Besen binden

Vom Lebensabend auf dem Bauernhof und einem biologistischen Waschmaschinenbild.

Am besten Masochistin werden, dann sprudeln die Freudenquellen, frau muss sie nur zu entdecken wissen. Herzlichen Dank an alle aufmerksamen Leserinnen und Leser, die mir dabei helfen.

Leserin Aloisia G. zum Beispiel informiert mich, dass das Projekt Bäuerinnen als Tagesmütter eine geriatrische Entsprechung hat, und legt zur Illustration die „Österreichische Bauernzeitung“ vom 2. Oktober bei. Unter dem blumigen Titel „Ein Lebensabend mit Pflege und neuer Lebensfreude“ wird darin geschildert, wie auf einem Bauernhof in der Steiermark 14 Senioren einen lebenswerten Lebensabend verbringen. Unter den Alten befänden sich, heißt es, „sowohl intensiver Pflege Bedürftige als auch sehr rüstige Personen, welche die von der Bäuerin zugeteilten kleineren Aufgaben im Haushalt, bei den Tieren und im Garten gerne ausführen“.

Und weiter: „Dadurch fühlen sie sich gebraucht und steigt ihre Lebensfreude, auch durch zusätzliche Angebote wie Basteln, Besenbinden … und die Kommunikation nicht nur mit Gleichgesinnten, sondern auch mit den Familienmitgliedern, darunter drei Kinder.“

Ich weiß schon, dass ich wieder ungemütlich und misstrauisch rüberkomme, wenn ich behaupte, so hätte ich mir meine alten Tage vorgestellt: der Bäuerin im Haushalt helfen, mich im Stall nützlich machen, Besen binden und zur Erholung ein bisschen Kinderbetreuung. Und ab und zu kommen herrliche junge Menschen von der Zeitung vorbei, die lassen wohlwollende Blicke auf uns ruhen, auf uns, der Kuh- und der Altenherde, in der Gewissheit, dass es uns richtig gut geht.

Aber diese Befürchtungen behalte ich gleich wieder für mich und begnüge mich stattdessen mit dem Hinweis, der sich in dem Artikel außerdem findet: „Die Altenbetreuung auf dem Bauernhof eröffnet … den Bäuerinnen neue Erwerbsmöglichkeiten auf dem Betrieb.“ Das mit Sicherheit.

Auf zur nächsten Lektüre. In den „Vorarlberger Nachrichten“ (vom 15. Oktober) äußert sich Karlheinz Kopf zur Vermittlung von Haushaltskenntnissen an Männer wie folgt: „Um Gottes willen, solche Kurse gehören verboten, es muss doch auch Dinge geben, die wir nicht können. Wir Männer sind doch ohnehin Universalgenies. Gerade erst habe ich mir eine Zweitwohnung in Wien eingerichtet, alle Lampen selber aufgehängt und angeschlossen. (…) Aber um den Herd, die Waschmaschine und ähnliche Geräte, die für Frauen konstruiert wurden, mache ich einen weiten Bogen.“

Herr Kopf ist: Generalsekretär des Österreichischen Wirtschaftbundes, Präsident der Vorarlberger Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, Präsident des Vorarlberger Fußballverbandes und Abgeordneter zum Nationalrat.

Leserin Irmgard M. stellt mir angesichts seines biologistischen Waschmaschinenbildes die bange Frage, ob dieser Mann uns Frauen im Parlament wirklich vertreten könne. Aber ja, zumindest diejenigen unter uns, die das Backrohr mit dem Busen öffnen.

Auf leiseren Pfoten schleicht manch anderer Sexismus durch die Medien. Oft sind es nur kleine, mehr oder weniger witzig gemeinte Anmerkungen, scheinbar harmlos, die sich jedoch bei näherer Betrachtung als einigermaßen ärgerlich erweisen. Wieder weiß ich, dass frau mit Haarspaltereien ein zickiges Image riskiert, aber sei’s drum. Gerade die unterschwelligen kleinen Geringschätzigkeiten tragen zum Fortbestehen solider Geschlechtervorurteile bei.

Zwei Beispiele (die nicht ganz präzisen Datumsangaben bitte ich mir nachzusehen, zumal sie die Überprüfbarkeit des Zitierten nicht verhindern):

Beispiel eins ist dem Ö1-„Mittagsjournal“ (vom 6. oder 7. Oktober) entnommen. Darin leitete der Moderator einen Bericht über die bevorstehende ÖBB-Aktion „Dienst nach Vorschrift“ launig ein, indem er sinngemäß sagte: Zu Ihrer Hochzeit sollten Sie heute nicht mit der Bahn fahren. Ihre Firma wird Ihnen eine Verspätung ja vielleicht verzeihen, Ihre Braut sicher nicht.

Was impliziert dieser Ratschlag? Er impliziert, da er sich (mangels Heiratsmöglichkeit von Braut und Braut) ausschließlich an Männer richtet, dass der Moderator offenbar von einer ausschließlich oder hauptsächlich männlichen Zuhörerschaft ausgeht. Warum? Weil sich Frauen nicht für Politik interessieren? Weil sie so was Anspruchsvolles wie ein Radiojournal nicht verstehen? Weil Mutti immer schon kochte, während Vati die Zeitung las?

Das zweite Beispiel fällt in die Kategorie Abwertung durch Wortwahl. Die ist im Alltag gang und gäbe, leider ohne dass es auffällt. Knaben sind wissbegierig – Mädchen neugierig; Männer diskutieren – Frauen tratschen; Männer sind konsequent – Frauen eigensinnig … Die Reihe ließe sich lange fortsetzen, ich begnüge mich für diesmal mit einem Zitat, das ich im Ö1-„Radiokolleg“ (am 7. oder 8. Oktober) gehört habe. Zitiert wurde aus einem Buch über Schneehühner, eine Stelle, in der sich der Autor einer Schneehuhngruppe von zwei Männchen und drei Weibchen nähert und das Verhalten der Viecher so beschreibt: „Die Männchen scheinen aufmerksamer, sie recken die Hälse …“ (während ein Weibchen sein Gefieder putzt). Dass sogar der Schneehenne geschlechtsspezifische Einfalt nachgesagt wird, finde ich denn doch ein bisschen bizarr. Denn wie würde es – und darauf wette ich – heißen, wenn die Weibchen die Hälse gereckt und die Männchen Federnpflege betrieben hätten? Richtig, so: Die Weibchen scheinen ängstlicher, sie recken die Hälse, während die Männchen gelassen ihr Gefieder …
Nein? Doch. Bestimmt.