Starke Schau: Streifzug durch die 55. Biennale in Venedig

Biennale 2013 - Starke Schau: Streifzug durch die 55. Biennale in Venedig

Mutig wie schon lange nicht: Die soeben eröffnete 55. Biennale Venedig setzt Zeichen – auch wenn sie bisweilen arg esoterisch daherkommt. Ein Streifzug in sieben Etappen.

Von Nina Schedlmayer, Venedig

Zehntausende Quadratmeter Ausstellungsfläche, rund 5200 akkreditierte Journalisten – und 90-minütiges Schlangestehen vor einzelnen Pavillons: Die Biennale Venedig bleibt auch 2013 das wichtigste Weltkunstevent – und sie wird immer größer. Zusätzlich zu der flächenmäßig stetig wachsenden Hauptausstellung (diesmal unter dem Titel „The Encyclopedic Palace“, Kurator: Massimiliano Gioni) kommen von Mal zu Mal neue Nationalpavillons dazu. Derzeit hält man bei 88 Länderbeteiligungen. Über die klassischen Spielorte, die Giardini und das weitläufige Arsenale, dehnt sich das Festival längst in die Lagunenstadt aus, wo einzelne Nationen ihre Beiträge präsentieren und unzählige weitere Kunstveranstaltungen um Publikum werben. profil unternimmt einen Streifzug in sieben Etappen – quer durch den venezianischen Kunst-Overkill.

1. Die Welt als Sammlung und Vorstellung
Massimiliano Gioni, italienischer Starkurator mit Wohnsitz in New York, wählte Marino Auriti (1891–1980), ebenfalls Italo-Amerikaner, als Schirmherrn für seine aktuelle Monsterschau: Der Hobbykünstler Auriti erdachte nämlich einst eine Art Tempel des Weltwissens, einen gigantischen Turm, der ungeahnte Ansammlungen von Dingen aller Art beherbergen sollte. Ein Modell dieses megalomanen Ansinnens empfängt das Publikum nun im Arsenale. Der 40-jährige Gioni, der in der 118-jährigen Geschichte der Biennale Venedig der jüngste aller Hauptkuratoren ist, offenbart die Sammlungsleidenschaften der Künstler. Nie sah man hier so viele Kollektionen: Der Japaner Shinro Ohtake beklebte manisch einzelne Seiten von Büchern, die so zu riesigen Gebilden anschwollen, mit Gegenständen aus seinem Alltag. Pornobilder, Unterwäsche, Stofffetzen, Madonnenikonen, Schuhbänder, Zigarettenpackungen, Scherenschnitte, Plastikkrokodile – nichts scheint zu banal, um Eingang in diesen eigenwilligen Trash-Kosmos zu finden.

Es geht freilich auch überlegter: Kollektionen von Luftaufnahmen aus der Frühzeit der Fotografie (Eduard Spelterini) oder von Vögeln (Eliot Porter) finden sich ebenso wie filmische Montagen von Bildern, die von der NASA zwecks etwaiger Kontaktaufnahme mit Außerirdischen ins All geschickt wurden (Steve McQueen) oder Filmaufnahmen aller Art (Stan VanDerBeek). Nicht weniger obsessiv erscheint die Modellhäuschen-Kollektion des Versicherungsvertreters Peter Fritz, die von Oliver Croy und Oliver Elser entdeckt und neu aufbereitet wurde – übrigens eine Leihgabe des Wien Museums. Das Serielle zieht sich als roter Faden durch diese Biennale: In ihrer legendären Tonfiguren-Sammlung mit dem ironischen Titel „Plötzlich diese Übersicht“ (1981–2012) nahm das Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss Kunstwelt und Philosophiegeschichte aufs Korn; ihr Landsmann Dieter Roth filmte seinen Alltag in Atelier und Wohnung – und präsentiert dieses Tagebuch posthum auf zahllosen Monitoren. In den Nationalpavillons setzt sich das Ansammeln fort: Jeremy Deller bat für seine monumentale, nahezu agitatorische Polit-Installation im britischen Pavillon Gefängnisinsassen um Zeichnungen; die Slowakin Petra Feriancová legte ihre Kollektionen (afrikanische Masken, Muscheln) aus; und im recht musealen Brasilien-Beitrag bedeckte Hélio Fervenza eine ganze Wand mit Fotos von Fischködern.

2. Privatmythologien, Weltfluchten, Esoterik
Wie im Fall des Künstlers Shinro Ohtake geraten Objekt-Ansammlungen häufig zu Privatmythologien, denen Außenstehende nur schwer folgen können, denn die Welt ist mit enzyklopädischen Anstrengungen eben nicht zu fassen, eher nur hinter sich zu lassen. Tatsächlich entziehen sich viele Künstler dieser Biennale dem Realen. Kurator Gioni beruft sich auf ein Buch des Kunsthistorikers Hans Belting, der über die Innenschau reflektiert – und tatsächlich gewinnt man den Eindruck, dass davon hier besonders viel betrieben wird, etwa auch im österreichischen Pavillon.

In noch größerem Maße greift die Introspektion im kuratierten Teil des Großunternehmens Platz – nicht nur bei den leider recht banal ausgewählten Werken von Maria Lassnig, die heuer den Goldenen Löwen der Biennale erhielt , sondern auch in den intimen Modellen der jungen Rumänin Andra Ursuta; sie baut die tristen Behausungen nach, die sie in ihrer Kindheit bewohnte. Schon in den ersten Räumen des Zentralpavillons stellen das „Rote Buch“ des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung (phantasmagorische Zeichnungen von bunten Drachen, Ornamenten, Schlangen) sowie die schwarzen Tafeln des Anthroposophen Rudolf Steiner, die dieser für seine Lehre verwendete, das Publikum vor erste Rätsel. Ähnlich verhält es sich mit den Arbeiten der zum späten Hype aufgebauten schwedischen Künstlerin Hilma af Klint, die mit ihren um 1910 entstandenen abstrakten Gemälden schon als weiblicher Kandinsky gehandelt wurde. Ihre Malereien von Globus-Gebilden wirken, bei allen formalen Qualitäten, vor allem esoterisch.

3. Autodidakten und Außenseiter
Die in Gionis Schau spürbare Pendelbewegung zwischen Welterfassung und Weltflucht ist auch auf den enormen Anteil an künstlerischen Autodidakten und Outsidern zurückzuführen; allerorten tauchen Werke gelernter Weberinnen oder einstiger Minenarbeiter auf, ebenso wie Arbeiten von Leuten, die den Großteil ihres Lebens in Psychiatrien verbrachten. „Sie helfen uns, besser zu verstehen, wie die Wahrnehmung von Bildern funktioniert“, begründete der gebürtige Mailänder Gioni seine Entscheidung, diese derart prominent zu platzieren. Damit setzte er ein klares Statement. Denn im Gegensatz zu vielen anderen versandet seine Biennale-Ausstellung nicht im Beliebigen, verfolgt mutig und ohne Rücksicht auf Verluste eine Linie – nicht nur, was ihr Überthema, das Enzyklopädische betrifft, sondern eben auch mit der Präsenz von Künstlern, die nicht als solche ausgebildet wurden. Freilich bleibt die Frage, ob etwa die feinen kristallinen Zeichnungen der Emma Kunz – Ergebnisse ominöser Pendel-Sitzungen – ohne Weiteres in den Kunstkontext versetzt werden können. Oder die kitschigen Tarotkarten, die der Okkultist Aleister Crowley gemeinsam mit der Malerin Frieda Harris entwarf. Ebenso verhält es sich mit den „tantrischen Zeichnungen“ anonymer Personen (auf denen nicht viel mehr als Ovale in unterschiedlichen Farben und Größen zu sehen sind) oder den ornamentalen Bildern der Shaker, einer Sekte des 19. Jahrhunderts. Auch die überaus lebhaften Zeichnungen aus der Sammlung des Wiener Fotografen und Ethnologen Hugo A. Bernatzik, die dieser von Personen südostasiatischer und melanesischer Stämme anfertigen ließ, waren ursprünglich nicht als Kunst gedacht. Bekanntere Outsider-Künstler, etwa Friedrich Schröder-Sonnenstern, Yüksel Arslan oder Augustin Lesage, verstärken den gewagten Fokus dieser Biennale; ebenso wie einige teils anonyme Werke, die in dem von der US-Künstlerin Cindy Sherman kuratierten Teil der Ausstellung (Thema: Puppen) Platz finden. Noch nie wurden so konsequent wie spielerisch die Elaborate nicht trainierter Künstler neben solche von Profis gesetzt. Die ästhetischen Qualitäten vieler dieser Manifestationen sind nicht zu leugnen.

4. Lehm, Holz, Erde: das Archaische

Reduzierte Figuren, amorphe Gebilde, erdfarbene Brocken, jede Menge Naturmaterialien: Das Archaische zieht sich als heimliches Nebenthema durch die heurige Biennale. Dies beginnt mit den mechanistisch-futuristischen Stelenfiguren des 2012 verstorbenen Österreichers Walter Pichler, die in der zweiten Halle des Zentralpavillons prominent postiert sind, setzt sich fort in den zerfließenden Köpfen von Marisa Merz (auch ihr wurde ein Goldener Löwe für ihr Lebenswerk zugesprochen), den unheimlichen Gebilden der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow und in der Installation des Shooting-Stars Danh Vo, der die hölzernen Reste einer katholischen vietnamesischen Kirche ins Arsenale transportierte. Auch die – in Bronze gegossenen, jedoch wie aus Lehm wirkenden – Tierfiguren von Mark Manders im niederländischen Pavillon und die zerborstenen Möbel im Beitrag Urugays (Wifredo Díaz Valdéz) schließen an die Ästhetik der Arte Povera an.

5. Klimawandel: jetzt auch in der Kunst
Das Naturhafte hat in Venedig 2013, vor allem in den Nationalbeiträgen, ein gutes Standing: Im lettischen Beitrag schwingt ein Baum dramatisch vor und zurück (Krišs Salmanis); im kosovarischen schickt einen Petrit Halilaj durch einen intensiv riechenden, schwebenden Korridor aus Erdreich und Wurzeln; und vor dem finnischen Pavillon hat Antti Laitinen gefällte Bäume aus heimischen Wäldern rekonstruiert. Der belgische Bau wurde von Berlinde de Bruyckere ganz in Schwarz getaucht, und im zentralen Raum liegt ein aus Wachs gegossener Baumstamm, wie ein Gefallener. Anderswo nähert man sich dem Thema auf kritisch-analytische Weise: Der Pavillon der Malediven – erstmals auf der Biennale vertreten – versammelt eine Vielzahl von Künstlern, die sich mit den Wechselwirkungen von Klima, Politik und Gesellschaft auseinandersetzen; und im amerikanischen Haus versetzt Sarah Sze Modell- und Laborwelten in eine prekäre Balance. Der Klimawandel ist offensichtlich, mit ein wenig Verspätung, in der Kunst angekommen.

6. Jetzt aber wirklich: Die Kunst ist international!
Längst gehört das lustvolle Aufbrechen des Nationalitätenprinzips hier zur beliebten Übung: So bespielte 2011 die Israelin Yael Bartana den Polen-Pavillon, einige Jahre zuvor der Österreicher Andreas Fogarasi den ungarischen. Diesmal mischt sich das internationale Kunstvolk in den Länderbeiträgen noch heiterer. Deutschland und Frankreich tauschten ihre Pavillons: Im deutschen Gebäude präsentiert der in Albanien geborene und in Frankreich ansässige Anri Sala seine vierteilige Filmarbeit über ein Klavierstück; und im französischen Pavillon treffen vier Künstler unterschiedlicher Herkunft zu einem – nicht wirklich gelungenen – deutschen Auftritt aufeinander: der Regisseur Romuald Karmakar (der lieber keine Installationen machen sollte), der chinesische Dissident Ai Weiwei (der in der Kirche Sant’Antonin eine weitaus dringlichere Installation zeigt), der südafrikanische Fotograf Santu Mofokeng und dessen indische Kollegin Dayanita Singh. Auch weniger prominent besetzte Länderbeiträge überschreiten mühelos die Nationalgrenzen – teils schlicht aus Mangel an Künstlern: Der Vatikan ließ Kunstschaffende diverser Herkunftsländer die Genesis illustrieren – dass ein derartiges Ansinnen scheitern würde, stand zu befürchten. Die Malediven versammelten ein fünfköpfiges Kuratorenteam, darunter die Österreicherin Maren Richter, das wiederum 14 Künstler, darunter einige heimische (Christoph Draeger, Heidrun Holzfeind, Oliver Ressler, Klaus Schafler), auswählte.

7. Into the City!
Nicht immer finden sich die spannendsten Pavillons auf dem Biennale-Gelände. Einst als Notlösung gedacht, offenbarte sich im Lauf der Jahre die hohe Qualität der außerhalb davon untergebrachten Länderbeiträge. Allerdings stiehlt bisweilen die Location der Kunst die Show. Der Mexikaner Ariel Guzik präsentiert eine vibrierende Saitenmaschine in der teils verfallenen Kirche San Lorenzo, in deren enormer Kulisse die Feinheiten der Arbeit zwangsläufig untergehen. Ähnlich steht es um die Beiträge von Zypern und Litauen, die in einer Sporthalle präsentiert werden: In deren brutalistischer Betonarchitektur kann die Kunst nur fallweise Akzente setzen. Auch weniger aufregende Orte – etwa das Amtsgebäude, in dem der Beitrag Simbabwes untergebracht ist, sind einen Abstecher wert. An Orten wie diesen findet sich, trotz des publikumsstarken Biennale-Auflaufs, nämlich jenes Venedig, das von Massentourismus und Disneyfizierung verschont geblieben ist.

Biennale-Info: labiennale.org