Bildung: Die Klassen-Kämpfer

PISA-Schock und Sündenbock: Die Koalitionsparteien klagen über die Reformresistenz der Lehrergewerkschaft, doch Elisabeth Gehrers erste Therapie-Vorschläge für das marode Schulsystem stoßen selbst in der eigenen Partei auf Skepsis.

Dass ein gemeinsamer Gegner aus ideologischen Kontrahenten Freunde und Leidensgenossen machen kann, erlebte Hilde Hawlicek vor 15 Jahren. Bei einem Festakt im blauen Salon des Unterrichtsministeriums lernte die damalige Ministerin Heinrich Drimmel kennen. Der 1991 verstorbene ÖVP-Politiker hatte im Jahr 1954 das Unterrichtsressort übernommen. „Wie die allerbesten Freunde“, sagt Hawlicek heute, hatten die beiden nach wenigen Minuten ein gemeinsames Thema: die Lehrergewerkschaft im Allgemeinen und die Schwierigkeiten von Ministern im Umgang mit den streitlustigen Standesvertretern im Besonderen.

Nach dem PISA-Schock eignen sich die Lehrervertreter auch im Jahr 2005 noch vortrefflich als Sündenböcke für das Bildungsdebakel. Die freiheitliche Bildungssprecherin Mares Rossmann ortet mangelnden Reformwillen. Rossmann: „Die Lehrergewerkschaften lassen es an der nötigen Flexibilität fehlen.“ Und auch in den schwarzen Reihen regt sich Unmut über die Interessenvertretung der Pädagogen, die trotz Verlusten der Christgewerkschafter bei den jüngsten Personalvertretungswahlen noch immer schwarz dominiert ist.

Lehrer-Schelte. Die amtierende Bildungsministerin zog sich vergangene Woche den Unmut der Standesvertreter zu. In einem Interview im „Kurier“ hatte Elisabeth Gehrer ein erstes Maßnahmenbündel als Akuthilfe für das Schulsystem zur Diskussion gestellt: Einführung der Fünftagewoche für alle Pflichtschüler, generelle ganztägige Betreuung, Lehrerweiterbildung nur noch in der unterrichtsfreien Zeit.

Während Vertreter der Elternvereinigungen den Vorstoß Gehrers lobten, reagierten die Gewerkschafter verschnupft. Die Vertreterin der AHS-Lehrer, die Christgewerkschafterin Eva Scholik, erklärte, die Weiterbildung für 120.000 Lehrer in den Sommerferien sei „nicht durchführbar“. Und die Pläne der Ministerin, die Fünftagewoche und Ganztagsbetreuung generell einzuführen, würden die Autonomie der Schulen beschneiden.

Der Chef der Gewerkschaft der Pflichtschullehrer, Walter Riegler, gab sich empört: „Die Frau Minister stellt die Lehrer hin, als würden sie es sich richten. Sie weiß wohl nicht, was in der Praxis abläuft.“ Schon jetzt, so VP-Gewerkschafter Riegler gegenüber profil, würde der Großteil der Vorlesungen an Lehrerbildungsstätten am Nachmittag abgehalten.

Die Standesvertreter weisen den Vorwurf zurück, Schulreformen würden regelmäßig an der Lehrergewerkschaft scheitern. Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft an berufsbildenden Schulen, Helmut Skala: „Wir waren und sind immer gesprächsbereit, solange es um wirkliche Reformen geht. Wenn die Politik allerdings bloß auf Einsparungen setzt und das Lohnniveau drücken will, wehren wir uns.“

Und das mit Erfolg. So gelang es der Gewerkschaft stets, die Verkürzung der Schulstunde von 50 auf 45 Minuten zu verhindern. Schon Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek, Unterrichtsminister von 1994 bis 1995, musste sich geschlagen geben. Sein Konkurrent: Fritz Neugebauer, damals Lehrervertreter, heute Obmann des ÖAAB und Vorsitzender der Gewerkschaft öffentlicher Dienst (GÖD), zu der alle Sektionen der Lehrergewerkschaft gehören. Christgewerkschafter und Vertreter des niederösterreichischen ÖAAB verteilten damals sogar Flugblätter gegen den eigenen Minister. „Die Haltung der Gewerkschafter war damals: Entweder macht der Minister, was wir wollen, oder er kommt weg“, sagt Busek rückblickend.

Dass Lehrergewerkschafter streitbare Zeitgenossen sind, musste auch der Tiroler SPÖ-Chef Hannes Gschwentner zur Kenntnis nehmen. Vor zwei Wochen erhielt der Landeshauptmannstellvertreter ein Schreiben der Tiroler Landessektion der AHS-Lehrergewerkschaft, in dem eindringlich vor den Folgen der von der SPÖ forcierten Gesamtschule gewarnt wird. Nach einer durchaus sachlichen Analyse der Stärken und Schwächen des heimischen Schulsystems schließt der Gewerkschaftsvorsitzende Wolfgang Muth zwar ohne Gruß, dafür aber mit einer kleinen Sidestep-Warnung: „Wir schreiben Ihnen dies aus unserer Mitverantwortung für die allgemein bildenden höheren Schulen und ihre Schülerinnen und Schüler. Dass die Umstellung auf ein Gesamtschulsystem schwer wiegende standespolitische und gewerkschaftliche Konflikte im engeren Sinn zur Folge hätte, sei nur am Rande erwähnt.“

Konfliktscheue können die heimischen Lehrer ihrer Standesvertretung jedenfalls nicht vorwerfen. Kaum eine Berufsgruppe zeigte sich in den vergangenen Jahren derart streiklustig wie die Lehrer. Mal gingen sie auf die Straße, mal ließen sie bei Dienststellenversammlungen oder Aktionstagen in den Schulen für einige Stunden den Unterricht ausfallen. Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Riegler verteidigt die Maßnahmen: „In den meisten Fällen marschieren die Lehrer nicht für ihre eigenen Interessen, sondern für die Interessen der Schüler. Wenn Lehrerposten reduziert werden, leidet darunter in erster Linie die Ausbildung der Schüler.“

Kurt Nekula, Vorsitzender des Dachverbands der Pflichtschul-Elternvereine, sieht das ein bisschen anders: „Ich würde mir wünschen, dass die Lehrergewerkschaft in der Frage der Schulqualität eine ähnlich konstruktive Haltung an den Tag legt wie dann, wenn es ums Geld geht.“

Interne Scharmützel. Der Bildungssprecher der SPÖ, Erwin Niederwieser, meint, die Gewerkschaft sollte sich mehr auf die Standesvertretung konzentrieren und weniger Schulpolitik machen. Niederwieser: „Die Unterscheidung zwischen Schulpolitik und Interessenvertretung verschwimmt sehr stark. Die Gewerkschaft sollte sich auf ihre ureigenste Aufgabe konzentrieren. Denn für die Reformen im Schulsystem ist in erster Linie die Politik verantwortlich.“ Nach Niederwiesers Ansicht liegt die Ursache für die mangelnde Kooperation zwischen Politik und Standesvertretung in der Zersplitterung der Lehrergewerkschaften. Unter dem Dach der GÖD liefern sich die Gewerkschaftssektionen der Plichtschullehrer, der Berufsschullehrer sowie der Lehrer an AHS und BHS mitunter kleinere Gefechte.

Zuletzt nach der Veröffentlichung der PISA-Studie: Die AHS-Vertreter hatten rasch eine Erklärung für das dürftige Abschneiden der österreichischen Schüler parat. Schuld, so AHS-Vertreterin Eva Scholik, seien die Pflichtschulen, wo die Basisausbildung im Rechnen und Schreiben nicht funktioniere. Pflichtschulengewerkschafter Riegler ist mittlerweile wieder versöhnt: „Ich habe mich mit der Kollegin ausgesprochen. Ihre Aussagen beruhen auf einer missverständlichen Wiedergabe.“

Das Schrebergartendenken innerhalb der Gewerkschaft hat freilich handfeste finanzielle Gründe: Lehrer an AHS verfügen über eine Universitätsausbildung und sind entsprechend besser bezahlt als Pflichtschullehrer. Und so wird die Einführung der Gesamtschule nicht zuletzt von der AHS-Gewerkschaft aufs heftigste bekämpft. Denn eine gemeinsame Schule der Sechs- bis 15-Jährigen würde sie nicht nur in der AHS-Unterstufe auf ein Niveau mit den Pflichtschullehrern stellen. Das Modell würde generell im unteren Bildungssegment mehr, im oberen weniger Personal erforderlich machen, weil nämlich auch die neunte Schulstufe – wie in anderen europäischen Ländern – in der Gesamtschule integriert wäre. Eine erkleckliche Zahl der AHS- und BHS-Lehrer müsste dann auf Pflichtschulniveau absteigen. „Das ist die Erklärung, warum das SPÖ-Konzept nur eine Gesamtschule bis zum 14. Lebensjahr vorsieht. Andernfalls hätte Alfred Gusenbauer seine Gewerkschafter im Nacken gehabt“, erzählt eine Insiderin von den Nöten des SPÖ-Chefs.

Helmut Zilk, SPÖ-Unterrichtsminister von 1983 bis 1984, nimmt die Lehrergewerkschafter in Schutz: „Sie haben immer damit gekämpft, dass die Lehrer an allem schuld sein sollen. Deshalb haben sie einen Widerstandsgeist und ein starkes Beharrungsvermögen entwickelt. Führt man die Debatte um die Schulreform richtig, kann man auch die Gewerkschaften mit ins Boot holen.“

Doch vor dem für 14. Februar angesetzten Schulreformgipfel laufen die Diskussionen nach dem gewohnten Muster ab. In der Sitzung des Nationalrats Mittwoch vergangener Woche warfen die Oppositionsparteien Elisabeth Gehrer Etikettenschwindel vor. Das bloße Bekenntnis der Ministerin zur Schulbetreung auch am Nachmittag geht SPÖ und Grünen nicht weit genug. Sie fordern die Einführung einer tatsächlichen Ganztagesschule mit über den Tag verteilten Unterrichts- und Freizeitstunden.

Während sich Gehrers Parteifreundin in der Steiermark, Bildungslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder, über den „Paradigmenwechsel“ in der ÖVP freute und sich sogar zur Einführung der Gesamtschule bekannte, traten schwarze Politiker in Wien am Ende vergangener Woche bereits wieder auf die Bremse. In einem „Presse“-Interview bezeichnete Nationalratspräsident Andreas Khol eine ganztägige Gesamtschule als „Horror“. Khols Schrecken dürfte allerdings ein baldiges Ende haben. Denn Gehrers Vorschlag, generell auf die Ganztagsbetreuung in den Schulen umzustellen, ist angesichts der Budgetlage nicht viel mehr als ein unverbindlicher Debattenbeitrag. Der Vorschlag der Ministerin, die Kosten für den nötigen Umbau der Schulen sollten die Erhalter übernehmen, wurde vom Städtebund prompt zurückgewiesen. Der grüne Bildungssprecher Dieter Brosz macht sich keine Illusionen: „Es wird zu wenig Geld geben, um eine qualitativ hochwertige Nachmittagsbetreuung zu sichern.“ Sein roter Kollege Erwin Niederwieser fordert eine „Impulsfinanzierung“ des Bundes für die baulichen Adaptierungen. ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon kann die Ungeduld seiner Kollegen nicht verstehen: „Wir müssen zunächst erheben, wie hoch der Bedarf an ganztägiger Betreuung überhaupt ist.“ Und Elisabeth Gehrer bat darum, ihre Idee nicht gleich wieder „mit Millionen-Euro-Forderungen zu erschlagen“.

Auch die Gewerkschaften reagieren auf Gehrers Vorschlag vorerst skeptisch. Der stellvertretende Vorsitzende der Pflichtschullehrer-Standesvertretung, SP-Gewerkschafter Herbert Modritzky: „Die ganztägige Betreuung ist eine langjährige Forderung von uns, und sie wird ja auch schon ausgeübt. Wogegen wir uns nur wehren, ist, dass wir justament bis 17 Uhr in der Schule sitzen und gleichzeitig auf die Kinder aufpassen und Hefte korrigieren sollen.“ Ohne neue Dienstposten, so die Meinung der Gewerkschaft, sei eine Einführung der Ganztagsbetreuung unmöglich.

Weitere Auseinandersetzungen zwischen der als resolut bekannten Gehrer und den Lehrergewerkschaften sind sicher. Als Hilde Hawlicek Unterrichtsministerin wurde, nahm Fred Sinowatz sie zur Seite: „Du wirst das schon machen“, sagte der damalige Bundeskanzler, selbst Ressortchef von 1971 bis 1983. Sinowatz’ Zusatz: „Lass dich von den Gewerkschaftern ja nicht beirren.“