Bling-Bling: Der neue Pomp

Minimalismus war gestern. Der neue Pomp, der in Architektur, Design und Mode herrscht, erhebt erfolglos Anspruch auf guten Geschmack. Aber die Kitschoffensive hat ein Ziel: Sie dient als Mittel zur Krisenverdrängung.

Von Alexander Bartl

Sollten Archäologen in ferner Zukunft die Reste des frühen 21. Jahrhunderts freischaufeln, dann werden sie beim Anblick der Funde vermutlich weder an Krisen noch an überschuldete Staaten denken. Denn das, womit die Gesellschaft derzeit ihren Lebensraum ausstaffiert, glänzt und funkelt, als hätte ein Wiedergänger des antiken Königs Midas die Requisiten unserer Zivilisation berührt und in pures Gold verwandelt – oder wenigstens in Materialien, die ebenso feudal im Sonnenlicht strahlen. Einen Mann, der die Welt im großen Stil in ein Glitzerkabinett umbaut, gibt es heute tatsächlich: Harald Glööckler, der deutsche Modedesigner und selbst ernannte „Prince of Pompöös“, beherrscht den exzentrischen Auftritt so medienwirksam, dass ihn Fernsehprogrammmacher bereitwillig hofieren, damit er seinen Bombast in Szene setzen kann.

Kein Clown
Zwar waren Paradiesvögel zu allen Zeiten gefragt, um den Rest der Menschheit von der Mühsal des Alltags abzulenken. Doch Glööckler will kein Clown sein, obwohl seine aufgedonnerte Maskerade dar­auf hindeutet. Sein Unternehmen stellt den Klunker her, den er selbst zur Schau trägt. Seit einigen Wochen verkauft er nun sogar Fertigteilhäuser namens „Petit ­Palais“, gemacht für Menschen, die ein bisschen pseudoroyales Flair in triste Neubausiedlungen zaubern wollen. Doch so bizarr Glööcklers Karriere anmutet – noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass er sein Bling-Bling-Imperium inzwischen in allerbester Gesellschaft betreibt. Neben und hinter ihm hat sich eine schlagkräftige Pomp-Brigade formiert. Dinge, die eben noch glatt und minimalistisch waren, müssen plötzlich wieder so aussehen, als hätten sie die Gestalter mit Lockenwicklern in Form gebracht.

Dass die Designbranche in beinahe jeder Saison eine neue Retrowelle lostritt, ist zwar kaum noch überraschend. Doch bislang bedienten sich die Kreativen vor allem aus dem Fundus des 20. Jahrhunderts. Mal kamen die Sechziger zum Zug, mal die Siebziger, mal bestückten Staranwälte ihre Kanzleien mit Sesseln von Mies van der Rohe, um guten Geschmack zu demonstrieren. Mit dem, womit Design, Architektur und Mode dieser Tage auftrumpfen, hat das allerdings wenig zu tun. In Wohnungen und auf den Laufstegen, in Villen, ja in ganzen Stadtvierteln huldigen vermeintliche Trendsetter dem Pomp einer Ära, in der sich die französische Schickeria noch nicht vor der linkslastigen Steuerpolitik eines François Hollande fürchtete, sondern den Sonnenkönig persönlich anhimmelte.
Wohnzeitschriften wie „Architectural Digest“ feiern Designer, die sich im Glanz von damals sonnen: „Wenn Louis XV. oder die Zarin Katharina heute nach New York kämen, würden sie sich im prachtvollen Townhouse des Interiorstars Juan Pablo Molyneux wie zu Hause fühlen.“

Klotzige Plüschkiste
Damit die Kundschaft auf Anhieb weiß, was sie für ihr Geld bekommt, hat etwa die angesagte portugiesische Möbelmarke Boca do Lobo eine Sofaserie auf den Namen „Versailles“ getauft. Das klingt nach ausschweifenden Festen, Glanz und Gloria. Bei Boca do Lobo verbirgt sich hinter dem großspurigen Etikett nur eine klotzige Plüschkiste. Wegen ihres opulenten ­Unterbaus sieht die Couch so aus, als wären die Designer ursprünglich damit beauftragt worden, einen Sarkophag zu meißeln, bevor der Kunde auf die Idee kam, dass er doch lieber eine Sitzgelegenheit hätte. Selbst auf Exklusivität bedachte Hersteller schwenken beherzt auf den Kurs ein, auf dem auch Glööckler unterwegs in die Vergangenheit ist.
Nur so lässt es sich erklären, dass der einst als Visionär gefeierte Designer Phi­lippe Starck inzwischen in Luxusresidenzen auf der ganzen Welt wieder und wieder seine ganz persönliche Version des ­Barock-Lifestyles aus der Gruft holt. In Venedig hat er die Palazzina Grassi aufgerüscht, im Herzen Berlins sind Luxusapartments im Bau, in denen selbst Fußhocker schimmern werden wie Tafelsilber. Und in Wien bescherte Starcks Designbüro Yoo dem neuen Luxushotel Sans Souci ein mit Kronleuchtern illuminiertes Schwimmbecken, in dem Gäste halb nackt der Lust am Luster frönen können. Diesen Gipfel der Dekadenz hat nicht einmal Ludwig XIV. erklommen, der den prachtvollen Spiegelsaal von Schloss Versailles immerhin in angezogenem Zustand betrat. Dennoch verrät das, womit die Chef-Ausstatter des 21. Jahrhunderts die Welt überladen, mindestens ebenso viel über Vorlieben und Gesinnung ihrer wachsenden Gefolgschaft wie über sie selbst.

Noch vor wenigen Jahren hätte man den gegenwärtig zelebrierten Bombast allenfalls auf einem orientalischen Touristenbazar vermutet. Heute schwelgen sogar neue Hotels so selbstherrlich im Glanz alter Zeiten, dass man sich wundert, warum das Personal keine Perücken trägt.
Wenngleich sich der Pomp-Boom mit ungleich mehr Getöse vollzieht, ist er doch die logische Fortsetzung einer Sehnsucht, die unter dem Begriff Cocooning ins Repertoire der Wohn­entwürfe einging. Als die Weltwirtschaft um die Jahrtausendwende ins Stottern geriet, als der Turbokapitalismus plötzlich nicht mehr sexy und verheißungsvoll, sondern brutal und ungnädig wirkte, verwandelten viele ihre Wohnungen in weich gepolsterte Schutzzonen. Spitze Winkel und scharfe Kanten, überhaupt alles, woran man sich eventuell verletzen könnte, ob am Wohnzimmertisch aus poliertem Stahl oder an der verchromten Saftpresse, wurde aus den Zimmern verbannt. Stattdessen lieferten Designer das passende Soft-Dekor für die Weltflucht. So wurde das Eigenheim zum Panic Room der Globalkrise.

Nun läuft es abermals ökonomisch unrund, in der Europäischen Union ebenso wie in den USA. Die Furcht vor Entbehrungen geht um, und wieder zeichnet sich ein kollektiver Fluchtreflex ab. Nur ist das Zielgebiet diesmal nicht die Cocooning-Gummizelle, sondern der Thronsaal in den eigenen vier Wänden. Politisch sind Phi­lippe Starck und Boca do Lobo insofern, als sie die Insignien liefern, mit denen sich die Kunden als Feierabendregenten in Szene setzen können.

Red Zone statt roter Teppich
Praktischerweise produziert die Modebranche die passende Garderobe zum Prunkpalästchen: Das Label Alexander McQueen hat unlängst eine Handtasche auf den Markt gebracht, deren opulenter Griff wie der Schlagring eines Operettenmonarchen wirkt. Der wehrhafte Chic ist kein Einzelfall in Zeiten des Retorten-Pomps: Auch die massiven, mit Fersenstacheln aufgerüsteten Kreationen des unter Hollywoodstars beliebten Schuhdesigners Giuseppe Zanotti haben Nahkampfpotenzial. Mit solchen Stilettos wappnet man sich nicht für die Fotografen am roten Teppich, sondern für die Red Zone von Bagdad.
War der Cocooning-Trend eine Folge allgemeiner Verunsicherung, so scheinen die Klunker-Kapriolen nun eher eine Trotzreaktion zu sein: Der vom Krisengerede zermürbte Zeitgenosse glaubt nicht mehr daran, dass die Regierenden seine Heimat in jene Insel der Seligen verwandeln können, die ihm vorschwebt. Also bastelt er sich sein Privatkönigreich im Eigenheim. Dazu passt die kämpferische Attitüde vieler Kreationen: Wer sich mit Schnörkeln schmückt, will nicht über Sinn und Unsinn des Designs diskutieren, sondern mit der Wucht der Geschichte auftrumpfen. Auch aus dieser Haltung spricht letztlich die allgemeine Unsicherheit: Nur keine Experimente, nur nichts Avantgardistisches für die Couchecke, schließlich haben sich so genannte Design-Pioniere oft genug hoffnungslos verrannt. ­Obwohl bahnbrechend Neues zumeist erst nach etlichen Fehlversuchen entsteht, sind solche ästhetischen Risiken in einer von Philippe Starck herausgeputzten Welt entschieden zu hoch. Lieber vertraut man auf bewährte Formen, auf Design jenseits aller Saisontrends. Was die Postmoderne noch mit einer gewissen Ironie in ihre Stilcollagen mischte, wird heute mit dem Pathos eines Zeremonienmeisters in die Wohnlandschaften geprügelt. Beschworen wird eine Welt, in der sich das Sein gefälligst nach dem Schein zu richten hat, und sollte das nicht gelingen, wird die Kundschaft immerhin mit der Illusion abgespeist, sie beweise Kennerschaft und guten Geschmack, wenn sie sich Sofas mit versilberten Tatzen gönnt.

Mit historisch korrektem Luxus hat das in den seltensten Fällen zu tun. Doch längst haben viele Designer die fehlende Präzision beim Nachbau feudaler Herrlichkeit in ein Kaufargument umgemünzt: Die Kreationen werden als „modern interpretierter“ Barock angepriesen, gern auch als „Klassiker von morgen“. Man möchte sich lieber nicht ausmalen, wie eine Zukunft aussieht, die solche Klassiker nötig hat. Denn in vielen Fällen sehen die Häuser, Sofas und Konsolen leider so aus, als hätte jemand das barocke Formenvokabular mit dem Kerzenständer „Big Bold“ von Moooi, der Firma des niederländischen Schnörkel-Maestros Marcel Wanders, zertrümmert und die Scherben danach mit zu viel Fantasie und zu wenig Stilgefühl neu zusammengebaut.

Vorbei die Zeit des Understatements und der in sich gekehrten Exklusivität, deren komplexe Codes nur Connaisseure entziffern konnten und wollten. Gegenwärtig sind die Skeptiker der Verfeinerung und Reduktion am Zug, Menschen, die insgeheim schon immer grollten, wenn ihnen irgendein Zweisternekoch eine schmächtige Garnele mit drei Gemüsewürfeln als kulinarisches Gesamtkunstwerk andrehte. Die neuen Freunde des Plakativen sind Pragmatiker, die alle Sinnenfreuden vom Ergebnis her denken: Ist nach dem Degustationsmenü noch Platz im Magen, taugt der Gourmettempel nichts. Sieht die fertig eingerichtete Wohnung nach wie vor halb leer aus, ist der Ausstatter unten durch.

„Mit Harald Glööckler verhält es sich ähnlich wie mit der Deluxe-Linie des Discounters Lidl. Nach den „Geiz ist geil“-Jahren will sich die Allgemeinheit wieder Gutes gönnen. Mit Luxus und Geschmack hat das nicht viel zu tun“, sagt der deutsche Wissenschafter Klaus Heine, der an der Berliner TU die historischen und gesellschaftlichen Ursachen für den Wandel des Luxusdesigns erforscht und über das Thema auch seine Doktorarbeit geschrieben hat (siehe Interview S. 86/87). Bestärkt wird die Mehr-ist-mehr-Fraktion von Planern, die auch den öffentlichen Raum entsprechend stattlich dekorieren: So hat der deutsche Architekt Jürgen Mayer Hermann eine Grenzstation in Georgien mit mehr Rubens-Kurven ausgestattet als der flämische Altmeister seine „Drei Grazien“. Und das Wiener Architekturbüro BEHF schmückte das Einkaufszentrum Neukauf in Villach mit einem geschwungenen Vordach aus spiegelndem Edelstahl, das wie ein Diadem über der Stirnseite des Gebäudes funkelt. Zugegeben, die Konstruktion ist ungleich eleganter geraten als das, womit viele Gestalter die Mietwohnungen ihrer Kunden zum Palazzo tunen. Doch einstweilen dient dieser Stil nur der Vergewisserung der Kunden: Jeder Hobby-Krösus, der daheim auf einem Silbertatzensofa thront, fühlt sich beim Nahversorger unter dem Glitzerdach gleich doppelt so gut aufgehoben.

+++ Der deutsche Luxusforscher Klaus Heine über guten Geschmack, Discounter-Pomp und russische Verhältnisse +++