Bio? Logisch! Thesen gegen den Trend

Sind biologisch erzeugte Lebensmittel wirklich gesünder für uns und die Umwelt? Ein neues Buch zweier renommierter Autoren stellt die allgemeinen Glaubenssätze wissenschaftlichen Fakten gegenüber – mit einigen Überraschungen.

Ist Bio besser, gesünder? Es gibt dafür Indizien, aber keinen harten wissenschaftlichen Beweis. Ist Bio besser für die Umwelt? Nicht unbedingt. Was ist dann so toll an Bio, dass es eine Erfolgsgeschichte sondergleichen geworden ist? Einen wesentlichen Faktor spielt dabei die Psychologie, die Sehnsucht nach einer intakten Landwirtschaft, der Glaube ans Reine, vom üblichen Schmutz der modernen Nahrungsmittelproduktion Unbefleckte. Dann der mit Bionahrungsmitteln in Verbindung gebrachte bessere Geschmack, der aber eher im Kopf der Verbraucher existiert als unter wissenschaftlichen Testbedingungen. Aus einer Nische, für die sich ursprünglich nur wenige gut verdienende Städter erwärmten, hat sich Bio innerhalb eines Jahrzehnts zu einem Wirtschaftszweig mit Milliardenumsätzen entwickelt. Manche Bioproduzenten, etwa im Osten Deutschlands, bewirtschaften heute Flächen in Größenordnungen bis zu 14.000 Hektar – das entspricht dem Flächenbedarf von 20.000 Fußballfeldern. Im Vorjahr ist in Deutschland das erste Biolebensmittelunternehmen an die Börse gegangen. In Österreich setzt die Branche laut Bio Austria, dem Dachverband der Bioproduzenten, jährlich 860 Millionen Euro um, bei jährlichen Wachstumsraten von mittlerweile an die 20 Prozent. Immer mehr Menschen sind bereit, für Bioware mehr Geld auf den Tisch zu blättern. Die Produzenten kommen mit der Nachfrage nicht nach, zunehmend wird Bioware importiert. „Der Markt läuft der Landwirtschaft davon“, formuliert es Wilfried Oschischnig, Pressesprecher von Bio Austria. Und das ist mittlerweile in allen hoch ­entwickelten Industrieländern so.

Was aber ist das Geheimnis von Bio? Zwei mehrfach ausgezeichnete deutsche Autoren, Michael Miersch und Dirk ­Maxeiner, Ex-Chefredakteur der Zeitschrift „Natur“, sind dieser Frage nachgegangen. Sie begnügten sich nicht damit, dass Sätze wie „Bio ist gesünder“ oder „Bio ist gut für die Umwelt“ schon deshalb wahr sind, weil sie jeder glaubt. Sie besuchten biologische und konventionelle landwirtschaftliche Betriebe unterschiedlicher Größe und mit verschiedenen Produktionsschwerpunkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, redeten mit Bioverbänden, mit Experten an Universitäten und anderen, zumeist staatlichen Instituten, um die Wahrheit hinter dem Glauben zu finden. Das Ergebnis ihrer Recherchen legen sie in einem soeben erschienenen Buch vor mit dem Titel „Biokost & Ökokult – Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere Umwelt“. Seit Jahrzehnten versuchen Forscher herauszufinden, ob Biokost dem Körper tatsächlich besonders guttut. Doch bis heute konnte dafür kein wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden. Manche Vertreter der Ökobranche geben das auch offen zu. Katherine DiMatteo, Chefin der amerikanischen Organic Trade Associa­tion, des Verbandes der Biokosthändler, gestand in einem Interview, ihre Lebensmittel seien „so nahrhaft wie die anderen Produkte auf dem Markt“. Laut Georg Schweisfurth, dem Gründer der erfolgreichen deutschen Biosupermarktkette Basic, „hat Biogemüse denselben Nährstoffgehalt wie konventionell angebautes Gemüse, ist also nicht per se gesünder“. Und Sir John Krebs, der bis 2005 der britischen Behörde für Nahrungsmittelstandards (Food Standards Agency) vorstand, erklärte: „Wenn Sie denken, Sie kaufen Essen mit einem Extranährwert oder mit Extrasicherheit – wir haben keine Beweise für diese Behauptungen.“
Ein wirklich harter Beweis, dass Biokost gesünder ist, wäre auch schwer zu erbringen. Dazu müsste man eine über Jahrzehnte laufende Langzeitstudie anstellen, bei der ein Teil der Probanden nur Bio- und der andere nur konventionelle Kost vorgesetzt bekommt. Da ein solcher Beweis kaum zu erbringen ist, muss man sich mit Indizien begnügen. Bei Futterwahlversuchen am früheren Wiener Ludwig Boltzmann Institut für biologischen Landbau und angewandte Ökologie bevorzugten Ratten Biokarotten und Bioäpfel. Warum, blieb unklar. In einem anderen Test mussten 22 Nonnen vier Wochen lang Biokost essen und danach vier Wochen Lebensmittel aus herkömmlicher Produktion. Die Ordensschwestern erklärten, sie hätten sich in den Biowochen besser gefühlt und weniger Kopfschmerzen gehabt. Ihre Blutwerte wiesen auf ein gestärktes Immunsystem hin. Wissenschafter halten die Klos­terstudie jedoch für unbrauchbar. Denn die Nonnen wussten, wann sie welche Kost aßen. Später stellte sich zudem heraus, dass die Klosterfrauen für die Studie vom zuvor üblichen Tiefkühlgemüse auf frische Kost umgestiegen waren. Die Bioverbände behaupten gern, dass ihre pflanzlichen Lebensmittel weniger mit Nitrat belastet seien als konventionelle Produkte. Die deutsche Stiftung Warentest konnte allerdings keine Unterschiede feststellen. In zwei getesteten Biokarottensäften fanden die Labors sogar mehr Nitrat als in den herkömmlichen Produkten. Offenbar sind für die Qualität der Produkte andere Kriterien bedeutender als die Frage nach dem Anbausystem. Welche Beschaffenheit hatte der Boden, in dem eine Karotte wuchs? Wie viel Regen bekam eine Kartoffel ab? Wuchsen die Trauben im Schatten? Wie früh wurde der Apfel geerntet? Boden und Witterung bewirken viel mehr Differenzen im Geschmack und bei den Inhaltsstoffen als Bio oder Nicht-Bio. Dazu kommen die großen Unterschiede zwischen den Sorten. Ein Braeburn-Apfel enthält in der Regel mehr Vitamin C als ein Golden Delicious. Das Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) wollte der Sache auf den Grund gehen. Mitarbeiter des Instituts pflanzten auf demselben Feld 576 Apfelbäume verschiedener Sorten, düngten die eine Gruppe mit Chemie, die andere mit Kuhmist, und sie verglichen über ein Jahrzehnt lang das Ergebnis. Gemessen wurden unter anderem Säure, Zucker und Größe der Früchte, Magnesium und Kalzium in den Blättern und Stickstoff im Boden. Das Ergebnis war ernüchternd. Einziger Unterschied: Die Bioäpfel waren im Durchschnitt fester und kleiner. Alle anderen Eigenschaften schwankten von Jahr zu Jahr und kreuz und quer zwischen konventionell und bio. Die Unterschiede zwischen den Sorten waren erheblich, egal, ob sie zur Bio­gruppe gehörten oder nicht. Selbst beim Geschmacksvergleich konnten die Tester die Bioäpfel nicht herausschmecken.

Tops und Flops. Auch die Stiftung Warentest fand in einer Vergleichsstudie, die in der Zeitschrift „Test“ publiziert wurde, keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen Bio- und Nicht-Biolebensmitteln. „Tops und Flops auf beiden Seiten“, lautete das Ergebnis. 41 Prozent der Bioware erhielten bei den im Zeitraum 2002 bis 2007 durchgeführten Untersuchungen die Bewertung „gut“, vier Prozent „sehr gut“. Von der Nicht-Bioware bekamen 46 Prozent die Note „gut“, ein Prozent „sehr gut“. Auch bei den schlechteren Noten gab es keine größeren Unterschiede zwischen beiden Lagern. Das gleiche Bild – „kein Unterschied“ – bot auch eine im Jahr 2003 von der ehemaligen deutschen Verbraucherministerin Renate Künast in Auftrag gegebene Studie des Senats der Bundesforschungsanstalten. „Die bisher vorliegenden Erkenntnisse erlauben aus wissenschaftlicher Sicht nicht den Schluss, dass der ausschließliche oder überwiegende Verzehr von ökologisch erzeugten Lebensmitteln die Gesundheit des Menschen direkt fördern würde“, hieß es dort.

Im Jahr 2006 präsentierten britische Bioverbände eine Vergleichsuntersuchung, aus der hervorging, dass Biomilch um 40 Prozent mehr Omega-3-Fettsäuren enthält als konventionell erzeugte Milch. Unter Berufung auf das Studienergebnis forderten sie, ihre Milch als „gesünder“ vermarkten zu dürfen. Doch die zuständige Behörde, die Food Standards Agency, kam dahinter, dass der Unterschied nichts mit bio oder konventionell zu tun hatte. Die Studienautoren hatten die Milch von Weidekühen mit solcher von Tieren aus Stallhaltung verglichen, die mit Futtergetreide und Heu ernährt wurden. Aber auch manche Nicht-Biolandwirte lassen ihre Kühe hinaus ins Grüne, was zu denselben Werten in der Milch führt. Ähnlich wie bei der Milch sind auch Qualitätsunterschiede bei Schweinefleisch auf die Haltungsbedingungen zurückzuführen. Das deutsche Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) stellte fest, dass Schweine, die in einer artgerechten Umgebung aufwachsen und genügend Auslauf haben, weniger Wasser im Muskelgewebe ansetzen – unabhängig von Bio- oder konventioneller Fütterung. Artgerechte Haltung ist allerdings in der biologischen Landwirtschaft eher verbreitet als in der konventionellen. Mehr Cholesterin. Nachdem die Milch-Debatte in den britischen Medien abgeklungen war, tauchte dort eine neue Omega-3-Fettsäuren-Geschichte auf, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Wissenschafter der Strathclyde University hatten verschiedene Proben Hühnerfleisch untersucht. Und siehe da: Die Muskulatur des Biogeflügels enthielt weniger der wertvollen Fettsäuren, dafür mehr Cholesterin. Bei einer Blindverkostung erklärten die Testpersonen, dass die Biohühnchen schlechter schmeckten. Die Wissenschafter führten die Unterschiede auf Vitaminzusätze im Futter zurück, die auf Biohühnerfarmen verboten sind.

Aber sind Biolebensmittel nicht sicherer, weil weniger mit Gift- und Schadstoffen belastet als Produkte aus konventioneller Landwirtschaft? Wissenschafter der Universität Athen sagen Nein. Die Forscher hatten alle wissenschaftlichen Arbeiten ausgewertet, die sie zum Thema „Lebensmittelsicherheit und Biokost“ finden konnten. In der im Jahr 2006 veröffentlichten Bilanz heißt es: „Es gibt derzeit keinen Beweis, der die These bestätigen oder widerlegen würde, dass Biolebensmittel sicherer oder gesünder sind als konventionell erzeugte.“ Und: „Was aber deutlich gemacht werden sollte, ist, dass Bio nicht automatisch ,sicher‘ bedeutet.“
Bleibt also von den vermuteten Vorteilen der Bioprodukte doch nur ein „Gefühl“ übrig? Nicht unbedingt. Schließlich ist bewiesen, dass auf Biokost normalerweise deutlich weniger Rückstände von synthetischen Pestiziden zu finden sind. Was aber die meisten Verbraucher nicht wissen, ist, dass nach Ansicht führender Toxikologen die minimalen Pestizidmengen, die Endverbraucher aufnehmen, ungefährlich sind. Denn die gesetzlichen Grenzwerte liegen in der Regel 100- bis 100.000-mal tiefer als der Wert, bei dem nach den jeweils vorliegenden Erkenntnissen eine Gesundheitsgefährdung beginnt. „In einer einzigen Tasse Kaffee sind mehr Stoffe, die im Tierversuch Krebs auslösten, als potenziell krebserregende Pestizidrückstände in dem Essen, das ein Durchschnittsamerikaner in einem Jahr verzehrt“, schrieb der an der Universität Berkeley forschende Bruce N. Ames, einer der weltweit führenden Forscher auf den Gebieten der Biochemie und Molekularbiologie, nach dem auch der Ames-Krebstest benannt ist. 99,99 Prozent aller Pestizide, die wir aufnehmen, sind natürlichen Ursprungs. Allein die Kohlpflanze produziert zur Abwehr von Fraßfeinden 49 giftige Pestizide. „Eine Portion biologisch angebauter Brokkoli enthält die 15.000-fache Referenzdosis des in der Öffentlichkeit gern als Krebsgift Nummer eins angesehenen Tetrachlordibenzodioxins (kurz auch TCDD oder Dioxin)“, schrieb der Hannoveraner Statistikprofessor Walter Krämer.

Zellgift. Dass Biobauern keine synthetischen Pflanzenschutzmittel verwenden, bedeutet nicht, dass sie kein Gift benutzen. Ökobauern dürfen schädliche Insekten, Unkraut und Pilze mit einer ganzen Palette von Stoffen bekämpfen, darunter Kupfer, Schwefel oder das aus Bitterholz gewonnene Zellgift Quassin. Zur Unkrautvertilgung benutzen sie mechanische ­Methoden, die für das Bodenleben nicht per se besser sein müssen als chemische ­Methoden. Aufgrund seiner Maximen zur schonenderen Pflanzenproduktion benötigt der Biolandbau für den gleichen Ertrag um etwa ein Drittel mehr Fläche als die konventionelle Landwirtschaft mit ihrem Streben nach Ertragsmaximierung. „Mit der Agrartechnik, die 1950 üblich war und die so ziemlich dem Biolandbau von heute entspricht, bräuchten wir 1,1 Milliarden Hektar Ackerfläche mehr, um die 2,2 Milliarden Tonnen Getreide zu erzeugen, die 70 Prozent der Welternährung sicherstellen. Mithilfe von Wissenschaft und Technik haben wir den Ertrag pro Hektar in 50 Jahren verdreifacht“, sagt der US-amerikanische Agrarwissenschafter Norman Borlaug, der für seinen Beitrag zur grünen Revolution 1970 den Friedensnobelpreis erhielt. „Wahrscheinlich hat kein Mensch mehr Leben gerettet als Borlaug und seine Mitstreiter“, mutmaßen Dirk Maxeiner und Michael Miersch in ihrem Buch.

Von Robert Buchacher