Bildrevolution: Ein Kessel Buntes

Vor hundert Jahren präsentierten die Brüder Lumière die erste Farbfotografie. Die Werke der frühen Epoche galten lange als wertlos. Erst jetzt erkennt man ihre epochale historische Bedeutung.

Die Spannung im Schneideraum war selbst für abgebrühte Journalisten beträchtlich. Spiegel-TV-Autor Michael Kloft hielt die ersten Rollen Farbfilm aus dem Zweiten Weltkrieg in Händen. Bislang waren die Schlachten und Kämpfe dieser Jahre nur als grobkörnige Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Wochenschau-Bildberichter in Erinnerung. Nun aber hatten sich die Archive der Alliierten geöffnet, und endlos quoll perfekt belichtetes Farbmaterial hervor – vergessene Meter der Cinematografie.

Klofts Dokumentationen zeigen das Leben und Sterben an der Front, wie auch den Alltag der vom Krieg drangsalierten Zivilisten. Sie zeigen dies in beeindruckend authentischen Bildern. Doch der eigentliche Grund für das besondere Empfinden der Zuschauer ruht auf drei Farben: Rot, Blau, Grün – die Basis des Farbspektrums.

Die ausgewählten Kameramänner, die während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag von Army und Agenturen auf Farbfilm belichten durften, wussten nicht, dass sie Film wie Farbe dem französischen Brüderpaar Auguste (1862–1954) und Louis (1864–1948) Lumière verdankten, denen beide Patente gehörten: das des Films als bewegtes Bild und das seiner Farbgebung als Einkehr der Realität in die Konservierung der Geschehnisse.

An einem stürmischen Wintertag, dem 17. Dezember 1903, reichten die Lumières in ihrer Heimatstadt Lyon ihre Schrift zur Farbfotografie als „gesichertes Verwertungsrecht der Erfinder“ ein: „Die durchsichtige Platte, Autochrome genannt, zeigt ein farbiges Bild in seinen natürlichen Farben“, stand da am Ende des Aufsatzes zutreffend zu lesen. Mithilfe verschiedenfärbig eingefärbter Kartoffelstärke (siehe Kasten auf Seite 95) gelang es den berühmten und von der französischen Nation umfangreich geehrten Unternehmern, die Welt nach der Entdeckung des bewegten Bildes (1895) ein zweites Mal zu verblüffen und der Fotografie mit einer innovativen, heute gänzlich absurd anmutenden Farbtechnik zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. „Nur die Farbe“, so Louis Lumière in seinen späten Jahren, „hat der Fotokunst jenes Ansehen gebracht, das sie verdient.“ Die Zeitungen, von der Veröffentlichung der Brüder Lumière euphorisch gemacht, drängten auf einen „alsbaldigen Beweis des Wunders“.

Doch die Lumières ließen sich Zeit, sie standen unter keinem finanziellen Druck: Vor ziemlich genau 100 Jahren, am 30. Mai 1904, wurde die Erfindung der Pariser Academie des Sciences vorgeführt, offiziell die erste Veröffentlichung dieser Innovation. Daher feiern die Nachfahren des ungewöhnlich erfindungsreichen Brüderpaars – Auguste beispielsweise entwickelte das Brandwundenpflaster – erst heuer den hundertsten Geburtstag der Farbfotografie. Eine Ausstellung im Lyoner Musée Louis Lumière soll ab Oktober einen Einblick in das Œuvre der Brüder geben. Die zahlreichen Autochrome müssen wie Dias vor eine Lichtquelle gehangen werden, und der Besucher tut gut daran, eine Lupe zur Betrachtung der Details mitzuführen – fotografische Abzüge der Werke sind verpönt.

Präsentation. Die geringe Größe und die starke Anfälligkeit der Miniaturen ließen die Lyoner Kuratoren nach einer neuen Präsentationstechnik suchen. Die Erben Lumières wollen die Qualität und den Charakter der Autochrome nun mithilfe der Wiener Firma Photoglas zur Geltung bringen. Photoglas, geleitet von dem österreichisch-französischen Künstlerpaar Bele Marx und Gilles Mussard, entwickelte ein Verfahren, das es erlaubt, fotografische Vorlagen zu vergrößern und wetterfest in Glas zu konservieren. Die so verarbeiteten Durchsichtbilder – perfekte Kopien der Originale – werden ab Oktober im Garten des Museums Lumière nach dem Sonnenstand ausgerichtet zu hängen kommen. Gemeinsam mit dem Fotokonzern Ilford, der ein Rechtsnachfolger der Firma Lumière ist, wurde diese Entwicklung vergangenes Jahr abgeschlossen und nachfolgend von Photoglas patentiert – dies nach genau hundert Jahren.

Lange Zeit bestand kein Interesse, die alten Autochrome zu begutachten oder gar zu veröffentlichen – weder jene der Brüder Lumière noch jene ihrer zahlreichen Nachfolger. Autochrome waren sehr kostspielig und deswegen ungeeignet für eine dauerhafte kommerzielle Produktion. Aufgrund ihrer oft inszenierten Themenwelten galten sie überdies nicht als dokumentarisch maßgebend. Die Inszenierung war ein Resultat der langen Belichtungszeit der frühen Farbfotografie: Bei Schwarz-Weiß-Aufnahmen kam man damals bereits mit geringeren Verschlusszeiten zurecht. Gänzlich geriet die autochrome Fotografie aus dem Blickfeld, als der Deutsche Oskar Barnack nach dem Ersten Weltkrieg seine handliche Leica in Serie produzieren ließ. Von da an standen die Fotoreportage und der Fotorealismus in Blüte. Inszenierte, sich der Malerei verwandt zeigende Fotografie hatte ihre Bedeutung verloren. Auch ließen neue Techniken das farbige Belichten auf unhandlichen Kartoffelstärkeplatten bald schon veraltet erscheinen, die Zeit der schnellen chromogenen Prozesse stand unmittelbar bevor – und mit ihr das Ende der Autochrome. Lange Jahre verstaubten die großformatigen Diapositive in der Mottenkiste.

Sammler-Visier. Erst mit der Entdeckung des alten Farbmaterials der Kriegsfilmer erwachte auch das Interesse der Fotohistoriker an anderen alten Farbaufnahmen. Der Hunger nach authentischen Bildern ließ die Archivare bis in die Keller namhafter Fotoamateure vordringen. Nach den alten Schmalfilmen und frühen Farbfotos gerieten zuletzt die Autochrome ins Visier der Sammler. Der Berliner Galerist Reinhard Schulz etwa stöberte Autochrome aus dem Ersten Weltkrieg auf – freilich auch jene fast durchwegs inszenierte und geschönte Aufnahmen. Dennoch geben sie dem ersten großen Vernichtungskrieg der Menschheit eine neue Dimension.

Die ersten Autochrome der Brüder Lumière – nach dem Rückzug von Auguste in die medizinische Forschung handelt es sich hierbei vor allem um Bilder von Louis – haben nur geringen dokumentarischen Wert. In ihnen wird das bürgerliche Umfeld der wohlhabenden Erfinder eingefangen, einmal eine entfernte Bekannte porträtiert, ein anderes Mal ein Stillleben mit Weinbauern inszeniert. Das hat diese Aufnahmen lange Zeit diskreditiert. Erst nach Eintritt der Serienreife dieser Technik, vier Jahre nach dem Einreichen der Patentschrift, im Jahre 1907, konnten auch andere Fotografen die Farbe für ihre Arbeiten einsetzen. Rapide kreierte das Autochrome einen Markt, ein neuer Realismus bereicherte die Fotografie.

Schnell vergessen war nun die komplizierte Handkolorierung, die bislang dem Bild die Farbe gab, ebenso die Technik, aus drei verschiedenfarbigen Negativen eine einfache Farbkomposition zu erstellen. Das komplizierte Autochrome – auf einfacher Kartoffelstärke basierend – löste alle Versuchsstadien der vorangegangenen Jahrzehnte ab.

Breite Massse. Da das Autochrome ein Durchsichtspositiv ist, kann man es entweder gegen eine Lichtquelle betrachten oder auf eine Leinwand projizieren. Die Konstruktion neuer Projektoren gab den Autochrome-Fotografen die Möglichkeit, ihre Werke einer breiten Masse vorzuführen. Die Autochrome-Vorführung – Vorläufer der interfamiliären Dia-Abende – kam in Mode, Fotografen schwärmten aus, die nahe und ferne Welt in Farbe zu dokumentieren. Wegweisender Pionier unter den Autochrome-Anwendern war der Österreicher und ursprüngliche Arzt Heinrich Kühn, der von den damaligen Fotografie-Stars Edward Steichen und Alfred Stieglitz 1907 zum Experimentieren mit der Platte angeregt worden war. Kühns Autochrome-Aufnahmen, allesamt zwischen den Jahren 1907 und 1913 entstanden, gelten, auch international, als künstlerische Großtaten in der Farbfotografie. Von Kühns 260 Autochromen besitzt die Österreichische Nationalbibliothek heute 213 Stück.

Der französische Bankier Albert Kahn erkannte als erster die breitenwirksame Faszination der großformatigen Dias, er sandte seine Autochromisten um den Erdball und trug mit insgesamt 72.000 Motiven so die größte Sammlung geografisch-anthropologischer Fotografie zusammen. Die Fotos dienten französischen Universitäten über Jahre als Lehrmaterial. Sie wurden – teils unter donnernden Applaus – in einem Saal der Sorbonne an die Wand projiziert. Erst der Erste Weltkrieg holte die berühmt gewordenen Autochromisten wieder in ihre Heimat zurück. Nach dem Ende des Schlachtens konnten sich die Europäer für die farbigen Projektionen nicht mehr begeistern – die Welt war eine andere geworden.

Dem Autochrome trauerte keiner hinterher. Als die Firma Lumière die Produktion der Filmplatten einstellte, war die Nachfolgetechnik der Firma Agfa in Leverkusen schon in Serie gegangen.

Mit der Erfindung des subtraktiven chromogenen Farbprozesses, eigentlich eine Entwicklung der deutschen Agfa, schlug die Stunde des Kodak-Konzerns, der den französischen und deutschen Konkurrenten den Markt entzog. Die Brüder Lumière jedoch blieben als Erfinder des bewegten Bildes bekannt, als Paten des Films.

Louis Lumière selbst sah das Autochrome als seine beste Erfindung an. Die Welt wollte ihm hierbei nicht folgen und vergaß, wer der Fotografie die Farbe gab.