Bildung: Klassenkampf

Zehntausende Eltern suchen derzeit nach einer Volksschule. Oft vergeblich: In vielen Klassen sitzen nur Zuwandererkinder. Verschläft die Politik die Schule des 21. Jahrhunderts?

Die kleine Lea wurde 1999 geboren. Als sie fünf Jahre alt wurde, suchte ihre Mutter nach einer Volksschule. Elfi Rometsch dachte zunächst an die Wiener Corneliusgasse. Die liegt gleich ums Eck. Die Lehrerin schien ein echter Glücksfall zu sein. Bemüht und nett zu den Kindern. Doch es gab dort weder Grünflächen noch einen Hortplatz. Und Frau Rometsch hatte das Gefühl, ihr Kind würde hier „eher verwaltet“ als gefördert.

Sie ging ein paar Ecken weiter. In der Volksschule in der Sonnenuhrgasse saßen in einer Klasse fast 30 Schüler, viele davon Zuwanderer. Wieder nahm Elfi Rometsch ihre Tochter an der Hand und ging. „Wenn die Hälfte der Kinder nicht Deutsch könnte, wäre mir das egal“, sagt sie. „Wichtig ist nur, dass sie gefördert werden. Aber wenn in so einer Klasse ein einziger Lehrer unterrichtet, muss ich nicht nachfragen, was die Kinder lernen.“

Heute besucht Lea die katholische Privatschule Notre Dame de Sion: gute Lehrer, 5000 Quadratmeter Garten und Nachmittagsbetreuer, die soziales Verhalten fördern und nicht nur verhindern, dass sich die Kinder ihre Buntstifte wechselseitig hineinrammen. Von den 333 Schülern haben 75 eine andere Muttersprache als Deutsch, zwölf sind moslemischen Glaubens. „Unser Orden hat immer den Dialog mit anderen Religionen gesucht“, sagt Direktorin Gabriele Großebner. „Diese Kultur des Zusammenlebens pflegen wir bis heute, und das wird von vielen geschätzt.“

Die Volksschule ums Eck ist nicht mehr gut genug. In ganz Österreich schreiben derzeit Eltern ihren Nachwuchs für den Ernst des Lebens ein. Allein in Wien werden im nächsten Herbst 16.000 Taferlklassler eingeschult. Für eine gute Bildung nehmen die Eltern oft lange Wege in Kauf oder leisten sich eine Privatschule. Die Zuwanderer bleiben in den öffentlichen Schulen sitzen. Es droht ein Zweiklassensystem. In manchen Klassen gibt es kein einziges Kind mehr mit deutscher Muttersprache. Die Lehrer bemühen sich. Doch oft sind diejenigen, die sich besonders anstrengen, besonders frustriert. Denn die Bildungspolitik forciert das Sparen, nicht die Ideen. Ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.

Anfang der sechziger Jahre hatten 1,4 Prozent der Einwohner keinen österreichischen Pass. Dann kamen die Gastarbeiter ins Land, 1989 fiel der Eiserne Vorhang, viele zogen aus den ehemaligen Oststaaten zu. Anfang der neunziger Jahre flüchteten tausende Menschen vor dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien nach Österreich. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung stieg auf 9,6 Prozent (Mikrozensus-Erhebung 2003). Über 114.000 ausländische Kinder besuchten im Schuljahr 2002/2003 eine heimische Schule. Die multikulturelle Klasse ist längst zum Normalfall geworden. Doch weder Reisepass noch Geburtsland sagen etwas darüber aus, wie die Zuwandererkinder sich mit Deutsch tun. Die Datenlage ist diffus, sagt Bildungsforscherin Christiane Spiel. Es gibt wenig zweifelsfreie Befunde. Einer davon lautet: „Ghettoisierungen sind schlecht.“

Grätzelghettos. Anders als Städten wie Amsterdam oder Paris war es Wien gelungen, großflächige Ausländerbezirke zu vermeiden. Doch es entstanden Grätzelghettos. In den gürtelnahen Gegenden in Wien wohnen sozial schwache Ausländer. „Eine ähnliche Entwicklung sehen wir in anderen Ballungsräumen, bis hin zu den Bezirksstädten“, sagt der steirische ÖVP-Bildungsexperte Andreas Schnider. Das spiegelt sich in den Volksschulen wider. In manchen sitzen 27 Kinder: Zwei davon sprechen Deutsch. Einige können lesen und schreiben, andere wissen nicht einmal, wie man den Bleistift hält. Dass der Einzelne da zu kurz kommen kann, liegt auf der Hand. „Wir brauchen mehr pädagogisches Personal, dann schaut der Unterricht wieder anders aus“, fordert Schnider. Erreicht werden könnte das nur mit einem nationalen Kraftakt. Schnider: „Ich bezweifle, dass bei Koalitionsgesprächen jemals etwas anderes herauskommt als ein billiger Kompromiss.“

Bildungspolitik, Stadtentwicklung und Sozialpolitik greifen ineinander. Wo die Bausubstanz verfällt, sind die Wohnungen billig. Wo man niedrige Mieten zahlt, ziehen sozial Schwache hin. Xenia Prihoda ist Direktorin der Volksschule in der Wichtelgasse im 17. Wiener Gemeindebezirk, die in einem solchen Einzugsgebiet liegt. Begonnen hat die Entwicklung vor zehn Jahren, zunächst schleichend. Wer sich heute informell bei Eltern erkundigt, erfährt: Ihre Schule gilt als Ausländerschule, in die sich nur wenige Kinder mit deutscher Muttersprache verirren. Die Lehrerinnen kämpfen bis zur Selbstaufgabe gegen die Ghettoisierung. Doch gegen so ein Einzugsgebiet sind sie machtlos. Prihoda: „Wir können uns die Wiener Kinder nicht klonen.“

Schlechte Ausstattung. Oft sind Schulen mit vielen Kindern aus sozial schwachen Familien auch schlecht ausgestattet. „Da multiplizieren sich dann die Benachteiligungen“, sagt Migrationsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger.

An der Volksschule in der Gassergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk gibt es türkische, serbische, polnische, kroatische, indische, rumänische und persische Kinder, aber kaum gebürtige Österreicher. Diese wanderten in die vier Privatschulen ab, die im Umkreis liegen. Über 90 Prozent der Schüler in der Gassergasse haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Die meisten kommen aus armen Familien. Ihre Eltern sind Flüchtlinge, Alleinerzieherinnen, arbeitslose Gastarbeiter.

Die Klassenlehrerin hetzt von Ugur, der ratlos vor ein paar Nikolauszeichnungen sitzt, zur kleinen Maja, die sich ständig verrechnet. Doch die Zeit reicht nie für alle. Michaela Schmiege ist seit 2001 Direktorin: „Wir hatten früher in allen ersten Klassen zwei Lehrerinnen, jetzt sind es nur mehr eineinhalb.“

Sie bemühen sich, damit jedes Jahr vier bis fünf Kinder den Umstieg ins Gymnasium schaffen. Die Professoren von dort melden zurück, dass alle tatsächlich AHS-reif sind. Direktorin Schmiege ist überzeugt: „Mit zwei Lehrerinnen pro 20 Schüler könnten wir noch viel mehr aus diesen Kindern herausholen.“

Dazu fehlt der politische Konsens. In Wien haben 46,5 Prozent der Volksschüler eine nicht deutsche Muttersprache. Das Nationalprodukt der Zukunft wird zu einem wesentlichen Teil von Zuwanderern erwirtschaftet. Es gilt das Prinzip Auslese vor Förderung. Ausländerschulen sind schnell verschrien. Oft zu Unrecht, sagt die Präsidentin des Wiener Stadtschulrates Susanne Brandsteidl: „Denn gerade an diesen Schulen strengen sich Lehrer oft enorm an“ (siehe Interview Seite 21). Den schlechten Ruf werden sie trotzdem kaum los, klagt Direktorin Schmiege. Im Vorjahr kam wieder einmal ein österreichisches Kind an die Schule. Nach ein paar Monaten meldete der Vater es ab. „Warum?“, fragte Schmiege. Die Antwort des Vaters: „Ich finde mich unter den Eltern hier nicht wieder.“

Kinder verteilen. Menschen treffen gerne Menschen, die einen ähnlichen Lebensstil pflegen. Die soziale Durchmischung ist mittelfristig durch Entwicklung von Stadtteilen und eine geänderte Wohnpolitik zu erreichen. Die ÖVP Wien schlug vor, Migrantenkinder mit Bussen zu verteilen. „20 Minuten Schulweg sind zumutbar“, meint Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager. Die Wiener Grüne Susanne Jerusalem hält das für eine „Schnapsidee“, auch die SPÖ-Politikerin Brandsteidl ist dagegen. Nur beim Thema Frühförderung sind sich fast alle einig: SPÖ, ÖVP und Grüne wollen den Spracherwerb schon im Kindergarten stärker fördern.

Ein Forscherteam aus Berlin untersuchte kürzlich die Entwicklung von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache. Das Ergebnis: Wer mit einer coolen Sprache wie Englisch oder Französisch aufgewachsen ist, lernt leichter Deutsch als Kinder, die eine gesellschaftlich gering geschätzte Migrantensprache sprechen. „Der Lernerfolg hängt stark davon ab, welche Erwartungen man an sich selbst hat“, erklärt Forscherin Barbara Herzog-Punzenberger.

Reinhilde Feitl, Direktorin der Volksschule in der Jagdgasse im zehnten Wiener Gemeindebezirk, kann das nur bestätigen. Ihre Schüler sind zu 85 Prozent Zuwanderer, wie schon an den Namensschildern an der Garderobe abzulesen ist: Nuri, Marija, Ebumüslüm, Emre, Burak, Alperem, Hatice, Katarzyna, Karim, Hiwa steht da. Dazwischen die Namen Niklas und Albert. „Die Kinder müssten zweisprachig alphabetisiert werden“, sagt Feitl. „Die Entwicklung der Muttersprache ist ja in dem Alter nicht abgeschlossen.“ So wird Mehrsprachigkeit, eigentlich ein soziokultureller Schatz, zum Handicap. Feitl: „Wenn man den Kindern zu verstehen gibt: Deine Kultur ist nichts wert, dann glauben sie, etwas Schlechtes zu tun, wenn sie ihre Muttersprache sprechen.“

Schimpfen. Yusuf Isleyen ist ein Vermittler zwischen den Kulturen. Nicht alle türkischen Eltern hätten den Stellenwert von Bildung erkannt: „Ich muss da mit meinen Leuten manchmal schimpfen. Dabei ist es ganz einfach: Je mehr ich investiere, desto mehr kommt raus.“ Isleyens Integrationsverein Eurasya gibt 107 Schülern Nachilfe. Er nennt sie „meine Kinder“. Sein eigener Sohn ist neun und kommt nächstes Jahr ins Gymnasium. Mit ihm habe er wenig Kummer gehabt, denn er habe „schon im Kindergarten viel gelernt und ist sehr selbstständig“.

Die von den rot-schwarzen Koalitionsverhandlern beschlossene Senkung der Schülerzahlen ist ein guter Schritt. Doch er wird nicht reichen. Als Lehrergewerkschafter Michael Georgieff (ÖVP) vor zwanzig Jahren unterrichtete, saßen 37 Kinder in seiner Klasse. „Trotzdem war das Unterrichten nicht so anstrengend wie heute“, sagt Georgieff.

Für die multikulturelle Klasse des 21. Jahrhunderts müsse man sich mehr einfallen lassen. Die neue Schule beginne im Kopf, sagt Elfi Fleck, Leiterin des Referats für interkulturelles Lernen im Bildungsministerium: „Migrantenkinder sind kein Problem. Es sind Kinder wie alle anderen. Mit dem Unterschied, dass sie mehrsprachig groß werden.“

Doppelmühle. Benachteiligungen und Konflike entstehen dort, wo die Bildungspolitik auf diesen Unterschied nicht antwortet. Die Schulen selbst sitzen in einer Doppelmühle. Die Politik verwies auf die Schulautonomie. Doch die Personalhoheit über die Lehrer liegt beim Bund und bei den Ländern.

Das sei absurd, klagt ÖVP-Bildungsexperte Schnider: „Es gibt Klassen, wo 25 Kinder mit einem Lehrer zurechtkommen, und Klassen, wo das nicht geht. Die Wirklichkeit ist eben vielschichtig.“

„Das Wiener Schulsystem kracht an allen Ecken und Enden“, sagt die Grüne Jerusalem. Seit 2000 wurden sämtliche unverbindlichen Übungen gestrichen. Eislaufen, Theaterspielen, Kampfsport – also alles, was Spaß macht. Kindern aus wohlhabenden Familien werden Nachhilfe und Ballettunterricht seither eben privat finanziert. Die anderen schauen durch die Finger. „Das benachteiligt Migrantenkinder erheblich“, kritisiert die Grüne Jerusalem.

Eine verschriene Schule aus dem Imagetief zu holen ist Schwerarbeit. Vergangene Woche stellte Stadtschulrätin Brandsteidl ihr neues „Campus“-Modell vor. In vier Wiener Volksschulen – darunter die Jagdgasse im zehnten Bezirk – sollen ab Herbst Sporttrainer und Musiklehrer nach der Schule Programm machen. Die Eltern zahlen den Tarif für eine Nachmittagsbetreuung: 80 Euro pro Monat, sozial gestaffelt. „Eine Riesenchance“, hofft Direktorin Feitl: „Vielleicht lernt das eine oder andere Kind ein Instrument.“ Eine Ausgabe, die sich Migrantenfamilien so gut wie nie leisten.

Jürgen Stampfl ist Elternvertreter. Seine Tochter besucht die zweite Klasse an der Volksschule St.-Elisabeth-Platz in Wien. Dort kämpft er seit Langem für ein Nachmittagsprogramm. Vergeblich. Der Effekt, so Stampfl: „Besser gestellte Eltern weichen in Privatschulen aus.“ In der Klasse seiner Tochter kommt jedes zweite Kind aus einer Zuwandererfamilie, darunter viel aufstrebender Mittelstand. Der Ruf der Schule ist intakt. Und das wird – ähnlich wie bei Universitäten – für den Bildungsweg immer wichtiger.

Die meisten Eltern fürchten sich ja nicht vor Ausländern, sondern davor, dass ihr Kind zu wenig lernt, sagt Johann Luger, Direktor der Volksschule Schäffergasse im vierten Wiener Gemeindebezirk. Auch hier sind Kinder mit nicht deutscher Muttersprache in der Mehrheit – vom Gastarbeiterkind bis zum Diplomatenspross. Luger selbst kann nicht klagen: „An unserer Schule funktioniert alles halbwegs.“ Doch in manchen Gegenden – etwa im zweiten Bezirk, wo er früher unterrichtete – seien die Schulgebäude desolat und viele Kollegen ausgebrannt. Es könne nicht sein, „dass man Renommierschulen baut, und andere lässt man verkommen“, sagt Luger.

Die Volksschule ums Eck müsse eine verlässliche, gute Ausbildung bieten.

Das wünscht sich auch Leas Mutter, Elfi Rometsch: „Kinderkriegen ist nicht die Privatsache von ein paar Verrückten.“ Gerade wenn die Geburten zurückgehen, müsse es der Gesellschaft ein Anliegen sein, aus jedem das Beste herauszuholen. „Für mich ist ein Kind, egal, wo es herkommt, ein Rohdiamant. Gute Schulen sind Schulen, die dafür sorgen, dass am Ende ein Brillant herauskommt.“

Von Edith Meinhart