Black Power: Vinyl feiert ein überraschendes Comeback

Die anhaltende Hochkonjunktur der alten Schallplatte verblüfft selbst Branchenexperten. Der Vinyl-Kult hat inzwischen auch die bildende Kunst und das Kino erreicht.

Die Attraktivität des Ausgangsmaterials hält sich in Grenzen: Polyvinylchlorid gehört, wie übrigens auch Zelluloid, zu den thermoplastischen Kunststoffen. Es findet in Fußböden, Kreditkarten, Abwasserrohren und Fensterrahmen Verwendung. Aber nicht nur dort: Auf Polyvinylchlorid lässt sich seit 1948 auch Kunst speichern; die Vinyl-Schallplatte löste damals den Schellack-Tonträger ab und machte die Lackschildlaus, aus deren Exkrementen man den harzigen Baumlack gewinnt, langfristig arbeitslos.

Mit der flächendeckenden Übernahme der Compact Disc in den 1980er-Jahren wähnte man die Vinyl-Platte am Ende. Die digitale Silberscheibe war kleiner, technoider, leichter kopierbar. Wer brauchte da noch die klobigen, stets knisternden Schallplatten? 30 Jahre später hat sich die Situation erneut gedreht: nicht mit der Einführung eines neuen Tonträgersystems, sondern mit dem beherzten Rückgriff auf das Medium von einst. Die 1990er- und weite Teile der Nuller-Jahre hatte Vinyl in der Nische der DJs und Dance-Culture überlebt, aber seit einigen Jahren zeichnet sich eine neue Popularität dieses Materials ab, mit der noch 2005 kein Branchenexperte gerechnet hätte. Jede halbwegs renommierte Band bringt ihre Produkte heute ganz selbstverständlich auch auf Vinyl heraus; alle großen Labels und viele der kleineren veröffentlichen inzwischen wieder Schallplatten; Plattenpresswerke schießen weltweit aus dem Boden, werden überbucht, ohne je für sich Werbung gemacht zu haben.
Unlängst befasste sich auch die „New York Times“ mit dem Phänomen – und nannte ein paar Zahlen zum aktuellen Vinyl-Hype: In Nordamerika schrumpfte der CD-Absatz im ersten Halbjahr 2013 um 14,2 Prozent, während die Vinyl-Verkäufe im selben Zeitraum um sagenhafte 33,5 Prozent wuchsen. 2012 gingen in den USA fast fünf Millionen Schallplatten über die Ladentische – und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn die gigantische Independentszene ist, wie auch der boomende Gebrauchtplattenmarkt, da noch nicht erfasst. Mit luxuriösen Wiederveröffentlichungen klassischer Alben der Popgeschichte wird derzeit einiges an Umsatz lukriert: Von den Rolling Stones bis zu Bob Dylan reicht die Reissue-Palette, und selbstredend wurde auch das komplette Werk der Beatles 2012 analog neu aufgelegt.

Zeichen einer kulturellen Revolte
180 Gramm gilt vinylophilen Zeitgenossen als Zauberzahl: Dieses Gewicht besitzt jede stabil produzierte schwarze Scheibe. Weniger sperrig wird sie so nicht. Die rund 15.000 Songs, die ein 64-Gigabyte-iPod fassen kann, würden als Vinyl-Konvolut grob geschätzt 345 Kilo auf die Waage bringen. Aber die alte Schallplatte ist nicht nur raumgreifend, sondern eben auch: ein Objekt. Was man von mp3-Files bekanntlich nicht behaupten kann. So ziehen viele Endverbraucher den schäbigen Jewel-Cases und Mini-Booklets der gemeinen CD inzwischen die Anmut einer bildgewaltig verpackten 12-Zoll-Schallplatte vor. Man könnte die aktuelle Vinyl-Renaissance auch als erste Zeichen einer kulturellen Revolte lesen: als Antithese zur digitalen Ökonomie, als Gegenbewegung zur Immaterialität von Musik.

Bildende Künstler ahnen Material- und Kulturverschiebungen oft früher als Konsumenten und Theoretiker: Insofern mag es von Bedeutung sein, wenn sich bei der seit Juni laufenden Kunst-Biennale in Venedig gleich mehrere Beiträge mit Vinyl auseinandersetzten: Der Videokünstler Anri Sala bespielte den französischen Pavillon mit der Dekonstruktion eines Musikstücks von Maurice Ravel, dessen Komposition in zwei verschiedenen Versionen in die Beschichtung zweier Schallplatten geritzt war, die anschließend per DJ-Zugriff versuchsweise synchronisiert wurden. Die Biennale-Arbeit des Konzeptkünstlers Jeremy Deller betonte eher den skulpturalen Charakter des Vinyl – so konsequent übrigens, dass am Eingang des britischen Pavillons eine von Deller veröffentlichte limitierte LP-Edition der für seine Installation eingespielten Musik zu erwerben war.
Auch Amerikas Kino-Hipster befassen sich dieser Tage offenbar bevorzugt mit dem Thema. Zwei der besten Filme des Cannes-Jahrgangs 2013 bezogen sich auf den Retro-Glamour des Vinyl: Die Coen-Brothers blickten in „Inside Llewyn Davis“ auf die Musikszene der frühen Sixties zurück (und veröffentlichten ihren Soundtrack stilecht als liebevoll abgeschabte 10-Zoll-Scheibe). Regisseur Jim Jarmusch wurde noch deutlicher und leitete sogar die Form seines neuen Films aus den besonderen Eigenschaften der Schallplatten ab; er entwickelte die Inszenierung seiner Musiker-Vampirgeschichte „Only Lovers Left Alive“ aus der hypnotischen Bewegung der auf den Plattentellern kreisenden Vinylscheiben.

Das qualvolle Verenden der Compact Disc ist auch daran abzulesen, dass die Musik-Megastores, die noch vor wenigen Jahren aus den Zentren aller westlichen Großstädte nicht wegzudenken waren, weitgehend verschwunden sind. Die digitalen Silberscheiben werden heute allenfalls noch online oder über die Nebenregale von Elektrowarenherstellern verkauft, meist zu Dumpingpreisen. Dem gegenüber stehen florierende Vinyl-Fachgeschäfte, die über eine Kundschaft verfügen, die sich keineswegs nur aus „Back to Black“-Nostalgikern zwischen 40 und 60 rekrutiert, sondern immer häufiger auch von sehr jungen Musik-Aficionados ergänzt wird. Die französischen Mode-Synthetiker Daft Punk beispielsweise verkauften allein in der ersten Woche in den USA von ihrem jüngsten Album „Random Access Memories“ 19.000 Doppelalben – bei einem Preis von fast 40 Dollar. Und Daft Punk ist keine Band, die für ihre überalterte Anhängerschaft bekannt wäre.

Der Künstler Christian Marclay benutzte bereits in den 1980er-Jahren Vinyl als Stoff für seine Performances: „Mich interessiert, wie Sound visualisiert wird, wie er seine Spuren in der Welt hinterlässt“, sagte Marclay vor ein paar Wochen im profil-Gespräch: „Meine Einflüsse waren Musique Concrète und John Cage. Ich ging oft in billige Junk- und Secondhand-Plattenläden, benutzte die Fundstücke einfach. Die Idee der Sabotage hat mich fasziniert, weil ich aus einer Schweizer Familie komme, in der die wenigen Platten im Haus als sehr wertvoll galten.“ Inzwischen hat Marclay das Interesse an der Schallplatte allerdings verloren: „Der Dj wurde zum kulturellen Helden, zum neuen Gitarristen. Meine Art, mit den Platten physisch umzugehen, hatte in den Zeiten vor CD und MP3 noch einen anderen Effekt. Heute ergibt es keinen Sinn mehr, Platten zu brechen.“
Auch der Austro-Brite Peter Rehberg, der als Musiker und Labelchef professionell Vinyl produziert (siehe auch Interview hier) , neigt bei aller Liebe zum Material zu pessimistischen Tönen: Es könne gut sein, so Rehberg, dass Vinyl „trotz des derzeitigen Wachstums in fünf Jahren tot ist, weil die Produktion nicht mehr funktionieren wird“. Schuld daran seien „auch die Major-Labels, die ihre eigenen Presswerke schon vor 20 Jahren verkauft haben oder verkommen ließen.“

Aura des Einzelstücks
Andere sind hierzulande besserer Hoffnung: In Wien trotzen sowohl Vintage-Höhlen wie der sympathisch-chaotisch organisierte Traditionsbetrieb der Familie Teuchtler oder Moses Records als auch auf Aktualitäten konzentrierte Vinylfachgeschäfte wie Rave Up oder Substance der manifesten Musik- und Tonträgerkrise. Und auch im Netz hat sich eine weit verzweigte Vinyl-Subkultur gebildet: Onlineforen wie Discogs, wo derzeit 2,2 Millionen Vinyl-Produkte zu erwerben sind, sind zu gigantischen Umschlagplätzen geworden, während sich Websites wie slyvinyl.com auf limitierte Editionen spezialisiert haben. Denn der Objektcharakter der Schallplatte hat dafür gesorgt, dass ihr paradoxerweise auch so etwas wie die Aura des Originals, des Einzelstücks zugeschrieben wird: Für bestimmte Erstpressungen etwa der Sex Pistols oder der Residents bezahlen Sammler Unsummen, als könnten sie als Besitzer eines Exemplars aus der allerersten Lieferung den Künstlern gleichsam physisch näher sein als mit einem Re-Release derselben Komposition. Dieser „körperliche“ Aspekt geht auf den Umstand zurück, dass eine Schallplatte tatsächlich einen physischen Abdruck bietet, eine direkte Übersetzung von Stimmen und Instrumentalarbeit in die Rillen der Platte. Dieser Abdruck ist mit dem Pinselstrich eines Ölgemäldes nicht vergleichbar, aber er ist doch näher an der physischen Performance, aus der Musik entsteht, als die digitale Transformation derselben Leistung in Nullen und Einsen.

Ihren Essay „Musik = Müll“, erschienen 2012 im Innsbrucker Limbus Verlag, verstehen Hans Platzgumer und Didi Neidhart als Breitseite gegen die Musikindustrie, als Akt gegen die „digitale Prostitution“ musikalischer Angebote. Der provokante Titel ihres Buchs bezieht sich auf den Werteverfall des Pop im Zeitalter der kostenlosen oder spottbilligen Downloads, in der Ära von Spotify, MyJuke und iTunes. Überall und jederzeit Verfügbares ist eben in der Regel auch nichts wert. Der seit den 1980er-Jahren umtriebige Musiker Platzgumer weiß, wovon er schreibt: Bereits 1987 rief er auf seinem Debütalbum kämpferisch den „Tod der CD!“ aus. An seiner Haltung hat sich seither nichts geändert. Erst mit dem digitalen Musikspeicher, schreibt er in seinem Buch, „konnte der musikalische Datenmüll explodieren“.

Die oft attestierte Wärme der analogen Musikaufzeichnung ist übrigens nur ein Argument für den Umstieg vieler Konsumenten. Die bei sachgerechter Handhabung zu erzielende Langlebigkeit des analogen Tonträgers ist nachzuweisen. Wer heute eine gut erhaltene Pressung aus den 1950er-Jahren erwirbt, darf mit nahezu perfekter Reproduktion einer sechs Jahrzehnte alten Aufnahme rechnen. Die Wahrscheinlichkeit dagegen, dass eine CD mehr als 20 Jahre nach ihrer Herstellung noch fehlerfrei abspielbar sein wird, ist gering. Und Vinyl kann sogar als Kapitalsicherung gesehen werden. Selbst Produktionen, die den Markt in großen Stückzahlen erreichen, verlieren – gute Materialbehandlung vorausgesetzt – über die Jahre kaum an Wert. Und die inzwischen gängige Praxis, die mit dem Vinylankauf erworbene Musik per Download-Code oder beigelegter CD ohnehin auch digital zugänglich zu machen, lässt viele Käufer die paar Euro mehr, die für die analoge Scheibe zu bezahlen sind, mit Freude hinblättern.
Die fruchtbare Kooperation von Pop und bildender Kunst ist kein Novum: Andy Warhol nannte schon 1965 einen seiner frühen Undergroundfilme schlicht „Vinyl“, obwohl dieser nicht eigentlich von Schallplatten handelte – immerhin konnte man die Kinks in der Tonspur hören. Es gibt jedoch auch neue Ideen zur Kernfusion von Kunst und Platte: Die Londoner „Vinyl Factory“ etwa erklärt Vinyl zur Luxusware und gibt Plattenboxen aus fluoreszierendem Acryl, handbemalte und -signierte, jedenfalls streng limitierte Alben heraus, die nicht selten für mehrere hundert Pfund pro Exemplar die Besitzer wechseln. Die Betreiber der „Vinyl Factory“ arbeiten mit musikaffinen Künstlern wie Dinos Chapman, Maurizio Cattelan, David Lynch und Jeremy Deller ebenso wie mit kunstsinnigen Musikern wie Massive Attack, Michael Nyman, Grace Jones oder den Pet Shop Boys, deren jüngstes Album auf fünf Scheiben verteilt in einer neonbunten Minimal-Art-Schachtel unlängst für mutige 580 Euro angeboten wurde – alle 350 Stück waren binnen Tagen ausverkauft.

Die findige „Vinyl Factory“ zollt damit nur einem manifesten Trend Tribut: Künstlereditionen, vor allem jene aus den 1960er- und 1970er-Jahren, erzielen Höchstpreise; rare Vinyl-Aufzeichnungen von Aktionen Joseph Beuys’ oder Dieter Roths gehen bei Online-Auktionen auch zu vierstelligen Euro-Beträgen weg.

Auch literarisch lässt sich Vinyl bestens bearbeiten: Der musikbesessene Brite Nick Hornby feierte mit seinem Roman „High Fidelity“ schon 1995, zur hohen Zeit der CD, die analoge Musikaufzeichnung und die libidinöse Koppelung von Pop und Liebe. Auf dem Originalcover des Hornby-Buchs „31 Songs“ fand sich 2002 die ikonische Zeichnung einer schwarzen Schallplatte mit angesetztem Tonarm. Rainald Goetz setzte in seiner Erzählung „Rave“ 1998 der Technoszene und der Plattensammlung des DJs Sven Väth ein Denkmal, während der Autor, Musiker und DJ Thomas Meinecke in seiner demnächst im Berliner Verbrecher Verlag erscheinenden Kolumnensammlung „Analog“ physische Details wie die Einlauf- und Auslaufrillen von Techno-Platten beschwört – „großartiges, gleichsam bibliophiles Gefühl, solche Platten aus der (logisch unbedruckten) Hülle zu ziehen“.

Infobox
Vinyl-Kapital

„The Freewheelin‘ Bob Dylan“ (1963)
Nur rund 20 Kopien dieses Albums mit vier alternativen Songs existieren weltweit. Kann 5200 Dollar bringen.

Coil: „Astral Disaster“ (1999)
Die 99 Stück der Erstpressung dieses Industrial-Albums sind um rund 900 Euro pro Exemplar zu haben.

The Beatles: „Yesterday and Today“ (1966)
Versionen mit dem legendären, verbotenen „Butcher-Cover“ kosten bis zu 12.500 Dollar.

Sex Pistols: „God Save the Queen“ (1977)
Für die ultrarare LTS-Edition der zweiten Single der Punk-Flegel machen Sammler bis zu 20.000 Dollar locker.

Mitarbeit: Thomas Edlinger