Besser als der Kult: Anna Netrebko

Die Sopranistin Anna Netrebko zählt zu den erfolgreichsten Sängerinnen der Gegenwart. Manuel Brug nimmt die Künstlerin, die demnächst wieder an der Wiener Staatsoper singen wird, vor sich selbst in Schutz.

So viel Klassik und Klatsch hat es seit Herbert von Karajan nicht mehr gegeben. Längst weiß man: Die Yachten, Flitzer und Flieger, St. Moritz und St. Tropez, die blonde Eliette sowieso - das war bei Karajan mediale Inszenierung. Der 1989 verstorbene Dirigent wollte der Maestro des Jetset-Zeitalters sein, im Grunde war er jedoch ein einsamer, unsicherer Mann, der einem nie erreichten Ideal von Perfektion hinterherhechelte.

Anna Netrebko, 39, agiert da weitaus pragmatischer und gibt sich mit greifbaren Rollen zufrieden. Als ihre Karriere beim Salzburger Überraschungserfolg 2002 als Donna Anna in Mozarts "Don Giovanni“ raketengleich abzuheben begann, konnte sie mit dem neuen Russland, ihrer alten Heimat, als Emigrantin nichts mehr anfangen. In New York besitzt Netrebko ein Apartment, ihr Lebensmittelpunkt mit Kind und Ehemann, dem Bassbariton Erwin Schrott, liegt in Wien - nicht zuletzt deshalb, weil Österreich ausländische Künstler gern einbürgert und vereinnahmt. Andererseits befindet sich in Wien das Epizentrum des Anna-Kults, damit muss sie leben, und zumeist will sie das wohl auch: Netrebko hat gelernt, die Medien nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Wenn es gilt, bis zu 470 Euro teure Karten für ihr Wiener Stadthallenkonzert am 6. August zu verkaufen, dann sieht und hört man sie eben entsprechend öfter in den "Seitenblicken“ und als "Überraschungsgast“ in der Silvester-"Fledermaus“.

Als vokal wie darstellerisch zuverlässige, als singuläre und selbstkritische Künstlerin muss sie ständig mit ihrem eigenen guten Ruf konkurrieren, mit Beifall von allen Seiten, bisweilen auch den falschen. Stars aus Film und Pop gönnen sich zwischendurch gern längere Zeiten des Nichtstuns. Klassikkünstler, die wenigen Stars zuallererst, müssen dagegen permanent Rollen studieren, üben, sich schonen, aber niemals rasten. Heute Scala, morgen Paris, übermorgen Wien, dann wieder Japan und New York: Netrebkos Jahresplanung gestaltet sich nach wie vor hektisch, inzwischen jedoch ausbalancierter. Wiederholen mag sie sich dennoch nicht, ständig sucht sie nach Neuem, obwohl sie für eine "Traviata“ in Abu Dhabi spielend das Sechsfache jener Gage verlangen könnte, die sie nun in Wien für ihre Anna Bolena in Donizettis gleichnamiger Oper erhält, mit der die Sopranistin am 2. April in der Wiener Staatsoper Premiere feiert.

Äußerlich ist Netrebko nicht mehr das junge Partygirl der Salzburger Sensations-"Traviata“ von 2005 - ihre Stimme ist dunkler, fülliger, dramatischer geworden. Dem zollt sie Rechnung: Das "Traviata“-Revival an der New Yorker Met zu Silvester sagte sie ab, weil sie sich an ihrer eigenen DVD nicht messen lassen wollte. Ihre Manon in Jules Massenets Oper vergangenen Herbst in London war die intelligente Stilübung einer professionellen Könnerin, nicht mehr das lustvoll auf dem Koloraturseil tänzelnde Massenet-Mädchen, das noch 2007 den Wienern und den Berlinern die Köpfe verdreht hatte; aus der frivolen "La Bohème“-Musette ist längst eine tragisch leidende Mimì geworden. Gemunkelt wird, dass Wien als Aufführungsort nun verstärkt infrage kommen soll.

Ihre Stimme hat in den vergangenen neun Jahren ihren Schimmer, die samtige Färbung bewahrt. Ihre Technik ist sicher, die Legatokultur italienisch entwickelt, die Aussprache gut. Anna Netrebko ist stets bei der Sache, als herumalbernde Norina in Otto Schenks "Don Pasquale“-Klamauk an der Met ebenso wie bei ihrem ersten Liedprogramm mit Romanzen von Tschaikowsky und Rimski-Korsakow: nicht unbedingt leichte, bekannte Kost. Ihre Rezitals in Salzburg und Berlin verkauft sie wegen ihres Namens zu Spitzenpreisen. Eine zurückhaltende, sich ganz in den Lieddienst stellende Starsängerin erlebte wiederum, wer sie mit Daniel Barenboim am Klavier hörte. Giovanni Battista Pergolesis letztes vollendetes Werk "Stabat mater“ wird von Netrebko auf ihrer jüngsten CD "A Tribute to Pergolesi“ (Deutsche Grammophon) als zartfühlender Schmerzensgesang interpretiert, ohne historisch korrekten Barockanspruch, als Etüde abseits des eitlen Opernzirkus. Sollen die Boulevardreporter Netrebko, wie bereits passiert, nach Restaurantbesuchen doch für schwanger halten! Manchmal muss man diese Künstlerin eben vor sich selbst und ihrem Ruf in Schutz nehmen.