Bibel: Am Tische Jesu

Am 25. Dezember feiert die Christenheit die Geburt des Gottessohnes. Wer die historische Gestalt wirklich war, weiß keiner genau. Wissenschafter haben sich daher aufgemacht, ein neues Bild vom Zimmermann des christlichen Glaubens zu zeichnen.

Advent, Weihnachtszeit. Überall leuchten die Christkindlmärkte, in die Geschäftigkeit mischen sich die Gerüche von Lebkuchen, Duftkerzen und Punschfahnen. Die Christbaumverkäufer haben bereits ihre Stände aufgebaut. Wie jedes Jahr um diese Zeit bangt die Wirtschaft um steigende Umsätze, gehetzte Menschen versuchen wieder einmal in letzter Minute, das fehlende Geschenk für Oma, Opa, Freundin, Enkel oder Onkel zu ergattern. Die Mesner bauen die Krippen auf – den Stall in Bethlehem mit Ochs und Esel plus der Heiligen Familie. Vor dem 25. Dezember fehlt noch das Jesuskind, dessen Geburtstag weltweit von mehr als 1,8 Milliarden Menschen gefeiert wird. Für Pfarrer ist es die Zeit der Überstunden. Und für viele Taufschein-Christen wird die mitternächtliche Christmette der einzige Kirchenbesuch des Jahres bleiben.

Dass es die in der Krippe dargestellte Szene in Bethlehem in dieser Form gegeben hat, glauben heute wohl nur noch wenige. Es ist eine romantische Legende, die gemeinsam mit dem im 16. Jahrhundert erstmals in Deutschland gebräuchlichen Lichterbaum allmählich zu einem weltweiten Sinnbild des Weihnachtsfestes wurde.

Auch wenn die Erinnerung an die Geburt des Heilands durch 2000 Jahre Kulturgeschichte verklärt wurde, an der Existenz der historischen Person gibt es kaum Zweifel. Jesus lebte tatsächlich vor 2000 Jahren in Galiläa. Die Wissenschaft konnte allerdings klären, dass sein Geburtsjahr nicht das Jahr Null sein kann – Jesus wurde gewissermaßen „vor Christus“ geboren. Der historische Fehler geht auf den im 6. Jahrhundert in Rom lebenden skythischen Mönch Dionysius Exiguus zurück. Der Kalendermacher verhedderte sich bei der Aufgabe, die antike Zeitrechnung auf die Geburt Christi umzustellen. Sein Jahr 1 für Jesu Geburt, das er aus dem Todesjahr des römischen Kaisers Augustus (14 n. Chr.) im römischen Jahr 750 nach Gründung Roms ableitete, gilt deshalb heute als das Jahr 4 vor Christus.
Das laufende Jahr 2003 ist demnach eigentlich bereits das Jahr 2007 nach Christi Geburt (4+2003).

Gut möglich ist auch, dass der mittelalterliche Dionysius während seiner Kalenderrechnungen ziemlich ins Schwitzen gekommen ist. Denn in der Bibel gibt es nur wenige historische Anhaltspunkte, die darauf schließen lassen, dass Jesus gerade noch während der Amtszeit von Herodes dem Großen (verstorben 4 v. Chr.) geboren wurde. Dafür gibt es aber eine erkleckliche Anzahl von Hinweisen, die gegen dieses Datum sprechen.

Zum Beispiel die im Lukas-Evangelium des Neuen Testaments erwähnte reichsweite Steuererhebung, deretwegen sich Josef und Maria nach Bethlehem zu begeben hatten. „Diese hat mit hoher Wahrscheinlichkeit so nie stattgefunden“, erklärt Roman Kühschelm, Professor für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. Denkbar ist, dass sich der Autor des Lukas-Evangeliums auf eine Steuerschätzung bezog, die 6 n. Chr. in Judäa durchgeführt wurde. Doch dafür hätten sich Josef und Maria nicht nach Bethlehem begeben müssen.

Herodes’ Kindermord. Genauso wenig gibt es historische Indizien dafür, dass Herodes der Große (regierte von 40 bis 4 v. Chr.) aus Angst vor einem neu ankommenden Messias tatsächlich befohlen hätte, alle neugeborenen Knaben umzubringen, wie es im Evangelium des Matthäus nachzulesen ist. Vielmehr nahm der Evangelienschreiber die damals bekannte Gewalttätigkeit eines antiken Statthalters als Vorlage, um Gefahr und Dramatik der von ihm erfundenen Herbergssuche von Maria und Josef samt nachfolgender Flucht nach Ägypten zu steigern. Zudem gibt Matthäus damit auch eine Parallele zu Moses, der als Kind laut Buch „Exodus“ ähnlich gefährdet war. Dass es gerade Bethlehem sein musste, wohin die Verfasser des Neuen Testaments den Geburtsort Jesu verlegten, erhellt sich aus der jüdischen Mythologie. Bethlehem gilt als die Stadt Davids, und aus seinem Geschlecht, heißt es im Alten Testament, wird der Messias geboren werden.

Als Geburtsort des historischen Jesus könne Bethlehem wohl nicht gelten, sagt auch Kühschelm: „Historisch-kritisch ist Nazareth vorzuziehen.“ Denn dort, so ergaben die akribischen Rekonstruktionen der Wissenschaft, wird Jesus vermutlich geboren und aufgewachsen sein. Er wird stets als „der Nazarener“ bezeichnet.

Was über Jesus geschrieben wurde, füllt viele Bibliotheken. Gut 20.000 Bücher listet die Library of Congress in Washington zum Thema auf. Und jedes Jahr kommen einige Bände hinzu. Bücher wie die „Verschlussakte Jesu“, „Jesus, der Essener“ oder auch Alfred Worms „Jesus Christus“ wurden zu Bestsellern. Die bis heute nicht vollkommen ausgewerteten Papyrusrollen, die 1947 in den Qumran-Höhlen nordwestlich des Toten Meeres entdeckt wurden, geben immer wieder Anlass zu Sensationsmeldungen. Bekannt wurde beispielsweise der deutsche Papyrusforscher Carsten Thiede, der glaubte, mit dem oblatengroßen Stück Papyrus „7Q5“ das älteste, schon knapp nach Lebzeiten Jesu geschriebene Evangelium gefunden zu haben. „Der Autor dieses Evangeliums müsste sich allerdings dreimal verschrieben haben, damit man Thiedes Interpretation herstellen könnte“, erklärt Markus Öhler, stellvertretender Vorstand des Instituts für Neutestamentliche Wissenschaft an der evangelisch-theologischen Fakultät der Uni Wien. Auch ein zweites Papyrus, das Thiede in seinem Buch „Das Jesus-Papyrus“ als frühes Matthäus-Evangelium beschreibt, stellte sich als Fehlinterpretation heraus. Ähnlich verhielt es sich mit dem „Sensationsfund“ eines Gebeinkastens, der kürzlich als angeblicher Überrest von Jesus’ Bruder Jakob durch die Medien geisterte. Nach eingehender Expertenanlyse wurde die Inschrift „Jakob, Sohn von Josef, Bruder von Jesus“ dieses Jahr als Fälschung identifiziert.

Mann mit Vollbart. Doch wer war dieser Mann aus Nazareth wirklich, den alle zu kennen glauben? Wo und wie lebte er? Hat Jesus tatsächlich so ausgesehen, wie er uns in zahllosen Bildnissen und Statuen, in Kirchen, Museen, in Kreuzgängen oder in Jesus-Filmen gegenübertritt? Oder ähnelt er vielmehr jenem Mann, den Forensiker für die BBC-TV-Dokumentation „Son of God“ rekonstruiert hatten: als orientalischer Typ mit buschigen Augenbrauen, kurzem Haar und Vollbart?
Die Antwort der Experten klingt überraschend. Öhler: „Wir wissen es eigentlich nicht wirklich.“ Keine Bilder, keine Statue aus seiner Zeit ist von ihm überliefert, kein einziger, von ihm selbst geschriebener Buchstabe.

Gerade einmal seine Geburt, sein Aufeinandertreffen mit Johannes dem Täufer, einem ähnlich charismatischen Wanderprediger wie Jesus, sein kurzes öffentliches Auftreten während ein bis drei Jahren und sein Tod am Kreuz gelten als ausreichend historisch belegt. Diese Tatsachen werden teilweise nur von den antiken Historikern Flavius Josephus und Tacitus bezeugt. Insgesamt erweist sich die Bibel als historische Quelle für die Rekonstruktion des Lebens dieses Jesus aus Nazareth als ziemlich unverlässlich.

Einer der Gründe dafür ist, dass keiner der 27 Teile des Neuen Testaments, die über sein Leben und das Wirken seiner Jünger im gesamten Mittelmeerraum berichten, von Autoren verfasst wurde, die Jesus wirklich gekannt haben. Sämtliche Evangelien entstanden erst Jahrzehnte nach seinem Tod. Das älteste Evangelium, jenes des Markus, ist etwa um 70 n. Chr., die Matthäus- und Lukas-Evangelien sind etwa 20, das Johannes-Evangelium etwa 30 Jahre später entstanden.
Im Jahr 1985 traf sich eine Runde der 30 weltweit renommiertesten Bibelwissenschafter im katholischen Seminar St. Meinrad in Indiana, USA, zur kritischen Sichtung ihres Wissens, wie Adolf Holl im Geleitwort zu Günther Schwarz’ Buch „Die Worte des Rabbi Jeschu“ schreibt. (Schwarz ist übrigens einer der wenigen Theologen, der Aramäisch, die Muttersprache Jesu, fließend beherrscht. Er übersetzte Jesus-Worte ins Aramäische zurück.) Um zu einer verlässlichen Antwort auf die Frage zu kommen, welche Sätze der Bergpredigt, einem zentralen Element des Neuen Testaments, Jesus tatsächlich gesagt haben könnte, warfen die in St. Meinrad versammelten Wissenschafter rote, rosafarbene, graue und schwarze Kügelchen in eine Wahlurne.

Originalton Jesu. Rot bedeutete höchstwahrscheinlich Originalton Jesu; rosa vielleicht; grau eher nicht; und schwarz kein Originalton Jesu. „Für bibeltreue Christenmenschen ist das Ergebnis eher niederschmetternd“, sagt Holl. Nur ein kleiner Bruchteil der als Jesu Worte überlieferten Sätze konnte von den Quellenforschern direkt auf den historischen Jesus zurückgeführt werden. Seither hat sich die Runde, insgesamt 200 Bibelforscher, zweimal jährlich getroffen. Das Ergebnis: Selbst ein langsamer Leser hat die paar Sätze und Worte, die auf Jesus zurückgeführt werden können, in einer knappen halben Stunde durch. Nicht einmal das Vaterunser erhielt lauter rote Kugeln.

„Worte von Jesus“, sagt der Neutestamentler Kühschelm, „werden mittlerweilen denn auch wie Diamanten gehandelt.“
Der Versuch, Jesus als historische Figur einfach durch Nacherzählung der Evangelien und des Neuen Testamentes aufzuspüren, hat Anfang des vorigen Jahrhunderts schon den Urwaldarzt und Bibelforscher Albert Schweitzer zur Verzweiflung gebracht. Historische Fakten und theologisch vermittelte Mythen werde man „wohl nie mehr voneinander trennen können“, meinte Schweitzer. Erst in der heutigen Forschung, in Expertenkreisen „Third Quest“ genannt, wird mit neuen wissenschaftlichen Methoden und mithilfe außerbiblischer Quellen versucht, die Frage nach dem Leben Jesu neuerlich aufzurollen.

Besonders hervorgetan hat sich dabei der aus Chicago stammende Altertumsforscher John Crossan. Seit Jahrzehnten versucht er, in immer neuen Anläufen und mit einer Fülle verschiedenster Methoden den historischen Wurzeln Jesu nachzuspüren. Erst dieses Jahr hat er das gemeinsam mit Jonathan Reed, einem Archäologen und Experten für das Neue Testament, verfasste Buch „Jesus ausgegraben“ veröffentlicht.

Galiläischer Jude. Schicht für Schicht tragen Crossan und Reed, jeder auf seinem jeweiligen Spezialgebiet, Text- und Grabungsschichten ab, um zur untersten Schicht der Jesus-Überlieferung vorzustoßen.

Das Bild, das die beiden Forscher von Jesus und seiner Welt entwerfen, unterscheidet sich auch deutlich von dem üblicherweise angebotenen. Jesus ist in ihrer Darstellung ein galiläischer Jude, der in einem kleinen Bauerndorf namens Nazareth lebt und der auf der sozialen Leiter gerade noch auf der vorletzten Stufe steht. So wie 97 Prozent der römischen Landbevölkerung wird er höchstwahrscheinlich weder lese- noch schreibkundig gewesen sein, eine Synagogenschule im heutigen Sinne gibt es im Nazareth zur Zeit Jesu noch nicht. Aus der Thora werden identitätsstiftende Geschichten vorgelesen. Die Welt ist auf Hörensagen aufgebaut.
Dennoch lebte dieser Jesus auch in Nazareth nicht fernab der „modernen“ Welt des römischen und hellenistischen Geisteslebens. Denn keine sechs Kilometer von Nazareth entfernt lag die im hellenistisch-römischen Stil erbaute Stadt Sepphoris.

Zwar können auch die beiden amerikanischen Forscher den langen Zeitraum zwischen Geburt und der ungefähr ein bis drei Jahre dauernden öffentlichen Periode Jesu nicht mit persönlichen Fakten füllen; stattdessen malen sie ein Bild Galiläas des ersten Jahrhunderts, das verständlich machen soll, dass Jesus etwas anderes war als nur ein Weisheitsprediger.

Nazareth, heute eine pulsierende Touristen- und Pilgerstadt, wird von dem Forscherpaar zur Zeit Jesu als ein kleines Bergdorf beschrieben, mit etwa 50 bis maximal 200 Einwohnern. Für die Zeit Jesu lässt sich eine den geografischen Verhältnissen geschickt angepasste Hangsiedlung am Südhang des Nebi Sa’in nachweisen. Etwa 360 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, erstreckte sie sich über drei Terrassen, die jeweils 600 bis 800 Meter breit sind. Aus der Ferne war das Dorf kaum zu sehen, weil es ziemlich versteckt und eingebettet in die Hügellandschaft lag. Dem zeitgenössischen Historiker Flavius Josephus war der Ort keine Silbe wert. Kritische Forscher zogen daher im 19. Jahrhundert die Existenz von Nazareth überhaupt in Zweifel. Doch aufgrund archäologischer Ausgrabungen steht mittlerweile fest, dass an diesem Ort mit der Bezeichnung Nazareth eine durchgängige Siedlungsgeschichte ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen werden kann.

Wein, Brot, Oliven und Olivenöl, manchmal Bohnen- und Linseneintopf, ab und zu einmal ein paar andere Gemüsesorten bildeten die Hauptnahrungsmittel der Dorfbewohner. Zur willkommenen Abwechslung gab es Nüsse, Früchte, Käse oder Joghurt. Gelegentlich gab es gepökelten Fisch aus dem nahe gelegenen See Genezareth, Fleisch kam nur an besonderen Feiertagen auf den Tisch.

Skelettfunde zeigen, das wohl aufgrund des kargen Bodens Eisen- und Proteinmangel weit verbreitet waren. Viele Menschen litten an Arthritis. Wer die Kindheit überlebte, wurde in der Regel nicht älter als 30 bis 40 Jahre. Nur wenige Bewohner erreichten ein Alter von mehr als 50 oder 60 Jahren.

Jesus wuchs in diesem Nazareth in einer Großfamilie auf. Denn schon im ältesten, dem Markus-Evangelium (Kapitel sechs, Vers vier) heißt es: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“

Arbeitsplatz Jesu. Ob seine „Brüder und Schwestern“ leibliche Geschwister waren oder Kusinen und Vettern, oder gar Halbgeschwister aus der ersten Ehe Josefs, ist unter den Forschern heute noch nicht restlos geklärt. Für Crossan und Reed ist Jesus der Älteste der Geschwister. Obwohl in der Bibel nie erwähnt, könnte die Stadt Sepphoris für ihn, ebenso wie für seine vier Brüder, den Arbeitsplatz geboten haben. Jesus soll „tekton“ gewesen sein – also so etwas wie Maurer und Zimmermann in einem.

Ins Rampenlicht der Bibelwissenschafter rückte Sepphoris erst durch archäologische Ausgrabungen, die seit 1983 intensiv betrieben werden. Die Stadt war eingebunden in das römische Straßennetz, das sie mit den Hafenstädten an der Mittelmeerküste, Cäsarea-Maritima und Ptolemais, verband. Gepflasterte Straßen und eine geometrische Struktur prägten das Stadtbild. Sepphoris beherbergte öffentliche Gebäude und Villen im griechisch-römischen Stil. Der erstaunlichste Fund aber ist ein Theater mit 4000 Sitzplätzen. Die Einwohnerzahl von Sepphoris zur Zeit Jesu wird auf 8000 bis 12.000 Personen geschätzt. In dieser Provinzhauptstadt könnte Jesus auch mit hellenistisch-römischen Ideen konfrontiert worden sein, meinen Crossan und Reed. Jedenfalls dürfte er ein Gespür dafür entwickelt haben, wie es seinen Landsleuten auch seelisch und körperlich erging. Im Alter von etwa 30 Jahren zieht Jesus los, ohne Stock, ohne Geld und ohne Nahrungsbeutel. Er tourt vor allem durch Dörfer und Kleinstädte am See Genezareth. Die Atmosphäre, in der er seine Predigten hielt, muss einer offenen Tischgesellschaft vergleichbar gewesen sein, in der soziale Abstufungen völlig beseitigt waren. Das musste für die Menschen, die zu ihm kamen, jedenfalls als große Befreiung gewirkt haben. Denn laut Crossan zeichnete sich die römisch-hellenistisch-jüdische Gesellschaft in Palästina vor allem durch starre Abhängigkeitsverhältnisse und eine strikte Hierarchie aus.
Es gab ein ausgeprägtes Patronatswesen, wo jeder, der es konnte, ein Patron werden wollte.

Abstammung und Geschlecht. Ganz unten rangierten die Sklaven und Handwerker, die ihrerseits wiederum von den Freigeborenen, Grundbesitzern und Priestern abhängig waren. Wo man in der Gesellschaft hingehörte, hing von Abstammung und Geschlecht ab. Genau diese sozialen Barrieren hob Jesus auf, indem er die offene Tischgesellschaft propagierte – oder Menschen auch berührte, die wegen Verstoßes gegen jüdische Reinheitsgebote als „unrein“ galten. Die Heilung von Aussätzigen oder von „Besessenen“, im Neuen Testament als Wunder beschrieben, ist vermutlich unter diesem Aspekt zu betrachten.

„Ich nehme an, dass Jesus, der weder diese noch sonst eine Krankheit heilen konnte, das Leiden heilte, indem er sich weigerte, die rituelle Unreinheit und soziale Ächtung der Krankheit hinzunehmen“, schreibt Crossan. Ähnliche psychosoziale Wirkmechanismen sehen Ethnomediziner auch bei Geisteraustreibungen, die Jesus in der Bibel zugeschrieben werden. In der antiken Welt glaubte die überwältigende Mehrheit der Menschen an Geister. Dieser Glauben könnte durch römische Unterdrückung leicht in „paranoide Schizophrenien“ oder „Besessenheiten“ umgeschlagen haben. Wer sich so wie Jesus in die Situation der von Geistern Geplagten hineinversetzen könne, könnte die Geister auch wieder vertreiben, meint Crossan.

Ob der amerikanische Wissenschafter, der Jesus solcherart zu einem subversiven Sozialrevolutionär macht, den realen Jesus in seiner Zeit beschreibt, weiß keiner. Manche seiner Wissenschafterkollegen meinen, „er übertreibt“ (Kühschelm), manche sagen, er sei „zu kalifornisch“ und „zu angepasst“ (Öhler), und Adolf Holl konstatiert: „Das ähnelt wohl auch meinem Jesus-Bild.“

1971 erschien Holls Buch: „Jesus in schlechter Gesellschaft“. Zwei Jahre danach wurde ihm von einer kirchlichen Kommission unter Franz Kardinal König die Lehrbefugnis entzogen, weitere zwei Jahre später verlor er sein Priesteramt. Der Grund: „Ich hatte aus Jesus einen historischen Anarchisten gemacht, wie Nietzsche in seiner Streitschrift: Der Antichrist.“ Das wurde Holl aber erst später klar, lange nachdem sein in neun Sprachen übersetztes Buch zum Bestseller geworden war.

Für den Göttinger Kirchenrebellen Gerd Lüdemann hat sich mit dem Erforschen des Bibelwortes der Glauben an die Auferstehung Christi erübrigt. Während für seine Kollegen Jesus durch die Verkündigung auferstanden ist, betrachtet er dies als Illusion. „Jesus ist im Grab verwest. Da hat sich für mich der Glauben aufgehört.“