Biotechnologie: Die zweite Generation

Mit teils bahnbrechenden Patenten hat Österreichs Biotech-Branche bereits Pioniertaten vollbracht. Inzwischen hat sich eine neue Generation von Unternehmen etabliert, die aufgrund von ermutigenden Erfolgen auch für Investoren attraktiv ist.

Ein Arbeitswochenende inmitten der grünen Hügel der Südsteiermark diente dem Virologen Thomas Muster und dem kaufmännischen Geschäftsführer Michael Tscheppe vor zwei Jahren als Inspiration für den Namen ihres damals in Gründung befindlichen Unternehmens: Green Hills Biotechnology. Die beiden Geschäftsführer und ihre zehn Mitarbeiter entwickeln in Labors im Wiener Allgemeinen Krankenhaus und an der Veterinärmedizinischen Universität Wien neue Medikamente gegen Erkältungskrankheiten und Krebs. Gleichzeitig basteln sie in ihrem Start-up-Büro im neunten Wiener Gemeindebezirk an Strategien zur Markt-einführung.

Im Frühjahr hatten Forscher an der Frankfurter Goethe-Universität entdeckt, dass der Wirkstoff Glycyrrhizin, der aus der Süßholzwurzel gewonnen wird, gegen die Lungenkrankheit SARS wirksam ist. Green Hills Biotechnology finanzierte den Frankfurtern die Patentierung und erhielt im Gegenzug eine Lizenz, um aus dem Wirkstoff ein einsetzbares Medikament zu entwickeln.

Die größten Hoffnungen setzt das Green-Hills-Team derzeit auf die Entwicklung eines Medikaments namens Elivir, das so genannte respiratorische Viren bekämpfen soll, die von Schnupfen bis zur Influenza weltweit jährlich etwa eine Milliarde Erkrankungsfälle auslösen. Das Bemerkenswerte an Elivir: Es ist für antivirale Rundumschläge geeignet – erstmals können 95 Prozent der respiratorischen Viren wie Rhino- oder Influenzaviren mit einem einzigen Mittel bekämpft werden. „Das Medikament hat das Potenzial zum echten Blockbuster“, ist Tscheppe überzeugt. „Zehn Prozent der Erkrankten gehen zum Arzt, davon erhalten 70 Prozent ein Rezept für Grippemittel. Bei einem geplanten Marktanteil von zehn Prozent“, rechnet Tscheppe vor, „wären das zehn Milliarden Euro Umsatz jährlich.“ In fünf bis sechs Jahren, so der Plan der Biotech-Unternehmer, sollten sich die Menschen über grippale Infekte und Erkältungskrankheiten keine Gedanken mehr machen müssen.

Auch in der Krebsforschung hat das Team um Muster eine möglicherweise bahnbrechende Entdeckung gemacht. Das Mittel trägt den Namen Oncoflu und soll Krebszellen zerstören können. Gentechnisch veränderte Influenzaviren sollen dabei in die Krebszelle eindringen, sich dort vermehren und die Zellen schließlich zum Platzen bringen. Oncoflu soll nun in klinischen Versuchen gegen Melanome, später auch gegen Lungen- und Dickdarmkrebs getestet werden. Zurzeit finanziert Green Hills seine Aktivitäten mit rund 1,7 Millionen Euro an Fördergeldern von staatlichen Stellen, Risikokapitalgeber werden noch gesucht.

„Die Biotechnologie hat sich in Österreich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt“, konstatiert Sonja Hammerschmid, Expertin für Biotechnologie der Wiener Innovationsagentur. „Den bereits am Markt etablierten Unternehmen folgt nun die zweite Generation an Biotech-Firmen.“ Waren es einst Branchenpioniere wie Intercell, die den Boden für Bio- und Gentechnologie in Österreich bereiteten und sowohl beachtliche medizinische Durchbrüche schafften als auch ansehnliches Kapital akquirieren konnten, ist inzwischen eine weitere Gruppe viel versprechender Unternehmen nachgerückt.

Ein Beispiel dafür ist die Bender MedSystems GmbH. Das mit acht Mitarbeitern gegründete Unternehmen entwickelt Tests zur Analyse des menschlichen Immunsystems und der körpereigenen Abwehrstoffe. „Wir produzieren rund 600 verschiedene biomedizinische Artikel für die klinische und industrielle Forschung sowie für die biomedizinische und pharmazeutische Industrie“, erläutert Irene Rech-Weichselbraun, die bei MedSystems für Produktentwicklung zuständig ist. Der Absatzmarkt ist in kurzer Zeit weit über Österreich hinaus gewachsen. Nach Europa sind die USA, die inzwischen mit einer eigenen Niederlassung bearbeitet werden, mittlerweile der wichtigste Abnehmer.

Im ersten Halbjahr 2003 konnte der mittlerweile auf 32 Mitarbeiter vergrößerte Betrieb eine Umsatzsteigerung von 30 Prozent verbuchen. Die Entwicklung ständig neuer Produkte sowie die Etablierung weiterer Niederlassungen sollen den bisherigen Erfolg auch in der Zukunft gewährleisten. Rech-Weichselbraun: „Für die nähere Zukunft erwarten wir eine Wachstumsrate von jährlich 50 Prozent.“

Spezialdiagnostik. Auch die Amynon Biotech GmbH will sich im Biotech-Geschäft erfolgreich positionieren. Das Innsbrucker Unternehmen entwickelt verschiedene Diagnostika und will nächstes Jahr mit einem Produkt namens PapTec auf den Markt kommen. Der neue Test zur Diagnostik von Gebärmutterhalskrebs kann den Verursacher des Krebses, einen Bestandteil des Humanen Papillomavirus, eindeutig nachweisen und auch das Stadium einer möglichen Erkrankung zweifelsfrei feststellen. Laut WHO infizieren sich jährlich rund 300 Millionen Männer und Frauen mit dem Virus, bei rund 1,4 Millionen Frauen entwickelt sich aus einer unbehandelten Infektion im Laufe ihres Lebens Gebärmutterhalskrebs.

„Bisherige Tests haben eine Fehlerquote von bis zu 30 Prozent“, berichtet Tilman Spaethe, der kaufmännische Leiter des Unternehmens. Mit PapTec hingegen liege „das Ergebnis schnell und eindeutig vor. Unnötige Operationen oder aufwändige Krebstherapien, wenn die Krankheit erst sehr spät entdeckt wird, sind damit auf ein Restrisiko beschränkt.“ Somit könne nicht nur menschliches Leid vermindert, sondern auch erhebliche Einsparungen an Folgekosten erzielt werden. Die zwölf Mitarbeiter des 2001 gegründeten Unternehmens haben ihre Forschung mit rund 500.000 Euro Fördergeld bestritten, unter anderem von der Innovationsagentur und der Zukunftsstiftung Tirol. Spaethe: „Wir entwickeln die Produkte bis zur Prototypenreife, dann suchen wir uns Partner aus der Pharmaindustrie. Für PapTec stehen wir bereits in Verhandlungen.“ In zwei Jahren will das Unternehmen gewinnbringend arbeiten.

Muskeltraining. Uni oder Unabhängigkeit?, war im Jahr 2000 die Frage, die sich der Urologe Hannes Strasser, der Pharmakologe Steffen Hering und der Biologe Rainer Marksteiner stellten. Gemeinsam entwickelten sie eine weltweit einzigartige Therapie gegen Harninkontinenz, bei welcher der defekte Schließmuskel mithilfe körpereigener Stammzellen wieder regeneriert wird. Aus dem Oberarm des Patienten wird ein winziges Muskelstück entnommen, aus dem im Labor Stammzellen gezüchtet werden. Diese werden dann mit einer speziellen Injektionsvorrichtung in den geschwächten Muskel implantiert.

Nachdem an der Universität Innsbruck die Forschungsmöglichkeiten beschränkt wurden und die nötige Infrastruktur, etwa Labors, nur begrenzt vorhanden war, entschieden sich die Wissenschaftler zur Gründung des eigenen Unternehmens Innova Cell Biotechnology GmbH. Kurzerhand schrieben sie einen Businessplan, der auch prompt von drei Risikokapitalinvestoren finanziert wurde. Zusätzlich unterstützen der Forschungsförderungsfonds für die gewerbliche Wirtschaft (FFF) und der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) das mittlerweile auf elf Mitarbeiter angewachsene Unternehmen.

Als Hürde erweisen sich vorläufig allerdings noch die beträchtlichen Behandlungskosten, die je Patient voraussichtlich etwa 10.000 Euro betragen werden. Marksteiner: „Das Projekt wurde und wird so toll gefördert, dass es sehr schade ist, dass es dann wegen des Preises nicht allen Betroffenen zugänglich ist. Die Krankenkassen übernehmen hoffentlich irgendwann einen Teil der Kosten.“ Die Therapie, welche die Lebensqualität der Patienten erheblich zu verbessern verspricht, soll bereits ab kommendem Jahr an der Universitätsklinik angeboten werden.

Neue HIV-Waffe. Holger Bock und Thomas Lindhorst lernten einander während ihrer Promotion im Fach Chemie an der Universität München kennen und gründeten bald danach ein gemeinsames Unternehmen. Als Namensgeber der ugichem Gesellschaft für organische Chemie mbH fungierte der Münchner Chemieprofessor Ivar Ugi, bei dem Bock und Lindhorst studiert hatten. Die Suche nach einem Investor war langwierig, aber letztlich von Erfolg gekrönt.
ugichem hat sich auf eine völlig neue Technologie zur chemischen Synthese von so genannten Antisense-Wirkstoffen spezialisiert. Diese Wirkstoffe verhindern bereits die Entstehung von pathogenen Proteinen und könnten, so das Forschungsziel, früher als klassische Medikamente in den Krankheitsprozess von HIV und anderen Infektionskrankheiten eingreifen. „Wir versprechen uns damit im besten Fall eine Heilung, zumindest aber eine Kontrolle über die Ausbreitung der Infektion im Körper“, erklärt Holger Bock.

Die Antisense-Therapie sei in ihrer Wirkung mit der bekannten Kombinationstherapie vergleichbar, besitze jedoch geringere Nebenwirkungen. Bock: „Die Virusmutationen sind durch diese Therapie einfacher in den Griff zu bekommen.“ Im Juli 2003 übersiedelten die Wissenschaftler mit ihrem Unternehmen von München nach Innsbruck, unter anderem aufgrund einer in Aussicht gestellten Unterstützung und Betreuung durch das Innsbrucker Gründerzentrum CAST. 1,5 Millionen Euro stehen ugichem derzeit dadurch zur Verfügung. In sieben bis acht Jahren wollen die Forscher ihr Medikament auf den Markt bringen.

Die Bekämpfung von mittleren und starken Schmerzen bei Unfallverletzungen oder während der Krebstherapie beschäftigt derzeit die Arbeitsgruppe um Professor Helmut Schmidhammer, der auch als wissenschaftlicher Leiter des in Gründung befindlichen Innsbrucker Unternehmens AlcaSynn fungieren wird. Klassische Schmerzmittel, die auf Opium-Morphinen basieren, können gravierende Nebenwirkungen wie Halluzinationen oder Atemdepression (Aussetzen der Atmung) hervorrufen und bergen außerdem die Gefahr einer Abhängigkeit. „Wir wollen ein Medikament entwickeln, das sofort wirkt und keine Nebenwirkungen hat“, so Peter Kayatz, designierter kaufmännischer Direktor von AlcaSynn. „Opium-Morphine müssen die Blut-Hirn-Schranke überwinden, um wirken zu können. Wir dagegen wollen ein Morphinderivat dahin gehend verändern, dass es an die Opiat-Rezeptoren außerhalb des Gehirns andocken kann und somit keine Nebenwirkungen verursacht.“ Möglich werden soll dies durch die Veränderung des verwendeten Derivats von fett- in wasserlöslich. So kann es die Blut-Hirn-Schranke nicht mehr überwinden und soll den Patienten trotzdem zuverlässig den Schmerz nehmen.

Das Medikament mit der vorläufigen Bezeichnung HS-731 soll bereits Ende 2004 erstmals am Menschen getestet werden. Die Programme CAST und LISA (Life Science Austria) unterstützen die Forscher in der Vorphase der Unternehmensgründung nicht nur durch Kontakte und Know-how, sondern auch mit einer Anschubfinanzierung für das erste Jahr.

Infarkttherapie. Auf die Entwicklung eines Medikaments, das die Folgen von Herzinfarkten lindern soll, konzentriert sich die Wiener Fibrex Medical GmbH. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Infarktpatienten eine lange Rekonvaleszenzzeit haben, auch deswegen, weil geschädigte Teile des Herzens aufgrund von Entzündungen nur noch vermindert funktionsfähig sind.
Das vor zwei Jahren nach einer Idee des Dermatologen Peter Petzelbauer gegründete Biotech-Unternehmen forscht derzeit an einem neuen Medikament, das solche gewebeschädigenden Entzündungen nach Herzinfarkten verhindern soll. „Durch den Infarkt, den Verschluss einer Vene durch ein Blutgerinnsel, fällt die Sauerstoffversorgung aus, das betroffene Gewebe nimmt Schaden“, erläutert Bernhard Fischer, der die wissenschaftliche Arbeit bei Fibrex leitet. „Wird das Gerinnsel aufgelöst, kann das Blut wieder strömen. Das geschädigte Gewebe im Herzen kann den Blutfluss aber nicht mehr bewältigen, feinste Risse entstehen und entzünden sich, der betroffene Teil des Herzens vernarbt und ist vermindert funktionsfähig.“

Mithilfe von FX-06, so die Arbeitsbezeichnung des Medikaments, soll die Entzündung jedoch vermieden werden und der Schaden nur noch ischämisch sein – mit Auflösung des Gerinnsels das Problem zum Großteil behoben. Die Lebensqualität in der Nachbehandlung soll derart erheblich gesteigert, die Kosten der Rehabilitation sollen deutlich gesenkt werden.

Der Enthusiasmus der Forscher wird nur durch die Entwicklungskosten gedämpft. Zwar schießt die Innovationsagentur 750.000 Euro zu, und auch der FFF hat eine Million Euro zur Finanzierung des Projekts zugesagt, zudem ist aber noch privates Risikokapital in etwa gleichem Ausmaß wie die staatlichen Förderungen nötig. Ab Anfang 2004 ist nach zahlreichen bereits erfolgten Studien geplant, erste Tests an Menschen durchzuführen. Bis das Produkt tatsächlich zur Anwendung kommen kann, werden allerdings noch sieben bis zehn Jahre vergehen – was aber gerade im Bereich der forschungsintensiven Biotechnologie durchaus übliche Zeitspannen sind.