Bildung: Lehrkörper-Kultur

Die SPÖ feiert die Durchsetzung des Gesamtschulprojekts, die ÖVP dessen Aufweichung. Doch über den Erfolg von Bildungsreformen entscheiden weder Minister noch Parteisekretariate. Sind Österreichs 120.000 Pädagogen reif für die Schule des 21. Jahrhunderts?

Geht Ihre Stimme in einer Gruppe oft unter? Reagieren Sie auf persönliche Vorwürfe und Angriffe sehr empfindlich? Nerven Sie Jüngere? Wie schaut es mit der „Fähigkeit zur offensiven Verarbeitung von Misserfolgen“ aus? Und mit der „Frustrationstoleranz“? Schlecht? Dann sollten Sie laut einem Internet-Fragebogen des deutschen Beamtenbunds vielleicht Beamter, aber eines auf keinen Fall werden: Lehrer. Ein Persönlichkeitstest auf einer Lehrerberatungs-Homepage (www.cct-austria.at) des heimischen Unterrichtsministeriums ist vergleichsweise konkreter. Wer wechselhaft, angespannt, sorglos, kühl, scheu, unbeherrscht, leichtlebig, aber auch zu ruhig oder zu sachbezogen ist, mag in manchen Berufsfeldern erfolgreich sein, im Klassenzimmer eher nicht. Psychologisch-wissenschaftlich ausgedrückt: Hohe Neurotizismuswerte disqualifizieren für den Lehrerberuf.

Frusttoleranz ist auch in der österreichischen Innenpolitik unabdingbar. Als Feldversuch eignete sich die Debatte um die so genannte „neue Mittelschule“. Montag vergangener Woche gelang SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied und ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn im letzten Moment die koalitionäre Einigung zur umstrittenen Schulreform. Unbeherrschte Raufbolde aus beiden Parteien hatten die Verhandlungen bis zuletzt sabotiert. Am Ende waren Rot und Schwarz glücklich: Die Unterrichtsministerin, weil sie ihr Projekt einer gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen realisieren kann. Der Wissenschaftsminister, weil es seiner Partei gelungen war, die Pläne Schmieds abzuschleifen. Mit Beginn des Schuljahres 2008/2009 soll in ausgesuchten Schulen in drei Bundesländern der – eingeschränkte – Versuch „neue Mittelschule“ starten (siehe Kasten Seite 28).

Lehrer-Faktor. Was beide Parteien im wochenlangen Schulstreit ignoriert haben: über den Erfolg von Bildungsreformen im Allgemeinen und der neuen Mittelschule im Speziellen entscheiden weder Minister noch Parteisekretariate, nicht die Elternvereine oder die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst – auf die Lehrer kommt es an. Das Top-Consultingunternehmen McKinsey untersuchte in einer Studie die Erfolgsgeheimnisse jener Länder, die im PISA-Test hervorragend abschnitten. Ergebnis: Entscheidend für die Qualität eines Schulsystems sind nicht das eingesetzte Geld oder die Größe der Schulklassen, sondern die Qualität der Lehrer.

Sind Österreichs 120.000 Pädagogen fit für die Schule des 21. Jahrhunderts?

„Die Lehrer müssen die Gesamtschule erst lernen“, sagt Andrea Seel, Vorsitzende der Sektion Lehrerbildungsforschung in der Österreichischen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen. Die wesentliche Herausforderung für jene Hauptschul- und AHS-Lehrer, die ab kommendem Jahr freiwillig in der neuen Mittelschule unterrichten, ist dabei die Heterogenität ihrer Schutzbefohlenen: leistungsfähigere und weniger belastbare Schüler, schnellere und langsamere, Inländer und Immigrantenkinder besuchen die gleichen Klassen. Der traditionelle durchschnittliche Norm-Schüler in Gymnasium oder Hauptschule, an dem sich Lehrer und Unterricht orientieren, ist Geschichte. Der Lehrer der Zukunft ist vor allem als Menschenkenner gefordert. Georg Hans Neuweg, Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Linzer Johannes Kepler Universität: „Bevor ein Lehrer seinen Unterricht auf die unterschiedlichen Niveaus ausrichten kann, muss er zunächst die Leistungsfähigkeit seiner Schüler angemessen einschätzen können.“

Krisenmanager. Das Selbst- und Berufsverständnis von Haupt- und AHS-Lehrern ist durchaus unterschiedlich. Hauptschullehrer sind Lernbegleiter und stolz auf ihre Vermittlungskompetenz. In der alltäglichen Praxis sind sie allerdings oft genug mit Krisenmanagement beschäftigt, wie Wolfgang Haag, 53, von der Hauptschule Taxham in Salzburg. Vor zwei Wochen endete eine Schlägerei im Turnsaal seiner Schule blutig, ein Jugendlicher hatte zweimal gegen den Kopf eines am Boden liegenden Mitschülers getreten. Viele Kinder würden ohne Frühstück in die Schule kommen, erzählt Haag. Zu Mittag warte niemand daheim auf sie. „Sie müssen mit zehn bereits erwachsen sein, das schaffen sie nicht.“ Gewalt und Aggression werden ihr Ventil.

Im Gegensatz zu ihren Hauptschulkollegen definieren sich Gymnasiallehrer vor allem über ihr Fach – als Germanisten, Physiker oder Historiker. Kommt die Gesamtschule, kommt freilich auch komplizierteres Publikum ins gemeinsame Klassenzimmer. Die Gehälter von Haupt- und AHS-Lehrern bleiben vorerst trotzdem unterschiedlich: Ein nicht pragmatisierter Hauptschullehrer verdient nach zehn Jahren 2020 Euro brutto, ein AHS-Lehrer 2339. Nach dreißig Jahren Dienst kommt der Hauptschullehrer auf 3471, sein AHS-Kollege auf 3984.

Eines steht für sämtliche Bildungsforscher fest: Das österreichische duale System der Lehrerausbildung ist überholt. Aus historischen Gründen studieren angehende Volks- und Hauptschullehrer an Pädagogischen Akademien, AHS-Lehramtsaspiranten an den Universitäten – eine teure und international gesehen seltene Doppelstruktur. Bei den Pflichtschullehrern kam es heuer zu einer Aufwertung. Die landesweit 51 Pädagogischen Akademien und Institute wurden zu 14 Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst. Der Andrang ist enorm. Die Pädagogische Hochschule Wien musste im September ein Viertel von 560 Bewerbern nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren ablehnen. Rektorin Dagmar Hackl befürwortet die Auslese: „Nur die Besten sollen Lehrer werden.“

In Finnland – seit dem PISA-Test das gelobte Land der Bildungspolitik – werden generell nur die besten Anwärter zum Studium zugelassen. Das Lehramt wird zum Elitejob. Österreichische Experten sehen Selektionsverfahren für alle Lehrberufe allerdings skeptisch, trotz der wissenschaftlich weit entwickelten Auswahlmethoden. Der Linzer Bildungswissenschafter Neuweg: „Es gibt letztlich kein Prognoseverfahren, das die Frage hundertprozentig treffsicher beantwortet, wer sich zum Lehrerberuf eignet.“

Der Arbeitsmarkt für Lehrer ist aufgrund der sinkenden Schülerzahlen aus dem Gleichgewicht. Bund und Länder verschärften die Situation durch Stundenreduktionen und den Verzicht auf die Nachbesetzung offener Stellen. Absolventen der Pädagogischen Hochschulen müssen mehrjährige Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor ihnen eine Stelle zugeteilt wird. Im AHS-Bereich finden Junglehrer mit bevorzugten Fächern wie Geschichte oder Deutsch ebenfalls auf Jahre keine adäquate Anstellung. Der Salzburger Markus Mühlbacher, 32, stand fünf Jahre auf der gefürchteten Warteliste für AHS-Lehrer. Er jobbte als Pharmareferent, in der IT-Branche und in einem Verlag. Und einen Sommer lang verdingte sich der Jungakademiker sogar als Bademeister. Im Herbst heurigen Jahres erhielt er endlich die Gelegenheit, seinen eigentlichen Job als Turnlehrer auszuüben, freilich nur für ein paar Stunden pro Woche.

Vergreisung. Während die Jungen darben, werden vor allem an den Pflichtschulen die Pädagogen im Schnitt immer älter. Das Gros ist zwischen 45 und 60. Manche Bildungspolitiker sprechen von einer „kollektiven Vergreisung des Lehrkörpers“. Unter den Junglehrern bilden sich gerade die dynamischeren in der unfreiwilligen Wartezeit weiter, finden einen attraktiven Job und gehen damit dem Schulsystem verloren. Johannes Mayr vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt fordert mehr Kompetenzen für die Schulleiter: „Die Schulen sollten sich einen bestimmten Prozentsatz ihres Nachwuchses unter den Wartenden selbst aussuchen können.“

Wer es einmal in den Beruf geschafft hat, kommt allerdings auch nur noch schwer raus. Das System bietet keine Exitstrategien für ausgebrannte Pädagogen. Und die gibt es zuhauf. Laut einer Umfrage des Sora-Instituts leidet etwa die Hälfte der Lehrer an Burn-out-Symptomen. Allein in Wien wurden im Schuljahr 2003/2004 63 Lehrer aus gesundheitlichen Gründen in die Frühpension geschickt.

Der öffentliche Druck auf die Lehrer nahm in den vergangenen Jahren jedenfalls massiv zu. Wo Lehrer-Bashing zur Folklore gehört, waren die Sündenböcke für schlechte PISA-Ergebnisse rasch gefunden. Die Lehrervertreter wiederum machten es ihren Kritikern leicht: Kaum ein Berufsstand verspürte in den vergangenen Jahren eine derart hohe Streiklust wie Österreichs Pädagogen. Zuletzt fanden Anfang Oktober landesweit als „Lehrerversammlung“ getarnte Arbeitsniederlegungen der AHS-Lehrer statt. Der Anlass: Proteste gegen die Gesamtschule.

Dennoch ist das gesellschaftliche Image der Pädagogen in Wahrheit besser, als sie selbst meinen. Laut einer profil-Umfrage von vergangener Woche beurteilen 80 Prozent der Österreicher die Leistungen der Lehrer mit „sehr gut“ oder „eher gut“ (siehe Seite 25). Ein internationales Phänomen: In den meisten europäischen Ländern fühlen sich die Lehrer von ihren Mitbürgern ungeliebt, obwohl das Gegenteil wahr ist. Den Vorwurf, wenig zu arbeiten, werden Lehrer freilich nicht los. 54 Prozent der Österreicher glauben, Lehrer hätte im Vergleich mit anderen Berufsgruppen mit ähnlichem Gehalt einen weniger anstrengenden Job. Doch in Wahrheit hat wohl jedes Land die Lehrer, die es verdient. Pädagogik-Professor Neuweg von der Uni Linz: „Motivation und Qualität der Lehrer hängen letztlich wesentlich davon ab, welchen Wert Bildung, Lernen und Schule in einem Land haben.“ Waldemar Mooslechner, AHS-Lehrer kurz vor der Pensionierung, formuliert es schärfer. „Ein schlechter Zahnarzt wird ziemlich schnell keine Patienten mehr haben. Lehrer verlieren ihre Schüler nur in den seltensten Fällen. Sie sitzen quasi in einer geschützten Werkstatt.“

Von Gernot Bauer und Martina Lettner