Bildungskarenz: Sehnsucht nach Aufbruch

Die Lust auf Veränderung treibt Berufstätige dazu, sich in Bildungskarenz zu begeben. Mit 1. Juli tritt eine Gesetzesänderung in Kraft, die den Lernhunger weiter fördern könnte.

Von Michaela Ernst

„Es war eines der schönsten Jahre unseres Lebens“, schwärmt Werner Wutscher, wenn er vom Karenzbildungsjahr mit seiner Frau Gertraud Leimüller in Harvard im US-Bundesstaat Massachusetts spricht. „Wir waren eines der ganz wenigen Paare, die einen gemeinsamen Lehrgang besuchten.“ Wutscher hatte, bevor er sich 2004 entschied, nach Harvard zu gehen, das Amt des Generalsekretärs im Bundesministerium für Land und Forstwirtschaft inne, seine Frau schrieb als Journalistin bei den „Salzburger Nachrichten“, was sie heute als Kolumnistin („Gewagt gewonnen“) tut. Beide waren also etabliert und – vom Allgemeinempfinden des gelernten Österreichers her – keineswegs in der Situation, ihr Leben verändern zu müssen. „Ich habe immer schon ein Mindestmaß an Weiterbildung betrieben“, erinnert sich Wutscher, der – mittlerweile selbstständig – vergangenen Dezember zum „Business Angel of the Year“ ausgezeichnet wurde. „Früher, als ich noch im Ministerium arbeitete, waren es eben zehn Tage im Jahr. Und dann kam irgendwann der Punkt, an dem meine Frau unbedingt einmal im Ausland studieren wollte und mir stark bewusst wurde, dass ich mich zwar oft im Ausland aufhielt, allerdings nie dort gelebt hatte. Aus dieser Sehnsucht nach Aufbruch einerseits und der Erkenntnis, dass wir uns aufgrund der digitalen Revolution in einer dramatischen Veränderungsphase der Arbeitswelt befinden andererseits, erwuchs die Idee, in Harvard zu studieren.“

Auch „Standard“-Journalistin Tanja Paar (Foto) stand eines Tages vor der Erkenntnis, dass „ich noch mindestens 20 Jahre arbeiten werde müssen. So dachte ich mir, da könnte man doch etwas anderes probieren.“ Die Mutter eines zwölfjährigen Sohnes inskribierte im vergangenen Wintersemester am Institut für Informatik, „nicht um einen akademischen Abschluss zu bekommen, denn ich habe schon ein abgeschlossenes Studium. Auch nicht um beruflich umzusatteln“, sondern um dem viel strapazierten Begriff des lebenslangen Lernens ein eigenes Profil zu geben. Paar hat sich an der Uni für das Fachgebiet Medieninformatik entschieden.

Während Wutscher und seine Frau ihr Harvard-Studium aus Ersparnissen finanzierten, nützt Paar derzeit die boomende Einrichtung der Bildungskarenz. Diese ist in ihrem Fall so geregelt, dass sie monatlich vom AMS eine Summe erhält, die dem Arbeitslosengeld entspricht. Sie darf geringfügig dazuverdienen (387 Euro im Monat), was sie mit ihrem „Standard“-Blog „Mama geht studieren“ auch tut. Der finanzielle Einschnitt bedurfte trotz dieser „tollen Einrichtung Bildungskarenz“ allerdings einer gewissen Umgewöhnungsphase: „Man muss sich das Geld gut einteilen“, schmunzelt sie. „Man denkt sehr genau darüber nach, was man sich leisten kann und was nicht. Und ja, ich fahre halt jetzt auch mit dem Rad.“ Auch Wutscher erinnert sich „an diese wahnsinnige Befreiung, wenn man wieder lernt, mit wenig auszukommen. Auch wir haben damals unsere kleine Wohnung mit Secondhandmöbeln eingerichtet. Andererseits denkt man auch nicht viel ans Geldausgeben, da man die meiste Zeit wirklich mit Lernen verbringt.“

Verschärfte Bedingungen
Ab 1. Juli werden die Bedingungen für die Ausschüttung des Weiterbildungsgelds verschärft. Während bis dahin nur eine einfache Inskriptionsbestätigung notwendig war, müssen in Zukunft Erfolge nachgewiesen werden – nämlich vier Semesterstunden beziehungsweise acht ECTS-Punkte. Oder die Teilnahme an einem Kurs im Ausmaß von 20 Stunden wöchentlich. Ziel dahinter ist es, Missbrauch vorzubeugen. Gleichzeitig gibt es gute Nachrichten: Neben der Bildungskarenz wird es ab 1. Juli eine ebenfalls vom AMS gestützte Bildungsteilzeit (die Mindestarbeitszeit im Angestelltenverhältnis muss zehn Stunden pro Woche betragen) beziehungsweise ein Fachkräftestipendium für Fachmangelberufe in der Wirtschaft geben – darunter sind vor allem HTL-Ausbildungen und Pflegeberufe zu verstehen. Das Fachkräftestipendium gilt auch für nicht angestellte, niedrig qualifizierte Berufstätige, die einen Abschluss nachholen wollen, wie aus der Wirtschaftskammer zu erfahren ist. Bildungskarenz für Selbstständige gibt es nicht, was angesichts der wachsenden Gruppe der Ich-AGs und Kleinunternehmer – die den Druck der ewigen Weiterbildung genauso wie Angestellte spüren – dem Chancengleichheitsprinzip widerspricht. Diese können zwar die Kosten für Kurse oder ein berufsbegleitendes Studium steuerlich absetzen, gleichzeitig müssen sie jedoch Sorge tragen, dass ein anderer während ihrer Abwesenheit den Betrieb am Laufen hält.

Interessant ist jedenfalls, dass späte Bildungshungrige – egal, ob im Angestellten-Verhältnis oder selbstständig – trotz des eingeschränkten Lebensstils, der sich zwangsläufig durch die neue Situation ergibt, diese Lebensphase als extreme Bereicherung empfinden. „Einerseits muss man sehr diszipliniert sein und seinen Alltag genauso strikt regeln wie bei einem fixen Job“, erzählt Tanja Paar. „Andererseits empfinde ich dieses Bildungsjahr als totalen Luxus: Sich in einer Vorlesung 90 Minuten am Stück einer Sache widmen zu können, ohne unterbrochen zu werden, 90 Minuten keinen Anruf hereinzubekommen, keine Mails checken zu müssen, das ist schon etwas Besonderes!“ Auch Wutscher und seine Frau haben die Tatsache, „dass wir in diesem Jahr mit Leuten zusammengekommen sind, die aus allen Teilen der Welt stammten, mit Mentalitäten konfrontiert waren, die so ganz anders sind als die österreichische, als Geschenk empfunden“.

Grundlegende Veränderungen im Berufsalltag, das Erschließen von neuen Perspektiven dürften für die meisten, die sich entschließen, nochmals die Schulbank zu drücken, die wesentlichen Antriebskräfte sein. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung seitens der Regierung durch den Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahr 2008. „Damals wurde eine Gesetzesnovelle verabschiedet, durch die Weiterbildung zunehmend attraktiv wurde. Seit diesem Zeitpunkt verzeichnen wir einen Sprung nach oben, was die Inanspruchnahme von Bildungskarenz betrifft“, beobachtet AK-Weiterbildungsexperte Michael Tölle. So wurde das Weiterbildungsgeld, das bis dahin dem Kinderbetreuungsgeld entsprach, auf Arbeitslosengeld-Niveau angehoben. „Waren es 2009 noch 50,75 Millionen Euro Weiterbildungsgeld, die vom AMS ausbezahlt wurden, stieg diese Summe im Jahr 2011 bereits auf 76,01 Millionen Euro“, so Tölle. Die Tendenz zeigt weiterhin nach oben: 2011 wurde an 16.631 Personen Weiterbildungsgeld ausgeschüttet, 2012 waren es bereits 19.500 Personen. Diese Zahlen beinhalten auch kurzzeitige Bildungskarenzen von etwa ein bis zwei Monaten und stimmen daher nicht mit jenen Statistiken überein, in denen die Angaben im Jahresdurchschnitt erfasst sind.

Starker Anstieg seit Krise
Eine weitere wesentliche Erleichterung: Früher waren mindestens drei Jahre im Angestelltenverhältnis Voraussetzung für eine Bildungskarenz, seit 2009 reichen schon sechs Monate, „da man seit der Krise nicht mehr davon ausgehen konnte, dass Menschen so lange konstant einen Job behalten“, wie Tölle weiß. „Vor allem im Jahr 2009 sind besonders viele Facharbeiter in Bildungskarenz gegangen. Dieserart konnte sehr oft verhindert werden, dass die Leute von ihren Arbeitgebern freigesetzt wurden.“ Der Anteil der Akademiker in Bildungskarenz sei zwar überproportional groß, „wobei sich deren Weiterbildung kaum auf Beschäftigung und Einkommen niederschlägt“, ist Tölle überzeugt. „Die positivsten Effekte zeigen sich bei jüngeren Facharbeitern mit Lehrabschluss.“

Die Akademikerin und Journalistin Tanja Paar wird jedenfalls nach ihrer Bildungskarenz innerhalb des Verlags ein neues Betätigungsfeld beschreiten und ihrem Arbeitgeber treu bleiben. Ganz anders gestaltete sich da die Situation bei Werner Wutscher und Gertraud Leimüller: „Meine Frau wäre am liebsten gleich in Amerika geblieben“, erzählt Wutscher lachend. „Und auch für mich war die Rückkehr ins Ministerium anfangs sehr fremd. Wir haben uns die ersten sechs Monate nach unserer Rückkehr gegenseitig gecoacht, um uns daheim, wo sich während unserer Abwesenheit natürlich überhaupt nichts verändert hatte, wieder zu akklimatisieren.“

„Man lernt, wieder richtig zuzuhören"
Werner Wutscher blieb dann noch zwei weitere Jahre im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, wechselte 2007 in den Vorstand der Rewe Group Austria, die er 2011 aus eigenen Stücken verließ. Seine Frau machte sich bald nach ihrer Rückkehr mit ihrem Beratungsunternehmen winnovation als Innovationsexpertin selbstständig und ist heute Vorsitzende der arge creativ wirtschaft austria. „Auch ich habe gemerkt, dass es nahe liegend ist, etwas zu unternehmen, wo ich mich selbstständig mache. Schließlich war ich durch mein Harvard-Jahr mit einem hervorragenden internationalen Netzwerk ausgestattet“, so Wutscher. Heute ist er Mitglied diverser Aufsichtsräte in Mumbai, Jordanien, engagiert sich beim World Economic Forum in Davos. Er hat Beteiligungen an den österreichischen Start-ups „KochAbo“ und „MeinKauf“, der auf digitale Werbung spezialisierten Agentur „pos-vision“ sowie an der Auffanggesellschaft des von Lojze Wieser gegründeten Wieser Verlags. Als er im Vorjahr zum „Business Angel of the Year“ gekürt wurde, würdigte die Jury seine „außergewöhnlichen Investitionsentscheidungen“. Zwei der Kernkompetenzen, die er übrigens aus seinem Harvard-Jahr mitnahm, beschreibt Wutscher folgendermaßen: „Man lernt, wieder richtig zuzuhören. Und man bekommt das Rüstzeug geliefert, sich etwas zuzutrauen – jedenfalls deutlich mehr als zuvor.“

Foto: Monika Saulich für profil