warnt vor traumatischen Erlebnissen nach Beschneidungen: "Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass beschnittene Babys, die nach dem Eingriff geimpft werden, doppelt so lange und heftig schreien wie unbeschnittene. Sie müssen sich das Schmerzempfinden eingeprägt haben.“

Den Schmerzen, die eine Beschneidung mit sich bringt, wollen sich hingegen nicht nur zahlreiche erwachsene Männer aussetzen, die sexuelle Probleme haben - manche wollen den Eingriff aus rein ästhetischen Gründen durchführen lassen, nicht selten von ihren Partnerinnen motiviert. Die Innsbrucker Psychologin Ulrike Paul, die auch sexualpädagogische Beratungen in Schulen durchführt, stellte in den vergangenen Jahren fest, dass der Schönheitswahn auch vor den intimen Körperstellen nicht haltmacht und auch Jugendliche nicht verschont: "Mich fragen bereits 14-jährige Mädchen nach Schamlippen-Verkleinerungen. Das finde ich etwas irritierend.“

Lesen Sie im profil 29/2012: Der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister glaubt, dass ein Verbot der rituellen Beschneidung das Leben für Juden unmöglich machen würde.