Beziehungen: „Die Herren Buam“

In seinen Erinnerungen beschreibt Franz Vranitzky erstmals ausführlich sein Verhältnis zu Hannes Androsch. Dieses ist wohl irreparabel.

Die Conclusio klingt – wie bei Franz Vranitzky nicht selten – etwas verschraubt. „Ich versage mir selber den negativen Luxus, mich mit Thema und Person weiter zu beschäftigen.“

Thema wie Person, um die es hier geht, sind Hannes Androsch und die gemeinsame Vergangenheit. Und Vranitzky versagt sich in seinem Buch durchaus nicht den „negativen Luxus“ der Beschäftigung mit jenem Mann, dem er einst so nahe gestanden war und der für ihn nun nur noch ein Gegner ist – er widmet Androsch mehrere Seiten.

Der einstige Förderer und Freund ist dem Altbundeskanzler keineswegs egal. Zu heftig waren dessen Ausfälle gewesen. Einen davon – er dürfte ihn besonders empört haben – zitiert Vranitzky selbst: „So ließ er sich etwa vernehmen, Vranitzky habe sich ,mit seiner Familie Allüren geleistet wie ein zentralafrikanischer Potentat‘.“

Vranitzky: „Keine auch nur irgendwie nachvollziehbare Rationalität“, Normalisierungsversuche seien daher sinnlos.

Immerhin war es Androsch gewesen, der 1970 den damals 33-jährigen Vranitzky aus der Nationalbank in sein Kabinett geholt hatte. Beppo Mauhart und der spätere Konferenzzentrums-Chef Michael Auracher komplettierten das Kleeblatt – ein junger Pragmatiker-Flügel in der ersten roten Alleinregierung. „Die Herren Buam“ nannten alte Partei-Haudegen die Androsch-Partie.

Spätabends zogen sich die Buam schon einmal das Sakko aus und spielten in den barocken Hallen des Ministeriums mit einem Fetzenlaberl Fußball.

Vranitzky erinnert sich im Buch der Tage von einst in etwas sprödem Ton: „Androsch bot den Mitarbeitern seiner engsten Umgebung ein freundschaftliches Verhältnis an. Auch wenn das im Lichte meiner mittlerweile gemachten degoutanten Erfahrungen nicht auf den ersten Blick plausibel erscheint.“

Die Freundschaft zwischen Androsch und Vranitzky überdauerte den Konflikt Androschs mit Bruno Kreisky – Vranitzkys Sympathien gehörten zweifelsohne seinem Freund Hannes – und auch Androschs Abschied aus der Politik. Als Vranitzky 1984 den Kreisky-Mann Herbert Salcher als Finanzminister ablöste, feierte der neue Ressortchef mit Hannes Androsch und Beppo Mauhart im Floridsdorfer Heurigenlokal „Beim Hannes“ das Avancement.
Kreisky schäumte.

Temperamente. Dennoch waren die fast Gleichaltrigen – Vranitzky ist Jahrgang 1937, Androsch Jahrgang 1938 – grundverschieden: Androsch ist ein sinnesfreudiger Wildling, Vranitzky ein leidenschaftlicher Familienmensch. „Herrenrunden-Fröhlichkeit ist ihm ein Gräuel, ordinäre Witze duldet er mit Leidensmiene“, schrieb sein Biograf Hans Rauscher.

Noch 1987 war Androsch Gast bei der Feier zu Vranitzkys Fünfziger. Da lagen freilich schon Schatten über der Beziehung. Wenige Tage später veröffentlichte die „Wochenpresse“ ein abgehörtes Auto-Telefonat, in dem sich Androsch bei Verstaatlichten-Minister Rudolf Streicher über Vranitzky wegen dessen unterbliebener Hilfe in seinem Steuerverfahren beschwerte: „Wennst solche Freund’ hast, brauchst keine Feind’.“

Ein Jahr später musste Androsch nach einer Verurteilung wegen falscher Zeugenaussage vor dem AKH-Untersuchungsausschuss den Generaldirektors-Posten in der Creditanstalt auf Beschluss des Aufsichtsrats räumen.

„Man trug mir damals zu, Androsch hätte von mir erwartet, seine Entfernung von der CA-Spitze von ihm abzuwenden“, schreibt Vranitzky. Dies habe er nicht getan, weil er damit „alle einschlägigen Gesetzesbestimmungen verletzt“ hätte.

Dies bestritt Androsch stets: Vranitzky hätte lediglich zwei Rechtsprofessoren beiziehen sollen, die ihm eine Verjährung der Tat attestiert hätten.

In der Folge ließ Androsch kein gutes Haar an der Politik des ehemaligen Freundes: Dieser zeige „zu wenig Leadership“, sei „hauptverantwortlich für den Niedergang der SP֓ und habe „mehr Neigung zum Repräsentieren und Kommentieren als zum Regieren“.

In seinen Angriffen auf den Kanzler nahm Androsch – nun schon erfolgreicher Industrieller – mitunter ganz linke Posen ein. „Ich habe nichts gegen Golfspielen, aber es ist kein Ersatz für den Brunnenmarkt, den Meiselmarkt und den Praterstern“, stellte er dem Lieblingssport der Vranitzkys drei recht proletarische Örtlichkeiten Wiens gegenüber.

Nur einmal platzte Vranitzky der Kragen. Als ihm Androsch 1993 in einem Interview Arroganz vorwirft, erwiderte er schnippisch: „In theoretischer und angewandter Arroganz ist Androsch ja eine anerkannte Koryphäe.“

In seiner Biografie meint Vranitzky, allenfalls noch vorhandene Sympathien Androschs für ihn seien geschwunden, „als sein ehemaliger Mitarbeiter Androschs eigenes Lebensziel, nämlich Bundeskanzler der Republik zu werden, erreichte“.
Mitleid klingt dabei nicht durch.
Vranitzky: „Er hat seine Chancen zum Gutteil selbst verspielt.“