Beziehungen: Kleine Tode

Immer intensiver beschäftigen sich Medizin und Psychologie mit dem Phänomen Liebeskummer. Verlassen zu werden kann zu akuten Qualen führen – bis hin zu physischen Erkrankungen.

Schmerzen sind ihr Geschäft. Die französische Fotografin und Aktionskünstlerin Sophie Calle beutet ihre eigenen Beziehungsverwundungen mit derartig exhibitionistischer Lust aus, dass sie es damit in der Kunstszene zu Weltruhm gebracht hat. Das Hotelzimmer in Neu-Delhi, das zum Schauplatz der „unglücklichsten Nacht meines Lebens“ geriet, stellte Calle bei einer großen Werkschau in Berlin im vergangenen Jahr detailgetreu nach, einschließlich des roten Telefons, mit dem sie die Hiobsbotschaft vom Ende ihrer Beziehung entgegennahm. Titel der Installation: „Exquisite Pain“. In repetitiver Selbsttherapie erzählen Schautafeln die Zeit „After Unhappiness“ Tag für Tag neu, werden die Zuschauer eingeladen, die vielen kleinen Tode aus sicherem Abstand mitzusterben.

Auch für die österreichische Künstlerin Carmen Brucic wurde eine persönliche Krise zum kreativen Moment. In der Schlussphase ihres Studiums an der Wiener Angewandten traf sie ein niederschmetternder Trennungsschmerz: „Daraufhin machte ich meinen Liebeskummer zum Thema.“ Brucic hob das Projekt „Lovepangs“ (zu Deutsch: Liebesschmerzen) aus der Taufe und gründete gemeinsam mit Jeanette Müller die „United Lovesick Society“, nach eigenen Angaben „eine Organisation, die sich in einer geldfixierten Gesellschaft zu Schwäche und Sehnsucht bekennt“ und in diesem Geiste kathartische Kongresse veranstaltet (unter anderem an der Volksbühne Berlin und am Schauspiel Frankfurt, ein Wien-Termin ist in Planung). In persönlichen Gesprächen mit „Schmerz-Experten“ können die Teilnehmer ihre individuellen „Lovepangs“ beschreiben – und sich zu ihnen bekennen. „Eine der zentralen Aussagen des Projekts ist, dass es keine Schande ist, traurig zu sein“, sagt Brucic.

Während nach der Freud’schen Sublimierungstheorie Herzschmerzen quer durch die Kulturgeschichte zahlreiche Manifeste der Trauerarbeit hinterlassen haben – von Franz Schuberts „Winterreise“, den Gedichten von Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine, Oskar Kokoschkas „Windsbraut“ über Janis Joplin und Al Green bis hin zu Joss Stone und Coldplay –, zeitigt Liebeskummer oft auch Symptome, die physischen Erkrankungen durchaus ebenbürtig sind – und entsprechend ernst zu nehmen wären.

Trauma. Statistische Erhebungen über den volkswirtschaftlichen Schaden sowie die seelischen und körperlichen Verwüstungen, die Trennungen nach sich ziehen, existieren in Österreich bislang keine. Fest steht, dass rund 400.000 Österreicher an klinischen Depressionssymptomen leiden, die – abgesehen von genetischer Prädisposition, Stresssituationen am Arbeits-platz und Existenz- und Versagensängsten – am häufigsten durch traumatisierende Verlusterlebnisse ausgelöst werden. Trennungen, vor allem jene, welche die Verlassenen „völlig unvorbereitet treffen“, so Silvia Fauck, Betreiberin einer Liebeskummer-Ambulanz in Hamburg (siehe Interview), „haben neben Appetitverlust und massiven Schlafstörungen häufig Depressionen, Panik- und Angstattacken zur Folge“. Eine stetig wachsende Scheidungsrate (Letztstand 2004: 46,05 Prozent) und die Tendenz, brüchige Beziehungen viel schneller als früher zu entsorgen, eröffnen ein weites therapeutisches Betätigungsfeld. Lebensratgeber wie „Mut zur Trennung“, „Wenn Männer reden könnten“ oder „Wenn Frauen zu sehr lieben“ mit ihren teils ergreifend schlichten Ratschlägen („Räumen Sie alles, was Sie an ihn/sie erinnert, aus der Wohnung“ oder „Lernen Sie neue Leute kennen“) dominieren seit Jahrzehnten die Sachbuch-Bestsellerlisten. Im Internet gibt es immer mehr Selbsthilfe-Foren, in denen Liebeskranke sich mit Leidensgenossen austauschen.

Doch erst seit einigen Jahren beschäftigen sich Psychologen, Verhaltensforscher, Neurologen und Biochemiker intensiv mit dem Phänomen „Lovesickness“ (Liebeskrankheit) oder „Broken Heart Syndrome“ und gelangten zur Erkenntnis, dass die Seele in diesen Zuständen massiven Strapazen ausgesetzt ist.

Liebesentzug. Eine international anerkannte Spezialistin in der Erforschung menschlicher Gefühle ist die New Yorker Anthropologin Helen Fisher, die sich in ihrem jüngsten Buch „Warum wir lieben“ mit dem Phänomen auseinander setzt. Sie vergleicht Liebeskummer mit einem Kokain-Entzug: „Das Ende einer Beziehung treibt das Dopaminsystem im Hirn zu Höchstleistungen, weil die Belohnung ausbleibt. Dieser Zustand ist biochemisch vergleichbar mit dem ersten Stadium des Verliebtseins: Der Ex-Partner wird nochmals zum Mittelpunkt allen Handelns, die Liebe intensiviert sich noch.“ Fisher nennt diesen Zustand „Frustrations-Attraktion“.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Gerti Senger, die ihre Dissertation dem Liebeskummer widmete. Sie geht von mehreren Phasen aus, die nach dem Zerbrechen einer Beziehung durchlaufen werden: Auf eine Phase der Lähmung gleich nach dem Ende der Beziehung folgt eine Phase der Verhandlung, in der noch einmal alles getan wird, um die Beziehung zu retten. Erst danach kommt es zur Phase der Regression, in der das Scheitern der Beziehung zur Kenntnis genommen werden muss – was in den meisten Fällen zu einem dramatischen Zusammenbruch der Betroffenen führt. In einer von Senger durchgeführten Studie berichteten rund zwei Drittel der Befragten in dieser Phase von einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Arbeitsunfähigkeit, über 80 Prozent litten an Schlafstörungen, und fast 90 Prozent betrachteten sich als zumindest teilweise depressiv. Erst nach durchschnittlich 10,7 Monaten (bei den Männern) beziehungsweise 14,7 Monaten (Frauen) sei dieser Leidensprozess abgeschlossen.
Doch der Liebeskummer geht nicht selten auch über den reinen Seelenschmerz hinaus. Ein Medizinerteam der Johns Hopkins University in Baltimore fand jüngst heraus, dass die abgeschmackte Metapher vom gebrochenen Herzen durchaus wissenschaftliche Relevanz besitzt. Bei 19 Patienten, die mit klassischen Herzinfarkt-Symptomen (Brustschmerzen, eingeschränkte Herztätigkeit, Kurzatmigkeit und Wasser in der Lunge) eingeliefert worden waren, konnte kein Infarkt diagnostiziert werden. Alle Betroffenen, hauptsächlich ältere Frauen, hatten jedoch wenige Stunden vor dem Einsetzen der Beschwerden einen schweren emotionalen Schock erlitten.

Die medizinische Erklärung: Durch die erhöhte Produktion des Stresshormons Adrenalin wird der Herzmuskel, ähnlich wie bei einem Infarkt, betäubt, bleibende Herzschäden zieht der Kollaps der Gefühle jedoch nicht nach sich.

Henriette Löffler-Stastka, Spezialistin für Affektforschung und Psychosomatik an der Wiener Universitätsklinik für Tiefenpsychologie, weiß, „dass es Menschen gibt, die nach einer Trennung keine Trauer wahrnehmen können, sondern nur einen körperlichen Schmerz, etwa im Rücken oder Bauch“, vor allem dann, wenn „keine adäquate Verarbeitungsmöglichkeit gegeben ist“. Besonders Patienten, die an einer emotionalen Störung leiden, etwa einer Unfähigkeit, Gefühle zu erleben, transponieren ihre Gefühle auf körperliche Reaktionen: „Wenn jemand von klein auf keine andere Möglichkeit entwickeln konnte, als Gefühle zu unterdrücken, kann sich der Affekt den Weg über den Körper bahnen.“

Die fatalen Folgen von Liebeskummer sind auch in der Weltliteratur vielfältig dokumentiert. „Dahin“, ist der letzte Gedanke von Tolstois Anna Karenina, ehe sie sich – halb wahnsinnig ob der Zurückweisung durch ihren Geliebten Wronskij – vor den Zug wirft: „Dahin, gerade in die Mitte! So werde ich ihn strafen und mich von aller Welt und mir selbst befreien.“

„Eau de Werther“. Durch die literarische Dramatisierung des Freitods wurde der junge Johann Wolfgang von Goethe 1774 schlagartig berühmt. Sein Romandebüt „Die Leiden des jungen Werther“, in welchem der tragische Protagonist den einzigen Ausweg aus der Liebe zu einer verheirateten Frau im Selbstmord sah, löste eine Lifestyle-Epidemie der Morbidität aus: Die blau-gelbe Werther-Uniform wurde zum Modegag, auf Porzellan wurden die Schlüssel-Szenen des Briefromans nachgedruckt, man parfümierte sich mit „Eau de Werther“. Vereinzelte junge Männer imitierten detailgetreu den Selbstmord ihres Helden, ein Exemplar der Leiden des „narzisstischen Hitzkopfs“ (so die „Neue Zürcher Zeitung“ 1780) auf dem Schoß. Die Legende einer veritablen Suizidwelle wird inzwischen jedoch bezweifelt und auf die hysterische Übertreibung seitens religiös motivierter zeitgenössischer Kritiker zurückgeführt.

Aktuelle Forschungen beweisen, dass vor allem Jugendliche mit Liebeskummer akut gefährdet sind. „Teenager entwickeln aufgrund ihrer mangelnden Lebenserfahrung leicht einen Tunnelblick und können ihre Probleme dann oft nicht mehr allein lösen“, erklärt der Berliner Jugendbetreuer Gerd Storchmann.

Die erhöhte Verletzlichkeit in der Pubertät erklärt sich die Psychologin Gabriele Kohl von Talkbox.at, der E-Mail-Beratungsstelle des Wiener Amts für Jugend und Familie, durch die „extremen Stimmungsschwankungen, denen Menschen in dieser Lebensphase ausgesetzt sind. Wenn ein Liebeskummer in eine dunkle Phase trifft, bekommt das natürlich eine verstärkte Tragik.“

Krisenbewältigung. Warum oft gerade der erste Liebeskummer der stärkste ist, erklärt Gerti Senger damit, dass Jugendliche zumeist noch keine adäquaten Krisenbewältigungsstrategien ausgebildet haben: „Mit 37 weiß ich, was mir hilft, sei es, im Beruf aufzudrehen oder eine neue Sprache zu lernen. Außerdem hilft die Erinnerung an vergangenen Liebesschmerz. Man weiß, dass man es überleben wird, auch wenn es sich im Moment anders anfühlt.“

Im Rahmen einer Studie, die 1998 am Wiener Ludwig Boltzmann Institut für Stadtethologie durchgeführt wurde, gaben 45,5 Prozent der Befragten an, kurz nach der Trennung Selbstmordgedanken gehegt zu haben – von einem tatsächlichen Selbstmordversuch berichtete allerdings kein einziger der Probanden.

Rund 15.500 Suizidversuche werden in Österreich jährlich unternommen, im Jahr 2004 endeten 1418 davon tödlich, wobei Männer mit 1073 Todesfällen in dieser Statistik weitaus stärker vertreten sind. Zwar werden keine Daten über die genauen Motive erhoben, doch geht Gernot Sonneck, Vorstand des Wiener Instituts für medizinische Psychologie, davon aus, dass bei Selbstmordversuchen Liebesschmerzen eine zentrale Rolle spielen.

Was die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Bezug auf Liebeskummer betrifft, leiden Männer und Frauen zwar auf dem gleichen Niveau, versuchen allerdings, ihr Unglück mit verschiedenen Verhaltensweisen zu bewältigen. Liebeskranke Frauen suchen häufig Trost durch den Gang zum Kühlschrank, durch Antidepressiva, die den Serotonin-Spiegel im Hirn wieder in die Höhe treiben, und durch Gespräche mit Freundinnen, in denen das erlittene Leid immer wiederholt wird. Bei Männern manifestiert sich die Kränkung der Zurückweisung eher in Aggression, die in ihrer extremsten Form in Amokläufen eskaliert oder ihren Niederschlag im Phänomen Stalking findet. Die meisten Stalker nämlich, also Menschen, die ihren Opfern ständig nachstellen und sie mit permanentem Kommunikationsterror zu zermürben trachten, sind keineswegs neurotische Star-Anbeter, sondern in der Regel Ex-Partner, die partout nicht loslassen können.

So weit muss es allerdings nicht kommen. Auf ihrer Homepage bietet Carmen Brucics „Lovesick Society“ eine Reihe von – nicht immer todernst gemeinten, aber durchaus effektvollen – Trauerbewältigungsstrategien an. So rät die Gesellschaft der Liebeskranken etwa zum Erwerb von antibakteriellen Sprays („um den Geruch von Exen aus der Matratze zu kriegen“) oder, besonders perfid, von Babyseife – „zur Erinnerung an behütete Zeiten oder als kleines Schockgeschenk für den Ex“.

Der Ex von Carmen Brucic, der Aktionskünstler Christoph Schlingensief, hat übrigens auch eine Meinung zum Thema Liebeskummer: „Der akute Schmerz hat eine unglaubliche Kraft. Er ist eine Produktivkraft. Eine Gesellschaft, die sich über Schmerz hinwegtäuscht, tötet sich selbst.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer